Herzensverbundenheit

Eine ganz wesentliche Dimension der Verbundenheit ist die Herzensverbundenheit. Hierauf aufmerksam gemacht zu haben, ist das Verdienst von Papst Franziskus, der diesem Thema seine vierte Enzyklika Dilexit nos gewidmet hat und darin das Herz „das Wichtigste und Nötigste“ nennt.[1]Dilexit nos, Nr. 31. Fast auf den Tag genau 3 Jahre nachdem von Dr. Johannes Hartl das Buch „Eden Culture“ mit dem Untertitel „eine Ökologie des Herzens“ erschien, wird so noch einmal unterstrichen, wie wichtig die Ebene des Herzens auch für eine ganzheitliche Ökologie ist.

Das Herz

Wie Papst Franziskus betont, ist der Mensch nicht „eine Summe verschiedener Fähigkeiten“, sondern „eine leiblich-geistige Einheit mit einem einheitstiftenden Zentrum, das allem, was der Mensch erlebt, einen Sinn- und Orientierungshintergrund verleiht“:[2]Ebd., Nr. 3. das Herz. Das Herz ist der Wesenskern des Menschen „hinter allen Äußerlichkeiten“[3]Ebd., Nr. 4. und der Ort der wahren Absichten[4]Vgl. ebd., Nr. 5..

„Man könnte sagen, dass ich letztlich mein Herz bin, denn es ist das, was mich ausmacht, was mich in meiner geistigen Identität prägt und mich mit den anderen Menschen verbindet.“[5]Ebd., Nr. 14.

Allerdings auch: „Es muss gesagt werden, dass wir ein Herz haben, dass unser Herz mit anderen Herzen koexistiert, die ihm helfen, ein „Du“ zu sein.“[6]Ebd., Nr. 12.

Das Herz ist zur Liebe fähig[7]Vgl. ebd., N. 16. und ermöglicht echte Bindung[8]Vgl. ebd., Nr. 17.9:

„Der Kern eines jeden Menschen, also sein Innerstes, ist nicht der Kern der Seele, sondern der ganzen Person in ihrer einzigartigen Identität, die aus Seele und Leib besteht. Alles ist im Herzen vereint, das der Sitz der Liebe mit all ihren geistigen, seelischen und sogar körperlichen Komponenten sein kann. Letztendlich kommt der Mensch dann voll und ganz zu seiner Identität, wenn im Herzen die Liebe regiert, denn jeder Mensch wurde vor allem für die Liebe geschaffen; er ist bis in seine tiefsten Fasern hinein dazu geschaffen, zu lieben und geliebt zu werden.“[9]Ebd., Nr. 21.

Herzensverbundenheit

In diesem Sinne erklärt er:

„Wir sehen also, dass es im Herzen eines jeden Menschen diese paradoxe Verbindung zwischen Selbstwertgefühl und Offenheit für andere gibt, zwischen der ganz persönlichen Begegnung mit sich selbst und dem Geschenk seiner Selbst an andere. Wir werden nur dann wir selbst, wenn wir die Fähigkeit erlangen, den anderen anzuerkennen, und wir begegnen dem anderen, wenn wir in der Lage sind, die eigene Identität anzuerkennen und zu akzeptieren.“[10]Ebd., Nr. 18, vgl. auch Laudato Si‘ Nr. 155.

Ja, „eine Beziehung, die nicht mit dem Herzen gestaltet wird, ist nicht in der Lage, die Fragmentierung des Individualismus zu überwinden“[11]Ebd., Nr. 17.. „Nur vom Herzen her werden unsere Gemeinschaften in der Lage sein, die verschiedenen Einsichten und Willen zu vereinen und zu befrieden…, denn auch die Befriedung ist eine Aufgabe des Herzens.“[12]Ebd., Nr. 28.

„Das Herz ernst zu nehmen, hat soziale Konsequenzen. Wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, müssen wir alle »uns wandeln in unserer Gesinnung und müssen die ganze Welt und jene Aufgaben in den Blick bekommen, die wir alle zusammen zum Fortschritt der Menschheit auf uns nehmen können«. Denn »in Wahrheit hängen die Störungen des Gleichgewichts, an denen die moderne Welt leidet, mit jener tiefer liegenden Störung des Gleichgewichts zusammen, die im Herzen des Menschen ihren Ursprung hat«. Angesichts der Dramen der Welt lädt das Konzil dazu ein, zum Herzen zurückzukehren, und erklärt, dass der Mensch in seiner Innerlichkeit die Gesamtheit der Dinge übersteigt.“[13]Ebd., Nr. 29.

