Subsidiarität vs. Souveränität – eine historische Spurensuche
Lewis Mumford, Autor von „Der Mythos der Maschine“,[1]Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1978. trägt zu unserer Frage – der Überwindung des technokratischen Paradigmas – als Technikhistoriker und Nichtchrist eine bereichernde Perspektive bei.
Die neolithische Revolution war für Lewis Mumford nicht primär eine technologische Revolution, sondern eine religiöse und politisch-soziale. In religiöser Hinsicht war sie gekennzeichnet durch das Aufkommen von Fruchtbarkeits- und Vegetationsgottheiten,[2]Vgl. ebd., S. 175 – 183. in politisch-sozialer Hinsicht durch die Entstehung des jungsteinzeitlichen Dorfes mit der Zentralstellung von Heim und Herd, die Sexualität und Elternschaft einen neuen Stellenwert verschaffte.[3]Vgl. ebd., S. 185 – 193.
Jungsteinzeitliche Subsidiarität
Dieses jungsteinzeitliche Dorf war – jedenfalls zu Beginn – offen für die Welt und zugleich „eine verwurzelte Gemeinschaft“.[4] Vgl. ebd., S. 186. Die Stärke dieser Dorfkultur lag darin, dass zum einen jedes Mitglied der Gemeinschaft Zugang zum gesamten Kulturerbe hatte und in der Regel jeder in der Lage war, jeden Teil zu meistern. Zugleich gab es
„keine Autorität, keine Ranghierarchie außer der natürlichen des Alters, da in solch einer Gemeinschaft jener, der am längsten lebte, am meisten wußte [sic]. Der leicht zu bewältigende Austausch von Fertigkeiten und Tätigkeiten, bei einem Minimum an Spezialisierung, verlieh der Dorfkultur eine Flexibilität und eine Reichweite, die ihren Konservatismus ausglichen…jedem Mitglied der Dorfgemeinschaft, vom Kind bis zum Greis, fiel eine aktive Rolle im ökonomischen und sozialen Leben zu, wobei jedes nach besten Kräften seinen Beitrag leistete.“[5]Ebd., S. 189.
In diesem Milieu bildeten sich grundlegende Moralprinzipien heraus:
„Erhaltung des Lebens, Teilhabe an gemeinschaftlichem Gut, planende Voraussicht, Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung, Erziehung zu Selbstdisziplin und Selbstkontrolle, bereitwillige Kooperation bei allen Aufgaben, die zur Erhaltung der Integrität und Prosperität der Gruppe notwendig waren.“[6]Vgl. ebd., S. 188.
Mumford hebt die weltweite Verbreitung dieser Kultur hervor ebenso wie den Umstand, dass sie sämtliche Katastrophen überdauerte. Noch bis vor relativ kurzer Zeit hätte die Mehrheit der Menschheit in diesem Umfeld gelebt[7]Vgl. ebd. und:
„Wo immer der Wechsel der Jahreszeiten durch Feste und Zeremonien gefeiert wird; wo die Lebensstadien durch Familien- und Gemeinschaftsrituale unterstrichen werden; wo Essen, Trinken und sexuelles Spiel den Mittelpunkt des Lebens bilden; wo Arbeit, selbst Schwerarbeit, selten von Rhythmus, Gesang, menschlicher Kameradschaft und ästhetischem Genuß [sic] getrennt ist; wo vitale Aktivität ebenso als Lohn der Arbeit betrachtet wird wie das Produkt; wo weder Macht noch Profit Vorrang vor dem Leben haben; wo Familie, Nachbarn, Freunde alles Teile einer sichtbaren, fühlbaren, unmittelbaren Gemeinschaft sind; wo ein jeder, Mann oder Frau, Aufgaben erfüllen kann, für die auch jeder andere geeignet ist – überall dort bestehen noch wesentliche Elemente der neolithischen Kultur weiter, wenn auch Eisenwerkzeuge benützt werden oder ein tuckernder Motorlastwagen Güter auf den Markt transportiert.“[8]Ebd., S. 187.
Mumford schlussfolgert, dass die Dorfkultur die dem Menschen gemäßere Lebensweise ist als jene der städtischen Zivilisation.[9]Vgl. ebd., S. 188.
