Herz-Jesu-Verehrung
In Dilexit nos empfiehlt Papst Franziskus die Herz-Jesu-Verehrung als Mittel gegen den Gnostizismus. Bereits im Rahmen seiner historischen Einordnung dieser Frömmigkeitsform hält er fest:
„Es lohnt sich, an dieser Stelle die Überlegungen eines Theologen aufzugreifen, der einräumt, dass »die Theologie unter dem Einfluss des griechischen Denkens den Körper und die Gefühle lange Zeit in die Welt des Vormenschlichen, Untermenschlichen oder der Versuchung des wahrhaft Menschlichen verbannt hat, doch was die Theologie nicht in der Theorie gelöst hat, das hat die Spiritualität in der Praxis gelöst. Sie und die Volksfrömmigkeit haben die Beziehung zu den somatischen, psychologischen und historischen Aspekten Jesu lebendig gehalten. Der Kreuzweg, die Verehrung seiner Wunden, die Spiritualität des kostbaren Blutes, die Verehrung des Herzens Jesu, die eucharistischen Frömmigkeitsformen […] All dies hat die Lücken in der Theologie gefüllt, indem es die Vorstellungskraft und das Herz, die Liebe und die zärtliche Zuneigung zu Christus, die Hoffnung und die Erinnerung, die Sehnsucht und die Nostalgie genährt hat. Die Vernunft und die Logik haben andere Wege eingeschlagen«.“[1]Dilexit nos, Nr. 63.
Schon die jansenistischen Gegner der historischen Herz-Jesu-Verehrung hatten gnostische Züge:
„Dies war für viele Jansenisten schwer zu verstehen, die auf alles Menschliche, Affektive, Körperliche herabschauten und schließlich glaubten, dass eine solche Verehrung uns von der reinsten Anbetung des allerhöchsten Gottes entferne. Pius XII. nannte diese elitäre Haltung einiger Gruppen, die Gott als so hoch, so erhaben, so weit entfernt ansahen, dass sie die empfindsamen Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit als gefährlich und der kirchlichen Kontrolle bedürftig ansahen, eine »falsche mystische Lehre«.“[2]Ebd., Nr. 86.
Bezogen auf die Gegenwart betont Papst Franziskus, „dass wir es heute mehr noch als beim Jansenismus mit einem starken Vormarsch der Säkularisierung zu tun haben, die eine Welt ohne Gott anstrebt. Hinzu kommt, dass sich in der Gesellschaft verschiedene Formen von Religiosität ohne Bezug zu einer persönlichen Beziehung zu einem Gott der Liebe verbreiten, die neue Erscheinungsformen einer „Spiritualität ohne Fleisch“ sind.“[3]Ebd., Nr. 87. Doch auch in der Kirche selbst sieht er einen schädlichen jansenistischen Dualismus in neuer Gestalt wieder aufleben, der „eine Erscheinungsform jenes Gnostizismus, der schon in den ersten Jahrhunderten des christlichen Glaubens der Spiritualität geschadet und die Wahrheit der „Erlösung des Fleisches“ missachtet hat“ sei.[4]Ebd.
Das Herz-Jesu-Verehrung als Antwort auf den Gnostitzismus
Angesichts dessen erklärt Papst Franziskus:
„Deshalb richte ich meinen Blick auf das Herz Christi und lade euch ein, seine Verehrung zu erneuern. Ich hoffe, dass es auch das heutige Empfinden anspricht und uns so hilft, diesen alten und neuen Dualismen zu begegnen, auf die es eine angemessene Antwort gibt.“[5]Ebd.

Und noch einmal kurz darauf:
„Diese sehr aktuellen Krankheiten, von denen wir, wenn wir uns haben anstecken lassen, nicht einmal geheilt werden wollen, veranlassen mich, der ganzen Kirche eine neue Vertiefung der Liebe Christi, die sich in seinem Heiligsten Herzen darstellt, nahezulegen. Dort finden wir das ganze Evangelium, dort ist die Wahrheit zusammengefasst, die wir glauben, dort ist das, was wir im Glauben anbeten und suchen, dort ist das, was wir am meisten brauchen.“[6]Ebd. Nr. 89.
So zeigt sich: Wie auf intellektuell-ethischer Ebene die Theologie des Leibes, so ist auf spirituell-affektiver Ebene die Herz-Jesu-Verehrung die Antwort auf die Herausforderungen des modernen Gnostizismus.
