Romano Guardini

Keinen nicht-päpstlichen Autor zitiert Papst Franziskus in Laudato Si‘ so häufig wie den katholischen Priester und Religionsphilosophen Romano Guardini: ganze sieben Mal.[1]Darüber hinaus auch einmal in seiner vierten Enzyklika Dilexit nos in Nr. 12. Sämtliche Zitate stammen aus dessen Schrift „Das Ende der Neuzeit“[2]Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit – Ein Versuch zur Orientierung, 10. Auflage, Matthias-Gründewald-Verlag Mainz, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1986.. Bis auf ein Zitat tauchen alle in in Kapitel 3 über „Die menschlichen Wurzeln der ökologischen Krise“ in den Nummern 105 bis 115 auf, das letzte fällt im letzten Kapitel über „Ökologische Erziehung und Spiritualität“.

Romano Guardini

Aus dem Kontext lässt sich – wie sich zeigen wird berechtigterweise – folgern, dass eine tiefere Beschäftigung mit diesem Werk Guardinis einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Lehre von Papst Franziskus über das technokratische Paradigma liefern kann. Da Guardini selbst in seinem später veröffentlichten Werk „Die Macht“[3]Romano Guardini, Die Macht – Versuch einer Wegweisung, 7. Auflage, Matthias-Gründewald-Verlag Mainz, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1986. darauf hinweist, dass dieses direkt an „Das Ende der Neuzeit“ anknüpfe,[4]Ebd., S. 99. soll im Folgendes auch dieses in die Betrachtung miteingezogen werden.

Abstract

Guardini schildert, wie die Menschheit seit dem Ende des 1. Weltkrieges in ein gänzlich neues Zeitalter eingetreten sei. In ihm erscheine ihr die Natur nicht mehr als erhaben und majestätisch, sondern als bedroht und gefährdet. Der Mensch selbst habe eine Machtfülle angesammelt, die eine globale Katastrope möglich mache. Guardini dachte hierbei an einen Atomkrieg. Heute sind uns auch die möglichen Folgen des anthropogenen Klimawandels sowie die sonstigen ökologischen Auswirkungen menschlichen Handelns ins Bewusstsein getreten. (mehr dazu in „Welche Neuzeit?“)

Die große Aufgabe, vor der die Menschheit nun steht, ist nicht länger – wie noch in der Neuzeit – die immer weiter gehende Steigerung menschlicher Macht – dies werde quasi automatisch geschehen – sondern deren Bändigung.

Der Mensch der Neuzeit habe eine gewisse Scheu vor der Macht gehabt und ihren Gebrauch mit der Steigerung von Sicherheit, Nutzen und Wohlfahrt gerechtfertigt. Dies habe ihn daran gehindert, einen Ethos des Machtgebrauchs zu entwickeln. Die Folge ist, dass der Mensch nicht fähig ist, die Verantwortung zu tragen, die mit seiner Machtfülle notwendig einhergeht. Dies macht die Katastrophe nur noch wahrscheinlicher. In diesem Zusammenhang finden sich die Stellen, die Papst Franziskus vor allem in Bezug auf das technokratische Paradigma zitiert, dessen historische Wurzeln freilich weiter zurückreichen bis tief in die Neuzeit selbst hinein; ein Umstand, der Guardini selbst zu entgehen scheint, jedenfalls nicht explizit von ihm thematisiert wird. Das von Guardini beschriebene und von Papst Franziskus ebenfalls so gesehene Problem lässt sich darin zusammenfassen, dass die ethische und spirituelle Entwicklung der Menschheit nicht Schritt gehalten habe mit ihrer technischen und wirtschaftlichen.

Die Lösung besteht für den katholischen Realisten Guardini nicht darin, die Uhren zurückzudrehen, wie dies Reaktionäre wünschen mögen und was man, nach der Lektüre Guardinis, auch den neoliberalen Denkern (nicht nur) seiner Zeit vorhalten kann. (mehr dazu in „Wieso Ende?“)

Das neue Zeitalter braucht vielmehr Menschen, die ein selbstverständliches Verhältnis zu Macht und Technik haben und beides im Bewusstsein ihrer Verantwortung für die Welt als Ganzes gebrauchen, eine Verantwortung, die verbunden ist mit einer Liebe zu dieser als endlich und bedroht erkannten Welt.

