In seinem Klassiker „Haben oder Sein“ befasst sich Erich Fromm unter anderem mit unterschiedlichen Gottesbildern und den mit diesen verbundenen Bedürfnissen. Nach Erich Fromms Darstellung stünden Muttergottheiten für bedingungslose Annahme und Barmherzigkeit, Vatergottheiten für Gerechtigkeit. Beides entspreche menschlichen Grundbedürfnissen. Das Ideal wäre sozusagen ein Gottesbild, das beide Elemente miteinander verbinde, wobei er selbst für einen atheistischen Humanismus plädiert.

Vater- und Muttergottheiten bei Erich Fromm

Interessant ist, dass Erich Fromm selbst darauf hinweist, dass der hebräische Begriff für Barmherzigkeit wörtlich übersetzt „Gebärmutter“ bedeutet. Hier wird im Grunde schon deutlich, dass der biblische Gott väterliche und mütterliche Eigenschaften in der gewünschten Weise verbindet, ja man könnte sagen, was Erich Fromm als Synthese vorschwebt ist nichts anderes als der barmherzige Vater oder, so könnte man vor dem Hintergrund des zuvor Gesagten vielleicht auch formulieren, der mütterliche Vater bzw. der Vater mit (auch) mütterlichen Eigenschaften.

Diesen Schritt geht Erich Fromm leider nicht, verkehrt ist er dennoch nicht. Doch bleiben wir noch einen Moment bei Erich Fromm. Die Vatergottheiten bei Erich Fromm schenken keine bedingungslose Liebe. Ihre Liebe ist bedingt, abhängig vom Gehorsam. Ungehorsam zieht den Verlust der Liebe nach sich. Reue (und ggf. nachfolgende Bestrafung) mit anschließend erneuertem Gehorsam stellt die Liebe wieder her. Dies steht in deutlichem Kontrast zum christlichen Glauben, nach dem der barmherzige Vater seine Liebe ungeschuldet und unverdient, also ohne jede Vorleistung seitens des Menschen – eben als Gnade – schenkt.

Hölle als Konsequenz radikaler Freiheit

Dabei muss man den Vatergottheiten Erich Fromms lassen, dass sie ihren „Kindern“ Freiheit ermöglichen. Ein Mensch kann sich für den Ungehorsam entscheiden und damit für den Abbruch der Liebesbeziehung zu Gott – wenn er nur bereit ist, die entsprechenden Konsequenzen dafür zu tragen. Der Vatergott will zwar prinzipiell gehorsame Knechte, aber vor allem gewährt er dem Menschen die Freiheit, sein Verhältnis zu ihm selbst zu bestimmen. Der Vatergott anerkennt die Menschen als freie, verantwortliche und damit letztlich reife Persönlichkeiten. Die Existenz der Hölle ist in diesem Sinne nichts anderes als die notwendige Konsequenz dieser Freiheit, sich radikal und in alle Ewigkeit mit eben aller Konsequenz gegen Gott entscheiden zu können. Knapp formuliert: Ohne Hölle keine Freiheit.

Bei den Muttergottheiten ist dies dementsprechend auch nicht so. Komme was wolle, am Ende ist die Rückkehr in Mutters – für manche vielleicht auch Muttis – Schoß…nun ja…alternativlos. Die Bedingungslosigkeit der Liebe wird hier mit dem Verlust existentieller Freiheit erkauft. Die „Kinder“ der Muttergottheiten bleiben ein Leben lang unmündig und fremdbestimmt.

So gesehen würde ich sagen, was Menschen in den Vater- und Muttergottheiten eigentlich suchen ist nicht einfach Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Es ist im ersten Fall vor allem die Anerkennung als freie, gerade auch moralisch verantwortliche und reife Persönlichkeiten mit allen Konsequenzen und im zweiten Fall vor allem emotionale Nähe und Wärme.

Der barmherzige – oder mütterliche – Vater Jesu Christi ist die Zusage von beidem.

Erich Fromm

Doch wer auch nur ein klein wenig kirchliches Gemeindeleben und Gottesdienste erlebt hat, kommt zu dem Eindruck, dass hiervon wenig bis nichts die Herzen der Gläubigen erreicht hat. Die ältere Generation scheint allzuoft tief traumatisiert durch die Vermittlung eines strengen, harten und engherzigen Vatergottes, der Gehorsam fordert, mit Strafen droht sowie mit Einschüchterung arbeitet, um seine „Untertanen“ klein zu halten und dafür dann noch den „großen Bruder“ „Klerus“ einspannt. Dieser Vater schenkt nicht Freiheit, sondern erzwingt Unterwürfigkeit. Es ist ein Abbild jenes autoritären Erziehungsstils, wie er früher scheinbar üblich war.

