Es folgen erste Gedanken zu Magnifica humanitas, der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV.
I.
Aus Perspektive des IgÖ natürlich von besonderem Interesse:
Papst Leo XIV. geht eigens auf die ganzheitliche bzw. integrale Ökologie ein und zwar explizit in ihrer Dimension, wonach Entwicklung sowohl sozial- als auch umweltverträglich erfolgen muss (Magnifica humanitas 43). Sie sei „zu einer unverzichtbaren Dimension der Soziallehre der Kirche geworden“ (Magnifica humanitas 84).
Diese Dimension erweitert er selbst durch eine weitere Facette, indem er eine Ökologie der Kommunikation einfordert (Magnifica humanitas 137f):
„Auf der Ebene öffentlicher Regelungen bedeutet dies, Vorschriften zu erlassen, die die Logik hinter der Auswahl und Verbreitung von Inhalten transparenter werden lassen und den Schutz personenbezogener Daten gewährleisten. Auf sozialer und kultureller Ebene erfordert dies hingegen die Stärkung der intermediären Körperschaften, einen seriösen Journalismus sowie Orte des Austauschs, an denen Argumentation und Überprüfung mehr zählen als die unmittelbare Reaktion. Auf der Ebene der Schule und der Familie heißt dies, dass das Bewusstsein für ein neues Bildungsverständnis reifen und dass die korrekte und kritische Nutzung digitaler Instrumente, von KI sowie von Einkaufs- und Investitionsplattformen vermittelt werden muss. Und auf der Ebene der Universität besteht die große Herausforderung in der Integration von Wissen durch Vermittlung sowohl der Fähigkeit, Kenntnisse zu verknüpfen und zu kombinieren, um komplexe Sachverhalte zu verstehen als auch von Methoden zur Überprüfung von Fakten.“
(Magnifica humanitas 137)
Dahinter steht die Überlegung:
„Wie die natürliche Umwelt kann auch das „digitale Ökosystem“ geschützt oder ausgebeutet, gemeinsam genutzt oder monopolisiert werden. Solidarität verlangt, dass Entscheidungen in Bezug auf Daten, Algorithmen, Plattformen und Künstliche Intelligenz nicht nur den unmittelbaren Vorteil einiger weniger berücksichtigen, sondern auch die Auswirkungen auf die Gesamtheit der Völker und auf künftige Generationen.“
(Magnifica humanitas 76)
II.
Daneben geht der Heilige Vater auch auf die Problematik des technokratischen Paradigmas ein (Magnifica humanitas 92 – 96, 112, 185).
Er beschreibt es als „die Tendenz, persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen allein der Logik der Effizienz, der Kontrolle und des Profits zu unterwerfen.“ (Magnifica humanitas 92). „Dieses Paradigma hat sich in den letzten Jahren rasch verbreitet, auch aufgrund der Verbreitung von Künstlicher Intelligenz, von Kognitionswissenschaften, Nanotechnologie, Robotik und Biotechnologie…wegen ihrer Leistungsfähigkeit können sie als Beschleuniger des technokratischen Paradigmas wirken und bedürfen daher einer neuen geistlichen, ethischen und politischen Einordnung. Leistungsfähiger bedeutet nicht zwangsläufig besser. In diesem Sinne bleiben die Worte von Romano Guardini aktuell: »Es zeigt sich, dass der moderne Mensch nicht zum richtigen Gebrauch der Macht erzogen wird.« (Magnifica humanitas 93) Und weiter: „Aus diesem Grund erfordert der an sich kostbare technische Fortschritt Urteilsvermögen hinsichtlich des zugrundeliegenden Menschenbildes und der anvisierten Ziele.“ (Magnifica humanitas 94) Ansonsten drohe ein „Mehr-Haben“ statt ein „Mehr-Sein“ (ebd.) In diesem Zusammenhang weist Leo XIV. darauf hin, dass die Macht im digitalen Bereich in den Händen weniger privater Konzerne konzentriere (Magnifica humanitas 95) und bringt hiergegen die Prinzipien der kirchlichen Soziallehre in Stellung (MH 96).
