Aristoteles vs. das technokratische Paradigma

In dem der menschlichen Wurzel der ökologischen Krise gewidmeten 3. Kapitel von „Laudato si“ behandelt der 2. Abschnitt „Die Globalisierung des technokratischen Paradigmas“. [1]https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html, Nr. 106, 17.10.2021 11:31 Uhr. In der Dynamik des Lehrschreibens von Papst Franziskus erscheint das technokratische Paradigma wie ein Gegenbegriff zur von ihm geforderten „ganzheitlichen Ökologie“, der das gesamte 4. Kapitel gewidmet ist. Doch was meint Papst Franziskus hiermit eigentlich? Um die Beantwortung dieser Frage wird es im ersten Abschnitt dieses Textes gehen.

1. Das „technokratische Paradigma“ in „Laudato si“

Papst Franziskus beschreibt dieses Paradigma zunächst in Nummer 106 als homogen und eindimensional. [2]Ebd. Besonders in dieser Nummer wird das „technokratische Paradigma“ jedoch noch näher bestimmt.

Charakteristisch für dieses Paradigma ist demnach die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt, wobei das Subjekt sich mittels der wissenschaftlichen Methode entfaltet und „das außen liegende Objekt allmählich umfasst und es [so] besitzt“. [3]Ebd. Diese wissenschaftliche Methode „mit ihren Versuchen“ wird weiterhin näher bestimmt als „eine Technik des Besitzens, des Beherrschens und des Umgestaltens“. [4]Ebd. An späterer Stelle zitiert Papst Franziskus ganz in diesem Sinne Romano Guardini, der von der Technik sagt:

„der Mensch, der sie trägt, weiß, dass es in der Technik letztlich weder um Nutzen noch um Wohlfahrt geht, sondern um Herrschaft;
um eine Herrschaft im äußersten Sinn des Wortes.“
[5]Ebd., Nr. 108.

Vor diesem Hintergrund erscheint das Objekt als etwas Formloses, das der Manipulation des Subjekts „völlig zur Verfügung steht“. [6]Ebd., Nr. 106. Das dabei leitende Interesse besteht Papst Franziskus zufolge darin, „alles, was irgend möglich ist, aus den Dingen zu gewinnen durch den Eingriff des Menschen, der dazu neigt, die Wirklichkeit dessen, was er vor sich hat, zu ignorieren oder zu vergessen“. [7]Ebd. Das steht in Kontrast zu einem älteren Verhältnis zur Natur:

„Es kam schon immer vor, dass der Mensch in die Natur eingegriffen hat. Aber für lange Zeit lag das Merkmal darin, zu begleiten, sich den von den Dingen selbst angebotenen Möglichkeiten zu fügen. Es ging darum, zu empfangen, was die Wirklichkeit der Natur von sich aus anbietet“ [8]Ebd.

Die Auswirkungen des hiervon abweichenden neuartigen Naturverhältnisses, das dem „technokratischen Paradigma“ folgt,

„können in der Umweltschädigung festgestellt werden, die allerdings nur ein Zeichen des Reduktionismus ist, der das Leben des Menschen und die Gesellschaft in allen ihren Dimensionen in Mitleidenschaft zieht“ [9]Ebd., Nr. 107..

Eine Alternative zum „technokratischen Paradigma“ ist dabei fast undenkbar und noch mehr unlebbar geworden, denn dieses ist

„heute so dominant geworden, dass es sehr schwierig ist, auf seine Mittel zu verzichten, und noch schwieriger, sie zu gebrauchen, ohne von ihrer Logik beherrscht zu werden“ [10]Ebd., Nr. 108.

Das erklärt sicher auch, dass es für manch einen schwer verständlich ist, was genau das „technokratische Paradigma“ sein soll, und wenn er es versteht, warum es problematisch sein sollte. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, was Papst Franziskus ebenfalls bemerkt:

„Das technokratische Paradigma tendiert auch dazu, die Wirtschaft und die Politik zu beherrschen.“ [11]Ebd., Nr. 109.

Trotz allem bleibt Papst Franziskus hoffnungsvoll. Er fordert nicht nur

„ein Denken, eine Politik, ein Erziehungsprogramm, einen Lebensstil und eine Spiritualität, die einen Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas bilden.“ [12]Ebd., Nr. 111.

Er kann auch feststellen:

„Die Befreiung vom herrschenden technokratischen Paradigma geschieht tatsächlich in manchen Situationen“ [13]Ebd., Nr. 112.

