Die allgemeine Berufung zur Heiligkeit

Die ganzheitliche Ökologie erfordert, wie wir gesehen haben, ganz wesentlich die Wiederentdeckung der aristotelischen Naturrechtslehre und die Überwindung des technokratischen Paradigmas eine aristotelische Bildungs- und Erziehungsreform. Letztere beinhaltet auf struktureller Ebene sicherlich eine sozialökologische Transformation. Andrew Willard Jones hat in diesem Kontext jedoch auch das Zusammenspiel von Natur und Gnade herausgearbeitet und Rocco Buttiglione vertritt in diesem Sinne die These, dass die Kardinaltugenden nur auf dem Fundament der theologischen Tugenden fest etabliert werden können.[1]Vgl. Rocco Buttiglione, Modernity’s Alternative – How History is formed in the Dephts of the Peoples, übersetzt von Andrew Bernetsky mit Reuben Slife, hg. von Reuben Slife, New Polity Press … Continue reading

Dies stellt die Notwendigkeit einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform sowie einer sozialökologischen Transformation in den weiteren Zusammenhang einer erforderlichen Rechristianisierung oder – in den Worten des hl. Papstes Johannes Paul II. – einer Neuevangelisierung.

Neokonservatismus, Neointegralismus und Communio-Theologie

Dies bringt uns auch zu der Diskussion um das Verhältnis von Kirche und Staat, geistlicher und weltlicher Gewalt. Hier unterschied Pater Edmund Waldstein O. Cist. Whig Thomismus, augustinischen Radikalismus und Integralismus.[2]Vgl. David  C. Schindler, Freedom from Reality: The Diabolical Character of Modern Liberty (Catholic Ideas for a Secular World), ‎ University of Notre Dame Press, Notre Dame Indiana USA 2019, S. … Continue reading

Whig – d. h. liberaler – Thomismus meint die relativ saubere Trennung beider Bereiche, wie sie in der westlichen Welt heute in ihren unterschiedlichen Variationen gegeben ist. Es ist sozusagen die Position des Status quo.

Der augustinische Radikalismus liest, ähnlich wie etwa schon die Täuferbewegung der Frühneuzeit, die Bergpredigt als politisches Manifest, das es in die Praxis umzusetzen gelte. Der Unterschied und so auch die Trennung von Kirche und Staat kollabiert damit. Es findet eine Verschmelzung beider Bereiche statt.

Der Integralismus schließlich fordert die eindeutige Unterordnung der weltlichen unter die geistliche Gewalt.

Es geht an dieser Stelle nicht darum, die Zuordnung der ersten beiden Positionen zu zwei bedeutenden Heiligen auf ihre Legitimität zu hinterfragen. Sie wird hier als durch das Schema Waldsteins gegeben vorausgesetzt, um die Kritik von Andrew Willard Jones – und David C. Schindler – am (Neo)Integralismus deutlicher zu veranschaulichen. Jones wirft dem Integralismus letztlich vor, eine Art Hobbesscher Thomismus zu sein, insofern die – laut Waldstein den Whig Thomismus charakterisierende – rein äußerliche Beziehung zwischen Kirche und Staat, geistlicher und weltlicher Gewalt grundsätzlich erhalten und lediglich hinsichtlich ihrer relativen Positionierung zueinander modifiziert wird, wobei die Kirche als eigentlicher Leviathan an die Stelle des säkularen Staates tritt, der zu einer Art Ausführungsorgan der Kirche herabsinkt. Stattdessen müsse das Verhältnis von Kirche und Staat, von geistlicher und weltlicher Gewalt sehr viel innerlicher gedacht werden, nämlich die Kirche als Seele, das heißt als Form, des politischen Gemeinwesens.[3]Vgl. David L. Schindler, Heart of the World, Center oft he Church – Communio Ecclesiology, Liberalism, and Liberation, S 10.  Der Vorwurf lautet also letztlich, dass der Integralismus zu wenig integralistisch sei.