Die Gefahr des technokratischen Paradigmas liegt dabei darin, „eine menschenfeindliche Anschauung als richtig und normal“ erscheinen zu lassen – „eine Anschauung, nach der die Fülle des Lebens darin besteht, mehr zu besitzen, Schwächen zu reduzieren, Unvorhergesehenes auszuschließen und alles unter Kontrolle zu haben. Wenn Effizienz zum Wertmaßstab wird, ist der Mensch versucht, sich selbst als ein zu optimierendes Projekt zu betrachten und nicht als ein Geschöpf, das zu Beziehung und Gemeinschaft berufen ist.“ (Magnifica humanitas 112)
III.
Heute findet das technokratische Paradigma seine logische Konsequenz in Trans- und Posthumanismus, die „jeweils verschiedene Strömungen und Interessenlagen“ (Magnifica humanitas 116) umfassen, die man „mit einem Archipel verschiedener konzeptueller Inseln vergleichen [kann], die jedoch durch dasselbe Meer an Vorannahmen verbunden sind, nämlich die zentrale Stellung der Technik und den Traum, die Begrenztheit des menschlichen Lebens zu überwinden.“ (ebd.)
Beim Transhumanismus gehe es dabei um eine technologische „Verbesserung“ des Menschen hinsichtlich seiner „Leistung und Fähigkeiten“, beim Posthumanismus um eine technische Überwindung der Menschheit selbst. Dies sei zwar alles überwiegend spekulativ, verändert aber die kollektive Vorstellungswelt und beeinflusse so soziale, wirtschaftliche und politische Entscheidungen. (ebd.)

Die Folge dieser Entwicklung sei die Instrumentalisierung von Menschen (Magnifica humanitas 117).
IV.
Angesichts dieser anthropologischen Herausforderungen macht sich Papst Leo XIV. stark dafür, die Begrenztheit des Menschen nicht als bug, sondern als feature anzusehen, das den Menschen erst zum Menschen und das Leben lebenswert macht. (Magnifica humanitas 118 – 126)
Die wahre Bestimmung des Menschen besteht dabei darin, aus und durch Gnade – nicht durch Technik – über sich selbst erhoben und vergöttlicht zu werden (Magnifica humanitas 126 – 128):
„Was den Menschen rettet, ist nicht gesteigerte Selbstständigkeit, sondern eine Beziehung, die befreit, eine Gemeinschaft, die verwandelt.“ (Magnifica humanitas 128)
Wegweisend in diesem Zusammenhang ist auch, dass der Heilige Vater gleich im ersten Abschnitt das „Lieblingszitat“ des heiligen Johannes Pauls II. aus Gaudium et Spes aufgreift, das für letzteren so etwas wie der hermeneutische Schlüssel für das gesamte Konzilsdokument war und das er in jeder einzelnen seiner Enzykliken mindestens einmal zitierte, nämlich dass sich „»nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft« aufklärt“. (Magnifica humanitas 1)
Das trinitarische Menschenbild von Magnifica humanitas
Hierzu passt, dass er den Menschen just als Abbild nicht eines generischen monotheistischen Gottes, sondern des dreifaltigen Gottes benennt, jener „Liebe in Beziehung, die sich gegenseitig schenkt und sich der Welt mitteilt“ (Magnifica humanitas 48 – 50) weshalb auch der Mensch »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann« (Magnifica humanitas 48), ein weiteres, für Johannes Paul II. zentrales, Zitat aus Gaudium et Spes.
In diesem Sinne hält Leo XIV. fest: „Die Spiritualität, derer wir bedürfen, ist eine eucharistische Spiritualität“ (Magnifica humanitas 234).
V.