Eine Frage wird in „Laudato si“ jedoch weder aufgeworfen noch beantwortet: jene nach den Ursprüngen dieses Paradigmas. Diese Frage muss jedoch gestellt und beantwortet werden, will der Widerstand gegen dieses Paradigmas dieses an seiner Wurzel treffen. Und noch eine weitere Gefahr ist auf diese Weise zu überwinden, auf die Papst Franziskus selbst in „Laudato si“ noch hingewiesen hat:

„Andernfalls können auch die besten ökologischen Initiativen schließlich in derselben globalisierten Logik stecken bleiben. Einfach nur eine technische Lösung für jedes auftretende Umweltproblem zu suchen bedeutet, Dinge zu isolieren, die in der Wirklichkeit miteinander verknüpft sind, und die wahren und tiefsten Probleme des weltweiten Systems zu verbergen.“ [14]Ebd. Nr. 111.

Um die Ursprünge des technokratischen Paradigmas soll es daher nun im Folgenden gehen.

2. Die Wurzeln des „technokratischen Paradigmas“

Wir haben gesehen, dass das „technokratische Paradigma“ für Papst Franziskus eng mit der versuchsbasierten wissenschaftlichen Methode verknüpft ist. Dies sowie die weiteren Ausführungen von Papst Franziskus zu diesem Thema erlauben uns nach den Ursprüngen dieses so zerstörerischen Paradigmas zu forschen.

Rufen wir uns in Erinnerung, dass Papst Franziskus von der versuchsbasierten wissenschaftlichen Methode als einer „Technik des Besitzens, des Beherrschens und des Umgestaltens“ [15]Ebd., Nr. 106. sprach, bei der es, so der Papst weiter, sich hierbei ein Zitat von Romano Guardini zueigen machend, „um Herrschaft; um eine Herrschaft im äußersten Sinn des Wortes“ (Ebd., Nr. 108.)) gehe.

Man beachte, dass dies von Papst Franziskus hier nicht positiv gemeint ist. Zum Vergleich einmal ein anderes Zitat:

„For they – these scientific notions of mine –
showed me that we can get knowledge that would be very useful in life, and that…
we might find a practical philosophy through which…
we could (like artisans) put these bodies to use in all the appropriate ways,
and thus make ourselves the masters and (as it were) owners of nature.
This is desirable not only for the invention of innumerable devices
that would give us trouble-free use of the fruits of the earth and all the goods we find there,
but also, and most importantly, for the preservation of health,
which is certainly the chief good and the basis for all the other goods in this life.“
[16]https://www.earlymoderntexts.com/assets/pdfs/descartes1637.pdf, S. 24, 17.10.2021 13:44 Uhr.

Im Rückblick muss es erscheinen, als hätte der Autor dieser Zeilen, als diese im Jahr 1637 zum ersten Mal veröffentlicht wurden, eine ungeheuerliche Prophetie geäußert, welche durch den Gang der Ereignisse seitdem als erfüllt gelten muss. Autor dieser Zeilen ist der französische Mathematiker und Philosoph René Descartes. Enthalten sind sie in seinem „Discours de la méthode“. Über ihn und seinen englischen Zeitgenossen Francis Bacon äußerte sich der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn 2009 in seinem Vorwort zu einer Neuauflage von Étienne Gilsons „From Aristotle to Darwin and back again“ wie folgt:

„in many ways so at odds with one another, yet sharing a profound unity in…their proclamation of the pressing need for the control and domination of nature
through the study of its secrets in order to serve the comfort and bodily health of man.“
[17]Schönborn, Christoph Kardinal „Foreword“ in Gilson, E. „From Aristotle to Darwin and back again. A journey in final causality, species and evolution“, Ignatius Press San Francisco 2009, S. … Continue reading

Ähnlich äußert sich Edward Feser zu beiden, wenn er in „The last superstition“ das neuzeitliche Wissenschaftserständnis wie folgt charakterisiert:

„not a search for the ultimate causes and meaning of things…but rather a means of increasing ‚human utility and power‘
through the ‚mechanical arts‘ or technology (Bacon), and of making us ‚masters and possessors of nature‘ (Descartes).“
[18]Feser, Edward, „The Last superstition. A refutation of the new atheism“, St. Augustine’s Press South Bend, Indiana 2008, S. 175.

