Andrew Willard Jones
Nachdem untersucht wurde, was Alasdair MacIntyre aus der Perspektive der Moralphilosophie und politischen Philosophie zu einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform zu sagen hat, welche sich nach der Lektüre Romano Guardinis „Das Ende der Neuzeit“ und „Die Macht“ als notwendige Antwort auf das herrschende technokratische Paradigma ergibt, stellt sich als nächstes eine zweifache Herausforderung:
Einmal die von MacIntyre als notwendig beschriebene sozialökologische Transformation, die Transformation der ökonomischen und politischen Prozesse und Strukturen, auch in Metaphysik und politischer Theologie Grund zu legen. Zum anderen näher zu fragen, wie diese Transformation ins Werk zu setzen ist.
Die zweite Herausforderung lässt sich in Rückgriff auf die 4 Ursachen bzw. Prinzipien des Aristoteles auch wie folgt beschreiben:
Romano Guardini lehrt uns, was wir brauchen: eine aristotelische Bildungs- und Erziehungsreform – die Formursache.
Die Päpste Franziskus, Johannes Paul II. und Pius XI. lehren uns, wozu wir es brauchen: zur Überwindung des technokratischen Paradigmas, der Zivilisation des Todes und zur Errichtung einer ganzheitlichen Ökologie, einer Zivilisation der Liebe, des Reiches des Herzens Jesu, des Königtums Christi – die Finalursache.
Alasdair MacIntyre lehrt uns, wodurch wir es verwirklichen: eine sozialökologische Transformation, eine Transformation unserer ökonomischen und politischen Prozesse und Strukturen – die Materialursache.
Es stellt sich noch die Frage nach der Wirkursache, d. h. wie wir das Ganze bewerkstelligen.

Antworten auf beide Herausforderungen finden sich bei Denkern im Umfeld des New Polity Institutes aus den USA, namentlich Andrew Willard Jones und David C. Schindler.
Andrew Willard Jones behandelt den Liberalismus in faktischem Anknüpfen an Alasdair MacIntyre als eine Tradition und formuliert explizit die Absicht, den Liberalismus als ein historisches Phänomen zu beschreiben, das frei ist von dem Bild, welches der Liberalismus von sich selbst zu zeichnen versucht.[1]Vgl. Andrew Willard Jones, The Church against the State – On Subsidiarity and Sovereignty, newpolity.com/press Steubenville, Ohio USA 2025, S. 31.
Andrew Willard Jones und die Metaphysik des Mangels und der Gewalt
Nach Jones basiert der Liberalismus – ebenso wie die anderen modernen Ideologien (Nationalismus/Rassismus und Sozialismus) – auf einer Metaphysik des Mangels (Malthus!) und der Gewalt. Was alle modernen Ideologien – den Anarchismus erwähnt er hierbei allerdings nicht – nach Jones eint ist ihr Glaube an das Souveränitätsprinzip. Diesem Glauben liege ein anthropologischer Individualismus zugrunde, nach dem der Mensch seinem Wesen nach weder sozial noch politisch sei, sondern sich nur unter äußerem Druck oder Zwang mit anderen zusammenschließe. Jedes menschliche Zusammenleben basiere daher auf der je größeren Zwangsgewalt staatlicher Macht.
Der klarste Vordenker dieses souveränistischen Denkens sei Thomas Hobbes, womit zugleich deutlich würde, inwiefern Absolutismus und Liberalismus denselben Ursprung hätten. Weitere Denker in dieser Richtung seien etwa Carl Schmitt und Michel Foucault.
Die Metaphysik des Mangels selbst lässt sich jedoch nach D. C. Schindler noch weiter zurückverfolgen bis in die spätmittelalterliche Strömung des Nominalismus. In dieser setzte in ihrer Theologie eine Verschiebung der Priorität weg von der potentia ordinata hin zur potentia absoluta ein. In der dem Liberalismus zugrundeliegenden Theologie sei die potentia absoluta schließlich zum inneren Wesen Gottes avanciert. Dies hat Konsequenzen.
Da nach Descartes nicht mehr zwischen potentia activa – Macht – und potentia passiva – Möglichkeit – unterschieden wurde, stellt die Potens unter diesen Umständen immer (und nicht wie bei Thomas von Aquina nur im Fall der potentia passiva) einen Mangel gegenüber dem Akt dar, insofern die Potens ein nicht-verwirklichter Akt ist, es der Potens in Relation zum Akt also an Sein mangelt. Die Potens – und sei es die potentia absoluta – zum inneren Wesen Gottes zu machen, bedeutet somit nach Schindler nichts anderes als den Mangel in das innere Wesen Gottes zu verlagern und so zu ontologisieren, ja zu theologisieren. Die Metaphysik des Mangels – und abgeleitet jene der Gewalt – gründet somit im wahrsten Sinne des Wortes in einem mangelhaften Gottesbild.
