Theologie des Leibes

Johannes Paul II. nennt in „Centesimus Annus“ die auf der Ehe gegründete Familie die „erste und grundlegende Struktur zugunsten der Humanökologie“.[1]Centesimus Annus Nr. 39, 25.05.2023 17:20 Uhr.

In seinen zwischen September 1979 und November 1984 im Rahmen seiner Mittwochsaudienzen gehaltenen Katechesen zur Theologie des Leibes[2]Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan. Eine Theologie des Leibes – Mittwochskatechesen von 1979 – 1984, hg. von Norbert und Renate Martin, 4. Auflage Fe-Medienverlag … Continue reading unterzog er die Ehe einer tiefergehenden theologischen Untersuchung. Eine nähere Beschäftigung mit der Theologie des Leibes wird daher hilfreich sein, um zu einem tieferen theologischen Verständnis der Ehe und damit der Grundlage der ersten und grundlegenden Struktur zugunsten der Humanökologie, nämlich der Familie, zu gelangen. Dies ist Ziel des vorliegenden Textes.[3]Johannes Paul II. betrachtete sowohl die Zeit vor dem Sündenfall wie auch die künftige Welt nach der Wiederkunft Jesu Christi und die Zeit dazwischen, die Zeit des „historischen Menschen“. Der … Continue reading

Johannes Paul II. nimmt zum Ausgangspunkt seiner Reflektionen den 2. Schöpfungsbericht (Gen. 2:4 – 3:24).

Er beschreibt wie der Mensch in der Schöpfung eine besondere Position einnimmt – gestellt zwischen den Schöpfer und die übrigen Geschöpfe. Zum Zeichen dieser besonderen Stellung wird der menschliche Leib.

Der menschliche Leib: Zeichen der Person

Einerseits verbindet dieser den Menschen mit den übrigen Geschöpfen. Wie diese hat auch der Mensch einen Leib. Andererseits sondert sein Leib den Menschen aber auch von allen anderen Menschen ab, denn er befähigt ihn, die übrige Schöpfung zu bearbeiten und „zu unterwerfen“.[4]Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan, Kat. 6f. Niemals zuvor war dieser Umstand so eindrücklich sichtbar – und zugleich so zerstörerisch – wie in jenem Zeitalter, dem unsrigen, das als Anthropozän Bekanntheit erlangt hat.

So steht der Mensch der übrigen Schöpfung in einem Zustand gegenüber, den Johannes Paul II. sein „ursprüngliches Alleinsein“ nennt.[5]vgl. hierzu und zum Folgenden ebd. Kat. 5 – 7. Doch hat diese „ursprüngliche Alleinsein“ noch eine zweite Facette und zwar im Gegenüber zu Gott. Als ethisches Wesen, das heißt als Wesen, das zu Selbsterkenntnis[6]Die Selbsterkenntnis des Menschen gründet eben, so Johannes Paul II. in seiner Körpererfahrung. und Selbstbestimmung fähig ist, steht der Mensch allein vor Gott. Er trifft Entscheidungen – und bestimmt sich dadurch selbst, seine Existenz in der Welt wie sein ewiges Geschick – die er allein vor Gott seinem Schöpfer zu vertreten hat.

Die kirchliche Lehre weiß um die Grenzen unserer Freiheit und gerade Papst Franziskus hat – etwa in seinem Nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia – darauf hingewiesen, wie sehr unsere Freiheit und damit unsere Selbstbestimmung durch äußere wie innere Umstände eingeschränkt sein kann. Doch zugleich betont sie die Würde des Menschen, die gerade auch in seiner prinzipiellen Fähigkeit zur Selbstbestimmung gründet – und damit in seiner Verantwortung für seine eigenen Entscheidungen und Handlungen.

Dieses „ursprüngliche Alleinsein“ hat für Johannes Paul II. allerdings nicht das letzte Wort. Hinzu tritt vielmehr eine „ursprüngliche Einheit“ – gemeint ist jene von Adam und Eva, Mann und Frau.[7]vgl. hierzu und zum Folgenden ebd. Kat. 8 – 10.

