Die Liebe verändert uns. Wir übernehmen ganz von selbst Qualitäten dessen, den wir lieben, werden so ihm ähnlich, einfach, weil sie uns anziehend erscheinen, weil sie uns liebenswert erscheinen. Ohne Anstrengung, ohne Mühe, ja sogar ohne bewusste Anstrengung. Das ist in nuce, wie Christus uns transformieren will.* Liebe entspringt der Begegnung mit dem Geliebten. In den Worten von Papst Benedikt XVI.:
„Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“
(Caritas in Veritate 1)
Darum und so bewirkt die theoria – die Gottesschau als höchste Form der Begegnung mit Gott – in uns die theosis, die Vergöttlichung.
Was ist es an der Begegnung mit dem Geliebten, das uns verändert?
Es ist die Begegnung mit seiner Schönheit.
Diese Begegnung lässt einen Funken überspringen, entzündet in uns die Liebe.
Wie wirkt sich die Liebe aus? Auf zweierlei Art:
Wir fühlen uns angezogen vom Geliebten, suchen immer mehr seine Nähe. Die Liebe führt uns in die Kontemplation.

Zugleich sind wir begeistert vom Geliebten. Wir wollen, wir sehnen uns danach, dass auch alle anderen seine Schönheit erkennen und anerkennen. Die Liebe drängt uns zur Mission, zum Apostolat. Sie lässt uns den Lobpreis des Geliebten singen, seinen Ruhm verkünden.
Früchte der Liebe
Sammlung und Sendung. Mystik und Mission. Beides Früchte der einen Liebe.
Beide Früchte stehen dabei nicht unvermittelt oder gar als Gegensätze nebeneinander. Sie liegen vielmehr ineinander. Die Schönheit, welche die Menschen anzieht, aufgrund derer sie auf die Sendung antworten, ist die Schönheit des Geliebten, die Schönheit Jesu Christi, für welche die Gläubigen in dem Maße transparent werden, wie sie Christus lieben, ihm nahe sind, in ihm gesammelt sind. Die Autorität der Kirche, die Heiligkeit der Gläubigen – beides hängt ab von der Liebe zu Jesus Christus.
Alles was wir erhoffen – nennen wir es eine Zivilisation der Liebe, eine Kultur des Lebens, eine ganzheitliche Ökologie, das Reich des Herzens Jesu, das Reich Gottes, das soziale Königtum Christi, eine aristotelische Bildungs- und Erziehungsreform oder eine sozialökologische Transformation und was wir sonst noch erhoffen mögen – hängt letztlich an der Liebe, an der Liebe zu Jesus Christus und damit an der Begegnung mit ihm. Das macht diese Liebe und diese Begegnung nicht zu einem Mittel für andere Zwecke. Sie selbst ist der Zweck. Alles andere seine Früchte. Nur dieses eine ist notwendig.
Zwei bevorzugte und zu bevorzugende Orte der Begegnung mit der Schönheit Jesu Christi sind die lectio divina als Vorbereitung und Vertiefung des Wortgottesdienstes (vgl. Verbum Domini 86) und die eucharistische Anbetung als Vorbereitung und Vertiefung der Eucharistiefeier (vgl. Sacramentum Caritatis 66).
Lasst uns nach dieser Liebe streben.
Augustinus (+ 430)
Aus dem Traktat zum ersten Johannesbrief.
Das Sehnen des Herzens ist auf Gott gerichtet
Was ist uns versprochen? „Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1) Die Sprache sagt es, soweit sie es vermag; den Rest muss das Herz denken. Denn was konnte selbst Johannes aussagen, verglichen mit dem, der ist? Was können dann wir sagen, die wir ihm so ungleich sind an Heiligkeit?
Wir wollen uns daher auf seine Salbung (den Geist Christi) verlassen, auf jene Salbung, die uns im Innern lehrt, was wir nicht in Worte fassen können. (2) Weil ihr es jetzt noch nicht sehen könnt, besteht euer Dienst in der Sehnsucht.
Das ganze Leben des Christen ist ein heiliges Sehnen nach dem Guten. Wonach du verlangst, das siehst du noch nicht. Aber die Sehnsucht befähigt dich zu vollem Sehen, wenn es kommt.
Wenn du einen Behälter füllen willst und weißt, wie groß die erwartete Gabe ist, vergrößerst du die Wandung des Sackes oder des Schlauches oder was auch immer für eines Gefäßes. Du weißt, wie viel du hineintun musst, und siehst, dass der Hohlraum eng ist. Du weitest ihn, damit er mehr fasst. So weitet Gott das Verlangen, indem er die Erfüllung aufschiebt. Durch das Verlangen weitet er die Seele, und indem er sie weitet, macht er sie aufnahmefähiger.
So wollen wir denn nach der Erfüllung verlangen, wie sie uns zugedacht ist. Seht, wie Paulus sein Herz weitet, um fassen zu können, was einst kommen wird. Er sagt: „Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte.“ (3)
Was tust du also in diesem Leben, wenn du es noch nicht ergriffen hast? „Eines tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung.“ (4)
Denke daran, Gott will dich mit Honig anfüllen. Wenn du voll Essig bist, wohin willst du den Honig tun? Du musst ausschütten, was in dem Gefäß ist. Du musst das Gefäß reinigen. Du musst es reinigen, wenn auch durch ein mühevolles Scheuern, damit es geeignet wird, etwas Neues aufzunehmen.
Ob wir von Honig, von Gold oder Wein sprechen: gleich welchen Namen wir dem Unsagbaren geben, was immer wir sagen wollen, sein Name ist Gott. Und wenn wir sagen: „Gott“, was haben wir dann gesagt? Diese eine Silbe enthält alles, was wir erwarten. Alles, was wir sagen können, ist unzulänglich. Wir wollen uns also ausstrecken nach ihm. Wenn er kommt, möge er es vollenden. „Wir werden ihm ähnlich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“
1 Joh 3,2.
2 Vgl. 1 Joh 2,20.27.
3 Phil 3,12.13.
4 Phil 3,13.14.
* Natürlich gibt es auch jene Trockenheit im geistlichen Leben, von dem Johannes von Kreuz so berede sprach und die Hingabe in der dunklen Nacht der Sinne und des Geistes verlangt, ein Durchtragen in Treue zum Geliebten, der fern scheint und doch nahe ist. Die Wahrheit ist aber auch, dass die allerwenigsten von uns jenes Maß an Heiligkeit erlangen, dass Gott sich zurückzieht, um uns tiefer zu rufen. Bei den allermeisten von uns liegt die Trockenheit allein bei unserer Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit dem Geliebten gegenüber. Ihnen (uns) gilt dieser Text.