Dignitas infinita, die lang erwartete Erklärung des Glaubensdikasteriums zur Würde der menschlichen Person, ist da! Viel wird nun geschrieben zu Gender-Theorie, Leihmutterschaft und Geschlechtsumwandlung – und auch an dieser Stelle werde ich noch darauf eingehen – doch viel wesentlicher und wichtiger sind die allgemeinen Ausführungen zur Menschenwürde, über die hier nicht wie anderswo nonchalant herübergegangen werden soll.

Dignitas infinita macht deutlich, dass zwar alle Geschöpfe über einen Eigenwert verfügen, jedoch nur der Mensch über eine Würde (Nr. 28). Diese Würde ist im Wesen der menschlichen Person begründet (Nr. 1) und nur von dieser Würde her lassen sich auch die Menschenrechte ableiten (Nr. 14). Da die Würde im Wesen der menschlichen Person gründet, ist die einzige Bedingung für ihr Vorhandensein die Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung; sie muss weder – durch Fähigkeiten oder Leistungen – verdient oder erworben werden – noch kann sie verloren gehen (Nr. 24).

Wesentlich zum Verständnis dieser Aussage ist die Unterscheidung von ontologischer, sittlicher, sozialer und existentieller Würde (Nr. 7 und 8).

Dignitas infinita

Die ontologische Würde ist jene Würde, die in dem gründet, was ein Mensch ist. Sie ist unverlierbar und begründet den Anspruch, dieser Würde entsprechend behandelt zu werden – das heißt als menschliche Person.

Die sittliche Würde ist der menschlichen Freiheit geschuldet, die darin besteht, in den eigenen Handlungen der eigenen ontologischen Würde zu entsprechen oder ihr zuwider zu handeln. Nicht nur andere können also die eigene ontologische Würde verletzen; auch man selbst ist hierzu in der Lage durch einen falschen Gebrauch der eigenen Freiheit.

Die soziale Würde besteht darin, dass andere die menschliche Person entsprechend ihrer ontologischen Würde behandeln, und wird verletzt, wenn diese dies nicht tun, etwa durch Abtreibung, Menschenhandel oder Leihmutterschaft.

Die existentielle Würde betrifft schließlich die Entfaltung oder auch Beeinträchtigung der ontologischen Würde durch existentielle Phänomene wie Alter, Krankheit oder Behinderung. Die Verabsolutierung dieser Würde und die gleichzeitige Negation der ontologischen Würde steht im Hintergrund der Befürwortung von Euthanasie und Beihilfe zum Selbstmord.

Dignitas infinita und die Begründung der Würde der menschlichen Person

Dignitas infinita geht auch die Frage ein, was am Wesen der menschlichen Person so besonders ist, dass ihr eine besondere Würde zukommt. Diese Frage wird mit der klassischen Definition der Person als „unteilbare Substanz der vernünftigen Natur“ beantwortet (Nr. 9).

„Unteilbare Substanz“ meint in diesem Kontext nichts anderes als ein empirisch feststellbares Lebewesen. Dieses Lebewesen wird dahin gehend näher charakterisiert, dass es vernünftig ist. Hierzu heißt es:

„Das Wort „vernünftig“ umfasst eigentlich alle Fähigkeiten des Menschen: sowohl die des Erkennens und Verstehens als auch die des Wollens, Liebens, Wählens und Begehrens. Der Begriff „vernünftig“ umfasst dann auch alle körperlichen Fähigkeiten, die mit den oben genannten eng verbunden sind.“

Es ist diese Vernunft, die den Menschen von den übrigen Lebewesen unterscheidet, wobei hier dem Erkennen/Verstehen und dem Wollen/Lieben eine besondere Bedeutung zukommt.

Natur“ schließlich meint, so das Schreiben, „das Prinzip des Handelns“. Man kann also zusammenfassend sagen, die menschliche Person ist ein Lebewesen, das prinzipiell vernünftig handelt. Man beachte dabei das „prinzipiell“ im Unterschied zum „tatsächlich“. Auch ein Ungeborenes oder ein Komapatient handeln prinzipiell vernünftig, auch wenn sie tatsächlich durch die Umstände daran gehindert sind. Daher sind sie Träger ontologischer Würde und entsprechend zu achten und zu behandeln. Umgekehrt besteht sittliche Würdelosigkeit darin, dass ein Mensch sich bewusst entscheidet, vernunftwidrig zu handeln, etwa wenn er mutwillig seine eigene Gesundheit gefährdet – auch dann bleibt allerdings seine ontologische Würde bestehen.

Diese Unterscheidung wird ausschlaggebend für die grundsätzliche Verurteilung der Todesstrafe: Auch wenn der Gewaltverbrecher durch seine Untaten seiner eigenen (!) sittlichen Würde zuwider handelt, widerspricht seine Hinrichtung dennoch seiner ontologischen Würde (Nr. 34).

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