Bewahrung der Schöpfung

In unserem Zeitalter, das manche als Anthropozän bezeichnen, ist der Schutz der Umwelt mehr denn je zu einer Frage des Gemeinwohls geworden.

Doch generell in jeder ganzheitlichen Ökologie muss die Sorge um die Natur, theologisch gesprochen die Bewahrung der Schöpfung, eine zentrale Position einnehmen. Ja, tatsächlich ist die Bewahrung der Schöpfung ein Querschnittsthema, das sich durch sämtliche Schwerpunkte einer wahrhaft ganzheitlichen Politik hindurch zieht.

So hat Papst Franziskus schon vor seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ in „Evangelii Gaudium“ Nr. 215 deutlich gemacht, dass eine ganzheitliche Option für die Armen die Sorge um die „Gesamtheit der Schöpfung“ miteinschließen muss. Die Konsequenzen daraus hat er dann eben in „Laudato si“ auf beispiellose Weise entfaltet.

Ebenso muss der Whole-Life-Ansatz, um konsequent zu sein, von der prinzipiellen – wenn auch abgestuften – Würde und Schutzwürdigkeit jeglichen Lebens ausgehen – inklusive der Lebensräume. Die Forderung nach Artenschutz – und einem diesem dienenden, entsprechenden Klimaschutz – und Tierrechten ergibt sich daraus als Selbstverständlichkeit.

Schließlich kann von keinem Frieden die Rede sein, solange der Mensch im Krieg mit seiner Umwelt liegt, beständig darauf bedacht, sie zu kontrollieren und seinen einseitigen, zu kurz gedachten Interessen zu unterwerfen. Der Einsatz für Friede und Versöhnung verlangt daher auch den Einsatz für ein neues, versöhntes Verhältnis mit der Natur, ohne dabei in ein neues oder (scheinbar) altes magisches Denken zu verfallen, das die Natur überhöht; ein Verhältnis, das durch die bereits erwähnte Sorge für die „Gesamtheit der Schöpfung“ geprägt ist.

Papst Benedikt XVI. betont dabei in „Caritas in Veritate“ Nr. 51, dass Naturschutz nicht allein technische Lösungen verlangt, sondern vor allem eine ethische Herausforderung darstellt. Ganz in dieser Linie fordert Papst Franziskus in Laudato si 16 u. a. einen neuen Lebensstil. Beides ruft nach einer Wiederentdeckung der Tugenden, ja nach einem „Virtue mainstreaming“. Ein neuer, ökologisch nachhaltiger Lebensstil wird nicht möglich sein, wenn nicht Gier durch Besonnenheit ersetzt wird, Bequemlichkeit durch eine Tapferkeit, welche die Bereitschaft zum Verzicht beinhaltet, und eine blinde Gleichgültigkeit durch eine weitsichtige Klugheit.

Zentral wird in diesem Zusammenhang auch die Förderung der Bindungsfähigkeit sein. Bindungsfähige Menschen messen sozialen Beziehungen eine höhere und materiellem Besitz eine geringere Bedeutung zu. Bei Menschen, die Bindungsschwierigkeiten haben, ist das tendenziell umgekehrt.[1]Nicole Strüber, Die erste Bindung. WIe Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen, Klett-Cotta Stuttgart 2017, S. 124.

Ein neuer, umweltsensibler, ökologisch nachhaltiger Lebensstil in Übereinstimmung mit dem Gemeinwohl, der schonend mit den Schätzen der Natur umgeht, schreit also nach bindungsfähigen Menschen, denen Beziehung wichtiger ist als Besitz, Sein als Haben. Wenn man nun bedenkt, dass das Fundament für Bindungsfähigkeit in der frühen Kindheit gelegt wird, ist klar, dass frühkindliche Bindung in den Fokus der gesellschaftlichen Diskussion gehört – und mit ihr Ehe und Familie. Die sozialen Experimente, denen Familie und Kinder derzeit unterworfen sind, lassen jedenfalls auch in ökologischer Hinsicht nichts Gutes erwarten.