Konkret geht es dabei darum, dass – wie John Milbank deutlich gemacht hat[4]gl. John Milbank, On ‘Left Integralism’: Catholic Social Teaching as a Political Theology, S. 3f. – die Kirche nicht potestas, das heißt eine Zwangsgewalt, gegenüber dem Staat ausübt im Sinne einer katholischen Theokratie, sondern von innen her kraft ihrer auctoritas, ihrer Autorität, auf das politische Gemeinwesen einwirkt.[5]Vgl. Magnifica humanitas 25: „Das Verständnis von Wahrheit als Geschenk, das es miteinander zu teilen gilt, und nicht als Besitz, den man für sich beansprucht, befreit die Kirche von der … Continue reading Dies verlangt, wie David L. Schindler schon vor über 30 Jahren deutlich gemacht hat, die Kirche nicht primär als Rechtsträger und Institution zu sehen – wie wohl sie auch das ist – sondern als Communio, als Gemeinschaft (der Heiligen). [6]Vgl. David L. Schindler, Heart of the World, S. 6 – 11.

Man kann also sagen: Hobbesscher und Whig Thomismus betrachten die Kirche als rechtlich verfasste Institution, die auf mechanische Weise Druck auf den Staat ausübt, damit er das eine tut und das andere lässt – im einen – neointegralistischen – Fall von oben, im anderen – neokonservativen – Fall als Interessenvertreterin, NGO, Lobby- oder pressure group von unten aus der Gesellschaft heraus. Stattdessen geht es nach Schindler et al. aus dem Umfeld der Communio-Schule nicht um das Verhältnis von oben und unten, sondern von innen und außen. Es ist die Schönheit des Lebens der Heiligen, die eine Anziehung entfaltet, die von innen heraus eine Neuordnung, eine Transformation, bewirkt.

Insofern die Kirche demnach durch ihre Autorität auf das politische Gemeinwesen einwirkt, diese Autorität aber direkt von ihrer Heiligkeit abhängt, heißt  dies, dass ein Mangel an Einwirkung kraft dieser Autorität Folge eines Mangels an Heiligkeit ist, ohne dass dies einen, die Freiheit der Menschen negierenden, Automatismus implizieren soll.

Die allgemeine Berufung zur Heiligkeit

Was in unserer – und jeder Zeit – damit am meisten Not tut – gerade auch im Hinblick auf Rechristianisierung/Neuevangelisierung sowie damit zusammenhängend sozialökologische Transformation und aristotelische Bildungs- und Erziehungsreform – und zugleich das, worin wir am meisten fehlen, ist also, der durch das 2. Vatikanische Konzil hervorgehobenen allgemeinen Berufung zur Heiligkeit (vgl. Lumen Gentium 32) zu entsprechen, das heißt also: nach Heiligkeit zu streben.[7]Vgl. ebd., S. 40.

Übertragen auf die in Anlehnung an Andrew Willard Jones beschriebenen Wirkursachen einer sozialökologischen Transformation bzw. aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform bedeutet das deren Transformation wie folgt:

–       Aus der Tugendübung wird das Streben nach Heiligkeit.

–       Aus der Tugendvermittlung die Vermittlung von Heiligkeit primär durch das eigene Vorbild[8]Vgl. Rocco Buttiglione, Modernity’s Alternative, S. 184, 268.

–       Aus dem Dialog mit Freunden über das Wahre und Gute die Bezeugung des Kerygmas[9]Vgl. Evangelii Gaudium Nr. 160 – 177.

–       Aus der Identifizierung, Ausweitung und Vertiefung von Strukturen der Freundschaft und der Solidarität der Aufbau der Kirche

–       Die stellvertretende Sühne schließlich ist ohnehin schon Bestandteil der erstrebten Heiligkeit.

Im Letzten aber kann man alles zusammenfassen im Streben nach Heiligkeit. Hierzu noch ein paar Gedanken:

Dimensionen des Strebens nach Heiligkeit

Die Orthodoxie spricht in diesem Zusammenhang von Theosis, Vergöttlichung; in den Worten des hl. Augustinus: „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde.“

Die Vergöttlichung ist also nicht primär ethisch-moralischer, sondern ontologischer Natur. Man kann auch sagen: Erst ändert sich unser Sein, dadurch unser Tun und dann auch die Welt. Dieses Sein ist dabei nicht etwas, das wir – etwa im Sinne des Transhumanismus – herstellen oder machen können.[10]Vgl. Magnifica Humanitas 127f. Ganz entgegen der modernen Fixierung auf die Aktion, ist es vielmehr etwas, das wir empfangen.