In diesen wenigen Zitaten wird bereits deutlich: Das „technokratische Paradigma“, das Papst Franziskus mit der ökologischen Krise – und nicht nur dieser – in Verbindung sieht, ist nicht etwa ein Unfall oder Unglück, das unvorhergesehen über die Menschheit hereinbrach. Vielmehr ist es als Programm bereits grundgelegt in dem neuen Wissenschaftsverständnis, welches Descartes und Bacon bereits hundert bis zweihundert Jahre vor der industriellen Revolution vorlegten.

Was Franziskus und – 400 Jahre vor ihm – Descartes und Bacon beschreiben, ist der Sache nach dasselbe: das „technokratische Paradigma“ ist nichts anderes als das von Descartes und Bacon vertretene Wissenschaftsverständnis, in Fesers Worten: ihre „conception of what science could and should be“ [19]Ebd.. Der Unterschied liegt allein in der Bewertung: im einen Fall – und vor dem Hintergrund von 400 Jahren mehr Erfahrung – kritisch, im anderen Fall ungeingeschränkt affirmativ.

Falls man – und dies ist ein großes falls – der Bewertung von Papst Franziskus folgt, ergibt sich die Frage nach den Konsequenzen.

Falls das „technokratische Paradigma“, wie Papst Franziskus sagt, (zumindest mit)verantwortlich für die gegenwärtige ökologische Krise (und nicht nur diese) ist und falls das „technokratische Paradigma (wie dieser Text argumentiert) nichts anderes ist als das Wissenschaftsverständnis von Descartes und Bacon, stellt sich unweigerlich die Frage nach einem alternativen Wissenschaftsverständnis, welches nicht diese (selbst)zerstörerischen Konsquenzen birgt. Um eine solche Alternative soll es im dritten Teil dieses Abschnittes gehen.

technokratische Paradigma

3. Eine Alternative zum „technokratischen Paradigma“

Zunächst muss daran erinnert werden, dass das neuzeitliche Wissenschaftsverständnis Descartes‘ und Bacons selbst als eine Alternative zu einem älteren Wissenschaftsverständnis begann: dem aristotelisch-scholastischen des Mittelalters.

Hierzu ist es an der Zeit, in den oben genannten Zitaten einige Lücken zu füllen. Beginnen wir mit dem Zitat von Kardinal Schönborn:

„in many ways so at odds with one another, yet sharing a profound unity
in their condemnation of the Aristotelian-Scholastic tradition of formal and final causes, and their proclamation of the pressing need for the control and domination of nature through the study of its secrets in order to serve the comfort and bodily health of man.“
[20]Schönborn, Christoph Kardinal „Foreword“, S. XI.

Feser hierzu:

a new conception of what science could and should be: not a search for the ultimate causes and meaning of things (as Aristotle and the Scholastics understood it)
but rather a means of increasing ‚human utility and power‘  through the ‚mechanical arts‘ or technology (Bacon), and of making us ‚masters and possessors of nature‘ (Descartes).“
[21]Feser, Edward, „The Last superstition, S. 175.

Wie der Äußerung Kardinal Schönborns entnommen werden kann, war eine der zentralen Streitfragen zwischen Descartes und Bacon einer- und der ihnen vorausgehenden Tradition andererseits jene nach der Existenz bzw. Relevanz von Formal– und Finalursachen. Den Hintergrund dieserr Streitfrage erklärt Étienne Gilson in seinem bereits erwähnten Werk „From Aristotle to Darwin and back again“:

„Even if there were final causality, which Descartes denied but Bacon admitted, there is no place for it in a science whose end is to make us masters and possessors of nature.
Final causality by its very nature is not susceptible of being refashioned. It is superfluous to say that birds are made for flying; that is obvious. But if anyone wishs to show how [im Original Kursiv] birds fly, we should be tempted to construct some flying machines. If philosophy identifies true knowlegde with useful knowledge, as modern scientism does, final causality will be by the same stroke eliminated from nature and from science as a useless fiction.“
[22]Gilson, E. „From Aristotle to Darwin and back again. A journey in final causality, species and evolution“, Ignatius Press San Francisco 2009, S. 23.

An gleicher Stelle:

„…for since the efficient cause is the only one that gives us a grip on nature, it is the only one worth knowing.“ [23]Ebd.