Zugleich wies jedoch auch die neolithische Dorfkultur, die zu Beginn durch eine stärkere Stellung der Frau charakterisiert war,[10]Vgl. ebd., S. 171f, 175 – 183. ihre Schattenseiten auf. Diese war einerseits das schon früh einsetzende Menschenopfer,[11]Vgl. ebd., S. 178 – 181. zum anderen eine in der Spätphase einsetzende Erstarrung.[12] Vgl. ebd., S. 191 – 193. Diese Erstarrung wurde durch die dann einsetzende Bronzezeit aufgebrochen.
Bronzezeitliche Souveränität
In ihr drängten im religiösen Bereich die Himmelsgötter die älteren Vegetationsgottheiten an den Rand, wobei hierzu auch und vor allem der wissenschaftliche Fortschritt, namentlich im Bereich der Astronomie beitrug.[13]Vgl. ebd., S. 196f, 201, 203 – 205, 207, 230f.
Der entscheidende Wandel im politisch-sozialen Bereich war das Aufkommen des Königtums, das Mumford aus einer Allianz von Jägerhäuptlingen mit der aufstrebenden Priesterschicht erklärt und wesentlich bestimmt war durch den Umstand, dass der König als Stellvertreter eines Gottes oder als selbst göttlich angesehen wurde, mit der Aufgabe, im politisch-sozialen Bereich dieselbe Ordnung aufrechtzuerhalten, welche in kosmischer Hinsicht die Himmelskörper repräsentierten und dies im Zweifel unter Anwendung – massiver – Gewalt.[14]Vgl. ebd., S. 200f, 203f, 206f, 210f.
Die herausragende – um nicht zu sagen „göttliche“ – Leistung der Könige besteht in der Organisation gewaltiger Menschenmassen zur Bewältigung großer kollektiver Leistungen, insbesondere von Bautätigkeiten, namentlich der Pyramiden.[15]Vgl. ebd., S. 207, 219f, 225ff.

„Die Schwierigkeit bestand darin, eine zufällige Ansammlung von Menschen, losgelöst von Familie und Gemeinschaft sowie von ihren vertrauten Beschäftigungen, jeder mit eigenem Willen oder zumindest der Erinnerung an einen solchen, in eine mechanisierte Gruppe zu verwandeln, die auf Befehl manipuliert werden konnte. Das Geheimnis der mechanischen Kontrolle bestand darin, daß [sic] ein einziger Kopf mit genau bestimmtem Ziel an der Spitze der Organisation war und daß [sic] es eine Methode gab, Anweisungen über eine Reihe von Funktionären weiterzugeben, bis sie die kleinste Einheit erreichten. Exakte Weitergabe der Anweisung und absolute Unterwerfung waren gleichermaßen von wesentlicher Bedeutung.“[16]Ebd., S. 223.
Möglich wurde dies – neben dem Faktor religiöser Legitimation – durch eine regelrecht modern anmutende Erfindung: jene der Bürokratie.[17]Vgl. ebd., S. 214 – 217, 230 – 233, so S. 231: „Eine Verbindung zwischen Königtum und Sonnenanbetung lag auch in der Tatsache, daß der König, ebenso wie die Sonne, aus der Entfernung Macht … Continue reading Über sie schrieb Mumford:
„Nicht das unwichtigste Merkmal einer klassischen Bürokratie ist, daß [sic] sie nichts erzeugt: Ihre Aufgabe ist es, die Befehle, die von oben, vom zentralen Hauptquartier kommen, unverändert und ohne Abweichung weiterzugeben. Keine lokale Information und keine menschliche Rücksicht darf diesen unabänderlichen Transmissionsprozeß [sic] beeinflussen. Nur Korruption oder offene Rebellion können diese starre Organisation modifizieren. Eine solche administrative Methode erfordert im Idealzustand die völlige Unterdrückung aller autonomen Funktionen der Persönlichkeit und die Bereitschaft, die tägliche Aufgabe mit ritueller Exaktheit auszuführen.“[18]Ebd., S. 233.