Die Konsequenz, die von dieser Generation hieraus gezogen wird, entspricht folgerichtig – aber ebenso irregeleitet – dem permissiven Erziehungsstil: Gott als Kumpel, der sich selbst einen guten Mann sein lässt und von seinen Kindern absolut gar nichts verlangt. Was dabei am Ende ankommt? Es ist der passive, innerlich abwesende Vater, der statt Freiheit zu schenken, einfach alleine bzw. im Stich lässt. Ein Gott, der im Endeffekt nur Desinteresse und Gleichgültigkeit für unsere Entscheidungen und Handlungen an den Tag legt und auf den man daher auch gut und gerne verzichten kann. Eine Konsequenz, welche gerade viele junge Menschen auch folgerichtig ziehen.

Beiden Extremen entspricht auf Seiten der Muttergottheiten einmal die vereinnahmende Mutter, welche statt Wärme und Nähe zu schenken, ihren Kindern die Luft zum Atmen raubt und die symbiotische Beziehung der Anfangszeit nicht zu lösen bereit ist; auf der anderen Seite, die vernachlässigende Mutter, die ihre Kinder emotional verhungern lässt.

Dies zeigt: Letztlich muss auch die Mutter frei geben und der Vater emotionale Wärme und Nähe schenken. Es braucht den barmherzigen – also mütterlichen – Vater und die gerechte – väterliche Mutter. Christlich gesprochen: Gott und Kirche.

Der barmherzige – oder mütterliche – Vater (und die väterliche Mutter) entspricht so gesehen dem autoritativen Erziehungsstil. Ihn wiederzuentdecken sind wir nicht nur der Wahrheit, Gott und unzähligen, unsterblichen Seelen schuldig. Es entspricht auch dem Zeugnis von Schrift und Tradition; sehr viel mehr jedenfalls als die oben geschilderten Karikaturen.

Petrinisches und marianisches Prinzip in der Kirche

En passant finden wir hier auch eine Antwort auf das angebliche Frauenproblem der katholischen Kirche. Faszinierender- und inhaltlich amüsanter Weise hat Fromm übrigens auch hierzu etwas zu sagen. In der römisch-katholischen Kirche sah Fromm nämlich gerade in ihrem zölibatär lebenden Klerus, der Marienverehrung sowie dem ausgeprägten institutionellen und kirchenrechtlichen Apparat eine recht gelungene Synthese des männlichen wie weiblichen Genius, von petrinischem und marianischem Prinzip, wie Papst Franziskus zu sagen pflegt. Die Hinwendung des Christentums zum Patriarchat setzt er vielmehr bei Martin Luther an. Die Protestantisierung der katholischen Kirche im Namen der Frauen wäre somit der ultimative Sieg des Patriarchats über die Kirche. Kein Wunder, dass Papst Franziskus sich so dagegen sperrt.

Diese Ausführungen treffen aber natürlich nicht nur auf die Gott-Mensch- und Eltern-Kind-Beziehung zu. Sie lassen sich ebenso auf die Staat-Mensch-Beziehung übertragen.

Dem strengen, harten Vater entspricht hier der autoritäre Staat, der Gehorsam fordert und für law and order sowie „nationale Sicherheit“ sorgt. Man denke an die lateinamerikanischen Militärdiktaturen des vergangenen Jahrhunderts.

Dem passiven, abwesenden Vater entspricht der libertäre Staat, der Minimalstaat, der sich auf ein Minimum an Aktivitäten beschränkt. Man denke an den Nachtwächterstaat des 19. Jahrhunderts.

Man sieht aber auch: Das chilenische Pinochet-Regime erscheint hier als Prototyp eines pervertierten väterlichen Staates, insofern es beide Extreme in sich vereinigte.

Der vereinnahmenden Mutter entspricht der totalitäre Staat, der das Leben seiner Bürger vollkommen aufsaugt. Man denke an das Dritte Reich, das faschistische Italien, die Sowjetunion oder die Volksrepublik China.