Beiden begegnet im anderen eine „Hilfe“. Diese Hilfe besteht in ihrem Sein, ihrem Wesen – darin, dass sie ein personales Gegenüber sind. Der Mensch, der sich kraft seiner Selbstbestimmung selbst ganz besitzt, ist in der Lage, sich einem anderen Menschen ganz zu schenken – bis dass der Tod sie scheidet. Durch dieses – gegenseitige – Schenken entsteht das, was Johannes Paul II. in Aufgreifen einer Wendung aus Gaudium et Spes eine „communio personarum“ nennt[8]https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html Nr. 12, 25.05.2023, 17:30 Uhr., eine Gemeinschaft von Personen: eben die Ehe.

Theologie des Leibes

Das Medium dieser Selbsthingabe, durch welches diese sichtbar wird, ist wiederum der menschliche Leib. Es ist der Leib, der die Person sichtbar, wahrnehmbar macht. Der Leib ist, so gesehen, Zeichen der Person. Durch den Leib drückt sich die Person aus, drückt sie auch ihre Selbsthingabe aus. Durch den ganzen Leib, nicht nur den Mund, kommuniziert die Person, das heißt: stellt sie communio, Gemeinschaft her. Der menschliche Leib hat so gesehen eine eigene Sprache.[9]vgl. hierzu und zum Folgenden Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan, Kat. 103 – 107.

Der vollkommene Ausdruck der wechselseitigen Selbsthingabe ist darum auch die eheliche Vereinigung, in der sich Mann und Frau wirklich mit ihrem ganzen Leib dem anderen schenken. Hierbei etwas zurückzubehalten, etwas dem anderen vorzuenthalten macht das ganze Geschehen unauthentisch, raubt ihm die Wahrhaftigkeit, verwandelt es in eine Lüge.

Doch wie kann die Lüge in einem solchen Geschehen überhaupt Raum finden, wenn in ihm doch, wie wir gehört haben, der Mensch wahrhaft zu sich selbst findet? Die Antwort hierfür liegt im Sündenfall.

Vor dem Sündenfall besaß der Mensch das, was die Tradition der Kirche Gerechtigkeit und Heiligkeit nennt und Johannes Paul II. in Rückgriff auf die Seligpreisungen „Reinheit des Herzens“. Damit ist gemeint, dass er die Fähigkeit besaß, ein Geschenk als Geschenk anzunehmen.[10]Vgl. ebd. Kat. 16:3 – Kat. 19. Der Sündenfall besteht nun darin, dass er etwas an sich nimmt, das ihm nicht zusteht, etwas, das ihm (noch) nicht zum Geschenk gemacht wurde. Infolgedessen verändert sich etwas im Menschen selbst.[11]vgl hierzu und zum Folgenden ebd. Kat. 26 –33.

Er beginnt, das andere und vor allem den anderen nicht länger als Geschenk zu betrachten, das er empfangen darf, sondern als Objekt, das er sich nehmen, gebrauchen und bei Bedarf wegwerfen kann. Etwas im Blick des Menschen verändert sich. Es ist der Blick der Begehrlichkeit und der so gefallene Mensch wird zum Menschen der Begehrlichkeit. Infolge ist er auch nicht mehr im Besitz seiner selbst, nicht mehr Herr seiner selbst, sondern sein Begehren, das letztlich auch in seinen körperlichen Trieben und Instinkten wurzelt, beginnt, ihn zu dominieren. Dieser Verlust an Selbstbesitz macht es ihm unmöglich, sich dem anderen wirklich ganz zu schenken, da er immer mehr den eigenen Vorteil, den eigenen Nutzen, die Befriedigung des eigenen Begehrens sucht als das Wohl des anderen, diesen so auf ein Objekt reduziert und seiner personalen Würde beraubt.

Zugleich bemerkt er, dass auch der andere begonnen hat, ihn anders anzusehen – mit dem Blick der Begehrlichkeit, als ein Objekt. So entstand die Scham – als Schutz der eigenen personalen Würde vor dem begehrlichen Blick des anderen. Die Scham hat somit einen fundamentalen Wert: Sie dient dem Schutz der Möglichkeit, sich dem anderen in Freiheit ganz zu schenken, anstatt von diesem als Objekt genommen und gebraucht zu werden – und sei es nur durch einen Blick.