Und an anderer Stelle:
„Der Mesopotamier ist überzeugt, daß [sic] die Beamten immer recht haben, oder daß [sic] es zumindest keinen Sinn hat, mit ihnen zu streiten. »Der Befehl des Palastes, wie der Befehl Anus, kann nicht geändert werden. Das Wort des Königs gilt; seine Gebote können ebensowenig geändert werden wie die eines Gottes.«“[19]Ebd., S. 210.
Kritisch merkt Mumford hierzu an:
„Nicht das kleinste Übel dieses Systems war das Gefühl der Erniedrigung, das dadurch entstand, daß [sic] die Beamten verpflichtet waren, jeden Befehl einer übergeordneten Autorität sklavisch zu befolgen. M. J. Finley verweist darauf, daß [sic] freie Bürger im späteren Griechenland gerade aus diesem Grunde sich heftig dagegen wehrten, höhere Verwaltungsämter zu übernehmen; und infolgedessen wurden sogar führende Verwaltungs oder militärische Positionen Sklaven anvertraut, die zu gut auf Gehorsam gedrillt waren, um ihre Erniedrigung zu empfinden. Für individuelle Initiative und Verantwortung war in der Megamaschine kein Platz; denn eine solche Freiheit hätte bedeuten können, daß [sic] falschen Aufträgen Widerstand geleistet oder unmoralischen nicht gehorcht würde. Die hingebungsvollen Mitglieder der Megamaschine waren stets Eichmanns: doppelt degradiert, weil ihrer Degradierung nicht bewußt [sic].“[20]Ebd., S. 215.
Das Ergebnis war, was Mumford die erste Maschine nennt: eine menschliche Maschine als Prototyp sämtlicher nachfolgender Maschinen.[21]Vgl. ebd., S. 219.
Ein wesentlicher Aspekt dieser Maschine waren Arbeitsteilung und Spezialisierung. Diese zielten dabei jedoch nicht auf Arbeitsersparnis, sondern den Einsatz für bis dato unvorstellbare Großprojekte.[22]Vgl. ebd., S. 224f.

„Zugleich reduzierte sie [die Megamaschine] den Bereich der Gemeinschaftsautonomie, der persönlichen Initiative und der Selbstbestimmung. Jede standardisierte Komponente unter der höchsten Befehlsebene war nur Teil eines Menschen, dazu verurteilt, nur einen Teil der Aufgabe zu erfüllen und nur einen Teil eines Lebens zu leben…Im Idealfall sollten die Arbeitskräfte der Megamaschine aus Junggesellen bestehen, losgelöst von Familie, Verantwortung, kommunalen Institutionen und normalen menschlichen Bindungen: ein Junggesellenleben.“[23]Vgl. ebd., S. 245.
Die Arbeitsteilung ging wiederum ging einher mit einer Spaltung der Gesellschaft in eine malochende Masse und eine parasitäre Minderheit, die an der Sinnlosigkeit ihres Lebens erstickte.[24]Vgl. ebd., S. 237 – 239, 246 – 248, mit durchaus subtilen Folgen, vgl. S. 246: „Die Vorstellung, daß alle Arbeit den menschlichen Geist entwürdigt, übertrug sich unmerklich von der … Continue reading
„Wie in der modernen Technologie neigte die Maschine zunehmend dazu, die Zwecke zu diktieren und andere, intimere menschliche Bedürfnisse auszuschließen. Diese menschlichen Maschinen waren ihrem Wesen nach groß und unpersönlich, wenn nicht bewußt [sic] entmenschlicht; sie mußten [sic] in großem Maßstab operieren, oder sie konnten überhaupt nicht funktionieren, denn keine Bürokratie, so tüchtig sie sein mochte, konnte hoffen, Tausende kleine Werkstätten und Bauernwirtschaften, jede mit eigener Tradition, eigenem Fachkönnen und eigenem persönlichen Stolz und Verantwortungsgefühl, direkt zu regieren. Daher war die rigorose Form der Kontrolle, die sich in der kollektiven Maschine manifestierte, bis in unsere Zeit auf große Massenbetriebe und großangelegte Unternehmungen beschränkt.“[25]Ebd., S. 232f.
Der so gebildeten Arbeitsmaschine korrespondieren stehende Heere als „Zerstörungsmaschine“.[26]Vgl. ebd., S. 219.
