Seit den 1980er Jahren versuchen katholische Neokonservative den klassischen Liberalismus als mit der katholischen Soziallehre vereinbar darzustellen. Das jüngstes Beispiel hierfür findet sich in dem Interview, das Sebastian Ostritsch für Die Tagespost mit Professor Martin Rhonheimer führte; ein Interview, das einige Richtigstellungen verlangt.
Richtigerweise erklärt Professor Rhonheimer, dass der Liberalismus „auf den Eigentumsrecht und der Idee rechtmäßiger Transaktionen durch Verträge, die der Staat schützt und garantiert“ beruht. Wer unternehmerisch erfolgreich sei, so Rhonheimer dann weiter, könne dies nicht deshalb sein, weil er der Stärkere sei, „sondern weil er Produkte schafft, die er massenhaft verkaufen kann, die offenbar einer Nachfrage entstehen. Auf diese Weise entsteht allgemeiner Wohlstand.“ Dies wohlgemerkt ist Professor Rhonheimers Antwort auf die Frage, weshalb klassischer Liberalismus und katholischer Glaube vereinbar seien.
Hier gilt es nun einzuhaken, denn was Professor Rhonheimer hier nicht erwähnt ist der Umstand, dass das Recht am Privateigentum nach katholischer Soziallehre eben, wie Papst Franziskus in Fratelli tutti Nr. 120 deutlich machte, kein primäres, sondern lediglich ein sekundäres Naturrecht ist, das der Sozialbindung unterliegt, weil es sich „aus dem Prinzip der universalen Bestimmung der geschaffenen Güter ableitet“ und das deshalb, wie Edgar Egon Nawroth bereits vor über 60 Jahren verdeutlichte, seine Legitimität daraus bezieht, dass und inwiefern es dem Gemeinwohl dient, just jenem Gemeinwohl, das sich für Liberale auf die Summe der kaufkräftigen Verbrauchernachfragen reduziert, wie dies auch in den Ausführungen von Rhonheimer anklingt, das sich für Katholiken jedoch sehr viel konkreter als das Wohlergehen jedes einzelnen, der gesellschaftlichen Zwischenglieder sowie des Gemeinwesens als Ganzem bestimmen lässt und das sich daher auch nicht auf allgemeinen Wohlstand reduzieren lässt. Weder die Sozialbindung des Privateigentums noch die Hinordnung der Wirtschaft auf ein inhaltlich bestimmtes Gemeinwohl haben im Liberalismus ihren Platz; ein wesentlicher Grund für die Unvereinbarkeit von klassischem Liberalismus und katholischem Glauben. Doch das ist noch nicht alles.

Wenn Rhonheimer den Markterfolg des unternehmerisch tätigen Subjekts nicht auf dessen Stärke, sondern auf das Bedienen einer Nachfrage am Markt zurückführt, mag dies in der liberalen Theorie zutreffen, in der die Ausgangslage für alle Subjekte identisch ist. In der Praxis jedoch führen überkommene Vermögensunterschiede dazu, dass es sehr wohl Anbieter gibt, die sich nicht aufgrund eines überlegenen Angebots, sondern aufgrund einer besseren Ausgangslage – an finanziellen Ressourcen, an Beziehungen – gegenüber Mitbewerbern durchsetzen. Ebenso darf nicht unterschätzt werden, wie sehr wirschaftlich Stärkere in der Lage sind, die von ihnen gewünschte Nachfrage erst künstlich zu erzeugen und so Ressourcen in Richtungen zu lenken, wie dies vom Standpunkt des Gemeinwohls aus vielleicht nicht unbedingt wünschenswert wäre.
Der individualistische Liberalismus vs. katholischem Personalismus
Rhonheimers Ausführungen zum Individualismus wiederum spiegeln jene Friedrich August von Hayeks wider, welche Egon Edgar Nawroth in seiner Dissertation vor 60 Jahren als ungenügend herausgearbeitet hat, um die Vereinbarkeit des Individualismus mit dem katholischen Glauben zu erweisen.
Die marktwirtschaftliche Gesellschaft basiert ausschließlich auf zum jeweiligen Eigennutz freiwillig eingegangenen, transaktionären und zunehmend unpersönlichen, anonymen Beziehungen. Diese Beziehungen sind aus katholischer Sicht lediglich sekundär gegenüber jenen primären Beziehungen, die nicht selbst gewählt sind, weil sich der Mensch immer bereits in ihnen vorfindet und denen der Einzelne darum auch ohne vorige Berechnung eines konkreten Gegenwerts verpflichtet ist, wie Familie, Volk und politisches Gemeinwesen, da sein individuelles Wohl mit deren jeweiligen Gemeinwohl unauflösbar verbunden ist.
Indem Rhonheimer diese Dimension des Menschen unterschlägt – und dies muss er tun, um die Vereinbarkeit von klassischem Liberalismus und katholischem Glauben konstistent behaupten zu können – verabsolutiert er die Individualnatur des Mensche auf Kosten seiner Sozialnatur. Folgerichtig erscheinen Individuum und Person bei ihm, wie weiland bei Wilhelm Röpke, auch als austauschbare Begriffe.
Dabei hat Rhonheimer natürlich Recht, dass nur die menschliche Person im eigentlichen Sinne handelt. Die soziale Realität hierauf jedoch im Sinne eines methodischen Individualismus zu reduzieren heißt jenem soziologischen Monismus zu folgen, den Nawroth den Neoliberalen vorwarf und der darin besteht, den Eigenwert und Eigenstand von Gemeinschaften wie der Familie oder auch des Gemeinwesens als Ganzem zu leugnen. Der Familienvater, der einen Miet- oder Kreditvertrag unterschreibt, tut dies natürlich als Individuum, jedoch als Individuum, das in seiner Funktion als Familienoberhaupt handelt – und dies sowohl hinsichtlich seiner Motivation wie hinsichtlich der Auswirkungen, die alle Glieder seiner Familie betreffen. Ebenso unterschreibt der Bundespräsident nicht als Individuum Gesetze, sondern in seiner seiner Funktion als Staatsoberhaupt. Mit anderen Worten: In Familienvater wie Landesvater handeln auf analoge Weise Familie wie politisches Gemeinwesen. Dies zu negieren zieht just jenen Niedergang sämtlicher Gemeinschaftsformen nieder, den wir schon seit langer Zeit beobachten müssen und zurecht beklagen.
Schlussendlich ist Rerum novarum nicht wie von Rhonheimer behauptet eine schlichte Verteidigung des Privateigentums im klassisch liberalen Sinn, sondern die Forderung nach dessen möglichst breiter Streuung im Gemeinwesen im Sinne des Gemeinwohls, was selbstverständlich auch eine gewisse Form der Umverteilung verlangt.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Menschen- und Gesellschaftsbild des katholischen Glaubens korporativistisch und nicht individualistisch ist. Menschen sind immer und überall Glieder (mehrerer) sozialer Organismen, seien diese sozialen Organismen nun natürlichen Ursprungs wie Familie und Staat oder übernatürlichen Ursprungs wie die Kirche. Die Politik, auch die Wirtschaftspolitik, muss dem entsprechen. Der Liberalismus aber in seinen vielfältigen Schattierungen leugnet just dies und ist daher mit dem katholischen Glauben auch nicht vereinbar.