Im Einklang mit einer der Grundbotschaften von Laudato Si‘ – „alles ist miteinander verbunden“ (LS 16) – habe ich an verschiedenen Stellen (unter anderem hier, hier, hier und hier) die Bedeutung von Verbundenheit in ihren vielen verschiedenen Formen herausgearbeitet. Da der katholische Glaube von einer wunderbaren Ordnung und Balance erfüllt ist, ist es an der Zeit hier einmal auch die andere Seite der Medaille zu besprechen.

Ja, alles hat seinen Ursprung im dreieinen Gott und ist durch und in ihm miteinander verbunden. Aber das ist nicht alles. Denn da ist auch noch die Realität der Sünde. In ihrer Folge erleben wir auf vielfältige Weise eine Entfremdung, eine Isolation – von uns selbst, von unserem Nächsten, von der Umwelt und last but not least von Gott.

Angesichts dieser Grundsituation gibt es zwei große Versuchungen:

Versuchung 1 in der Entfremdung: der Liberalismus

Die Überschrift ist bewusst plakativ gewählt. Doch worum geht es eigentlich? Gemeint ist die Versuchung eines naturalistischen Fehlschlusses in einer gefallenen Welt; der Schluss also, dass, weil etwas so ist, es auch so sein soll. Sein und Sollen werden unreflektiert und unkritisch in eins gesetzt. Praktisch bedeutet dies, dass Vereinzelung, Entfremdung und Isolation zu Autonomie, Unabhängigkeit und rationalem Egoismus idealisiert werden. Die fehlende Verbundenheit ist kein bug, sondern ein feature. Hierauf basieren Individualismus, Liberalismus und Kapitalismus.

Versuchung 2 in der Entfremdung: Einheit durch Politik oder Mystik

Diese Versuchung besteht darin, der Entfremdung ihren Ernst und ihre Tiefe zu nehmen, sie als zwar schwerwiegend, aber nur oberflächlich oder gar eine hartnäckige Illusion zu betrachten. Sie auf politischem Weg durch Reform oder Revolution zu überwinden ist das Versprechen des Kollektivismus in seinen verschiedenen Formen, seien diese nun marxistisch, völkisch oder was auch immer. Sie auf dem mystischen Weg der Erkenntnis, der Gnosis, der Erleuchtung zu überwinden ist das Versprechen von Buddhismus und Hinduismus.

Die erste Versuchung ist verlockend, weil sie uns einredet, dass wir uns nicht ändern müssen, dass wir so bleiben können wie wir sind und es sogar gut ist, wenn wir den bösen Neigungen unserer Herzen folgen.

Die zweite Versuchung ist subtiler und spricht tendentiell die idealistischeren unter uns an. Sie verspricht uns, dass wir unsere – gute – Sehnsucht nach Verbundenheit, nach Gemeinschaft und Einheit erfüllen können, aber ohne dass wir deshalb unsere bösen Neigungen deshalb ganz aufgeben müssen. Ja, sie verspricht uns, dass unsere bösen Neigungen zu einem gewissen Grad vereinbar sind mit unserer guten Sehnsucht, indem sie uns weiszumachen sucht, die ersehnte Verbundenheit zumindest autonom und losgelöst von Gott aus eigener Kraft verwirklichen zu können.

Die Wahrheit: unsere Heimat ist im Himmel

Dem christlichen Glauben wird mitunter vorgeworfen, er vertröste die Menschen nur auf das Jenseits und fungiere als Betäubungsmittel (das marxsche Diktum vom Opium für das Volk), damit das diesseitige Leid nicht so schwer empfunden und dafür umso williger ertragen werde, wodurch er echte Veränderungen zum besseren be- oder sogar verhindere. Er sei mithin ein Trostpflaster für die Weinerlichen und Schwachen.

Nichts könnte der Wahrheit ferner liegen – wiewohl der christliche Glaube natürlich auch durchaus in diesem Sinne missbraucht werden kann. Tatsächlich verlangt der christliche Glaube jedoch eine innere Stärke, welche nur die wenigsten bereit sind aufzubringen; ein Grund, weshalb er alles in allem doch recht selten angetroffen wird.