Vor diesem Hintergrund sieht Papst Leo den Menschen wie zu allen Zeiten vor eine Grundentscheidung gestellt. Diese Grundentscheidung kleidet er in zwei biblische Bilder: den Turmbau zu Babel und den Wiederaufbau der Stadtmauern von Jerusalem unter Nehemia. (Magnifica humanitas 7 – 16, 129f, 182ff)
Den Hintergrund aus Augustins „De Civitate Dei“ mit der Unterscheid von der weltlichen und der himmlischen Stadt mit ihren zwei einander entgegengesetzten Arten der Liebe, jener „bis zur Verachtung Gottes gesteigerte[n] Selbstliebe“ und jener „bis zur Verachtung ihrer selbst gehende[n] Gottesliebe“ macht er in Magnifica humanitas 130 explizit.
Daneben evoziert diese Unterscheidung aber auch das Bild, das Lewis Mumford von den bronzezeitlichen Gottkönigtümern („Babel“) gezeichnet hat und die in der modernen Megamaschine wiedererstanden sind. Im Widerstand gegen diese votiert der Heilige Vater eindeutig für die Option Nehemia.
VI.
Angelegt ist hier auch Mumfords Unterscheidung von 2 Arten von Techniken – einer autoritären und einer demokratischen, wenn der Heilige Vater schreibt:
„Abstrakt betrachtet ist sie [die Technologie] per se weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel. Konkret betrachtet aber ist sie nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen. Daher ist die erste Entscheidung nicht die zwischen einem „Ja“ oder einem „Nein“ zur Technologie, sondern die zwischen der Konstruktion von Babel oder dem Wiederaufbau Jerusalems, zwischen einer Macht, die sich anmaßt, den Himmel zu beherrschen, und einem Volk, das sich in Gottes Gegenwart vereint ans Werk macht“
(Magnifica humanitas 9)
In diesem Sinne hebt er als besonderen, bleibenden Beitrag von Benedikt XVI. zur Soziallehre der Kirche die Einsicht hervor, „dass Entwicklung, Gerechtigkeit, Institutionen und Markt keine neutralen Wirklichkeiten sind, sondern Orte, an denen die Liebe in der Wahrheit eine geschichtliche Gestalt annehmen muss.“ (Magnifica humanitas 41) Dieser habe auch schon darauf hingewiesen, dass es nicht möglich sei, „soziale Probleme allein durch die Ausweitung der Marktlogik zu lösen“ (Magnifica humanitas 40)
In diesem Zusammenhang ist es zudem bemerkenswert, dass der Heilige Vater hervorhebt, dass Johannes Paul II. keine bedingungslose Akzeptanz von Demokratie und Markt, sondern lediglich eine qualifizierte formuliert habe (Magnifica humanitas 39).
VII.
Neben der Welt der Technik wirft der Heilige Vater auch einen Blick auf die internationalen Beziehungen und nimmt hier analog die Ausbreitung einer Kultur der Macht wahr (Magnifica humanitas 188 – 209), der er in Anlehnung an Paul VI. eine Zivilisation der Liebe entgegenstellt (Magnifica humanitas 210 – 228). Er wendet sich dabei gegen einen falschen, Hobbesschen, Pseudorealismus, mit seinem pessimistisch-fatalistischen Menschenbild (Magnifica humanitas 204 – 210), der in einem Freund-Feind-Denken gefangen ist (Magnifica humanitas 192, 202), wie auch gegen einen naiven Idealismus (Magnifica humanitas 218). Demgegenüber betont er: „Die Gläubigen wirken am Aufbau des Reiches Gottes mit, indem sie lernen, jede Frau und jeden Mann als Schwester und Bruder anzunehmen, als Kinder eines einzigen Vaters.“ (Magnifica humanitas 49) sowie: „Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren (und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass) oder die Logik des Friedens hochhalten (mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe, Fürsorge und Dienst).“ (Magnifica humanitas 212)
VIII.
