Wilhelm Röpke

In Laudato Si‘ warnt Papst Franziskus vor einer magischen Auffassung des Marktes[1]Laudato Si‘ Nr. 190: „Wieder einmal ist es gut, eine magische Auffassung des Marktes zu vermeiden, die zu der Vorstellung neigt, dass sich die Probleme allein mit dem Anstieg der Gewinne der … Continue reading und kritisiert dessen Vergötterung.[2]Laudato Si‘ Nr. 56: „Daher bleibt heute „alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden“. Noch konkreter in seiner Verurteilung bestimmter Wirtschaftstheorien wird er freilich in Fratelli tutti, wo er schreibt:

„Der Markt allein löst nicht alle Probleme, auch wenn man uns zuweilen dieses Dogma des neoliberalen Credos glaubhaft machen will.“[3]Fratelli tutti Nr. 168.

Und weiter:

„Der Neoliberalismus regeneriert sich immer wieder neu auf identische Weise, indem er – ohne sie beim Namen zu nennen – auf die magische Vorstellung des Spillover oder die Trickle-down-Theorie als einzige Wege zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme zurückgreift.“[4]Ebd.

Magische Vorstellungen und Auffassungen, Dogma, Credo, vergötterter Markt – der Neoliberalismus erscheint bei Papst Franziskus als eine Religion, ja als ein Aberglaube, den es zu überwinden gelte.

Eine genaue Lektüre zeigt jedoch, dass sich diese Aussagen speziell auf die angelsächsische Variante des Neoliberalismus beziehen. Der Hinweis auf Spillover und Trickle-down-Theorie machen dies deutlich.

Tatsächlich findet sich vieles von der Kritik, die Papst Franziskus am Neoliberalismus äußert gerade auch bei einem Wirtschaftswissenschaftler, der selbst der – allerdings kontinentaleuropäischen – Schule des Neoliberalismus zugerechnet wird: Wilhelm Röpke.

Röpke, ein norddeutscher Protestant, der vor dem Regime der Nationalsozialisten in die Schweiz floh.

Wilhelm Röpke

Röpke, der sich in seinen Werken „Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart“[5]Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart. Rentsch, Erlenbach ZH 1942 (Haupt, Bern 1979, ISBN 3-528-02870-2). und „Civitas humana“[6]Wilhelm Röpke, Civitas Humana. Grundfragen der Gesellschafts- und Wirtschaftsreform. Zürich 1944 (Haupt, Bern 1979, ISBN 3-258-02871-0). positiv auf die Sozialenzyklika Quadragesimo Anno von Papst Pius XI. bezog und im Vorwort zur englischen Ausgabe der „Gesellschaftskrisis“ von 1949 berichtet, wie er aufgrund seiner ökonomischen Ansichten einmal irrtümlich für einen Katholiken gehalten wurde.[7]Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 18f.

„Für Röpke steht — im Unterschied zu liberalen Relativisten – fest, dass es konstante Bedürfnisse einer unveränderlichen Menschennatur gibt, nicht nur in physischer, sondern auch in sozialer und geistiger Hinsicht. Dazu gehört das Bedürfnis nach einem festen Horizont, nach Bindung und Hingabe, sinnvollen Lebensaufgaben und Gemeinschaftserleben. Röpke spricht hier wie sein Freund Alexander Rüstow vom «Integrationsbedürfnis» des Menschen — mit sich selbst und in einer Orientierung und Wert spendenden Ordnung. Unter welchen sozio-biologischen und geistig-moralischen Voraussetzungen gedeiht der Mensch im Sinne eines seelischen und physischen Gleichgewichts, der Lebensfreude und Vitalität am besten — dies ist für Röpke die entscheidende Frage.“[8]Gerd Habermann, Wilhelm Röpke : ein Liberaler fordert heraus. S. 2f.

Das Interesse von Wilhelm Röpke an einer ganzheitlichen Ökologie

Man kann auch sagen: Die entscheidende Frage für Wilhelm Röpke ist jene nach einer ganzheitlichen Ökologie.[9]Eine Untersuchung des Verhältnisses Wilhelm Röpkes zur katholischen Soziallehre in ihrer Gesamtheit bietet Petersen, Tim (2008) : Wilhelm Röpke und die Katholische Soziallehre,HWWI Research Paper, … Continue reading Dies macht ihn zu einem „Pionier einer kulturellen Ökonomik“[10]Goldschmidt, Nils (2009) : Liberalismus als Kulturideal: Wilhelm Röpke und die kulturelle Ökonomik, Freiburger Diskussionspapiere zur Ordnungsökonomik, No. 09/2, Albert-Ludwigs-Universität … Continue reading.

Und dies rechtfertigt auch noch rund 50 Jahre nach dem Tod dieses Wirtschaftswissenschaftlers und Sozialphilosophen die Auseinandersetzung mit seinem Denken und seinen Impulsen für eine ganzheitliche Ökologie in den nachfolgenden Beiträgen:

References

References
1Laudato Si‘ Nr. 190: „Wieder einmal ist es gut, eine magische Auffassung des Marktes zu vermeiden, die zu der Vorstellung neigt, dass sich die Probleme allein mit dem Anstieg der Gewinne der Betriebe oder der Einzelpersonen lösen.“
2Laudato Si‘ Nr. 56: „Daher bleibt heute „alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden“.
3Fratelli tutti Nr. 168.
4Ebd.
5Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart. Rentsch, Erlenbach ZH 1942 (Haupt, Bern 1979, ISBN 3-528-02870-2).
6Wilhelm Röpke, Civitas Humana. Grundfragen der Gesellschafts- und Wirtschaftsreform. Zürich 1944 (Haupt, Bern 1979, ISBN 3-258-02871-0).
7Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 18f.
8Gerd Habermann, Wilhelm Röpke : ein Liberaler fordert heraus. S. 2f.
9Eine Untersuchung des Verhältnisses Wilhelm Röpkes zur katholischen Soziallehre in ihrer Gesamtheit bietet Petersen, Tim (2008) : Wilhelm Röpke und die Katholische Soziallehre,
HWWI Research Paper, No. 5-5, Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), Hamburg.
10Goldschmidt, Nils (2009) : Liberalismus als Kulturideal: Wilhelm Röpke und die kulturelle Ökonomik, Freiburger Diskussionspapiere zur Ordnungsökonomik, No. 09/2, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Allgemeine Wirtschaftsforschung, Abteilung für Wirtschaftspolitik, Freiburg i. Br., S. 10.