Welchen Ausweg gibt es nun aus dieser Situation, in der das Misstrauen in Bezug auf die Intentionen des anderen und das eigene, den anderen objektivierende, Begehren eine communio personarum, eine Gemeinschaft der Personen, unmöglich zu machen droht?

Theologie des Leibes

Die Antwort, so Johannes Paul II., besteht in der Selbstbeherrschung, im (erfolgreichen) Bemühen darum, sich nicht von den eigenen Begierden beherrschen zu lassen, sondern in echter innerer Freiheit ethisch vertretbare Entscheidungen zu treffen.[12]Vgl. hierzu und zum Folgenden ebd. Kat. 49. Erst diese durch Selbstbeherrschung wiedergewonnene innere Freiheit ermöglicht es erneut, sich selbst ganz einem anderen zu schenken, den anderen als Geschenk zu empfangen und so eine communio personarum zu erreichen.

Im Bereich der ehelichen Vereinigung besteht die ethisch vertretbare Entscheidung wie gesehen darin, sich dem anderen wirklich ganz zu schenken und nichts von sich selbst zurückzubehalten. Dies beinhaltet auch die eigene Fähigkeit, in der ehelichen Vereinigung beizutragen zur Entstehung eines neuen menschlichen Lebens.

Wird dagegen diese Fähigkeit durch die künstliche Manipulation der natürlichen Vorgänge des menschlichen Leibes (sprich: künstliche Verhütung) dem anderen vorenthalten – und sei es mit dessen Zustimmung! – verwandelt sich das Geschehen, wie gesehen, in eine Lüge. Die eheliche Vereinigung wird sozusagen lediglich simuliert, vorgetäuscht. Ein wesentlicher – ja der für die eheliche Vereinigung maßgebliche – Aspekt des eigenen Selbst wird ihr entzogen.

Sexualität und Fortpflanzung: Eine Frage der Ethik, nicht der Technik

Johannes Paul II. betont, dass nicht nur die Entscheidung, ob man ein (weiteres) Kind möchte, nach ethischen Gesichtspunkten erfolgen muss, sondern auch die Wahl der Mittel, mit deren Hilfe die Umsetzung einer Entscheidung gegen (oder für) ein weiteres Kind verwirklicht werden soll. Mit anderen Worten: Die Wahl der diesbezüglichen Mittel ist nicht allein eine technische, sondern vor allem eine ethische Frage.

Während es bei der Technik um die Beherrschung der Kräfte der Natur geht, betrifft die Ethik die Selbstbeherrschung der Person. Die Frage nach der rechten Methode zur Begrenzung (oder Erweiterung) der Kinderzahl auf eine Frage der Technik zu reduzieren, heißt, den menschlichen Leib als von der menschlichen Person getrennt und das heißt als ein reines Objekt zu behandeln. Dies beinhaltet zugleich, ihn seiner personalen Würde als Zeichen für die menschliche Person zu berauben. Da die menschliche Person aber nicht vom menschlichen Leib getrennt werden kann – denn es gibt keine menschliche Person ohne menschlichen Leib, der menschliche Leib gehört konstitutiv zur menschlichen Person – bedeutet den menschlichen Leib seiner Würde zu berauben immer, auch die menschliche Person ihrer Würde zu berauben.

Ethisch vertretbar ist daher nicht, die (technische) Verhinderung des Zeugungsvorgangs, also die Empfängnisverhütung, sehr wohl aber der Gebrauch naturgegebener Möglichkeiten im Rahmen der natürlichen Regelung der Empfängnis. Wichtig ist hierbei, so Johannes Paul II., dass diese dabei eben nicht auf eine reine Methode reduziert wird, sondern die ethische Dimension klar im Blick bleibt.

Diese – zeitweisen Verzicht auf unmittelbare Triebbefriedigung beinhaltende – Kooperation für unmöglich zu erklären, heißt nichts anderes als dem Menschen abzusprechen, Herr über sich selbst und sein Handeln sein zu können; es heißt ihn auf einen Sklaven seines Trieblebens zu reduzieren und damit abzusprechen, ein ethisch verantwortliches Wesen zu sein. Im Letzten bedeutet es, ihm das Menschsein abzusprechen. Darin liegt die große Gefahr der Mentalität der Empfängnisverhütung.