In dieser Zeit sieht Mumford den Ursprung des Krieges als „bewaffnete Konflikte zwischen je zwei unabhängigen und politisch organisierten Gruppen“.[27]Vgl. ebd., S. 209f, 249 – 257, 259f. „Als die Militärmaschine stärker wurde, verlor die Autorität des Tempels an Notwendigkeit, und die Organisation des Palastes, die im großen Territorialstaat reich geworden war und keiner Stütze mehr bedurfte, überschattete oft die der Religion.“[28]Vgl. ebd., S. 258.
Gewalt – und noch dazu geradezu groteske Gewalt – bestimmt jedoch nicht nur das Außenverhältnis der so entstehenden Reiche, sondern ist fast noch charakteristischer für ihr Innenleben. Sie wird gleichermaßen zum Ausweis der absoluten Souveränität des Gottkönigs wie zu seinem Herrschaftsmittel.[29]Vgl. ebd., S. 201f, 214 – 217.
„Nur wer von den Göttern zum König bestimmt war, konnte auf Erden solch bedingungslosen Gehorsam fordern; nur wer diesen anmaßenden Anspruch gegen Zweifel oder aktiven Widerstand mit Waffengewalt durchsetzen konnte, vermochte die Gewohnheit der Selbstverwaltung zu brechen, die kleine Gemeinschaften auf der Grundlage überlieferter Bräuche und ihrer begrenzten Fähigkeiten, sich zu beratschlagen und nach gesundem Menschenverstand zu handeln, entwickelt hatten.“[30]Vgl. ebd., S. 211.
Die Alternative hierzu beschreibt Mumford unter anderem wie folgt:
„Viele primitive Gemeinschaften arbeiten sehr wirkungsvoll zusammen, in dem sie an überlieferten Gewohnheiten und uralten Sitten festhalten: Konformität ist der Preis gegenseitiger Toleranz, und Verfemung ist die härteste Strafe, die gewöhnlich verhängt wird. Doch um die Ausführung königlicher Befehle über eine lange Kette von Menschen, die oft weit entfernt vom Machtzentrum sind, zu sichern, bedurfte das Königtum einer strikteren Form der Unterwerfung. Sollte die Organisation des Staates reibungslos als eine Einheit funktionieren, dann mußte die Konformität automatisch und vollständig sein.“[31]Vgl. S. 214.
Unmenschliche Gewalt ist so die Kehrseite dieser „Zivilisation“:
„Mit den Ideen der Unterwerfung und des absoluten Gehorsams, die für den Aufbau einer menschlichen Maschine von entscheidender Bedeutung waren, kamen jedoch auch die Möglichkeiten des Ungehorsams, des Verrats und der Rebellion. Um zu gewährleisten, daß die himmlischen Sanktionen des Königtums gebührend respektiert werden, muß das Königtum letztlich bereit sein, zur Gewalt zu greifen: nicht einfach zur nackten Gewalt, sondern zu Gewalt in grausamer, sadistischer Form, wiederholt bis zu alptraumhaften Grausamkeitsorgien getrieben, so entmenscht wie jene, deren Zeugen wir im letzten Menschenalter waren…Brutaler Zwang war die notwendige Begleiterscheinung der ausgedehnten Organisation und der extensiven Ordnung, die das Königtum einführte.“[32]Vgl. ebd. S. 215f
Während die alte Gesellschaftsordnung in kleinen Einheiten verstreut war, auf nachbarlicher Vertrautheit, gewohnten Gepflogenheiten und Konsens beruhte (Mumford nennt dies „demokratisch“) sowie jeweils auf ein kleines Gebiet begrenzt war, zeichnet die neue Gesellschaftsordnung sich durch folgende Charakteristika aus:
- In großen Einheiten zusammengeschlossen
- Autoritär, zentral gelenkt, unter der Kontrolle einer herrschenden Minderheit
- Expansiv
- Hierarchische Struktur; soziale Pyramide[33]Ebd., S. 194.