Dieses – von der potentia absoluta Gottes ausgehende – Gottesbild hat Folgen für Offenbarungsverständnis und Ekklesiologie. Hinsichtlich des Offenbarungsverständnisses bedeutet es, dass Gott sich auch auf völlig andere Weise hätte offenbaren können als er es tatsächlich tat. Die Art und Weise seiner Offenbarung – durch Menschwerdung und Leiden Jesu Christi – ist damit im Grunde austauschbar und beliebig. Sie hat keine innere Verbindung mit dem Wesen Gottes. Prägnant formuliert: Dass Gott sich so offenbarte, wie er es tat, ist letztlich reine Willkür – die Willkür eines absoluten Souveräns – und sagt deshalb auch nichts darüber aus, wie Gott tatsächlich in seinem Innersten ist. Die Offenbarung offenbart – nichts. In letzter Konsequenz – die so richtig erst in der jüngeren Vergangenheit voll zum Tragen kam – bedeutet dies, dass auch die Kirche nicht Trägerin und Bewahrerin der authentischen Offenbarung Gottes, sondern nur ein möglicher Weg zu Gott unter vielen ist, die aber letztlich alle irgendwo im Nirgendwo versanden. Gott – und mit ihm die Kirche als die Erweiterung der Menschwerdung Gottes in Zeit und Raum über das irdische Leben Jesu Christi hinaus – rückt damit in die Ferne und schafft Raum für die Selbstermächtigung des Menschen. Dies wiederum, so Schindler, sei der theologische und metaphysische Kern des Liberalismus. In den von Jones wiederholt aufgegriffenen Worten des heiligen Augustinus: die Stadt des Menschen, die civitas terrena, das irdische Gemeinwesen losgelöst von Gott aufzubauen, wie Adam und Eva danach zu streben, ohne Gott wie Gott zu sein, was am Ende darauf hinaus läuft, dem sterblichen Gott, dem Leviathan, zu dienen.
Die Alternative hierzu, die bis in das 14. Jahrhundert unbestritten war, lautet: Es besteht eine innere Verbindung zwischen dem, wie sich Gott offenbart hat und seinem Wesen. Das heißt es findet eine tatsächliche Offenbarung statt und wir sind wirklich in der Lage, Gott kennenzulernen. Das bedeutet auch, dass die Kirche tatsächlich die authentische Trägerin und Bewahrerin der Offenbarung Gottes ist und sich hieraus ihre einzigartige Autorität, auch in Fragen der Politik und der Wirtschaft, ableitet, wie dies Papst Leo XIV. in einer Ansprache an französische Politiker betont hat.
Im Liberalismus beende daher erst die Zwangsgewalt staatlicher Macht den gewaltsamen Kampf aller gegen aller um die durch Mangel charakterisierten Güter durch die Drohung mit seinem größeren Gewaltpotential und ersetze diesen durch den scheinfriedlichen Konkurrenzkampf der verschiedenen Marktteilnehmer. Dabei würden auch kleinere Gemeinschaften wie die Familien auf vertragliche Zusammenschlüsse zu transaktionalen Zwecken („Do ut des“) reduziert und ihre einzelnen Angehörigen faktisch als Vertragspartner behandelt. Der liberale Staat erziehe seine Bürger dazu, sich selbst als von Eigeninteresse motivierte Rechtssubjekte zu begreifen, indem er immer mehr Lebensbereiche von dieser Prämisse ausgehend durchdringe und organisiere. Das Ergebnis ist die voranschreitende Herauslösung der Menschen aus sämtlichen Bindungen, das heißt die Schaffung scheinbar autonomer Individuen, bei gleichzeitiger Zentralisierung der politischen und ökonomischen Macht – mit anderen Worten: der bürokratische Individualismus Alasdair MacIntyres, wobei Andrew Willard Jones nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass dies in der klassisch-antiken politischen Philosophie auch Charakteristika der Tyrannis seien. Da der Liberalismus dabei von einer formalen Rechtsgleichheit ausgehe, sei er blind für die tatsächlichen Machtunterschiede in der Gesellschaft und fördere so Ausbeutung und Unterdrückung der Schwächeren durch die Stärkeren. So entstünden – noch vor der eigentlichen Tyrannis – oligarchische Verhältnisse, gegen welche sich dann der Sozialismus formiere.