Mit Dilexit nos hat Papst Franziskus ein entschiedenes Plädoyer für die Herz-Jesu-Verehrung vorgelegt. Er verteidigt sie gegen den Vorwurf veraltet und/oder naiv[7]Ebd., Nr. 151 – 160. zu sein und arbeitet ihre tiefe und breite Verwurzelung in Schrift[8]Ebd., Nr. 93 – 101. und Tradition[9]Ebd., Nr. 102 – 150. heraus. Dies gipfelt in der Feststellung: die Herz-Jesu-Verehrung ist die Synthese des Evangeliums.[10]Ebd., Nr. 83. Dabei wird betont, dass die Verehrung nicht einem einzelnen Organ oder einem Bildnis gelte, sondern der Person Jesu Christi und hieraus ihre Legitimität und ihren Wert beziehe.[11]Ebd., Nr. 48 – 58.
Das soziale Königtum Christi
Papst Franziskus geht dabei auch auf das Verlangen jener, welche die Herz-Jesu-Verehrung üben, ein, den gekreuzigten Christus zu trösten und Sühne bzw. Wiedergutmachung für sein Leid zu leisten.[12]Ebd., Nr. 151ff. Hierzu stellt er heraus, „dass die beste Antwort auf die Liebe seines Herzens die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern ist“.[13]Ebd., Nr. 167.
Papst Franziskus holt die Herz-Jesu-Verehrung aus dem innerlichen, privaten und rein affektiven Raum heraus, wenn er mit Johannes Paul II. ihre politische und soziale Relevanz hervorhebt:
„Wir sind aufgerufen, gemeinsam mit Christus auf den Trümmern, die wir mit unserer Sünde in dieser Welt hinterlassen, eine neue Zivilisation der Liebe aufzubauen.“[14]Ebd., Nr. 182.
Eine Zivilisation der Liebe, die Papst Franziskus Johannes Paul II. zitierend, mit dem „Reich des Herzens Christi“ identifiziert.[15]Ebd. Prägnant und vielleicht etwas provokativ könnte man so auch formulieren: Es geht um die Aufrichtung des sozialen Königtums Christi.
Die politische Dimension wird noch deutlicher, wenn unmittelbar darauf folgend Papst Franziskus die Lehre von Johannes Paul II. über die „Strukturen der Sünde“ aufgreift:
„Es steht fest, dass jede Sünde der Kirche und der Gesellschaft schadet, weshalb man »jeder Sünde […] den Charakter einer sozialen Sünde zuerkennen« kann, auch wenn dies insbesondere auf bestimmte Sünden zutrifft, die »durch ihren Inhalt selbst einen direkten Angriff auf den Nächsten« darstellen. Der heilige Johannes Paul II. erklärte, dass die Wiederholung dieser Sünden gegen die Anderen oft dazu führt, dass sich eine „Struktur der Sünde“ verfestigt, die sich auf die Entwicklung der Völker auswirkt. Dies ist oft Teil einer vorherrschenden Denkweise, die als normal oder rational betrachtet, was in Wirklichkeit bloß Egoismus und Gleichgültigkeit ist. Dieses Phänomen kann man als soziale Entfremdung bezeichnen: »Entfremdet wird eine Gesellschaft, die in ihren sozialen Organisationsformen, in Produktion und Konsum, die Verwirklichung dieser Hingabe und die Bildung dieser zwischenmenschlichen Solidarität erschwert«. Es ist nicht nur eine moralische Norm, die uns dazu anhält, diesen entfremdeten Gesellschaftsstrukturen zu widerstehen, sie offenzulegen und eine soziale Dynamik zu fördern, die das Gute wiederherstellt und aufbaut, sondern es ist die »Bekehrung des Herzens«, welche die Pflicht verstärkt, solche Strukturen zu heilen. Es ist unsere Antwort auf das liebende Herz Jesu Christi, das uns zu lieben lehrt.“[16]Ebd., Nr. 183.
Dass es dabei jedoch nicht um nackten politischen Aktivismus gehen kann macht Papst Franziskus deutlich, wenn er erklärt:
„Gerade weil die Wiedergutmachung im Sinne des Evangeliums diese starke soziale Bedeutung hat, verlangen unsere Akte der Liebe, des Dienstes und der Versöhnung, um wirklich Wiedergutmachung zu leisten, dass Christus sie anregt, sie motiviert und sie ermöglicht…Die christliche Wiedergutmachung kann nicht nur als eine Ansammlung von äußeren Werken verstanden werden, die doch auch unerlässlich und manchmal bewundernswert sind. Sie braucht eine Spiritualität, eine Seele, einen Sinn, welche ihr Kraft, Schwung und unermüdliche Kreativität verleihen. Sie braucht das Leben, das Feuer und das Licht, die aus dem Herzen Christi kommen.“[17]Ebd. Nr. 184.