An späterer Stelle führt Gilson aus:

„…, Bacon never completely denied final causality (Descartes had gone so far as to deny its presence in the thought of the Creator itself); he only said that the consideration of final causes was scientifically vain…The principial objection of Bacon against formal causality (in the sense of the ’substantial form‘ or that which constitutes substances) is that it is an abstract notion, incapable as such of entering into the structure of reality. To say that man is man by virtue of the form ‚man‘ does not say anything strictly about what man is, and the same goes for the other forms. The abstraction is only necessary in order to fix the fluid contents of sensible experence. Without abstract concepts the mind would lose itself in its images of particular beings. Words signify those concepts, but it is possible to give abstract names to beings without knowing much about what they are.“ [24]Ebd, S. 27.

Diese Haltung Bacons zu den Formalursachen kann eine Erklärung für einen Umstand liefern, den Papst Franziskus im Zusammenhang mit dem „technokratischen Paradigma“ bemerkt hat:

„Es ist, als ob das Subjekt sich dem Formlosen gegenüber befände,
das seiner Manipulation völlig zur Verfügung steht.“
[25]https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html, Nr. 106, 17.10.2021 12:15 Uhr.

Es ist nur folgerichtig, dass wenn erst einmal Form(ursach)en abgesprochen wird, Teil der Struktur der Realität zu sein, man in dieser Struktur der Realität nur noch einem Formlosen gegenüber tritt [26]Wobei dann allerdings schon die Rede von einer „Struktur“ ganz grundsätzlich fragwürdig wird., das dann – ebenso folgerichtig – einer beliebigen Manipulation offensteht. Auch hier zeigt sich also wieder, wie eine gerade Linie von den 400 Jahre alten Überlegungen Bacons und Descartes zu dem führt, was Papst Franziskus heute „technokratisches Paradigma“ nennt.

Bezüglich der Finalursachen führt weiter Gilson aus:

„After the critique of the formal cause comes that of the other metaphysical cause, the final one. With great penetration, Bacon goes right to the center of the problem.
His main objection is that the contemplative enyjoyment of the spectacle of final causes is what averted the attention of the ancient philosophers from the study of material and efficient causes, the only ones the knowledge of which might have some practical usefulness. On this point Bacon was certainly right. Entirely absorbed by the ‚harmonies of nature‘, lost in the contemplation of their beauty, the Ancients thought they had understood nature, although they had only admired it.“
[27]Gilson, E. „From Aristotle to Darwin and back again, S. 28.

Fassen wir also zusammen: Bacon lehnte die (die Beschäftigung mit) Finalursachen als nicht zielführend ab, die (Beschäftigung mit) Zweckursachen als nicht zweckdienlich. Gilson gibt Bacon hier Recht, unter der Prämisse, die Bacon selbst aufstellt:

„Let us repeat: Bacon is right if practical utility is taken as the criterion of philosophical, or even scientific, truth.“ [28]Ebd., S. 29.

Hinter der unterschiedlichen Bewertung von Form- und Finalursachen einerseits und Material- und Wirkursachen andererseits durch die graeco-christliche Tradition einerseits und die neuzeitlichen Philosophen andererseits steht also eine unterschiedliche Auffassung davon, was Wissenschaft sein könnte und sein sollte und hierhinter eine unterschiedliche Auffassung vom „guten Leben“, von dem, wozu wir da sind und womit wir unsere Zeit am besten verbringen sollten. Gilson fasst die beiden unterschiedlichen Positionen in die Begriffe „Kontemplationismus“ und „Pragmatismus“, mit anderen Worten: der Vorrang des kontemplativen Lebens vs. den Vorrang des tätigen Lebens. [29]Vgl. ebd. S. 23.

Insofern die „pragmatische“ Weltsicht die seit vielen Generationen, ja bereits einigen Jahrhunderten, vorherrschende Weltsicht ist und ja bereits einigen Raum im vorliegenden Text eingenommen hat, sei hier noch einmal kurz die Gelegenheit genutzt, die ältere, antik-scholastische, Weltsicht darzustellen. Noch einmal soll hierzu Gilson zu Wort kommen:

„Aristotle…saw things otherwise. In his philosophy final causality occupied a considerable position because its workings were, for him, an inexhaustible source of contemplation and admiration. In astronomy, in physics, and in biology he was as curious to know how things happened as our contemporaries can be, but he thought he had come across the truth of nature from the moment when he had perceived its beauty. Not so much aesthetic beauty, such as that of light or colors or forms; but first of all and above all the intelligble beauty, whichs consists in the apperception by the mind of the order which rules the structure of forms and presides over their relations. The order and beauty of nature interested him essentially, and not only the beauty of the heavenly bodies, these divine beings, but the harmony which appears in the structure of the most humble beings, and even in their most vile parts. The only recompense which can attend such knowledge is the joy of admiring its objects. Now, in the case of living beings there is hardly any difference between admiring the harmony which presides over their structure and discerning the teleology to which the order of their parts corresponds.“ [30]Ebd., S. 24.

