Aristoteles vs. der Neoliberalismus

Abstract

Der Neoliberalismus ist eine Anwendung des technokratischen Paradigmas auf das Feld der Volkswirtschaftslehre. Der Neoliberalismus blendet die Frage nach Wesen und Ziel (Form- und Finalursache) der Wirtschaft aus und befasst sich ausschließlich mit den Wirkursachen („ihre äußeren Wirtschaftsordnungsformen, ihre Tauschbewegungen, den Beziehungszusammenhang quantitativ bestimmter Größen“). Dies führt zu einer Verabsolutierung des Marktmechanismus auf Kosten menschlicher Werte und Ziele inklusive der menschlichen Freiheit. Die Frage nach dem Gemeinwohl als der Finalursache der menschlichen Gesellschaft wird ausgeklammert. Defacto führt dies zu einer Privilegierung der kaufkraftstarken Besitzenden gegenüber jenen mit geringem oder keinem Einkommen.

Die Ausklammerung des Gemeinwohls hängt zudem zusammen mit der Positionierung der Neoliberalen hinsichtlich der Universalienproblematik. Die Neoliberalen sehen sich – infolge der Ausblendung des gemäßigten Universalienrealismus von Aristoteles und Thomas von Aquin, der es ermöglichen würde, Individual- und Sozialnatur des Menschen als gleich ursprünglich zu denken – fälschlicherweise der Alternative von Nominalismus und platonischem Universalienrealismus und daraus abgeleitet von Individualismus und Kollektivismus gegenüber, in welcher sie sich für den Nominalismus und infolge für einen soziologischen Monismus (= Individualismus) entscheiden, welcher das Individuum und dessen formale (= negative, das heißt materiell-inhaltlich nicht bestimmte) Freiheit auf Kosten der Gesellschaft (Stichwort Gemeinwohl) und autonomer gesellschaftlicher Zwischenglieder verabsolutiert. Das Gemeinwohl als sittliche Verpflichtung des einzelnen entfällt infolgedessen. An seine Stelle treten rein utilitaristische Erwägungen sowie Emotionen. Der auf die Auflösung der gesellschaftlichen Zwischenglieder folgenden – von den Neoliberalen selbst beklagten – Vermassung und Proletarisierung der Menschen – dass diese also nicht mehr eingebettet und verwurzelt in ein soziales Gefüge sind, das ihnen Halt, Kraft und Sinn verleiht, sondern wie freie Moleküle in einer vakuumartigen Gesellschaft herumschwirren und nur punktuell in rein transaktionären Kontakt mit anderen kommen – haben die Neoliberalen nichts Wirkungsvolles entgegenzusetzen, da sie die Ursache der von ihnen beklagten Wirkung selbst bejahen.

Demgegenüber muss die Frage nach Wesen und Ziel der Wirtschaft gestellt und die Wirtschaftspolitik an der entsprechenden Antwort ausgerichtet werden. Hierbei ist insbesondere zu berücksichtigen, dass der Mensch sowohl „zu seiner physischen Existenzerhaltung ebenso wie zur Entfaltung und Vervollkommnung seiner Persönlichkeit auf die materiellen Mittel und auf die gesellschaftliche Kooperation angewiesen“ ist. Die Politik hat – ggf. auch durch Intervention in die Wirtschaftsprozesse – sicherzustellen, dass die Menschen im Regelfall aus den Wirtschaftsprozessen selbst heraus ihren Bedarf decken können und nicht erst auf dem Umweg einer nachträglichen Umverteilung. Es geht also um Verteilungsgerechtigkeit und konkret darum,  breiteren Schichten die Bildung von Vermögen zu ermöglichen.

Neoliberalismus

Aristoteles vs. der Neoliberalismus

Papst Franziskus hat den Neoliberalismus zuletzt eindeutig verurteilt (vgl. Fratelli tutti 168). Eine philosophische Begründung hierfür findet sich in einem gut 60 Jahre alten Buch aus der Feder eines deutschen Dominikanerpaters:

„Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus“ von Egon Edgar Nawroth OP.[1]Egon Edgar Nawroth, Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus, in: Sammlung Politeia. Veröffentlichungen des Internationalen Instituts für Sozialwissenschaft und Politik … Continue reading

Das Buch ist insbesondere unter dem Gesichtspunkt interessant, dass er sich schwerpunktmäßig nicht so sehr mit dem angelsächsischen Neoliberalismus der Chicago School oder der libertären Österreichischen Schule befasst, sondern mit dem Ordoliberalismus der Freiburger Schule inklusive des soziologischen Neoliberalismus Wilhelm Röpkes und Alexander Rüstows,[2]Ebd., S. 12. dem man noch am ehesten eine Kompatibilität mit der katholischen Soziallehre unterstellen zu können glauben mag. Nach dem Urteil Nawroths ist gerade das jedoch nicht der Fall.

Die Ausgangsfrage des Buches lautet: Ist der Neoliberalismus, wie von führenden Vertretern behauptet, tatsächlich etwas wesentlich Neues, ein 3. Weg zwischen Liberalismus und Sozialismus?[3]Ebd., S. 19.

Die Antwort Nawroths: Nein. Es handelt sich lediglich um eine Modifikation des Liberalismus.[4]Ebd., S. 357, 425.

Grundlegend für Nawroths Herangehensweise an die Thematik ist seine Auffassung, „daß [sic] die jeweilige Wirtschaftsauffassung und Wirtschaftsgestaltung einer Zeit als sichtbare Konkretisierung bestimmter sozialphilosophischer Wertvorstellungen zu betrachten sind. Die konkrete Wirtschaft ist daher…stets Wirtschaft im Sinne der Gesellschaftsauffassung, zu der sich die führenden Wirtschaftspolitiker jeweils bekennen…Wenn aber von Gesellschaft die Rede ist, ist letztlich der Mensch als Persönlichkeit mit bestimmten Rechten, Pflichten und Aufgaben gemeint. Damit stoßen wir auch im Bereich wirtschaftsphilosophischer Untersuchungen auf den ideologischen Angelpunkt der Sozialmetaphysik schlechthin: auf das Menschenbild.“[5]Ebd., S. 273.

References

References
↑1Egon Edgar Nawroth, Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus, in: Sammlung Politeia. Veröffentlichungen des Internationalen Instituts für Sozialwissenschaft und Politik Universität Freiburg/Schweiz, Bd. XIV, hg. v. Prof. Df. A. F. Utz, F. H. Kerle Verlag Heidelberg – Verlag E. Nauwelaerts Löwen 1961.
↑2Ebd., S. 12.
↑3Ebd., S. 19.
↑4Ebd., S. 357, 425.
↑5Ebd., S. 273.