Bewahrung der Schöpfung als einigendes Band ganzheitlicher Politik

In gewisser Weise ist die Bewahrung der Schöpfung, die Sorge um die „Gesamtheit der Schöpfung“, also jenes Band, das die verschiedenen Ansätze einer ganzheitlichen Politik eint.

Für einen nachhaltigen, natur- und artenverträglichen Lebensstil wird es außerdem nicht ausreichen, von den einen Energieträgern auf andere umzusteigen, da auch deren Nutzbarmachung mit eigenen Auswirkungen auf die nicht-menschliche Natur verbunden sind. So kommen großflächige Windparks für viele Tierarten kaum mehr als Lebensraum in Betracht. Ohne eine erhebliche Senkung des Energieverbrauches kann eine wirklich naturschonende Klimawende daher nicht gelingen.

Das beinhaltet durch technische Fortschritte erzielte Effizienzsteigerungen, aber auch obligatorische Wärmedämmung. Erneuerbare Energien sollten vor allem flächenschonend eingesetzt werden, etwa durch eine Photovoltaik- und Wärmepumpenanlagenpflicht für sämtliche Gebäude, bei denen es technisch sinnvoll ist, so dass diese weitgehend im Subsistenzbetrieb ihren Energiebedarf decken können.

Dies stärkt auch die wirtschaftliche Selbstständigkeit der sie bewohnenden bzw. nutzenden Familien und Betriebe. Natürlich müsste eine entsprechende Pflicht sozial verträglich gestaltet werden durch entsprechende Zuschüsse und zinsgünstige Kredite, ggf. auch teilfinanziert durch eine Sonderbesteuerung jener Energiekonzerne, die in den vergangenen Jahrzehnten ihre Gewinne durch Raubbau an der Natur erwirtschaftet haben.

Ein besonderes Problem stellt der große Energieverbrauch infolge der hohen Mobilität dar. Wir haben gesehen wie in der Pandemie eine Home-Office-Pflicht möglich war. Die Frage ist, ob eine solche Maßnahme nicht auch angesichts der Klimakrise erforderlich ist, um den Pendelverkehr einzudämmen und auf diese Weise auch die Infrastruktur zu entlasten, deren Instandhaltung infolge ihrer massiven Belastung enorme Ressourcen verbraucht – ganz abgesehen von dem Energieverbrauch, den der Verkehr unmittelbar verursacht.

Viel wichtiger ist jedoch noch, dass der Grundsatz, dass dort wo konsumiert wird auch produziert wird und dies nach Möglichkeit mit Rohstoffen von dort, immer mehr zur Norm wird. Nur so können Transportwege und der mit diesen verbundene Energieverbrauch auf ein Minimum reduziert werden. Dies dient auch der Versorgungssicherheit und der Unabhängigkeit von politisch problematischen Regimen.

Realisiert werden kann dies nur durch intensivierte Investitionen in die Entwicklung von Produkten, die auf regionalen Ressourcen basieren. Eine solche (teilweise) Reregionalisierung der Weltwirtschaft fördert durch die technische die ökonomische Vielfalt und über diese indirekt die kulturelle Vielfalt. Zudem werden so Arbeitsplätze vor Ort geschaffen.

Dies ist auch ein Beitrag dazu, „das Recht nicht auszuwandern – das heißt, in der Lage zu sein, im eigenen Land zu bleiben“ [2]Fratelli tutti 38 – zu verwirklichen. Denn: „Diejenigen, die emigrieren, »erleben die Trennung von ihrem ursprünglichen Umfeld und oft auch eine kulturelle und religiöse Entwurzelung. Der Bruch betrifft auch die Gemeinschaften am Herkunftsort, die ihre stärksten Mitglieder mit der größten Eigeninitiative verlieren, sowie die Familien, insbesondere wenn ein oder beide Elternteile emigrieren und ihre Kinder in ihrem Herkunftsland zurücklassen«“ [3]Ebd.