Fazit

Wir haben also – in Abschnitt 1 – gesehen, dass Papst Franziskus das „technokratische Paradigma“ für die vielen menschengemachten Umweltschäden unserer Zeit – und viele weitere Probleme darüber hinaus – verantwortlich macht. Wir haben – in Abschnitt 2 – gezeigt, dass das „technokratische Paradigma“ nichts anderes ist als das seit der Neuzeit vorherrschende Wissenschaftsverständnis Descartes‘ und Bacons. Auf der Suche nach einer Alternative zu diesem technokratischen Wissenschaftsverständnis, das an die Stelle des „technokratischen Paradigmas“ treten kann, um uns einen Ausweg aus der Sackgasse zu weisen, in welche sich die Menschheit in ökologischer Hinsicht – aber nicht nur in dieser – manövriert hat, haben wir uns in Abschnitt 3 mit dem aristotelisch-scholastischen Wissenschaftsverständnis beschäftigt, das selbst durch das „technokratische Paradigma“ abgelöst wurde. Folgt daraus nun die Forderung nach einer Rückkehr zu einem vorneuzeitlichen, vormodernen Wissenschaftsverständnis? Nein.

Wie Gilson feststellt:

„the efficient (or motor) cause and the material cause evidently deserve more esteem than Aristotle accorded them.
We live in the age of Descartes and Bacon, and the colossal success of the applied sciences in industry is proof of it.“
[31]Ebd., S. 32.

Schon früher heißt es bei ihm:

„The contemplation of nature and its beauty has certainly retarded scientific research into nature’s properly physical structure. Scientists are resolved that this error will not be repeated, and the violence of their attacks against final causality are explicable at least in part by that consideration.“ [32]Ebd., S. 30.

Doch fügt er dann den entscheidenden Punkt hinzu:

„If that fear were not henceforth superflous, one could even call it justified.
It is, however, superflous, because nothing prevents the two points of view from coexisting,
and if their peaceful coexistence is possibe, it is desireable.
A half-truth is never worth, a whole truth.“
[33]Ebd.

So geht es also nicht darum, einen Reduktionismus durch einen anderen zu ersetzen. Nach dem Zeitalter der Metaphysik, das in Antike und Mittelalter Material- und Wirkursachen in der Theorie anerkannte, in der (wissenschaftlichen) Praxis aber vernachlässigte, und dem Zeitalter der Physik, das in Neuzeit und Moderne Formal- und Finalursachen nach Bacon selbst in der Theorie negierte, bedarf es nun also eines neuen, ganzheitlichen Wissenschaftsverständnisses, das alle vier Ursachen zu ihrer Geltung kommen lässt. [34]In der Tat versucht dieser Text nur nachzuweisen, dass Formal– und Finalursachen relevant für eine Überwindung des „technokratischen Paradigmas“ sind, wenn sie existieren. Die Frage, ob … Continue reading Ein solches neues Wissenschaftsverständnis wird zugleich Rückwirkungen auf unser Bild vom „guten Leben“ haben, das sich aus der Dichotomie von „vita contemplativa“ und „vita activa“ löst in Richtung einer „vita mixta“, in der Kontemplation und Aktion einander befruchten, ohne dabei den Fehler zu machen, die Kontemplation zu einem Hilfsmittel der Aktion (oder, heute freilich unrealistischer, umgekehrt die Aktion zum Hilfsmittel der Kontemplation) zu machen.

Um zu unterstreichen, dass diese Antwort auf die Herausforderung, die das „technokratische Paradigma“ für die Zukunft der menschlichen Zivilisation und die Erde als Ganzes darstellt, auch im Sinne von Papst Franziskus ist, auch wenn er selbst diese Begrifflichkeiten nicht exakt gewählt hat, möge zum Schluss er selbst noch einmal zu Wort kommen:

„Die Technologie hat unzähligen Übeln, die dem Menschen schadeten und ihn einschränkten, Abhilfe geschaffen.
Wir können den technischen Fortschritt nur schätzen und dafür danken, vor allem in der Medizin, in der Ingenieurwissenschaft und im Kommunikationswesen.“
[35]https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html, Nr. 102, 17.10.2021 12:40 Uhr.