Der Heilige Vater votiert nicht nur einfach für die Option Nehemia. Er konkretisiert diese auch. So muss diese Option „auf dem Felsen der Beziehung mit Gott“ aufbauen (Magnifica humanitas 11), „die Begrenztheit und Schwäche des Menschen…akzeptieren, ohne sie als einen Fehler zu betrachten, der korrigiert werden müsste“ statt „unsere Hoffnung auf grenzenloses Wachstum, auf Formen des Fortschritts, die Ungleichheiten verschärfen, auf sofortige Lösungen, die nicht in der Lage sind, die Wunden der Völker zu heilen“ (Magnifica humanitas 12), „drittens mutige gemeinsame Verantwortung…keine Hand ist so schwach, dass sie keinen Beitrag leisten könnte“ (Magnifica humanitas 13) und schließlich „eine dem Evangelium entsprechende Sprache. Vermeiden wir Worte, die erniedrigen oder gegeneinander aufbringen. Entscheiden wir uns für Klarheit, die erleuchtet, und Freimut, der Wege eröffnet.“ (Magnifica humanitas 14)
IX.
Hierzu passt, dass der Heilige Vater häufiger als sein Vorgänger auf das Subsidiaritätsprinzip zu sprechen kommt (Magnifica humanitas 13, 31, 45, 46, 68 – 73, 82, 87, 96, 108, 109, 183) und die Bedeutung intermediärer Körperschaften zwischen Einzelnen und Familien einer- und dem Staat andererseits hervorhebt (Magnifica humanitas 31, 32, 68, 69, 72, 108, 137, 153, 181), deren Stärkung er fordert (Magnifica humanitas 137) und die insbesondere bei der Gestaltung des ökonomischen Wandels miteinbezogen werden müssen (Magnifica humanitas 153).
Auch wenn der Heilige Vater die Leistungsgemeinschaften hier nicht explizit beim Namen nennt, liegt es in der Natur der Sache, diese hier mitzudenken.
X.
Der Heilige Vater greift die wesentlichen Unterscheidungen hinsichtlich der menschlichen Würde aus Dignitas infinita auf mit der grundlegenden Bedeutung der ontologischen, im Sein des Menschen gründenden, Würde (Magnifica humanitas 52). In dieser gründen wiederum die Menschenrechte, von denen das erste „das Recht auf Leben, von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende, [ist] ohne das es unmöglich ist, irgendein anderes Recht auszuüben. Wenn dieses grundlegende Recht verweigert wird, wie es bei der Abtreibung, bei der Tötung Unschuldiger und bei der Euthanasie geschieht, stehen wir vor Entscheidungen, die die Kirche als schwerwiegend unerlaubt beurteilt.“ (Magnifica humanitas 55)
Hierauf aufbauend definiert er das Gemeinwohl „als die gesellschaftliche Form der jedem Menschen zugestandenen Würde“ und folgert hieraus: „Für einen Christen ist es in der Tat ein nicht verhandelbarer Wert, aus der kleinen Welt der eigenen Interessen herauszutreten und sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten für das Gemeinwohl einzusetzen, ebenso wie für die Förderung des Lebens.“ (Magnifica humanitas 59) Wichtig ist dabei auch, dass er den katholischen Gemeinwohlbegriff klar und deutlich von einem liberalen Gemeinwohlbegriff abgrenzt, der es auf die „Summe der Vorteile der Einzelnen“ bzw. „der Schnittmenge ihrer Partikularinteressen“ reduziert; „es ist ein größeres Gut, das allen gehört und das nur gemeinsam aufgebaut, vermehrt und bewahrt werden kann“ (Magnifica humanitas 60).
Später kommt er auf das elterliche Erziehungsrecht zu sprechen: „Den Eltern kommt nämlich das vorrangige und unveräußerliche Recht zu, die Art der Bildung und Erziehung ihrer Kinder im Einklang mit ihren moralischen, kulturellen und religiösen Überzeugungen zu wählen.“ (Magnifica humanitas 143)
XI.
Der Heilige Vater betont den Vorrang der Ontologie gegenüber der Ethik, indem er auf die Grenzen hinweist, welche unseren Entscheidungen durch vorgegebene Grundannahmen gesetzt sind. (Magnifica humanitas 104, 105, 171)
Dieser Logik folgend und konsequent in seiner Ablehnung einer Kultur der Macht, fordert der Heilige Vater, „nach Weisheit“ zu streben „statt nach schneller Wirkung“. (Magnifica humanitas 237)