Der vernachlässigenden Mutter entsprechen die failed states wie das Prä-Taliban-Afghanistan der 90er Jahre oder Somalia, die nicht einmal in der Lage sind, jene Aufgaben zu erfüllen, welche der libertäre Staat noch wahrnimmt.

Wo es die Extreme gibt, gibt es auf der anderen Seite aber natürlich auch die goldene Mitte, das Analogon zum barmherzigen Vater. In diesem Fall ist es der subsidiäre Staat. Es ist der Staat, der dem Einzelnen und den gesellschaftlichen Gemeinschaften, angefangen bei Ehe und Familie, nicht hineinregiert, sondern den nötigen Freiraum zur Entfaltung bietet, in erster Linie Hilfe zur Selbsthilfe leistet und nur im Not- und Ausnahmefall Verantwortlichkeiten an sich zieht. Man sieht: Die modernen liberalen und sozialen Demokratie fallen in diese Kategorie, wenn sie das geschilderte Ideal auch nur höchst unvollkommen verwirklichen mögen.

Die Bundesrepublik gehört sicher in das Feld subsidiärer Staaten, allerdings mit einer Tendenz hin zur Vereinnahmung, zum Totalitären, in der Verletzung des Subsidiaritätsprinzips.

Orban und Kaczynski können als Beispiele für autoritäre Vaterfiguren gelten. Merkel hatte etwas von der vereinnahmenden Mutti. Ihre ganze Strategie der asymmetrischen Demobilisierung hatte etwas von einer Vereinnahmung der Opposition und in dieser Verunmöglichung von Opposition, in der Erweckung einer Illusion von Alternativlosigkeit steckt auch etwas Totalitäres. Von daher verwundert es nicht, dass als Gegenreaktion mit der AfD eine Partei vom Typ „autoritärer Vater“ entstand. Doch auch Friedrich Merz gewinnt seinen innerparteilichen Reiz daraus, als Anti-Merkel eine Vaterfigur zu verkörpern, einerseits autoritär im Sinne von law and order, Leitkultur und Begrenzung der Zuwanderung, andererseits libertär im Sinne eines neoliberalen Rückzugs des Staates aus Wirtschaft und Sozialem. Mein Problem mit Merz besteht so auch nicht darin, dass er als Vaterfigur auftritt, sondern dass er in dieser Vaterfigur die beiden Zerrbilder eines Vaters vereint, wenn auch insgesamt – wie auf der anderen Seite Merkel – noch in einer sehr milden Variante.

Trump vs. Clinton: Autoritärer Vater vs. vernachlässigende Mutter

In den USA verkörpert Donald Trump das Bild des autoritären Vaters sehr viel aggressiver – und dies nicht erst mit seiner Ankündigung einer Diktatur für einen Tag. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass sein Versprechen von 2016 – bereits im Vorwahlkampf geäußert und ein Bruch mit der republikanischen Orthodoxie – die Sozialansprüche der Amerikaner nicht anzurühren, für viele – gerade auch ärmere – US-Amerikaner einem Versprechen gleichkam, zumindest für sie auch ein barmherziger Vater sein zu wollen, der sie eben gerade nicht im Stich lässt, sondern sie beschützt und versorgt. Beides muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass seine Gegenkandidatin mit ihrem Ausspruch von den „deplorables“ das klare Signal aussandte, eine vernachlässigende, emotional unterkühlte Mutter zu sein. Im innerparteilichen Wahlkampf der Demokraten vertrat derweil Bernie Sanders mit seinem Programm eines demokratischen Sozialismus den Typus vereinnahmende Mutter – womit deutlich wird, dass die biologische Geschlechtszuordnung nicht zwingend Rückwirkungen auf die politische Typenzuordnung haben muss.

2024: autoritärer Vater vs. barmherziger Vater?

Vor die Wahl zwischen autoritärem Vater und vernachlässigender Mutter gestellt, entschieden sich die Amerikaner 2016 für ersteren. Auf der anderen Seite transportierte Joe Biden 2020 erfolgreich das Bild, das er seine gesamte Karriere über kultiviert hatte: jenes des barmherzigen Vaters (ausgenommen für die Ungeborenen). In diesem Fall zogen die Amerikaner den barmherzigen dem autoritären Vater vor. Zumindest noch 2020. 2024 besteht die Gefahr, dass Biden altersbedingt als abwesender, passiver Vater abgestempelt wird – mit entsprechend positiven Aussichten für den herausfordernden autoritären Vater.

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