Dies beinhaltet die Einsicht, dass es um Unbedingtes geht – um Leben oder Tod, Wahrheit oder Lüge… – und dass der Gang der Geschichte nicht von einer Notwendigkeit bestimmt ist, sondern von der Freiheit des Menschen, eine Freiheit allerdings, die nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln ist, sondern in ihrem rechten Gebrauch Achtung vor den Dingen der Welt einschließt, deren Wesen nur einen begrenzten Gebrauch erlaubt, ohne dass er ins Destruktive, ja Selbstzerstörerische abgleitet. Dies verlangt jedoch zuallererst Einsicht in dieses Wesen der Dinge, also nicht nur in ihre Wirk- und Material-, sondern ebenso in ihre Formal- und Finalursachen.

Dieser Verantwortung zu entsprechen, das heißt die eigene Freiheit in rechter Weise zu gebrauchen, verlangt Disziplin und diese wiederum Askese verstanden als das Erringen einer Herrschaft über sich selbst und die eigenen Triebe als Grundvoraussetzung für eine verantwortbare Herrschaft über die Welt.

Die Herausforderung, vor welcher die Menschheit steht, verlangt nicht das einzelne Genie – von dem noch der Mensch der Neuzeit geträumt hat – sondern eine große Zahl zur Verantwortung bereiter und fähiger Menschen sowie deren Zusammenwirken. Benötigt werde daher auch Kameradschaft, verstanden als „selbstverständliche Bereitschaft zu wechselseitiger Hilfe und zum Ineinandergehen der Leistungen“. (mehr dazu in „Die Macht als Aufgabe“)

Angesichts dessen fragt Guardini, was nun ganz konkret zu tun sei bzw. genauer formuliert: was jeder einzelne in seinem Bereich ganz konkret tun könne, letztlich um mehr zu einem solchen Menschen zu werden, den es für die Bewältigung der vor uns liegenden Herausforderungen braucht. Er nennt 4 Punkte.

Diese 4 Punkte finden sich so oder ähnlich nicht nur bei Papst Franziskus, sondern ebenso bereits bei Aristoteles:

Kurz: Im Lichte des Denkens Guardinis, der nicht nur Religionsphilosoph und Priester, sondern auch – wie Simone Weil – Pädagoge war, ist die ökologische Krise – verstanden als eine Entscheidungssituation zwischen Leben und Untergang – vor allem eine Frage der Pädagogik, der ganzheitlichen Bildung und Erziehung des Menschen. Wie sich dabei zeigt, ist die von Papst Franziskus im letzten Kapitel von Laudato Si‘ geforderte ökologische Erziehung dabei nur ein Baustein.

Will man nicht auf der individuellen Ebene stehen bleiben, die der Herausforderung, wie Guardini und Papst Franziskus Guardini zitierend deutlich machen, nicht gewachsen ist, kann man hieraus nur die Notwendigkeit eines aristotelischen Bildungs- und Erziehungsprogramms, ja angesichts der Realitäten des deutschen Erziehungs- und Bildungswesens einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform und als deren Vorbedingung einer multireligiösen aristotelischen Bildungs- und Erziehungsbewegung ableiten.

Im Sinne des Aristoteles ist hierbei nicht zuletzt die Politik bzw. der Staat gefordert im Sinne eines Virtue mainstreamings, das heißt einer Hinordnung der gesamten Gesetzgebung auf die Förderung der Tugenden und die Hemmung der Laster. Das Ziel müssen kluge, weise und charakterstarke Menschen sein, die sich als den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen erweisen. (mehr dazu in „ein aristotelisches Bildungs- und Erziehungsprogramm“)

Im Lichte Romano Guardinis erscheint das technokratische Paradigma als das Paradigma ungebändigter, von Ethik und Gott entkoppelter menschlicher Macht. Eine ganzheitliche Ökologie gegen oder ohne den Menschen kann es aber nicht geben. Jede ganzheitliche Ökologie muss als ihre Grundlage die Frage nach dem Wesen der Dinge sowie die Rückbindung (re-ligio) an Gott haben.

References

References
↑1Darüber hinaus auch einmal in seiner vierten Enzyklika Dilexit nos in Nr. 12.
↑2Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit – Ein Versuch zur Orientierung, 10. Auflage, Matthias-Gründewald-Verlag Mainz, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1986.
↑3Romano Guardini, Die Macht – Versuch einer Wegweisung, 7. Auflage, Matthias-Gründewald-Verlag Mainz, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1986.
↑4Ebd., S. 99.