Die Hauptzüge dieser „Zivilisation“ waren
„die Zentralisierung der politischen Macht, die Klassentrennung, die lebenslange Arbeitsteilung, die Mechanisierung der Produktion, die Vergrößerung der militärischen Macht, die wirtschaftliche Ausbeutung der Schwachen und die allgemeine Einführung der Sklaverei und der Zwangsarbeit für produktive wie für militärische Zwecke.“[34]Ebd., S. 218.
An anderer Stelle verdeutlicht Mumford den Kontrast wie folgt:
„Die primitive Gesellschaft kennt im allgemeinen nur zwei schwere Verbrechen: Bruch des Inzesttabus und Mord. Jedoch mit dem neuen Verwaltungs- und Gesetzgebungssystem, das vom Königtum eingeführt wurde, stieg die Zahl der als Verbrechen geltenden Handlungen, und die Strafen wurden drakonischer. Ungehorsam gegenüber den Befehlen einer höheren Instanz war die schlimmste aller Sünden….Abgesehen von Mord und Vergewaltigung gehen die schlimmsten Verbrechen, die von der zivilisierten Autorität bestraft werden, auf die »unentschuldbare Sünde« des Königtums zurück: Ungehorsam gegenüber dem Herrscher. Mörderischer Zwang war die königliche Formel, um Autorität zu etablieren, Gehorsam zu sichern, Beute, Tribut und Steuern einzutreiben. Im Grunde war jede Königsherrschaft ein Terrorregime. Mit der Ausbreitung des Königtums wurde dieser Terror zu einem integralen Bestandteil der neuen Technologie und der neuen Überflußökonomie [sic].“[35]Ebd., S. 216f.
Besserung kam wenn, dann aus alter Quelle:
„Sofern das Königtum mit der Zeit ein wenig humaner, moralischer und auf bescheidenere Dimensionen reduziert wurde, geschah dies weitgehend durch den hartnäckigen Widerstand der Dorfgemeinschaften, deren Lebensgewohnheiten von den in die Städte ziehenden Dorfbewohnern zum Teil dorthin übertragen wurden.“[36]Ebd., S. 211.
Gleichzeitig zogen die Könige aber auch einen Teil ihrer Legitimität wie ihrer sozialen Akzeptanz aus dem Anspruch, die Lebensweise des Dorfes auf das größere Gemeinwesen zu übertragen, einen Umstand, den Mumford explizit in Analogie zum modernen Wohlfahrtsstaat sieht und der zugleich an Alasdair MacIntyres Kritik am Kommunitarismus erinnert, der Politik des Staates die Werte und Partizipationsweisen lokaler Gemeinschaften einflösen zu wollen.[37]Vgl. ebd., S. 212.
Sein Fazit:
„Psychisch gesunde Menschen haben nicht das Bedürfnis, von absoluter Macht zu phantasieren; sie können mit der Realität fertig werden, ohne sich selbst zu verstümmeln und vorzeitig mit dem Tod zu liebäugeln. Aber die entscheidende Schwäche einer übermäßig reglementierten institutioneilen [sic] Struktur – und die »Zivilisation« war von Anfang an fast ex definitione [sic] überreglementiert – besteht darin, daß [sic] sie nicht dazu tendiert, psychisch gesunde Menschen hervorzubringen. Die strenge Arbeitsteilung und das Kastenwesen bringen unausgeglichene Charaktere hervor, und die mechanische Routine begünstigt in der Regel jene unter Zwängen leidenden Menschen, die sich fürchten, es mit der verwirrenden Fülle des Lebens aufzunehmen. Mit einem Wort, die hartnäckige Mißachtung [sic] organischer Grenzen und menschlicher Fähigkeiten unterminierten die wertvollen Beiträge zur Ordnung der menschlichen Dinge und zum Verständnis für die Stellung des Menschen im Kosmos, welche die neuen Himmelsreligionen eingeführt hatten. Die Dynamik und das Expansionsvermögen der zivilisierten Technik hätten sich als bedeutendes Gegengewicht zu den Fixierungen und der Isolierung der Dorfkultur erweisen können, wäre ihre eigene Lebensordnung nicht noch restriktiver gewesen.“[38]Ebd., S. 260.