Ein großer Treiber der CO2-Emissionen ist auch die Bauwirtschaft. Die Wohnungsnot ist – speziell in der westlichen Welt – in erheblichem Umfang durch die drastische Zunahme der Singlehaushalte in den letzten Jahrzehnten erklärbar.  Diese trägt wesentlich zum Anstieg der Pro-Kopf-Wohnfläche bei. [4]In den letzten 30 Jahren ist die Pro-Kopf-Wohnfläche um 37 % angestiegen. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Singlehaushalte um 46 % zu. Die Förderung von Ehe und Familie hat also auch vor diesem Hintergrund eine ökologische Dringlichkeit. Zudem könnte auch hier eine Home-Office-Pflicht zu einer Entlastung beitragen, indem hierdurch frei werdende bisherige Büroflächen in Wohnungen umgewandelt werden könnten.

Bewahrung der Schöpfung

Schlussendlich darf – in einer leichten Abwandlung des Ausspruches von Konrad Lorenz – gesagt werden:

Man schätzt nur, was man kennt und man schützt nur, was man schätzt bzw. – um ihn wortwörtlich zu zitieren: Man schützt nur, was man liebt – man liebt nur, was man kennt.

Die Bewahrung der Schöpfung verlangt also, eine Zivilisation der Liebe aufzubauen, welche die gesamte Schöpfung umfasst. Dies beinhaltet den Charakter von Arbeit als Hirtentätigkeit wiederzuentdecken und eine Beziehung der Hirtensorge mit der Schöpfung wieder aufzunehmen, die auf der Verbundenheit durch einen Kreislauf wechselseitigen Schenkens basiert, was beinhaltet, nicht mehr zu nehmen als das was man braucht oder einem zusteht.

Die Tendenz, von Natur nur in abstrakten Begriffen wie System, Ressource, aber auch Klima, Ökologie oder Biodiversität zu sprechen, rückt sie weiter von uns weg. Sie büßt dadurch an persönlicher Signifikanz ein und vermag nicht die Motivation zu wecken, die es für Anstrengungen zu ihrem Schutz braucht. Natur muss wieder erlebbar werden als etwas, das uns unmittelbar und persönlich betrifft und angeht, ja als etwas, das unsere Liebe weckt. Mit anderen Worten: Naturverbundenheit ist die Basis, nicht das Sahnehäubchen beim Umweltschutz.

In diesem Zusammenhang muss man daran erinnern, dass es noch vor 2, 3 Generationen in manchen Regionen Deutschlands gang und gäbe war, dass man zusätzlich zur Erwerbsarbeit einen eigenen Obst- und Gemüsegarten betrieb und sich Kleinvieh wie Hühner und Hasen hielt – nicht etwa als Hobby, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit im Rahmen einer teilweisen Selbstversorgung. Natur war auf diese Weise ein sehr viel selbstverständlicherer Teil des Alltages und dies war sicher auch ein Nährboden der Umweltbewegung.

Daher sind die Trends hin zur solidarischen Landwirtschaft und zum Urban Gardening sowie die Permakulturbewegung zu begrüßen, insofern sie Menschen zunehmend die Möglichkeit bieten, in direkten Kontakt mit der Natur zu treten und über gute Arbeit im Sinne Wendell Berrys wieder eine Beziehung zu konkreter Natur aufzubauen und die Liebe zu ihr wiederzuentdecken. Solche Anstrengungen müssen verstärkt und durch die Kommunen unterstützt werden, denen ohnehin mehr Verantwortung in Sachen Naturschutz – und entsprechende Mittel zu deren Wahrnehmung  – zugesprochen werden muss.

References

References
1 Nicole Strüber, Die erste Bindung. WIe Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen, Klett-Cotta Stuttgart 2017, S. 124.
2 Fratelli tutti 38
3 Ebd.
4 In den letzten 30 Jahren ist die Pro-Kopf-Wohnfläche um 37 % angestiegen. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Singlehaushalte um 46 % zu.