Niemals würde Papst Franziskus also dazu aufrufen, das Studium der Material- und Wirkursachen, wie es für das moderne Wissenschaftsverständnis charakteristisch ist, einzustellen. Und dennoch genügt das alleine nicht. Zitiert sei daher noch aus dem nachsynodalen apostolischen Schreiben „Querida Amazonia“ von 2020, einem zweiten Zentraltext aus dem ökologischen Lehramt dieses Papstes:

„Die Volksdichter, die sich in seine [des Amazonas] unermessliche Schönheit verliebt haben, haben versucht, zum Ausdruck zu bringen, was sie der Fluss verspüren ließ,
und das Leben, das er beim Vorüberziehen schenkt, mit einem Reigen von Delfinen, Anakondas, Bäumen und Kanus zu umschreiben. Sie bedauern zugleich die Gefahren, die ihn bedrohen. Diese Dichter sind kontemplativ und prophetisch, sie helfen uns, uns vom technokratischen und konsumistischen Paradigma zu befreien, das die Natur erstickt und uns einer wahrhaft würdigen Existenz beraubt“
[36]https://www.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20200202_querida-amazonia.html, Nr. 46, 17.10.2021 13:22 Uhr.

Man beachte wie hier dem technokratischen – und konsumistischen – Paradigma die „Prophetie der Kontemplation“ – so die Überschrift eines Abschnittes in dem selben Schreiben – entgegengesetzt wird. Dass diese kontemplative und prophetische Sendung dabei aber konkret den Dichtern zugesprochen wird, sollte nicht im Sinne einer Ausschließlichkeit verstanden werden. Gilsons Ausführungen zu Aristoteles zeigen deutlich, dass eine solche kontemplative Sicht nicht allein Sache der Künstler ist, sondern auch von Wissenschaftlern und der Wissenschaft selbst eingenommen werden kann, ja zur Überwindung des „technokratischen Paradigmas“ eingenommen werden muss. Der Weg dorthin führt aber über die Beschäftigung mit den Formal- und Finalursachen.

 

Sascha Vetterle

References

References
1https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html, Nr. 106, 17.10.2021 11:31 Uhr.
2Ebd.
3Ebd.
4Ebd.
5Ebd., Nr. 108.
6Ebd., Nr. 106.
7Ebd.
8Ebd.
9Ebd., Nr. 107.
10Ebd., Nr. 108.
11Ebd., Nr. 109.
12Ebd., Nr. 111.
13Ebd., Nr. 112.
14Ebd. Nr. 111.
15Ebd., Nr. 106.
16https://www.earlymoderntexts.com/assets/pdfs/descartes1637.pdf, S. 24, 17.10.2021 13:44 Uhr.
17Schönborn, Christoph Kardinal „Foreword“ in Gilson, E. „From Aristotle to Darwin and back again. A journey in final causality, species and evolution“, Ignatius Press San Francisco 2009, S. XI.
18Feser, Edward, „The Last superstition. A refutation of the new atheism“, St. Augustine’s Press South Bend, Indiana 2008, S. 175.
19Ebd.
20Schönborn, Christoph Kardinal „Foreword“, S. XI.
21Feser, Edward, „The Last superstition, S. 175.
22Gilson, E. „From Aristotle to Darwin and back again. A journey in final causality, species and evolution“, Ignatius Press San Francisco 2009, S. 23.
23Ebd.
24Ebd, S. 27.
25https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html, Nr. 106, 17.10.2021 12:15 Uhr.
26Wobei dann allerdings schon die Rede von einer „Struktur“ ganz grundsätzlich fragwürdig wird.
27Gilson, E. „From Aristotle to Darwin and back again, S. 28.
28Ebd., S. 29.
29Vgl. ebd. S. 23.
30Ebd., S. 24.
31Ebd., S. 32.
32Ebd., S. 30.
33Ebd.
34In der Tat versucht dieser Text nur nachzuweisen, dass Formal– und Finalursachen relevant für eine Überwindung des „technokratischen Paradigmas“ sind, wenn sie existieren. Die Frage, ob sie existieren, wird in diesem Zusammenhang nicht erörtert und muss für ein anderes Mal aufgespart werden.
35https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html, Nr. 102, 17.10.2021 12:40 Uhr.
36https://www.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20200202_querida-amazonia.html, Nr. 46, 17.10.2021 13:22 Uhr.