Zusammengefasst kann man sagen: In der Bronzezeit – und nicht erst in den Tagen von Thomas Hobbes – entstand das, was Andrew Willard Jones als Leviathan kritisiert: die auf einem – hier königlichen – Gewaltmonopol basierende Staatlichkeit als vorherrschende menschliche Sozialform.[39]Vgl. ebd., S. 213: „Was man heute noch die staatliche Souveränität nennt, bewahrt unvermindert den ursprünglichen königlichen Anspruch auf Macht und Privilegien, Eigentumsrecht und unbedingten … Continue reading In kaum zu übersehender Parallele zu Jones beschreibt Mumford den Übergang von einer dem Subsidiaritätsprinzip entsprechenden Sozialform zu einer dem Souveränitätsprinzip folgenden:
„…Öffentliches Recht fallen unter die Kontrolle des Königs, und wenn nötig, ersetzen dessen Edikte und Gesetze die uralten Bräuche der Gemeinschaft.“[40]Ebd., S. 213.
Sozusagen der erste historische Leviathan und gleichsam Prototyp für all seine Nachfolger war in einer etwas pointierten Formulierung das biblische Sklavenhaus Ägypten.[41]Vgl. ebd., S. 213: „Diese Solidarität zwischen einem mit göttlicher Macht ausgestatteten Herrscher und seiner Gemeinschaft erreichte klassischen Ausdruck in Ägypten; wie Frankfort es darstellt: … Continue reading
(Aus religiöser wie religionsgeschichtlicher Perspektive ist hier interessant, wie Ägypten und Babel als die paradigmatischen Gottkönigtümer jener Zeit in der Bibel als gottwidrige Gemeinwesen par excellence erscheinen, während etwa im 1. Buch Samuel Kapitel 8 sehr deutlich vor den Folgen einer Einführung des Königtums gewarnt wird. Die ideale biblische Sozialordnung, wie sie in der Tora – insb. Exodus und Deuteronomium – niedergelegt ist, zielt eindeutig auf die Konservierung subsidiärer Strukturen.)
Auf der anderen Seite beschreibt Mumford am Beispiel der Stadt Jericho, wie die „demokratische Urgemeinschaft“ bereits ohne königliche Zwangsgewalt in der Lage war, „ein ziemlich hohes Niveau technischer Kooperation und Leistungsfähigkeit“ zu erreichen.[42]Vgl. ebd., S. 212.
Die erste Beitrag Mumfords zur Frage nach einer ganzheitlichen Ökologie besteht also darin – übrigens in Übereinstimmung mit Graeber/Wengrow[43]David Graeber & David Wengrow, Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Klett-Cotta, Stuttgart 2022. – aufgezeigt zu haben, dass der Leviathan tatsächlich nicht die einzige und alternativlose Sozialform ist, sondern dass die Menschheit tatsächlich Jahrtausende lang weitgehend friedlich[44]Vgl. Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine, S. 250. und höchst innovativ[45]Vgl. ebd., S. 154ff. in Sozialformen gelebt hat, die der von Jones beschriebenen Subsidiarität nahe kommen, wobei natürlich zu bemerken ist, dass dem neolithischen Dorf just jene Integration in höhere Ebenen fehlte, die charakteristisch für die Subsidiarität sind und gerade dieses Fehlen zur beschriebenen Erstarrung beitrug, während gleichzeitig auch der bronzezeitliche Leviathan logisch und praktisch von Strukturen der Freundschaft abhängig war.