Die 2. Person in Gott, der göttliche Logos, empfing sein menschliches Sein, indem Maria, seine jungfräuliche Mutter, ihn als Sohn empfing. Dies war die Voraussetzung für das von ihm vollbrachte Heilswerk (sein Tun) und damit für das angebrochene Reich Gottes.

Voraussetzung für das Empfangen Mariens war ihre Empfänglichkeit, das heißt ihre Jungfräulichkeit bzw. Reinheit, doch auch diese war durch Gnade gewirkt in ihrer unbefleckten Empfängnis als Immaculata.

Was heißt dies nun für uns, die wir nach Heiligkeit streben und darin in Maria unser Modell sehen?

Es heißt: „Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1. Joh. 1,2) Die Theosis, Vergöttlichung, erfolgt also auf dem Weg der Schau, der theoria oder contemplatio als einem Empfangen. Dieses schauende Empfangen setzt jedoch die Reinheit des Herzens voraus (vgl. Mt. 5,8). Die Reinheit des Herzens ist jedoch ein Werk Gottes, ein Werk der Gnade, um das wir Gott im Gebet bitten können (vgl. Ps. 51,12).

Es heißt: „Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1. Joh. 1,2) Die Theosis, Vergöttlichung, erfolgt also auf dem Weg der Schau, der theoria oder contemplatio als einem Empfangen. Dieses schauende Empfangen setzt jedoch die Reinheit des Herzens voraus (vgl. Mt. 5,8). Die Reinheit des Herzens ist jedoch ein Werk Gottes, ein Werk der Gnade, um das wir Gott im Gebet bitten können (vgl. Ps. 51,12).

Eine Dimension des Strebens nach Heiligkeit besteht also im Gebet um ein reines Herz.

Heiligkeit

Das Empfangen von Gnade und damit Heiligkeit ist katholischerseits zugleich nicht zu denken ohne die Gemeinschaft der Kirche und die in ihr und durch sie empfangenen Sakramente. Wie Tracey Rowland hervorhebt erforderte etwa für Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. die Neuevangelisation eine trinitarische und folglich sakramentale Transformation der Kultur.[11]Vgl. Tracey Rowland, Introducing Communio Theology, Word on Fire Catholic Ministries, Elk Grove Village Illinois USA 2025, S. 66f.

Eine weitere Dimension des Strebens nach Heiligkeit besteht also in einem Leben aus den Sakramenten der Kirche.[12]Vgl. Andrew Willard Jones, The Church against the State – On Subsidiarity and Sovereignty, newpolity.com/press Steubenville, Ohio USA 2025, S. 132.

Die dritte Dimension der Heiligkeit besteht schließlich darin, die Liebe Jesu Christi in die Welt hinauszutragen. Hier spricht Schindler von der tagtäglich sich neu stellenden Herausforderung, jene sozialen, ökonomischen, politischen und Bildungseinrichtungen/-institutionen bei denen wir am stärksten involviert sind, mit dieser Liebe zu durchdringen.[13]Vgl. David L. Schindler, Heart of the World, S.136. In Anlehnung an seine Überlegungen zur Heiligkeit des Intellekts sowie in Abwandlung eines Gedankens von Andrew Willard Jones kann man die Herausforderung demnach auch wie folgt formulieren: Durch Verstehen, das heißt geistig-intellektuelles Hineintreten in und Partizipieren an bereits vorhandene(r) communio bzw. Liebe (Stichwort: Metaphysik der Fülle und des Friedens) diese zu identifizieren, auszuweiten und zu vertiefen.[14]Vgl. ebd., S.XI – XIII. Schon dies ist eine Ausübung von Autorität, bei der es ihrem Wortursprung nach um eine Mehrung der Realität geht.[15]Vgl. David C. Schindler, Freedom from Reality, S. 266 Hierum geht es auch, wenn Papst Leo XIV. in Magnifica humanitas dazu aufruft, „nach Weisheit“ zu streben „statt nach schneller Wirkung“ (MH 237). Die so ausgeübte Autorität wird noch gesteigert, wenn aus diesem Verstehen, aus diesem Hineintreten in eine vorgefundene Communio, heraus in diese vorgefundene und empfangene Realität Wahrheit hineingesprochen, bezeugt wird.[16]ebd. Verstehen ist dabei ein wesentlich spiritueller Akt, insofern er zunächst Ruhig werden voraussetzt – also die Themen Herzensruhe, Herzensreinheit, Reinigung und Askese einschließt – und dann auch Hinhören – also die Themen Gehorsam, Inspiriertwerden, Schauen/theoria.