Mehr noch: „Der heilige Johannes Paul II. sagte des weiteren, dass die heutige Menschheit das Herz Christi braucht, um die Zivilisation der Liebe aufzubauen.“
Verbunden mit seinem nachfolgenden Hinweis, dass „eine rein äußerliche Wiedergutmachung weder für die Welt noch für das Herz Christi ausreichend“ ist und „dass die Wiedergutmachung des Schadens, der dieser Welt zugefügt wurde, auch den Wunsch einschließt, die verwundeten Herzen zu heilen, wo der größte Schaden, wo die schmerzhafteste Wunde zugefügt wurde“,[18]Ebd., Nr. 185. Papst Franziskus geht in diesem Zusammenhang auch auf die Bedeutung der Reue, des Eingestehens von Schuld und der Bitte um Vergebung ein, vgl. Nr. 187 – 190. folgt, dass ein unverzichtbarer Ausdruck der „Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern“ die Verbreitung der Herz-Jesu-Verehrung ist. Folgerichtig gipfelt auch die gesamte Enzyklika im Aufruf zur Mission im traditionellen Sinne, das heißt als Verkündigung Jesu Christi[19]Ebd., Nr. 205 – 211., wobei auch die notwendig gemeinschaftliche Dimension der Mission hervorgehoben wird.[20]Ebd. Nr. 212 – 216.
Fazit
Die Herz-Jesu-Verehrung ist nicht nur authentischer Ausdruck dessen, dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist und eine „Synthese des Evangeliums“. Sie ist auch eine zeitgemäße Antwort auf die gnostische Leibfeindlichkeit unserer Tage, indem sie uns bewusst macht, dass auch unser Leib – und wir als ganze Person gerade durch den Leib, seine willentlich angenommenen Begrenzungen und Leiden – Erlösung gefunden hat. Sie ist so zudem Antwort auf einen innerkirchlichen Gnostizismus, der sich auf individuelle (Selbst)Erlösung zurückzieht und die Notwendigkeit verleugnet, dass sich das Evangelium auch sozial und politisch inkarnieren muss („soziales Königtum Christi“ bzw. Zivilisation der Liebe), im Einklang mit der Lehre des 2. Vatikanischen Konzils.[21]Lumen Gentium Nr. 36. Das Herz Jesu und seine Verehrung zu den Menschen zu tragen erweist sich somit sowohl als eine Frage des innerweltlichen Wohlergehens der Menschen wie ihres ewigen Heils. Dilexit nos ist damit sowohl ein Aufruf, die Herz-Jesu-Verehrung zu pflegen wie sie zu fördern und zu verbreiten.
References[+]
| ↑1 | Dilexit nos, Nr. 63. |
|---|---|
| ↑2 | Ebd., Nr. 86. |
| ↑3 | Ebd., Nr. 87. |
| ↑4 | Ebd. |
| ↑5 | Ebd. |
| ↑6 | Ebd. Nr. 89. |
| ↑7 | Ebd., Nr. 151 – 160. |
| ↑8 | Ebd., Nr. 93 – 101. |
| ↑9 | Ebd., Nr. 102 – 150. |
| ↑10 | Ebd., Nr. 83. |
| ↑11 | Ebd., Nr. 48 – 58. |
| ↑12 | Ebd., Nr. 151ff. |
| ↑13 | Ebd., Nr. 167. |
| ↑14 | Ebd., Nr. 182. |
| ↑15 | Ebd. |
| ↑16 | Ebd., Nr. 183. |
| ↑17 | Ebd. Nr. 184. |
| ↑18 | Ebd., Nr. 185. Papst Franziskus geht in diesem Zusammenhang auch auf die Bedeutung der Reue, des Eingestehens von Schuld und der Bitte um Vergebung ein, vgl. Nr. 187 – 190. |
| ↑19 | Ebd., Nr. 205 – 211. |
| ↑20 | Ebd. Nr. 212 – 216. |
| ↑21 | Lumen Gentium Nr. 36. |