In Wahrheit ist der christliche  Glaube nämlich weitaus realistischer als die vorgenannten Versuchungen. Er erfasst die radikale Entfremdung, in der wir leben, in ihrer ganzen Tiefe und vertröstet gerade nicht auf eine irgendwann vielleicht eintretende irdische heile Welt. Er mutet den Gläubigen die Gewissheit zu, dass sie in der Fremde weilen werden, solange ihr irdisches Leben andauert. „Denn unsere Heimat ist im Himmel.“ (Phil. 3,20)

Seit Adam und Eva den Garten Eden verlassen musste wandert die Menschheit durch die Fremde. Abraham wurde von Gott herausgerufen aus seinem Vaterhaus, seinen Verwandten und seinem Land – hinein in die Fremde. Josef wurde in die Fremde nach Ägypten verschleppt. Das Volk Israel zog aus Ägypten aus – und dann erst einmal für eine Generation durch die unwirtliche Wüste. David musste, ehe er König von Israel wurde, unter Philistern (!) in der Fremde leben; das Volk des Königreichs Juda nach Babylon ins Exil. Der Sohn Gottes verließ seine himmlische Heimat und wurde Mensch. Kaum geboren musste er mit Maria und Josef in die Fremde nach Ägypten fliehen. In seinem öffentlichen Dienst erklärte er „…der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Mt. 8,20) Am Kreuz stieg er hinab in die ultimative Fremde der Gottverlassenheit und des Todes.

So mutet der katholische Glaube auf vielerlei Weise den Menschen die Botschaft zu, dass in diesem Leben alle Erfahrungen von Verbundenheit, Gemeinschaft und Einheit nur vordergründig und oberflächlich bleiben werden, wenn sie nicht sogar irreführend und schädlich sind. Weder Politik noch Mystik werden daran jemals etwas ändern.

Zugleich mutet er den Gläubigen aber auch zu, sich nicht in der Fremde einzurichten, es nicht sich in ihr bequem zu machen und heimisch zu werden. Er mutet ihnen zu, es in der Fremde gerade als Fremde auszuhalten – in Geduld.

Entfremdung

Es ist dieser nüchterne Realismus, der Christen davor bewahrt, ihr Heil in irgendetwas Irdischem und Vergänglichen zu suchen – sei es Politik oder Wirtschaft, Markt oder Staat oder ein ander irdisch Ding. Er immunisiert sie gegen Götzendienerei – oder sollte es zumindest tun. Dem hinduistischen Tat tvam Asi – „Das bist Du“ – das uns lehren soll, uns mit allem zu identifizieren, setzt er sein „Das ist nicht Gott“ entgegen, so dass wir zu allem auf innere Distanz gehen können, nicht zuletzt uns selbst. Denn alles, was nicht Gott ist, hat das Potential, für uns zu einem Götzen zu werden, der uns versklavt und ultimativ tötet.

Dies soll aber andererseits nicht in Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit münden. Vielmehr soll es uns zu einer wahren Autonomie befreien, nämlich jener von unserer Begehrlichkeit, die uns beherrscht, oft genug ohne dass wir es bemerken – umso mehr in einer Kultur, die uns tagtäglich auf allen Kanälen lehrt, unsere Freiheit darin zu sehen, unsere Begierden jederzeit nach Belieben befriedigen zu können.

Es ist diese wahre Autonomie, die uns – je mehr wir sie verwirklichen – dazu befähigt, im anderen nicht ein Mittel zur Befriedigung unserer Begierden zu sehen, sondern den Nächsten, der gleich uns als Fremder durch die Fremde wandert mit denselben Herausforderungen konfrontiert wie wir selbst. Diese wahre Autonomie ist sozusagen die Grundlage für Mitleid, Barmherzigkeit und Solidarität – kurzum: tätige Nächstenliebe, die das letztlich unvermeidliche Leid des anderen in der Fremde zu lindern hilft. Mehr zu versprechen ist ohnehin ein Betrug mit Ansage.

Eine Anmerkung noch zum Schluss: Vollkommen in der Fremde sind wir dann aber doch nicht mehr, denn in einem Fall verliert das „Das ist nicht Gott“ seine Gültigkeit: in der heiligen Eucharistie. Und so kommen wir in der eucharistischen Anbetung dieser unserer himmlischen Heimat nahe und berühren sie in der Kommunion sogar für einen kurzen Augenblick, ja werden eins mit ihr. Welch ein großer Schatz! Mögen wir ihn so oft es geht in würdiger Weise empfangen. Eine andere Heimat werden wir auf Erden nicht finden.

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