Bei aller Kritik des Liberalismus sieht aber Jones im Sozialismus gerade keine Alternative, wobei er unter Sozialismus den Marxismus und dessen sozialdemokratische Nachfolger versteht. Wie die Liberalen durch die Individualisierung der Menschen zugleich die Zentralisierung politischer und ökonomischer Macht betrieben, die sie eigentlich ablehnten, so würden die Sozialisten durch die Zentralisierung politischer und ökonomischer Macht just die Individualisierung der Menschen bewirken, die sie eigentlich ablehnten. Wiewohl also Liberale und Sozialisten, Individualisten und Kollektivisten von unterschiedlichen Punkten aus starteten würden sie nichtsdestotrotz schlussendlich am selben Punkt angelangen: eben jenem des bürokratischen Individualismus. Jones‘ Pointe: Souveränitätsgedanke und anthropologischer Individualismus sind zwei Seiten einer Medaille.
Doch auch der Konservatismus, jedenfalls in seiner vorherrschenden Form, kommt bei Jones nicht gut weg. Dessen Kombination von Wirtschaftsliberalismus und Sozialkonservatismus liege ein statisches Geschichtsbild zugrunde, das davon ausgehe, dass die gemeinschaftszersetzenden Wirkungen des Liberalismus dauerhaft auf den ökonomischen Bereich begrenzt werden können. Dies sei ein Irrtum und de facto mache dies den Konservatismus nolens volens zum Wegbereiter von Liberalismus und Sozialismus.
Andrew Willard Jones und die Metaphysik der Fülle und des Friedens
Dem stellt Jones eine aus dem christlichen Glauben abgeleitete Metaphysik der Fülle und des Friedens entgegen, wie sie auch Papst Franziskus in Laudato Si‘ Nr. 238 – 240 dargelegt hat. In dieser stellen Konflikte kein Naturgesetz dar, auf dem das gesamte soziale Zusammenleben aufbaut, sondern bilden eine Störung eben dieses Zusammenlebens. Jones argumentiert hierfür nicht nur mit dem christlichen Glauben an den dreieinen Gott als einer Liebesgemeinschaft dreier göttlicher Personen und dessen ursprünglich guter Schöpfung. Er appelliert auch an die gelebte Erfahrung harmonischer Beziehungen oder doch zumindest der universellen Sehnsucht danach als Indizien für die Wahrheit einer solchen Metaphysik der Fülle und des Friedens. Schließlich analysiert er, wie selbst Konflikt, Gewalt und Zwang, aber auch Propaganda und Manipulation Strukturen der Freundschaft voraussetzen würden und auf parasitärer Weise von diesen leben würden. Auch dies sei ein philosophisch gültiger Beweis zugunsten einer Metaphysik des Friedens.
Aus dieser Metaphysik der Fülle und des Friedens leitet er sodann das Subsidiaritätsprinzip als Alternative zum Souveränitätsprinzip ab. Das soziale Zusammenleben erwachse eben nicht aus der überlegenen Zwangsgewalt des Souveräns, sondern aus dem Austausch unter Freunden über Recht und Unrecht, Wahr und Falsch, der jeden der Freunde tiefer in die Tugend, verstanden als die Verwirklichung seines inhärenten Potentials als vernunftbegabtes und politisches Lebewesen, hineinführe. Freiheit sei so gesehen nicht zuerst etwas, das einem Zwangsapparat abgerungen werden müsse, sondern entstehe mit dem Hineinwachsen in eine konkrete Gemeinschaft.
Das telos der Politik bestünde demnach im sozialen Glück bzw. im Gemeinwohl, also in einem Netzwerk von Freundschaften, bei dem jeder andere Mensch ein tatsächlicher oder potentieller Freund sei, mit dem man also tatsächlich oder potentiell in dem eben beschriebenen Austausch engagiert sei, der tiefer in das Tugendleben hineinführe. Dieses Netzwerk nennt Jones in Anlehnung an Augustinus‘ Definition von Frieden die Ruhe der Ordnung.
