Alasdair MacIntyre

Die Feststellung der Notwendigkeit einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform wirft die Frage auf, was eine solche erfordert. Im Folgenden soll untersucht werden, welchen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage das Denken des in der aristotelischen Tradition stehenden Moralphilosophen Alasdair MacIntyre zu leisten vermag.

Abstract

Alasdair MacIntyre betont, dass der Sieg des technokratischen Paradigmas über die aristotelische Teleologie in der Ethik der Aufklärung zu einer Spaltung in Moralphilosophie und Sozialwissenschaften geführt hat, die wiederum zur Entstehung der heutigen liberalen Ordnung beigetragen hat, in der es nicht möglich ist, sich auf ein inhaltlich definiertes Gemeinwohl zu verständigen, das über die Erhaltung einer Ordnung hinausgeht, die es formal jedem ermöglicht, seine subjektiven Präferenzen zu verfolgen, materiell aber nur in dem Maße, wie der einzelne auch über die entsprechenden Machtmittel verfügt. Die liberale Ordnung erscheint bei Alasdair MacIntyre so als Ordnung des technokratischen Paradigmas, deren Funktion die institutionelle Absicherung des Rechts des Stärkeren, die Emanzipation des Individuums aus sämtlichen Bindungen sowie der voranschreitende Machtzuwachs privater und öffentlicher Bürokratien sowie der diese leitenden Managerschicht ist.

Während die Postmoderne lediglich eine Vollendung der Moderne darstellt, setzt MacIntyre auf die Tradition und hier spezifisch auf den Thomismus als Antwort auf die ethischen, philosophischen und politischen Herausforderungen unserer Zeit.

Ausgehend von der antiken Polis skizziert Alasdair MacIntyre eine alternative Sozialordnung, die sowohl die Vernunftbegabung des Menschen wie auch seine über die Lebensspanne wiederkehrenden Phasen zum Teil radikaler Abhängigkeit in einer Weise berücksichtigt, die jedem Menschen ein gelungenes und damit glückliches Leben ermöglichen soll.

Alasdair MacIntyre

Wider die letztlich gnostizistischen Tendenzen moderner Moralphilosophie betont MacIntyre dabei die Materialität des Menschen in Form seiner Geschichtlichkeit und Leiblichkeit. Ersteres vollzieht sich in seinem Bestreben, zu zeigen, wie Vernunft und Moral ausschließlich – aber real – in ihrer historischen Gebundenheit an konkrete Traditionen und Gemeinschaften bestehen und letztere dennoch miteinander in einen substantiellen Dialog treten können, der ihren jeweiligen Wahrheitsanspruch zugleich gelten lässt und auf die Probe stellt. Letzteres vollzieht sich in der Betonung der prinzipiellen Angewiesenheit jedes Menschen auf bedingungslose Fürsorge, die deshalb auch moralphilosophischer und politischer Berücksichtigung bedarf und schlussendlich jeden auch zu bedingungsloser Fürsorge verpflichtet. Beides bedingt für Alasdair MacIntyre, dass der Mensch nur in konkreten Traditionen sowie in Gemeinschaften bedingungslosen Gebens und Empfangens ein gelingendes Leben führen kann.

Eine genaue Lektüre Alasdair MacIntyres legt nahe, dass für ihn eine aristotelische Bildungs- und Erziehungsreform nicht weniger als eine sozialökologische Transformation unserer gegenwärtigen politischen und ökonomischen Institutionen und Strukturen erfordert, die mit der Identifizierung und Stärkung bereits bestehender Gemeinschaften bedingungslosen Gebens und Empfangens ihren Anfang nehmen muss. Als Motoren einer so verstandenen sozialökonomischen Transformation sieht MacIntyre insbesondere lokale gemeinwohlorientierte Initiativen. Gegen Ende seines Wirkens würdigte MacIntyre dabei auch die Pionierarbeit Elinor Ostroms bei der empirischen Erforschung der Erfolgsvoraussetzungen für Commons.

Das Denken Alasdair MacIntyres zeigt dabei Parallelen zum Munizipialismus bzw. libertären Kommunalismus Murray Bookchins, der in diesem Zusammenhang auch bereits von einer Sozialökologie sprach, sowie Sympathien für das Programm des Distributismus. Ein Traditionalist, Kommunitarist oder Konservativer war Alasdair MacIntyre, wie er selbst stets betonte, dagegen nicht. Stattdessen identifizierte er sich mit dem Konzept eines revolutionären Aristotelismus.

Eine von Alasdair MacIntyre ausgehende Beschreibung und Kritik von Entstehung, Wesen und telos der herrschenden liberalen Ordnung.

Die Schilderung zweier alternativer Kritiken der herrschenden liberalen Ordnung nach Alasdair MacIntyre, wobei erstere (die Postmoderne) lediglich eine Radikalisierung der herrschenden liberalen Ordnung darstellt und allein letztere – die (thomistische) Tradition – die tatsächliche Möglichkeit einer Überwindung der liberalen Ordnung bietet.

Die Frage nach einer sozialökologischen, d.h. institutionellen, Alternative zur herrschenden liberalen Ordnung, konkret in Form einer postliberalen Universität und allgemein am Beispiel der antiken Polis als Bedingung für eine Erziehung in den Tugenden.

Ausgehend von der Leiblichkeit des Menschen skizziert Alasdair MacIntyre wesentliche Elemente einer sozialökologischen Transformation, das heißt einer Transformation unserer politischen und ökonomischen Institutionen und Strukturen, bzw. eines Virtue mainstreamings zur Verwirklichung eines aristotelischen Bildungs- und Erziehungsprogramms.

Eine Einordnung MacIntyreschen Denkens.