Der US-amerikanische Schriftsteller und Literatuwissenschaftler Joshua Hren hat den Begriff kontemplativer Realismus geprägt. Was versteht er darunter und inwiefern ist das relevant für eine ganzheitliche Ökologie?

Hren beginnt sein gleichnamiges Manifest mit der Feststellung: Literatur fragt: Was ist real? Der Antworten gäbe es viele, je nachdem, was man für real halte. So zitiert er Benedikt XVI. mit der Feststellung, dass jener kein Realist sei, der Gott ausschließe.

Wir dagegen würden von Geburt an initiiert in einen Kult von Gesundheit und konsumistischem Kitzel. So werden wir daran gewöhnt, nur das Sichtbare als real anzusehen.

Es war wiederum Benedikt XVI., der noch unter seinem Geburtsnamen Joseph Ratzinger in „Die Einführung in das Christentum“ schrieb, christlicher Glaube sei die Entscheidung, das Unsichtbare als realer als das Sichtbare anzusehen. So kann man sagen, dass wir alle von Geburt an in einen un-, ja antichristlichen Kult initiiert werden.

Diese Initiation geht einher mit einem Niedergang unserer Fähigkeit zu sehen. Hier zitiert Hren Tolkien. Nach diesem verlieren wir unsere Fähigkeit zu sehen aufgrund der sich selbstverstärkenden Effekte von Banalität und Vertrautheit.

Diese wiederum sind die Strafe für die Aneignung, die rechtliche oder geistige Inbesitznahme. Es ist jene Grundhaltung – genährt durch entsprechende Handlungen – die Erich Fromm Habenorientierung nannte, als in unserer Zeit und Kultur vorherrschend beschrieb und ob ihrer destruktiven Wirkungen kritisierte.

Denn auch wenn schöne Dinge real sind, hören wir auf, sie anzuschauen, wenn wir sie einmal erworben haben. Je mehr wir uns also aneignen, je mehr wir zu unserem Besitz machen, desto mehr geht uns das Schöne verloren, das heißt die Fähigkeit, es wahrzunehmen.

Kontemplativer Realismus

Hierbei spielten, so Hren weiter, auch Ideologien und technische Innovationen eine Rolle, für die beansprucht würde, dass sie Fenster in die Realität seien, die aber in Wahrheit als unwirkliche Filter dienten, die die Tiefenwahrnehmung unserer Seele radikal beeinträchtigten.

Dem kontemplativen Realisten gehe es deshalb um jene Seite der Realität, die Geschenk, Gabe sei.

Er strebe danach, die Fähigkeit zu sehen wiederzuerlangen und das zu zeigen, was nicht alle sehen können. Hierbei gehe es auch um eine eminent ethische Aufgabe, denn: to act well, we must first see well. Um gut zu handeln, müssen wir zuerst gut sehen.

Sehen zu lernen bedeute dabei, zumindest teilweise, auch zu lernen, wie man seine Augen vor so vielen falschen Abzweigungen verschließe.

Ebenso bedeute es aber auch zu lernen, selbst beim Anerkennen von Schönheit maßvoll zu sein und nicht der Konkupiszenz der Augen zu verfallen, der es nicht um die Wahrnehmung der Realität, sondern nur um den Genuss des Sehens ginge.

Kontinuierliche Aufmerksamkeit, Selbstkorrektur und gemeinsamer Bezug auf die Visionen anderer, ähnlich Engagierter seien unverzichtbare Bestandteile eines solchen Weges. Im Letzten suche der kontemplative Realist dabei die Gegenwart und das Wirken Gottes im Alltäglichen, im unwiederholbaren Konkreten.

Kontemplativer Realismus und ganzheitliche Ökologie

Was hat das Ganze nun mit der ganzheitlichen Ökologie zu tun? Eine Antwort hierauf finden wir in Querida Amazonia. So beschreibt Papst Franziskus hier in Nr. 46 lateinamerikanische Volksdichter in folgenden Worten:

„Diese Dichter sind kontemplativ und prophetisch, sie helfen uns, uns vom technokratischen und konsumistischen Paradigma zu befreien, das die Natur erstickt und uns einer wahrhaft würdigen Existenz beraubt.“

Dass es bei der Bewahrung der Schöpfung ganz wesentlich auf die Wiederherstellung unserer Fähigkeit zu sehen ankommt, macht diese Passage deutlich:

„Wenn wir von den ursprünglichen Völkern lernen, können wir Amazonien betrachten und nicht nur analysieren, um das wertvolle Geheimnis zu erkennen, das uns übersteigt. Wir können es lieben und nicht nur benutzen, so dass die Liebe ein tiefes und aufrichtiges Interesse weckt.“ (Querida Amazonia Nr. 55)

Und weiter, aus Laudato Si‘ zitierend:

„Denn man »betrachtet die Welt nicht von außen, sondern von innen her und erkennt die Bande, durch die der himmlische Vater uns mit allen Wesen verbunden hat.“ (ebd.)

Schließlich schließt er diesen Gedankengang mit der Forderung:

„Erwecken wir den ästhetischen und kontemplativen Sinn neu, den Gott in uns gelegt hat und den wir zuweilen verkümmern lassen. Erinnern wir uns daran: »Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.«“ (Querida Amazonia 56)

Den kontemplativen Realismus Hrens kann man als die Antwort eines Wissenschaftlers und Künstlers auf diesen Aufruf von Papst Franziskus ansehen.

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