Wo der Souveränitätsgedanke nur Macht und mechanische, das heißt un- bzw. unterpersönliche, Unterwerfung kenne, gibt es in dieser Sichtweise alternativ noch Autorität, die in ihrem Bezug zur Wahrheit gründe, und Gehorsam, der Autorität aus ihrem Wahrheitsbezug heraus auf personale Weise anerkenne. Die archetypische politische Beziehung sei dabei die Vater-Sohn-Beziehung mit dem Vater als Autorität Ausübenden, als Sprechenden, als Tugend Vermittelnden/Gebenden und dem Sohn als dem Gehorsam Ausübenden, Hörenden, Tugend vermittelt Bekommenden/Empfangenden. Ein freies Gemeinwesen sei dadurch gekennzeichnet, dass jeder beständig zwischen der Ausübung von Autorität und Gehorsam hin- und herwechsle.
Die zuvor erwähnte Ruhe der Ordnung sei daher aber letztlich auch immer die Ruhe einer hierarchischen Ordnung. An deren Spitze stehe die Regierung. Aufgabe der Regierung sei es, analog zu der des Vaters, die Bürger tiefer in die Tugend zu führen und das heißt, die bestehenden Netzwerke der Freundschaft zu erhalten, zu vertiefen und zu erweitern. Die Regierung trage so gesehen Sorge für die Seele der Bürger. Regieren ist Seelsorge. In einem gerechten und freien Gemeinwesen entsprächen Gesetze dabei allgemeinen Richtlinien, die auf den unterschiedlichen Ebenen in eigener freier Verantwortung angewandt und konkretisiert würden bis hinunter zur konkreten Handlung eines konkreten Bürgers.
Die jeweilige Konkretisierung erfolge dabei im freundschaftlichen Austausch über das jeweils zu verwirklichende Gemeinwohl. Auf diese Weise würde das Gesetz immer persönlicher und innerlicher und über die Zeit nähme das Gesetz so den Charakter eines Brauches an im Sinne eines sozial akzeptierten Handlungsrahmens, der als solcher selbst Bestandteil wie Baupfeiler der Ruhe der Ordnung, das heißt des gesellschaftlichen Friedens, sei und den folglich auch neue Gesetze des Fürsten zu respektieren hätten, so sie nicht die Ruhe der Ordnung (= den Frieden) stören und so ungerecht und ipso factum zu Nicht-Gesetzen werden sollen.
Andrew Willard Jones und die Wirkursachen einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform
Die erste Wirkursache einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform bzw. einer sozialökologischen Transformation besteht nach Andrew Willard Jones demzufolge in Aufklärung und Information, Verkündigung und Zeugnis, Beratung und Beschlussfassung unter Freunden – das heißt in einem Dialog über Wahrheit und Gerechtigkeit (vgl. Laudato Si‘ Kapitel 5 und Fratelli tutti Nr. 206 – 214). Der Clou: Dabei jeden Menschen als zumindest potentiellen Freund anzusehen und zu behandeln oder in den Worten Alasdair MacIntyres: Barmherzigkeit, spezifischer: politische Barmherzigkeit, zu praktizieren. Es ist just dieser Punkt, auf den Papst Franziskus in seiner Enzyklika Fratelli tutti seinen Fokus gelegt hat, insbesondere in den Kapiteln 2 und 6.
Dies verlangt eine fortgesetzte geistige und geistliche Anstrengung (= Askesis) zur Transformation unserer Sichtweise, die spirituelle Wachsamkeit / Nüchternheit (Nepsis) sowie das Bemühen um Herzensruhe (Hesychia) beinhaltet. Ein solcher im Letzten spiritueller Prozess vollendet sich im Dialog, in der Beratung unter Freunden über das Wahre und Gute in Ehe und Familie, Freundeskreis, Pfarrei, Kommune, weiterer Gesellschaft sowie der Menschheit als Ganzer.
In Anlehnung an Quadragesimo Anno, die zweite, von Papst Pius XI. verfasste, Sozialenzyklika überhaupt, führt Jones aus, dass die ethische Qualität unserer politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen Folge der Ziele sind, die wir verfolgen. Die Verfolgung gerechter Ziele bringe gerechte Strukturen hervor, die Verfolgung ungerechter Ziele ungerechte Strukturen. Ein ungerechter Gebrauch von Macht über andere ziele auf den eigenen Nutzen derer, die Macht haben. Ein gerechter Gebrauch von Macht ziele auf das Wohl jener, über die Macht ausgeübt werde. Ein am Eigennutz der Mächtigen orientierter Gebrauch von Macht führe zu weiterer Machtkonzentration und damit zu einer Zentralisierung von politischer und ökonomischer Macht und dementsprechenden Strukturen. Ein am Wohl der Schwächeren orientierter Machtgebrauch bringe demgegenüber dezentralisierte Strukturen hervor.
