Nach der Erfahrung von Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg war für viele Menschen die christliche Einsicht intuitiv verständlich, dass Staat und Markt zwar Güter, aber relative Güter sind, die deshalb auch der Begrenzung bedürfen.

Nach 1945 fiel es einer Generation von Christdemokraten – Adenauer, Schuman, de Gasperi – zu, die praktische Umsetzung dieser Einsicht zu verwirklichen.

Zur Begrenzung des Staates schufen sie eine liberale Demokratie, die nach Außen hin zusätzlich durch europäische Einigung und Westbindung begrenzt wurde und – im Falle Deutschlands – nach Innen hin durch einen föderalen Aufbau.

Zur Begrenzung des Marktes schufen sie die soziale Marktwirtschaft.

Christdemokratie

Doch bereits in den 1950er Jahren setzte mit der von den geistigen Vätern der sozialen Marktwirtschaft kritisierten Errichtung des Wohlfahrtsstaates eine neue Entgrenzung des Staates ein, die sich zuletzt in der willkürlichen Neudefinition von Ehe und Familie sowie wohl demnächst Mann und Frau zeigte.

Auch die immer umfassendere Übernahme genuin familiärer Aufgaben wie die Erziehung der Kinder oder die Pflege der Älteren durch semistaatliche Einrichtungen sind Symptome dieses Prozesses. Derweil hängt die Zivilgesellschaft als der eigentliche Zweck von Staat und Markt in erheblichem Maße am Tropf von Steuermitteln.

Mit der in den 1980er Jahren einsetzenden neoliberalen Wende begann dann auch die neue Entgrenzung des Marktes mit einer voranschreitenden Kommerzialisierung und Kommodizifierung von allem bis hin der Sexualität mit der Legalisierung von Prostitution.

Auch bei der Entgrenzung von Staat und Markt ging die Initiative von Christdemokraten aus, wenn es freilich später jeweils die Sozialdemokraten waren, die ihr Werk komplettieren sollten.

Das Ergebnis dieses Prozesses ist das, was die Commons-Theoretiker Silke Helfrich und David Bollier den „Markt-Staat“ nannten. Diesen kritisierte auch Papst Benedikt XVI. in „Caritas in Veritate“ mit den Worten

„Die exklusive Kombination Markt-Staat zersetzt den Gemeinschaftssinn. Die Formen solidarischen Wirtschaftslebens hingegen, die ihren fruchtbarsten Boden im Bereich der Zivilgesellschaft finden, ohne sich auf diese zu beschränken, schaffen Solidarität. Es gibt keinen Markt der Unentgeltlichkeit, und eine Haltung der Unentgeltlichkeit kann nicht per Gesetz verordnet werden.“
(Civ 39)

Sowie:

„Wenn die Logik des Marktes und die Logik des Staates mit gegenseitigem Einverständnis auf dem Monopol ihrer jeweiligen Einflußbereiche beharren, gehen langfristig die Solidarität in den Beziehungen zwischen den Bürgern, die Anteilnahme und die Beteiligung sowie die unentgeltliche Tätigkeit verloren. Diese unterscheiden sich vom „Geben, um zu haben“, das die Logik des Tausches ausmacht, und vom „Geben aus Pflicht“, das für die öffentlichen Verhaltensweisen gilt, die durch staatliche Gesetze auferlegt werden.“
(ebd.)

80 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges muss man konstatieren: Die Christdemokratie hat das geschaffen, was sie angetreten war zu überwinden.* Die Frage ist: Wird es eine neue Generation in der Christdemokratie geben, die einen Neuanfang wagt?

Hierzu müsste sie ihr Verhältnis zu Staat und Markt grundlegend überdenken, das heißt relativieren, und der Zivilgesellschaft – der echten, sich organisch aus unabhängigen Familien entwickelnden – Priorität einräumen.

Die Christdemokratie und die Grünen

Das Beispiel der Grünen Silke Helfrich zeigt, dass dies auch die Grundlage bilden könnte für ein schwarz-grünes Regierungsprojekt. Hierzu müssten allerdings auch die Grünen ihren inneren Widerspruch überwinden, einerseits dem Schutz der Umweltökologie hohe Bedeutung beizumessen, zugleich aber die größte gegenwärtige Bedrohung für die Humanökologie darzustellen. Erneuerte Unionsparteien und eine erneuerte grüne Partei könnten ein neues Kapitel in der bundesdeutschen Geschichte aufschlagen, in dem Staat und Markt – angemessen begrenzt – ihre jeweiligen Funktionen erfüllen ohne der Zivilgesellschaft die ihr zustehende Domäne streitig zu machen.

Kann man vernünftigerweise mit solch erneuerten Parteien rechnen? Nun, man kann hoffen, rechnen muss man im Fall eines tatsächlichen schwarz-grünen Bündnisses aber leider eher mit einer konzernfreundlichen Wirtschaftspolitik verbunden mit einer Legalisierung von Leihmutterschaft; sprich: einer weiteren Entgrenzung von Markt und Staat.

In diesem Fall muss man vielleicht konstatieren, dass die Christdemokratie ihre historische Mission erfüllt hat bzw. eigentlich an ihr gescheitert ist und es gänzlich neue Ansätze für eine christlich inspirierte, das heißt von der Relativität von Staat und Markt ausgehende, Politik braucht.

*Hiermit ist natürlich nicht der Nationalsozialismus oder eine totalitäre Diktatur gemeint, sondern lediglich ein Entgrenzung von Staat und Markt.

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