...im Angesicht Gottes

Das Empfangen von Versöhnung in den Sakramenten der Kirche beinhaltet etwas ganz Wesentliches: Der Gott, der sich in der Geschichte offenbart, ist kein Gott der Vergangenheit, er ist auch ein Gott des Hier und Jetzt – „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit„ (Hebr. 13,8).

Dieser Jesus Christus will uns hier und heute begegnen – in seinem Wort, in den Sakramenten, in der Gemeinschaft der Kirche, in den Notleidenden und im Gebet. Er will eine persönliche Beziehung zu jedem einzelnen von uns.

...im Angesicht Gottes

Das ist kein Zufall, sondern gründet in Gott selbst, der in sich Beziehung, Gemeinschaft ist – von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Weil Gott in sich Beziehung ist, ist Beziehung auch in seine Schöpfung eingeschrieben und das gilt nicht zuletzt für die menschliche Person. Darum kann Papst Franziskus in „Laudato si“ schreiben:

„Das lädt uns nicht nur ein, die vielfältigen Verbindungen zu bewundern, die unter den Geschöpfen bestehen, sondern führt uns dahin, einen Schlüssel zu unserer eigenen Verwirklichung zu entdecken. Denn die menschliche Person wächst, reift und heiligt sich zunehmend in dem Maß, in dem sie in Beziehung tritt, wenn sie aus sich selbst herausgeht, um in Gemeinschaft mit Gott, mit den anderen und mit allen Geschöpfen zu leben…Alles ist miteinander verbunden, und das lädt uns ein, eine Spiritualität der globalen Solidarität heranreifen zu lassen, die aus dem Geheimnis der Dreifaltigkeit entspringt.“
(Laudato si Nr. 240)

An der Wurzel unseres Seins steht also nicht Konkurrenz, sondern Beziehung, Gemeinschaft – Verbundenheit. Das ist auch der Grund, weshalb die von Johannes Duns Scotus herrühende konkurrenz-basierte Weltsicht, wie sie uns heute in Atheismus wie religiösem Fundamentalismus, Liberalismus wie Staatssozialismus, Indvidualismus wie Kollektivismus entgegentritt, keine Grundlage hat; sie ein zu überwindender Irrtum ist – mit all ihren politischen, ökonomischen, sozialen und ethischen Implikationen.

Das bedeutet eine Rückkehr zum hylemorphistischen Menschenbild, zum Verständnis des Menschen als Einheit von Leib und Seele. Es beinhaltet, Gesellschaft und Kultur nicht im Gegensatz zur Natur zu sehen, sondern als Entfaltung der spezifischen menschlichen Natur. Hierzu gehört auch, dass das Ziel von Gesellschaft und Kultur nicht in der Überwindung oder Unterwerfung der Natur bestehen kann, sondern in ihrer harmonischen Einfügung in die nicht-menschliche Natur. Die politische Philosophie darf dann nicht ausgehen vom losgelösten Individuum und auf den Erhalt oder die Maximierung von dessen Autonomie zielen. Sie muss vielmehr ausgehen von der konkreten Person, die auf vielfältige Weise in Verbundenheit steht, und sie muss zielen auf ihre Entfaltung in diesen Verbindungen und damit auf das Gemeinwohl. Das beinhaltet schließlich die Entscheidung für solidarische Formen des Wirtschaftens.

Eine globale Solidarität im Angesicht Gottes

Die große Herausforderung besteht freilich darin, aus dieser Wurzel heraus zu leben und also – in den Worten von Papst Franziskus – in Beziehung zu treten, aus uns selbst herauszugehen, um in Gemeinschaft mit Gott, mit den anderen und mit allen Geschöpfen zu leben in einer Spiritualität der globalen Solidarität. Eine beispiellose Inspiration hierfür ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk. 10,25-37).[1]Fratelli tutti Nr. 56-86

Doch auch wenn das in dieser Welt uns nur bruchstückhaft gelingen mag, so haben wir eine Hoffnung, die uns trägt, denn „Das ewige Leben wird ein miteinander erlebtes Staunen sein, wo jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung seinen Platz einnehmen und etwas haben wird, um es den endgültig befreiten Armen zu bringen“[2]Laudato si Nr. 243.…im Angesicht Gottes.

References

References
1Fratelli tutti Nr. 56-86
2Laudato si Nr. 243.