Das von der aktuellen Bundesregierung geplante Selbstbestimmungsgesetz wird als progressiv verkauft. In Wahrheit ist es jedoch zutiefst reaktionär. Worum geht es?

Die aktuelle Bundesregierung plant das Transsexuellen-Gesetz durch ein Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen. Während bislang über die Änderung des Geschlechtseintrages und des Namens bei Gericht entschieden wird und hierfür 2 Gutachten vorgelegt werden müssen, soll künftig eine einfache Selbstauskunft beim Standesamt genügen. Warum soll ausgerechnet das reaktionär sein? Und was hat das Ganze mit dem (menschengemachten) Klimawandel zu tun? Hinter beidem steht ein- und dieselbe – zutiefst reaktionäre – Mentalität: das technokratische Paradigma. Wieso das?

Das technokratische Paradigma geht davon aus, dass die Realität eine beliebig formbare Masse ohne innewohnenden Sinn oder Bedeutung ist, die man nach Belieben mit technischen Mitteln verändern kann, ohne nach den Konsequenzen zu fragen. Das einzige was zählt, ist der menschliche Wille. Schon in der Antike verkündete Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ Im 19. Jahrhundert war es dann Friedrich Nietzsche, der diese Botschaft zum „Willen zur Macht“ radikalisierte.

Das Selbstbestimmungsgesetz folgt einem protofaschistischem Mindset

In dieser Weltsicht ist erlaubt, was möglich ist. Die einzige Grenze, die (vorläufig) noch anerkannt wird, ist die (vorläufige) Grenze unserer Macht. Es ist dieses Mindset, das die rücksichtslose Ausbeutung und Zerstörung der nicht-menschlichen Umwelt nach sich gezogen hat, ohne nach den Konsequenzen zu fragen – Konsequenzen, die wir heute erleben, beklagen und die unseren Planeten für immer zu verändern drohen. Es ist das Mindset, das keine Grenze akzeptiert für den Konsum, für den Profit, für die Mobilität. Reaktionär ist dieses Mindset in seiner proto-faschistischen Vergötterung von Macht und (menschlichem) Wille.

Die gleiche Geisteshaltung zeigt sich darin, wenn man seine Geschlechtszugehörigkeit durch eine einfache Willensäußerung ändern können soll. Die Befürworter des Selbstbestimmungsgesetzes rühmen sich ihrer Betonung der Bedeutung geschlechtlicher Identität. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Sie achten das Geschlecht – beide Geschlechter – gering, wenn sie es auf subjektive Präferenzen ohne jeden objektiven Realitätsbezug reduzieren.

Selbstbestimmungsgesetz

Der Feminismus alter Schule kannte und kennt noch die Unterscheidung zwischen „Sex“ und „Gender“, wobei „Sex“ das biologische Geschlecht und „Gender“ das soziale Geschlecht bezeichnet. Während ersteres ein biologisches Faktum ist, ist letzteres ein soziales Faktum und als solches durch menschliche Übereinkunft – also sozial – änderbar.

Das Ziel dieses Feminismus war es stets, genderbedingte Einschränkungen biologischer Frauen abzubauen. Der Geschlechtseintrag ist bislang am biologischen Geschlecht orientiert. Das Selbstbestimmungsgesetz wird das ändern. In dem Moment, in dem eine Selbstauskunft ausreicht, um den Geschlechtseintrag zu ändern, sagt dieser Eintrag nichts mehr aus über eine biologische Realität, sondern beschränkt sich auf die Auskunft subjektiver Präferenzen.

Das biologische Geschlecht wird damit de facto von staatlicher Seite negiert. Doch was sollen „Mann“ und „Frau“ eigentlich bedeuten, wenn beide Begriffe von jeglichem Bezug auf eine biologische Realität entkoppelt sind? Wenn sich Geschlecht in einem beliebig form- und veränderbaren sozialen Konstrukt namens Gender erschöpft? Der Begriff „Geschlecht“ wird auf diese Weise sinnentleert und nichtssagend: also so, wie nach dem technokratischen Paradigma die gesamte Realität ist.

An dieser Stelle sei daher daran erinnert, dass Papst Benedikt XVI. in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag (!) erklärte: „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen.“ Ganz in diesem Sinne, schrieb Papst Franziskus in seiner Umwelt-Enzyklika Laudato si Nr. 155:

„…muss man anerkennen, dass unser Körper uns in eine direkte Beziehung zu der Umwelt und den anderen Lebewesen stellt. Das Akzeptieren des eigenen Körpers als Gabe Gottes ist notwendig, um die ganze Welt als Geschenk des himmlischen Vaters und als gemeinsames Haus zu empfangen und zu akzeptieren, während eine Logik der Herrschaft über den eigenen Körper sich in eine manchmal subtile Logik der Herrschaft über die Schöpfung verwandelt. Zu lernen, den eigenen Körper anzunehmen, ihn zu pflegen und seine vielschichtige Bedeutung zu respektieren, ist für eine wahrhaftige Humanökologie wesentlich.“

Es braucht die Wiederentdeckung dieser Humanökologie – gerade auch zum Wohle der Umweltökologie. Dabei prägt die Mentalität des technokratischen Paradigmas den Zeitgeist quer durch alle politischen Lager hindurch. Hierzu gehört der Glaube des bürgerlichen Lagers, den menschengemachten Klimawandel mit rein technischen Lösungen aufhalten zu können, genauso wie linke Sexfeindlichkeit. Niemand von uns braucht sich hier selbstsicher auf die eigene Schulter zu klopfen. Ein bisschen Naturverachtung und Technizismus steckt in jedem von uns. Das gehört zu unserer postmodernen DNA. Wir alle müssen daher umdenken, jeder an seiner eigenen Stelle – nur so können wir die gewaltigen ökologischen, aber auch sozialen Herausforderungen bewältigen, vor denen wir stehen.

Schreibe einen Kommentar