Wo Romano Guardini eine Ethik der Macht fordert, findet sich bei Andrew Willard Jones just Ansätze einer solchen, die aus dem Evangelium selbst schöpfen (Mk. 10,35 – 45).
Während Neoliberale machtskeptisch sind und daher auf eine Machtdiffusion zielen, die Macht unschädlich und damit letztlich inexistent macht, haben Katholiken ein positives Verhältnis zur Macht per se, insofern sie diese auf ihre letzte Quelle zurückführen, welche Gott ist – spätestens an diesem Punkt trennen sich also die Wege von Katholiken und Anarchisten. Zugleich fordern sie jedoch, dass der Gebrauch von Macht auf deren Quelle als ihr letztes Ziel hingeordnet sein muss und dies führt in Konsequenz zu einer Machdistribution. Während die Machtdiffusion mit einer Verantwortungsdiffusion einhergeht, wie sie in der Finanzwirtschaft schon länger ein größeres Problem darstellt und wofür etwa die Aktiengesellschaften symptomatisch sind, so dass diese nicht nur von Simone Weil, sondern auch von vereinzelten Neoliberalen prinzipiell abgelehnt werden, beinhaltet Machtdistribution Verantwortungsdistribution, durch die Verantwortung greifbarer und benennbarer und damit gestärkt wird.
Die zweite Wirkursache einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform besteht demnach nicht in der Entwicklung möglichst konkreter Vorstellungen politischer, ökonomischer und sozialer Strukturen sowie von Plänen und Strategien zu deren Umsetzung und dazu etwa noch in der Übernahme von Macht im engeren politischen, das heißt staatlichen, Sinne. Sie besteht vielmehr darin, dass ein jeder, da wo er steht, die ihm tatsächlich über andere zur Verfügung stehende Macht zu deren Wohl einsetzt, insbesondere um sie tiefer in die Tugend hineinzuführen, etwa indem er sie anregt zur Gewissenserforschung, zum Fragen nach dem Wesen der Dinge, zur Selbstüberwindung und zum Sakramentenempfang bzw. dem Fragen nach Gott, aber eben auch zu Werken der (auch politischen) Barmherzigkeit; indem er also an ihr Verantwortungsgefühl, ihre intellektuelle Neugier, ihre Willensstärke und Selbstachtung sowie ihr Bedürfnis nach Halt und Geborgenheit appelliert.
Wie D. C. Schindler deutlich gemacht hat, geht es dabei um nicht weniger als die Initiierung einer Herzensbekehrung, die am besten auf dem Weg des persönlichen Vorbilds, über Rituale, Geschichten und Bilder erfolgt, wozu gerade auch die, zuletzt von Papst Franziskus in Dilexit nos empfohlene, Volksfrömmigkeit etwa mit Wallfahrten, Prozessionen, Kreuzwegandachten oder dem Rosenkranzgebet reichlich Ansatzpunkte bietet. Dies trifft sich mit Alasdair MacIntyres später Betonung von Geschichten für die Entwicklung einer transformativen politischen Vorstellungskraft.
In einem zweiten Schritt heißt dies dann auch jene Strukturen der Freundschaft – in MacIntyres Diktum: Gemeinschaften des Gebens und Empfangens, bei Paul Kingsnorth moralische Ökonomie – die es bereits gibt, zu identifizieren, zu vertiefen und auszuweiten. In anderen Worten: Die Kirche, das Reich Gottes, aufzubauen.
Schlussendlich führt Jones aus wie Laster zu schlechten Gesetzen führen, die wiederum die Laster vertieften – eine Spirale des Lasters entsteht. Schlechte soziale Gewohnheiten und Gesetze verstärkten sich wechselseitig und machten die Menschen immer unfähiger zur Erkenntnis des Naturrechts. Sie würden immer unfähiger, das Wahre zu erkennen und das Gute zu wählen. Die Kirche wirkt diesem Prozess durch die Verkündigung des Evangeliums und die Spendung der Sakramente entgegen, insofern das Evangelium das Naturrecht erhellt und durch die via Sakramente vermittelte Gnade unser durch die Sünde verwundeter Wille und Intellekt geheilt werden. Eine Frage, die Jones hierbei ausspart, ist jene, wie Menschen, welche sich dem Evangelium und den Sakramenten verschließen, in diesen Gnadenstrom hineingenommen werden können – in unserer Zeit immerhin die große Masse der Menschen.