Es gibt also drei Dimensionen des Strebens nach Heiligkeit, die zudem jeweils in besonderer Weise mit einem der drei Stände der Kirche verbunden sind und dennoch in allen drei Ständen auf je eigene Weise ihre Verwirklichung finden:

  1. Das Gebet um Herzensreinheit, das in besonderer Weise mit dem Stand des geweihten Lebens verbunden ist, ohne sich auf diesen zu beschränken.
  2. Das Leben aus den Sakramenten der Kirche, das in besonderer Weise mit dem Priesterstand bzw. Klerus verbunden ist, der mit der Verwaltung der Sakramente betraut ist, für Laien aber auch etwa das Leben aus dem Ehesakrament beinhaltet.
  3. Das Hinaustragen der Liebe Jesu Christi in die Welt, wie es in besonderer Weise mit dem mit der Weltgestaltung betrauten Stand der Laien verbunden ist (vgl. Lumen Gentium 36).

Hierzu ruft uns also das 2. Vatikanische Konzil mit der Betonung der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit. Dies auch ist der wichtigste Schritt hin zur Verwirklichung einer ganzheitlichen Ökologie und zur Überwindung des technokratischen Paradigmas.

Ergänzt am 26.05.2026.

References

References
↑1Vgl. Rocco Buttiglione, Modernity’s Alternative – How History is formed in the Dephts of the Peoples, übersetzt von Andrew Bernetsky mit Reuben Slife, hg. von Reuben Slife, New Polity Press Steubenville Ohio USA 2025, S. 163.
↑2Vgl. David  C. Schindler, Freedom from Reality: The Diabolical Character of Modern Liberty (Catholic Ideas for a Secular World), ‎ University of Notre Dame Press, Notre Dame Indiana USA 2019, S. 241 – 291.
↑3Vgl. David L. Schindler, Heart of the World, Center oft he Church – Communio Ecclesiology, Liberalism, and Liberation, S 10.
↑4gl. John Milbank, On ‘Left Integralism’: Catholic Social Teaching as a Political Theology, S. 3f.
↑5Vgl. Magnifica humanitas 25: „Das Verständnis von Wahrheit als Geschenk, das es miteinander zu teilen gilt, und nicht als Besitz, den man für sich beansprucht, befreit die Kirche von der Versuchung, Formen ihrer Präsenz nachzutrauern, die auf Macht beruhen.“
↑6Vgl. David L. Schindler, Heart of the World, S. 6 – 11.
↑7Vgl. ebd., S. 40.
↑8Vgl. Rocco Buttiglione, Modernity’s Alternative, S. 184, 268.
↑9Vgl. Evangelii Gaudium Nr. 160 – 177.
↑10Vgl. Magnifica Humanitas 127f.
↑11Vgl. Tracey Rowland, Introducing Communio Theology, Word on Fire Catholic Ministries, Elk Grove Village Illinois USA 2025, S. 66f.
↑12Vgl. Andrew Willard Jones, The Church against the State – On Subsidiarity and Sovereignty, newpolity.com/press Steubenville, Ohio USA 2025, S. 132.
↑13Vgl. David L. Schindler, Heart of the World, S.136.
↑14Vgl. ebd., S.XI – XIII.
↑15Vgl. David C. Schindler, Freedom from Reality, S. 266
↑16ebd.