Wichtig ist hierbei, so Johannes Paul II., dass die natürliche Empfängnisregelung selbst dabei eben nicht auf eine reine Methode reduziert wird, sondern die ethische Dimension klar im Blick bleibt.

Die mit ihr gegebenen Zeiten der Enthaltsamkeit werden somit nicht nur negativ zu einem Widerstand gegen das Begehren, sondern befähigen den Menschen positiv dazu, seine körperliche Erregung und seine Emotionen zu steuern und zu lenken, statt umgekehrt von ihnen beherrscht zu werden.

Neben dieser intrapersonalen Wirkung, die auf die Wiederherstellung der eigenen personalen Würde zielt, besteht die interpersonale Wirkung in einem tieferen Bewusstsein dafür, dass der andere kein beliebig verfügbares Objekt ist, sondern über eine eigene personale Würde verfügt, die darin zum Ausdruck kommt, dass er sich in Freiheit ganz schenkt.

Die Theologie des Leibes: Grundlage jeder ganzheitlichen Ökologie

Johannes Paul II. weiß darum, dass dieser Weg alles andere als leicht ist. Er weiß um die Macht der Begehrlichkeit in unseren Herzen. Er traut den Menschen diesen Weg aber zu, ein Weg, der zu einer höheren Achtung vor einem selbst, dem anderen und der ehelichen Vereinigung führt. Es ist ein Weg, der vor allem darin besteht, sich selbst zu erziehen und als Person zu reifen und damit auch zu reifen in seiner Beziehungs- und Gemeinschaftsfähigkeit.

Die Mentalität der Empfängnisverhütung erzieht dagegen dazu, unmittelbare Bedürfnisbefriedigung als höchstes Gut und Grundrecht anzusehen sowie ethische Fragen auf technische Probleme zu reduzieren. Sie verdunkelt damit das Gewissen und öffnet dadurch Manipulationen jeglicher Art Tür und Tor. Sie ist damit nicht nur unvereinbar mit jeder echten Ökologie und insbesondere jedem Streben nach Suffizienz, Degrowth oder einer Postwachstumsgesellschaft, sondern auch Gift für jede freie Gesellschaft.

So wird verständlich, wie Johannes Paul II. sagen kann, dass die Ehe, verstanden als authentische communio personarum, Grundlage der ersten und grundlegenden Struktur zugunsten der Humanökologie ist. Ja, man muss vor diesem Hintergrund sogar sagen, dass die als authentische communio personarum verstandene Ehe Grundlage der ersten und grundlegenden Struktur zugunsten der ganzheitlichen Ökologie selbst ist. Grundlegend für eine ganzheitliche Ökologie ist damit auch die Theologie des Leibes.

References

References
1Centesimus Annus Nr. 39, 25.05.2023 17:20 Uhr.
2Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan. Eine Theologie des Leibes – Mittwochskatechesen von 1979 – 1984, hg. von Norbert und Renate Martin, 4. Auflage Fe-Medienverlag GmbH Kisslegg 2014.
3Johannes Paul II. betrachtete sowohl die Zeit vor dem Sündenfall wie auch die künftige Welt nach der Wiederkunft Jesu Christi und die Zeit dazwischen, die Zeit des „historischen Menschen“. Der vorliegende Text beschränkt sich auf den ersten und letzten der genannten Zeitabschnitte, denn: „Nach der Auferstehung heiratet man nicht, noch wird man geheiratet, sondern die Menschen sind wie die Engel im Himmel.“ (Mt. 22:30
4Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan, Kat. 6f.
5vgl. hierzu und zum Folgenden ebd. Kat. 5 – 7.
6Die Selbsterkenntnis des Menschen gründet eben, so Johannes Paul II. in seiner Körpererfahrung.
7vgl. hierzu und zum Folgenden ebd. Kat. 8 – 10.
8https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html Nr. 12, 25.05.2023, 17:30 Uhr.
9vgl. hierzu und zum Folgenden Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan, Kat. 103 – 107.
10Vgl. ebd. Kat. 16:3 – Kat. 19.
11vgl hierzu und zum Folgenden ebd. Kat. 26 –33.
12Vgl. hierzu und zum Folgenden ebd. Kat. 49.