Leistungsverbundenheit
Menschen, welche die selbe berufliche Tätigkeit ausüben, sind dadurch miteinander verbunden. Sie stehen vor ähnlichen Aufgaben und Fragen, haben ähnliche Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen.
Menschen mit gleichem beruflichem Hintergrund, die einander begegnen, können diese Verbundenheit erfahren und unmittelbar in einen tiefen Austausch eintreten, der Menschen mit anderem Hintergrund verschlossen bleibt – das heißt, solange die Begegnung nicht auf dem Markt als Konkurrenten erfolgt.
Allerdings bleibt es nicht bei diesem Widerspruch von subjektiver Verbundenheit des Erfahrungshintergrunds bei objektivem Gegensatz als Konkurrenten auf dem Markt.
Im Hinblick auf das Gemeinwohl sind beide objektiv dadurch miteinander verbunden, dass sie dieselbe Funktion erfüllen, dieselbe Leistung erbringen, ja ein gemeinsames Ziel anstreben. Sie sind funktional verbunden. Sie sind leistungsverbunden.

Zwei Ärzte mögen auf dem lokalen Markt um dieselben Patienten konkurrieren. In dieser Hinsicht verfolgen sie tatsächlich einander entgegen gesetzte Ziele. Des einen Gewinn ist des anderen Verlust. In der fachgerechten Ausübung ihrer Tätigkeit verfolgen sie jedoch ein gemeinsames Ziel: die Gesundheit der Allgemeinheit.
Diese Leistungsverbundenheit gilt nicht nur für Anbieter ein- und derselben Leistung auf dem Markt.
Sie gilt auch für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Hinsichtlich der Lohnfindung sowie arbeitsrechtlicher Fragen mögen beide unterschiedliche, ja entgegengesetzte Ziele verfolgen und sich zu deren Durchsetzung auch in Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften organisieren. In der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit verfolgen – um beim vorigen Beispiel zu bleiben – Arzt und Medizinische Fachangestellte dennoch das gemeinsame Ziel: die Gesundheit der Allgemeinheit.
Wie weit die Leistungsverbundenheit heute reicht
In einer hoch komplexen, arbeitsteiligen Wirtschaft wie der heutigen ist die Leistungsverbundenheit dabei sehr viel weitreichender als in früheren Zeiten.[1]Oswald von Nell-Breuning S.J., Wirtschaft und Gesellschaft Bd. 1 Grundfragen, Verlag Herder Freiburg 1956, S. 220. So sind durch das gemeinsame Ziel der Gesundheit der Allgemeinheit sämtliche in der Gesundheitsbranche Tätigen miteinander verbunden: nicht nur Ärzte und Medizinische Fachangestellte, sondern auch Apotheker und Pharmazeutisch-technische Assistenten, die in der Pharmabranche sowie in der Krankenpflege Beschäftigten, Physiotherapeuten sowie die zahlreichen in der Gesundheitsbranche tätigen Verwaltungskräfte, um nur eine sehr unvollständige Aufzählung zu bieten.
Ähnliches gilt analog beispielsweise für den Lebensmittelbereich, den Wohnungsbau oder im außerwirtschaftlichen Bereich etwa für das Bildungs- und Erziehungswesen.
Die Leistungsverbundenheit erstreckt sich dabei nicht allein auf das gemeinsame Ziel, sondern auch auf die Umstände, Voraussetzungen und Mittel zur Zielerreichung. Vielfältige Faktoren betreffen alle in einem Wirtschaftsbereich Tätigen gleichermaßen, wenn auch zu unterschiedlichem Grad oder auf unterschiedliche Weise. Dies gilt etwa für die Infrastruktur oder den beruflichen Nachwuchs.
Der Hinweis von Oswald von Nell-Breuning „Diese Leistungsverbundenheit erschöpft sich jedoch derzeit in der rein tatsächlichen, weil unvermeidlichen Gegebenheit, ohne irgendwie rechtlich und organisatorisch gestaltet zu sein.“[2]Ebd., S. 228. aus den 1950er Jahren gilt dabei heute noch immer.
Faktisch führt dies dazu, dass der Gegensatz von Konkurrenten sowie von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sehr viel präsenter ist, obwohl die Leistungsverbundenheit eigentlich grundlegender, da unmittelbarer auf das Gemeinwohl und damit die volle personale Entfaltung des einzelnen gerichtet, ist.
Diese Gegensätze überwiegen und verdrängen die „Interessenverbundenheit der sachlich (tatsächlich) Leistungsverbundenen nicht nur bewußtseinsmäßig, sondern auch strukturell-organisatorisch.“[3]Ebd., S. 284. In der Vergangenheit führte dies katholischerseits zum Ruf nach dem Aufbau einer leistungsgemeinschaftlichen Ordnung, damit „was sachlich (tatsächlich) ohnehin das Übergewicht besitzt,… auch strukturell-organisatorisch die Möglichkeit gegeben [wird], sein Übergewicht auszuwirken.“[4]Ebd.
Damit ist die Sozialökologie berührt, die sich nach Papst Franziskus wesentlich mit der Frage nach gesunden sozialen Institutionen befasst (vgl. Laudato Si‘ Nr. 142).