Es folgt ein Interview mit Dr. Johannes Hartl, Gründer des Gebetshauses Ausgburg, Theologe, Philosoph, Buchautor und Speaker.

IgÖ: Johannes, fast 3 Jahre ist es nun her, dass Dein Buch „Eden Culture“ erschienen ist, mit dem Du eine neue, danach benannte, Bewegung initiiert hast. Starten wir vielleicht einmal mit einem Zwischenfazit. Was habt ihr bisher erreicht und was ist als nächstes geplant?

Aus einem Buch ist eine kleine Bewegung geworden. Auf etwa 30 Veranstaltungen im ganzen deutschsprachigen Gebiet sind sich mehrere Tausend Menschen begegnet, haben sich gegenseitig inspiriert und auch schon manche Kooperationen begonnen. Es gibt einen YouTube-Kanal, Podcast und Instagramkanal. Als nächstes starten wir mit der „Eden Academy“ ein Förderprogramm für „young professionales“.

IgÖ: Der Untertitel Deines Buches lautet „Ökologie des Herzens für ein neues Morgen“. Warum hast Du Dich bzw. haben Du und der Verlag euch für gerade diesen Untertitel entschieden?

Es gibt vielleicht kein Konzept, das unser Denken über die Welt in den letzten 50 Jahren so sehr verändert hat wie das Konzept „Ökologie“. Das Wort bedeutet: die Sorge um ein Haus. Während die Naturschutzbewegung die Sorge um den Planeten in den Vordergrund stellt, wird oft übersehen, dass unser Herz auch noch andere Häuser bewohnt, die es ebenso zu bewahren gilt.

Johannes Hartl: Das Konzept "Ökologie" hat wie kein anderes unser Denken über die Welt in den letzten 50 Jahren verändert

IgÖ: Bei dem Untertitel musste ich gleich an die ganzheitliche Ökologie von Papst Franziskus denken. Siehst Du hier auch eine Verbindung und wenn ja welche?

In erster Linie verdanke ich den Gedanken der tiefsinnigen Rede, die Papst Benedikt XVI. im Jahr 2011 vor dem Deutschen Bundestag hielt. Hier rief er dazu auf, den Menschen als Teil der Schöpfung zu betrachten. Papst Franziskus hat dieses Thema weiter verfolgt.

IgÖ: Eines der zentralen Themen von Laudato Si‘ ist, dass alles miteinander verbunden ist. Du sprichst unser Bedürfnis nach Verbundenheit an, das sicher auch hierin seinen tieferen Ursprung hat. Andererseits zeigt dieses Bedürfnis aber auch, dass Verbundenheit eben nichts Selbstverständliches ist, nichts, das sich automatisch einstellt. Ich habe hierzu zwei Fragen. Nummer 1: Woran sieht man Deiner Meinung nach heute besonders deutlich einen Mangel an Verbundenheit?

Die Atomisierung unserer Gesellschaft ist soziologisch und psychologisch schon breit erforscht. Sie betrifft alle Sphären der westlichen Länder, sodass schon von einer „Pandemie der Einsamkeit“ gesprochen hat. Einsamkeit im Alter ist ein großen Problem, doch auch und gerade die ganz jungen Menschen berichten in immer größerem Maße, sich alleine zu fühlen.

IgÖ: Und was können wir tun, um Verbundenheit zu fördern?

Da gibt es fast unbegrenzt viele Möglichkeiten. Jemanden zum Essen einladen. Ein Nachbarschaftsfest feiern. Sich in einem Verein engagieren. Eine stabile Familie gründen. Alte Menschen besuchen. Die Kirchengemeinde zu einem Ort machen, wo man sich wohlfühlt. Mehr miteinander reden, auch mit Menschen, mit denen man nicht übereinstimmt…

Johannes Hartl

IgÖ: Du bist jemand, der die Bedeutung der Schönheit hochhebt. Auch darin triffst Du Dich mit Papst Franziskus. In Laudato Si‘ schreibt er: „Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen. Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.“ Und „In diesem Zusammenhang „darf die Beziehung, die zwischen einer angemessenen ästhetischen Erziehung und der Erhaltung einer gesunden Umwelt besteht, nicht vernachlässigt werden“.“ Wie würde eine angemessene ästhetische Erziehung Deiner Meinung nach aussehen? Was können vor allem auch Eltern tun?

Ästhetische Erziehung hat zwei Aspekte: das Ausprobieren der eigenen Kreativität und das Kennenlernen von Kunst. Beides beginnt im Elternhaus. Gibt es dort Farben zum Malen, Instrumente zum Musizieren, Werkstoffe zum Basteln und Erwachsene, die selbst kreativ sind? Hat gemeinsames Singen und Musizieren Platz? Reisen zu schönen Orten, gemeinsame Museums- oder Konzertbesuche, das Lesen guter Bücher und Zeit in der Natur können Kindern den Raum der Schönheit eröffnen.

IgÖ: Du bist ein Kritiker des Transhumanismus. Papst Franziskus hat in Laudato Si‘ und auch später noch das technokratische Paradigma kritisiert. Was kann uns Deiner Meinung nach helfen, das rechte Maß zwischen Technikvergötterung und -verdammung zu finden?

Wichtig ist die Erkenntnis, dass es um genau diese Mitte braucht. Technik ist etwas Gutes, ebenso die freie Marktwirtschaft, die den technischen Fortschritt überhaupt erst ermöglicht. Es ist die Aufgabe der Geisteswissenschaften, der Künstler, der Kirchen, der Therapeuten, der Schulen, der Familien – ja der ganzen Zivilgesellschaft – das Menschliche hochzuhalten. Menschen sehnen sich nach Verbundenheit, Sinn und Schönheit. Wo wir das kultivieren, wird Technik uns dienen und nicht wir ihr. Die Geschwindigkeit der technischen Innovationen ist jedoch so hoch, dass regulierende Maßnahmen wie das unter Anderen von Elon Musk geforderte Moratorium in der Entwicklung neuer AI oder auch einfach nur regelmäßige digitale Auszeiten im Privaten in Zukunft lebensnotwendig werden könnten.

IgÖ: Das IgÖ hat als eines seiner Ziele, die Kontinuität zwischen den letzten beiden Pontifikaten herauszuarbeiten. Wo siehst Du als promovierter katholischer Theologe diese Kontinuität?

Persönlichkeit, Stil und Schwerpunktsetzung der beiden Päpste sind sehr verschieden und Papst Franziskus ist immer für eine Überraschung gut. Die Frage der Kontinuität wird deshalb wohl erst im Rückblick wirklich hinreichend beantwortet werden können. Fest steht freilich, dass Franziskus in seinen Lehrverlautbarungen eindeutig Linien weiterverfolgt, die Benedikt gezogen hat.

IgÖ: Herzlichen Dank für das Interview.

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