Demokratische vs. autoritäre Technik

Papst Franziskus schrieb in Laudato Si‘:

„Man muss anerkennen, dass die von der Technik erzeugten Produkte nicht neutral sind, denn sie schaffen ein Netz, das schließlich die Lebensstile konditioniert, und lenken die sozialen Möglichkeiten in die Richtung der Interessen bestimmter Machtgruppen. Gewisse Entscheidungen, die rein sachbezogen erscheinen, sind in Wirklichkeit Entscheidungen im Hinblick auf die Fortentwicklung des sozialen Lebens.“
(LS 107)[1]Laudato Si‘ Nr. 107.

Demokratische Technik

Nach Lewis Mumford gilt dies nicht nur für die Produkte der Technik, sondern ebenso für die Technik selbst. Mumford unterscheidet dabei eine demokratische und dezentralisierte von einer autoritären und zentralisierten Technik:

„Die demokratische Erscheinungsform, die auf Handwerksarbeit in kleinem Maßstab beruhte, hielt sich in einer Vielzahl von kleinen Dörfern am Leben, in Partnerschaft mit Ackerbau und Viehzucht, wenngleich sie sich auch auf die wachsenden Landstädte ausdehnte und schließlich in die Großstädte eindrang. Handwerkliche Spezialisierung und Austausch durch Handel waren für diese Wirtschaft notwendig, wie schon in paläolithischen Zeiten; so mögen wohl spezielle Rohstoffe, Kupfer oder Eisen für den Schmied, Mineralien für glasierte Tonwaren oder besondere Farbstoffe für Baumwoll- oder Leinengewebe, von außen gekommen sein, doch die meisten Ressourcen und die Fertigkeit, sie zu nutzen, waren daheim zu finden. Soweit es Neuerungen gab, kamen sie allmählich, ohne die überlieferten Formen zu stören.“[2]Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1978, S. 270f. Den Begriff „Demokratie“ verwendet er dabei in einem Sinne, der … Continue reading

Beide Technikarten haben nach Mumford dabei ihre je eigenen Stärken und Schwächen:

„Die demokratische Technik hatte die Sicherheit, die sich aus einer begrenzten Tätigkeit unter direkter Kontrolle der Beteiligten, im gewohnten Ablauf und in vertrauter Umgebung, ergibt; aber sie hing völlig von den örtlichen Bedingungen ab und konnte stark beeinträchtigt werden durch Naturereignisse, Ignoranz oder schlechte Verwaltung, ohne die Möglichkeit, von anderswo Hilfe zu bekommen. Die autoritäre Technik, an große Organisationen gewohnt und imstande, mit größeren Menschenmassen zu operieren und sich durch Handel oder Eroberungen auf andere Regionen auszubreiten, war besser geeignet, Überschuß [sic] zu produzieren und zu verteilen – unter Herrschern, die genügend politische Intelligenz besaßen, um für eine gerechte Verteilung zu sorgen. …Im Idealfall hätte jede Arbeitsweise der anderen etwas geben können; aber weder die eine noch die andere vermochte auf Dauer eine wirksame Kooperation herzustellen. Während die kleine Agrargemeinschaft demokratische Technik vorzog, half die zunehmende Verwendung von Metallen – zuerst Kupfer, dann Bronze und schließlich Eisen –, die mit dem Aufstieg und der Ausbreitung des Königtums zusammenfiel, die autoritäre Form zu entwickeln und sie mit der Zeit auf andere Wirtschaftszweige zu übertragen.“[3]Ebd., S. 272.

Anders formuliert: die demokratische Technik floriert in Systemen der Subsidiarität, die autoritäre in jenen der Souveränität.