Das Herz und das technokratische Paradigma

Ideengeschichtlich wurde das Herz allerdings stiefmütterlich behandelt. Papst Franziskus kritisiert eine Abwertung des Herzens.

„Wir finden sie bereits im griechischen und vorchristlichen Rationalismus, im nachchristlichen Idealismus und im Materialismus in seinen verschiedenen Formen. Das Herz hat in der Anthropologie kaum eine Rolle gespielt, und dem großen philosophischen Denken ist es offenbar fremd. Ihm wurden andere Begriffe wie Vernunft, Wille oder Freiheit vorgezogen.“[14]Ebd., Nr. 10.

Seine Vermutung zu den Hintergründen:

„Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Begegnung mit dem anderen nicht als Weg der Selbstfindung etabliert ist, weil das Denken wieder einmal zu einem ungesunden Individualismus führt. Viele haben sich bei der Konstruktion ihrer Denksysteme im besser kontrollierbaren Bereich der Intelligenz und des Willens sicher gefühlt.“[15]Ebd.

Die Konsequenz:

„Und weil man keinen eigenen Platz für das Herz fand, der sich von den jeweils separat betrachteten menschlichen Vermögen und Leidenschaften unterschied, wurde nicht einmal die Idee eines personalen Zentrums weiter entfaltet – in dem das Einzige, was alles vereinen kann, letztlich die Liebe ist.“[16]Ebd.

Papst Franziskus bringt dies auch in Verbindung mit dem technokratischen Paradigma, wenn er erklärt, dass manche Wissenschaften die Wahrheiten eher beherrschen wollen, anstatt sie „zu verkosten und zu verspüren“.[17]Ebd., Nr. 13.

Jeder „Philosophie und Theologie, die eine ganzheitliche Synthese anstreben“ empfiehlt Papst Franziskus daher das Herz als „ein wichtiges Wort“.[18]Ebd., Nr. 15.

Die Probleme des Herzens reichen heute jedoch weiter als „nur“ in den philosophischen und theologischen Bereich.

So begründet Papst Franziskus die Themenwahl für seine vierte Enzyklika wie folgt:

„Wenn wir versucht sind, uns an der Oberfläche zu bewegen, in Hektik zu leben, ohne letztendlich zu wissen, wozu, wenn wir Gefahr laufen, zu unersättlichen Konsumenten werden, zu Sklaven eines Marktsystems, das sich nicht für den Sinn unseres Lebens interessiert, dann tut es not, die Bedeutung des Herzens wieder neu zu entdecken.“[19]Ebd., Nr. 2.

Um so dann fortzufahren:

„In dieser flüssigen Welt ist es notwendig, wieder vom Herzen zu sprechen, als dem Ort, wo in jedem Menschen, gleich welcher Herkunft und Lebensbedingung, alles zusammenkommt, wo all die anderen Kräfte, Überzeugungen, Leidenschaften und Entscheidungen der konkreten Menschen entspringen und verwurzelt sind. Aber wir bewegen uns in Gesellschaft von Serienkonsumenten, die in den Tag hineinleben und von den Rhythmen und dem Lärm der Technologie beherrscht werden, ohne viel Geduld für die Prozesse, die die Innerlichkeit erfordert. In der heutigen Gesellschaft läuft der Mensch »Gefahr, den Mittelpunkt, seine eigene Mitte zu verlieren«. »Der Mensch von heute ist oft zerstreut, gespalten, fast ohne ein inneres Prinzip, das in seinem Denken und Handeln Einheit und Harmonie schafft. Vielverbreitete Verhaltensmodelle verschärfen die technologisch-rationelle oder, umgekehrt, triebmäßige Dimension«. Es fehlt das Herz.“[20]Ebd., Nr. 9.

Was Papst Franziskus umtreibt, ist „unsere Welt, die inmitten von Kriegen, sozioökonomischen Ungleichgewichten, Konsumismus und dem menschenfeindlichen Einsatz von Technologie überlebt“.[21]Ebd., Nr. 31.