References[+]
| ↑1 | Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1978. |
|---|---|
| ↑2 | Vgl. ebd., S. 175 – 183. |
| ↑3 | Vgl. ebd., S. 185 – 193. |
| ↑4 | Vgl. ebd., S. 186. |
| ↑5 | Ebd., S. 189. |
| ↑6 | Vgl. ebd., S. 188. |
| ↑7 | Vgl. ebd. |
| ↑8 | Ebd., S. 187. |
| ↑9 | Vgl. ebd., S. 188. |
| ↑10 | Vgl. ebd., S. 171f, 175 – 183. |
| ↑11 | Vgl. ebd., S. 178 – 181. |
| ↑12 | Vgl. ebd., S. 191 – 193. |
| ↑13 | Vgl. ebd., S. 196f, 201, 203 – 205, 207, 230f. |
| ↑14 | Vgl. ebd., S. 200f, 203f, 206f, 210f. |
| ↑15 | Vgl. ebd., S. 207, 219f, 225ff. |
| ↑16 | Ebd., S. 223. |
| ↑17 | Vgl. ebd., S. 214 – 217, 230 – 233, so S. 231: „Eine Verbindung zwischen Königtum und Sonnenanbetung lag auch in der Tatsache, daß der König, ebenso wie die Sonne, aus der Entfernung Macht ausübte. Zum ersten Mal wurde Macht außerhalb unmittelbarer Hör oder Reichweite wirksam. Keine militärische Waffe war an sich stark genug, um solche Macht zu verleihen. Es bedurfte eines besonderen Transmissionssystems: einer Armee von Schreibern, Boten, Aufsehern, Oberaufsehern, Truppführern, höheren und niederen Vollzugsbeamten, deren ganze Existenz von der gewissenhaften Ausführung der königlichen Befehle oder, direkter, der Anordnungen seiner mächtigen Minister und Generäle abhing. Mit anderen Worten, eine gutorganisierte Bürokratie ist ein integraler Bestandteil der Megamaschine: eine Gruppe von Menschen, die fähig sind, einen Befehl mit der rituellen Pedanterie eines Priesters oder dem blinden Gehorsam eines Soldaten weiterzugeben und auszuführen.“ |
| ↑18 | Ebd., S. 233. |
| ↑19 | Ebd., S. 210. |
| ↑20 | Ebd., S. 215. |
| ↑21 | Vgl. ebd., S. 219. |
| ↑22 | Vgl. ebd., S. 224f. |
| ↑23 | Vgl. ebd., S. 245. |
| ↑24 | Vgl. ebd., S. 237 – 239, 246 – 248, mit durchaus subtilen Folgen, vgl. S. 246: „Die Vorstellung, daß alle Arbeit den menschlichen Geist entwürdigt, übertrug sich unmerklich von der Megamaschine auf alle anderen manuellen Berufe.“ |
| ↑25 | Ebd., S. 232f. |
| ↑26 | Vgl. ebd., S. 219. |
| ↑27 | Vgl. ebd., S. 209f, 249 – 257, 259f. |
| ↑28 | Vgl. ebd., S. 258. |
| ↑29 | Vgl. ebd., S. 201f, 214 – 217. |
| ↑30 | Vgl. ebd., S. 211. |
| ↑31 | Vgl. S. 214. |
| ↑32 | Vgl. ebd. S. 215f |
| ↑33 | Ebd., S. 194. |
| ↑34 | Ebd., S. 218. |
| ↑35 | Ebd., S. 216f. |
| ↑36 | Ebd., S. 211. |
| ↑37 | Vgl. ebd., S. 212. |
| ↑38 | Ebd., S. 260. |
| ↑39 | Vgl. ebd., S. 213: „Was man heute noch die staatliche Souveränität nennt, bewahrt unvermindert den ursprünglichen königlichen Anspruch auf Macht und Privilegien, Eigentumsrecht und unbedingten Gehorsam, zusammen mit Strafen und Opfern, wie sie der Herrscher im Namen der nationalen Wohlfahrt zu verhängen für angemessen hält.“ |
| ↑40 | Ebd., S. 213. |
| ↑41 | Vgl. ebd., S. 213: „Diese Solidarität zwischen einem mit göttlicher Macht ausgestatteten Herrscher und seiner Gemeinschaft erreichte klassischen Ausdruck in Ägypten; wie Frankfort es darstellt: »Was die Menschen von ihren Hirten erwarteten, war . . . , daß Pharao von der absoluten Macht, zu der ihn seine Göttlichkeit berechtigte und die ihn wie nichts anderes befähigte, für das Wohl der ganzen Gemeinschaft zu sorgen, vollen Gebrauch mache.«“. |
| ↑42 | Vgl. ebd., S. 212. |
| ↑43 | David Graeber & David Wengrow, Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Klett-Cotta, Stuttgart 2022. |
| ↑44 | Vgl. Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine, S. 250. |
| ↑45 | Vgl. ebd., S. 154ff. |