Die Antwort hierauf findet sich in der traditionellen katholischen Volksfrömmigkeit, für die zuletzt Papst Franziskus in Dilexit nos (insbesondere Nr. 63, 86 und 160) eine Lanze gebrochen hat. Diese kennt den Gedanken der stellvertretenden Sühne – Gebet, Fasten, Almosengeben, Aufopfern von Widrigkeiten in Vereinigung mit dem Leiden Christi, Messstipendien, Prozessionen, Wallfahrten, Kreuzwegandachten… – um anderen Gnaden zukommen zu lassen. Hierin – einer Frömmigkeitsform, die insbesondere mit der Herz-Jesu-Verehrung, dem Thema von Dilexit nos, verbunden ist – findet sich also die dritte Wirkursache einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform.
Diese 3 Wirkursachen entsprechen einerseits den 3 Grundvollzügen der Kirche:
– Martyria
– Diakonia
– Liturgia
und zugleich dem dreifachen Amt Christi als
- Prophet
- König und
- Priester
an dem auch die Laien nach der Lehre des 2. Vatikanischen Konzils (vgl. Apostolicam actuositatem Nr. 2 und 10) teilhaben.
Andrew Willard Jones: ein Fazit
Der Weg hin zu einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform und damit zu einer ganzheitlichen Ökologie im Sinne Papst Franziskus‘ beginnt also damit, dass katholische Christen damit beginnen, ihre Sendung in der Welt immer umfassender zu leben, anders ausgedrückt: mit der kontinuierlichen Vertiefung ihrer Kirchlichkeit in all ihren Dimensionen.
Was kann, was muss also getan werden?
- Auf persönlicher Ebene die Einübung der Tugenden und insbesondere der (politischen) Barmherzigkeit, das heißt jeden anderen als zumindest potentiellen Freund zu betrachten und zu behandeln, sowie der Demut. Es bedeutet eine bewusste geistige und geistliche Anstrengung (= Askesis) zur Transformation unserer Sichtweise weg vom technokratischen Paradigma, von der Metaphysik des Mangels und der Gewalt hin zu einer Metaphysik des Friedens und der Fülle wie sie im Evangelium gründet, die spirituelle Wachsamkeit / Nüchternheit (Nepsis) sowie das Bemühen um Herzensruhe (Hesychia) beinhaltet. Außerdem stellvertretende Sühne in Form von Gebet, Fasten, Almosengeben, die Praxis des „Aufopferns“, Messstipendien sowie die Teilnahme an gemeinschaftlichen Praktiken der Volksfrömmigkeit wie Wallfahrten, Prozessionen und Kreuzwegandachten.
- Wo man persönlich Macht über andere besitzt – also zunächst einmal in Ehe und Familie – diese einsetzen, um jene, über die man Macht hat, zur Tugendübung und insbesondere zur Einübung der Barmherzigkeit anzuregen und dies durch eigenes Vorbild, Rituale, Bilder und Geschichten, welche direkt oder indirekt das Kerygma sowie eine Metaphysik der Fülle und des Friedens kommunizieren und so die (auch politische) Vorstellungskraft transformieren. Auch an dieser Stelle sei noch einmal verwiesen auf die oben bereits erwähnten, gemeinschaftlichen Praktiken der Volksfrömmigkeit. Darüber hinaus: Wo man die entsprechende Autorität hat, auch den Lastern mit Sanktionen entgegentreten.
- In Freundeskreis, Pfarrei, Kommune, Gesellschaft und Menschheit durch einen Dialog der Freundschaft, durch Aufklärung und Information, durch die Verkündigung und Bezeugung des Kerygmas sowie einer Metaphysik der Fülle und des Friedens mit Hilfe von Bildern und Geschichten auf eine Herzensbekehrung hinwirken.
- Strukturen der Freundschaft und der Solidarität, Gemeinschaften des Empfangens und Gebens, wo immer sie sind, identifizieren, vertiefen und ausweiten, namentlich durch lokale gemeinwohlorientierte Initiativen im MacIntyreschen Sinne.
Es beinhaltet also eine ethische, eine intellektuell-philosophische, eine missionarisch-evangelistisch-katechetische sowie eine politische und eine im engeren Sinne spirituelle Dimension.
Mehr zur Metaphysik des Mangels und der Gewalt hier.
Mehr zur Metaphysik der Fülle und des Friedens hier.
Mehr zu Jones‘ Kritik an Liberalismus, Sozialismus und Konservatismus hier.
Mehr zu den Wirkursachen einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform bzw. einer sozialökologischen Transformation hier, hier und hier.