Die intellektuellen Tugenden

Hinsichtlich des Intellekts unterscheidet Aristoteles theoretische und praktische Vernunft.[1]Aristoteles, Nikomachische Ethik, übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger, Reclam Verlag Ditzing 2019, VI. 2., S. 152-154. Die theoretische Vernunft zielt auf Wissen, also das Wahre, die praktische Vernunft zielt auf Tun, also das Gute. Aristoteles differenziert beide Bereiche weiter.

Als Teil der theoretischen Vernunft befasst sich Wissenschaft (griech. episteme) mit Schlussfolgerungen und Beweisführungen und schafft so Wissen.[2]Ebd. VI. 3, S. 154.

Die Kenntnis der Prinzipien, auf welchen die Wissenschaft(en) beruht, nennt Aristoteles Einsicht (griech.: nous).[3]Ebd. VI. 6, S. 158.

Logisch gehen die Prinzipien der Wissenschaft voraus, epistemologisch folgen sie ihr nach. Also erst durch eine hinreichende Vertrautheit mit den Wissenschaften erlangt man Einsicht in deren Prinzipien.

Die intellektuellen Tugenden: Weisheit und Klugheit

Beides zusammen, die Kenntnis der Wissenschaften und der diesen zugrunde liegenden Prinzipien, nennt Aristoteles Weisheit (griech.: sophia).[4]Ebd. VI. 7, S. 158-160. Weisheit ist die Tugend und zugleich das Ziel der theoretischen Vernunft.

Hinsichtlich der praktischen Vernunft unterscheidet Aristoteles zwischen dem Herstellen von Gütern und dem Tun des Guten.[5]Ebd. VI.4, S. 155.

Bei dem Herstellen verschiedener Güter geht es um die entsprechenden Techniken (griech.: techné), die hierfür erforderlich sind.(Ebd. VI. 4, S. 155f.)) Dabei ist unerheblich, ob das, was hergestellt wird, nun ein Gedicht oder ein Atomreaktor ist. Beides benötigt eine (je besondere Form der) Technik.

Das „technokratische Paradigma“ besteht im Wesentlichen darin,

  1. die Wissenschaft der Technik unterzuordnen, so dass die Wissenschaft zur Magd der Technik wird,
  2. die Technik zur Krone der Vernunft zu erheben und
  3. alle anderen Bereiche der Vernunft auszublenden.

Es handelt sich also um einen Reduktionismus.

Die praktische Vernunft hinsichtlich des Tuns des Guten ist die Klugheit (griech. phronesis).[6]Ebd. VI. 5, S. 156-158. Die Klugheit ist – analog zur Weisheit bei der theoretischen Vernunft – Tugend und Ziel der praktischen Vernunft.

Die intellektuellen Tugenden

Klugheit befähigt uns, gute Entscheidungen zu treffen – und zwar sowohl in den großen Fragen des Lebens wie in den alltäglichen Fragen – um so ein gutes, das heißt gelingendes, Leben zu bewerkstelligen.

Hierzu setzt die Klugheit einerseits – wie die Weisheit – Wissen voraus, also Kenntnis (von zumindest Teilen) des Wahren, und andererseits praktische Erfahrung. Es geht bei der Klugheit also darum, Allgemeines (nämlich Wissen) auf Konkretes (nämlich Situationen) so anzuwenden, dass dabei etwas (tatsächlich) Gutes herauskommt.

Insofern dies dann die Anwendung diverser Techniken beinhalten mag, erschließt sich daraus auch, dass und inwiefern die Technik der Klugheit unter- und auf diese hingeordnet ist und somit selbst nicht die Tugend der praktischen Vernunft darstellt.

Zugleich ist mit der Klugheit aber auch die Brücke zu den charakterlichen Tugenden geschlagen, da die Klugheit deren Besitz voraussetzt.

Wenn nun also das menschliche telos darin besteht, die Wahrheit zu erkennen und unser Handeln und Leben an ihr auszurichten, so bedeutet das im Hinblick auf unseren Intellekt, dass es zur vollen Entfaltung unserer menschlichen Natur gehört, weise und klug zu sein.

Speziell ohne Klugheit – bzw. ihre Sonderform, die politische Klugheit – ist es nicht möglich, anders als durch Zufall einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten.

References

References
1Aristoteles, Nikomachische Ethik, übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger, Reclam Verlag Ditzing 2019, VI. 2., S. 152-154.
2Ebd. VI. 3, S. 154.
3Ebd. VI. 6, S. 158.
4Ebd. VI. 7, S. 158-160.
5Ebd. VI.4, S. 155.
6Ebd. VI. 5, S. 156-158.