Schließlich kommt er zum Ende seines Schreibens hierauf noch einmal zurück, wenn er erklärt:

„Heute ist alles käuflich und bezahlbar, und es scheint, dass Sinn und Würde von Dingen abhängen, die man durch die Macht des Geldes erwirbt. Wir werden getrieben, nur anzuhäufen, zu konsumieren und uns abzulenken, gefangen in einem entwürdigenden System, das uns nicht erlaubt, über unsere unmittelbaren und armseligen Bedürfnisse hinauszusehen.“[22]Ebd., Nr. 218.

Herzensverbundenheit

Angesichts dessen ruft Papst Franziskus mit „Dilexit nos“ zu zweierlei auf:

1.

„Anstatt nach oberflächliche Befriedigungen zu suchen und den anderen etwas vorzuspielen, ist es besser, wichtige Fragen aufkommen zu lassen: wer bin ich wirklich, was suche ich, welchen Sinn will ich meinem Leben, meinen Entscheidungen oder meinen Handlungen geben; warum und wozu bin ich auf dieser Welt, wie will ich mein Leben bewerten, wenn es zu Ende geht, welchen Sinn will ich allem, was ich erlebe, geben, wer will ich vor den anderen sein, wer bin ich vor Gott. Diese Fragen führen mich zu meinem Herzen.“[23]Ebd., Nr. 8.

Worum es also zuerst geht, ist die Wiederherstellung der Verbundenheit mit dem eigenen Herzen. Es geht darum, das einzunehmen, was Romano Guardini eine „kontemplative Haltung“ nannte.

2.

„Machen wir uns bewusst, dass unser Herz nicht eigenständig ist, es ist zerbrechlich und verwundet. Es hat eine ontologische Würde, muss aber zugleich nach einem würdigeren Leben streben. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt dazu: »Der Sauerteig des Evangeliums hat im Herzen des Menschen den unbezwingbaren Anspruch auf Würde erweckt und erweckt ihn auch weiter«, doch um dieser Würde entsprechend zu leben, genügt es nicht, das Evangelium zu kennen oder mechanisch zu tun, was es uns aufträgt. Wir brauchen die Hilfe der göttlichen Liebe. Gehen wir zum Herzen Christi, dem Zentrum seines Seins, das ein Brennofen der göttlichen und menschlichen Liebe ist und die größte Fülle darstellt, die ein Mensch erlangen kann. Dort, in jenem Herzen, erkennen wir endlich uns selbst und lernen wir zu lieben.“[24]Ebd., Nr. 30.

Es ist ein Aufruf zur Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu, ein Aufruf dazu, „unser Herz mit dem Herzen Christi“ zu vereinen.[25]Ebd., Nr. 28. Es ist eine Spezifizierung dessen, was Romano Guardini die Wiederaufnahme des „ernsten Fragens nach Gott“ nannte, die Hinordnung auf Gott.

Dies weckt dann auch das Verlangen, „die verwundeten Herzen zu heilen, wo der größte Schaden, wo die schmerzhafteste Wunde zugefügt wurde.“[26]Ebd., Nr. 185. Hieran anschließend und den Gedanken weiterführend betont Papst Franziskus die Bedeutung von Reue, dem Eingestehen eigener Schuld und der Bitte um Vergebung für eine Heilung der … Continue reading

References

References
↑1Dilexit nos, Nr. 31.
↑2Ebd., Nr. 3.
↑3Ebd., Nr. 4.
↑4Vgl. ebd., Nr. 5.
↑5Ebd., Nr. 14.
↑6Ebd., Nr. 12.
↑7Vgl. ebd., N. 16.
↑8Vgl. ebd., Nr. 17.9
↑9Ebd., Nr. 21.
↑10Ebd., Nr. 18, vgl. auch Laudato Si‘ Nr. 155.
↑11Ebd., Nr. 17.
↑12Ebd., Nr. 28.
↑13Ebd., Nr. 29.
↑14Ebd., Nr. 10.
↑15Ebd.
↑16Ebd.
↑17Ebd., Nr. 13.
↑18Ebd., Nr. 15.
↑19Ebd., Nr. 2.
↑20Ebd., Nr. 9.
↑21Ebd., Nr. 31.
↑22Ebd., Nr. 218.
↑23Ebd., Nr. 8.
↑24Ebd., Nr. 30.
↑25Ebd., Nr. 28.
↑26Ebd., Nr. 185. Hieran anschließend und den Gedanken weiterführend betont Papst Franziskus die Bedeutung von Reue, dem Eingestehen eigener Schuld und der Bitte um Vergebung für eine Heilung der Herzen, vgl. ebd., Nr. 187 – 190.