Eine Unterscheidung von Alasdair MacIntyre aufgreifend kann man Mumfords weitere Ausführungen dahin gehend interpretieren, dass demokratische Techniken auf intrinsische Qualitäten zielen und autoritäre Techniken auf extrinsische Qualitäten. Oder, vielleicht zutreffender: Wer auf intrinsische Qualitäten zielt, entwickelt demokratische Techniken, wer auf extrinsische Qualitäten zielt, autoritäre, ähnlich wie, wer Gerechtigkeit erstrebt, gerechte soziale Strukturen erschafft und wer nach Ungerechtigkeit strebt, ungerechte soziale Strukturen hervorbringt.[4]  Vgl. ebd., S. 273f.

Näher zur demokratischen Technik führt Mumford aus:

„Der technologische Fortschritt bewegte sich lange Zeit außerhalb des Bereichs der Megamaschine; und er war zum Großteil eine Fortsetzung der gleichen Art kleiner, auf empirischem Wissen beruhender und durch allgemein menschliche Erfahrung gereifter Unternehmungen, die zur Domestizierung von Pflanzen und Tieren geführt und das Energiepotential der menschlichen Gemeinschaft gewaltig vergrößert hatten. Diese Fortschritte waren weit weniger spektakulär als die riesigen Konstruktionen und Destruktionen der Megamaschine; und die meisten von ihnen waren, wie die Landwirtschaft, das Werk vieler kleiner Leute, die ihre Erfahrungen miteinander teilten, ihre Tradition aufrechterhielten und mehr auf Qualität und menschlichen Wert ihrer Produkte bedacht waren als auf bloß quantitative Entfaltung von Macht und materiellem Reichtum. Die handwerkliche Tradition wie auch die älteren gesellschaftlichen Erfindungen, Sprache und Ackerbau, waren nie ausschließlich in der Hand einer selbstsüchtigen Minderheit, die die zentralisierte Organisation beherrschte.“[5]Ebd., S. 270.

Charakteristisch für kleine Gemeinschaften und handwerkliche Arbeitsweise seien sporadische Bedürfnisse, ungleichmäßige Nachfrage sowie eine Anpassung an regional vorhandene Mittel und persönliche Wünsche (vgl. Laudato Si‘ Nr. 179). Demgegenüber dienten Mechanisierung und Automatisierung nicht der Produktqualität und der Kundenzufriedenheit, sondern Profit und Kontrolle.[6]Vgl. ebd. S. 538.

Technik

Autoritäre Technik

Mit ihrem – so könnte man sagen typisch neoliberalen – Streben nach Effizienz und Produktivität (= quantitative Größen) geht die autoritäre Technik mit einer voranschreitenden Spezialisierung einher, so dass die Möglichkeit, im Laufe einer Lebensspanne die Tätigkeit zu wechseln, immer mehr schwindet oder doch schwieriger wird. Dies wiederum geht einher mit für bei entsprechender Spezialisierung typischen gesundheitlichen Beschwerden, über die man bereits in der Antike genaue Vorstellungen besaß.[7]Vgl. ebd., S. 274, 276f.

In dieser Atmosphäre entstand der Traum vom Leben ohne Arbeit – ein Traum, wie ihn, so Mumford, nur ein Sklave haben kann und wie er heute in Zeiten von Automatisierung, künstlicher Intelligenz und damit verbundener Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen weiter geträumt wird,[8]Vgl. ebd. 277. demgegenüber Mumford betont, „daß [sic] Arbeit, die nicht auf Muskelkraft beschränkt ist, sondern alle Funktionen des Geistes mit einschließt, kein Fluch, sondern ein Segen ist.“[9]Ebd. 277f. Vgl. auch ebd., S. 539f.

Von der autoritären Technik grenzt Mumford deutlich die demokratische Technik ab, von der er sagt:

„Unter der demokratischen Technik bestand die einzige Beschäftigung, die lebenslange Aufmerksamkeit erforderte, darin, ein ganzer Mensch zu werden, fähig, seine biologische Rolle zu erfüllen und sich am sozialen Leben der Gemeinschaft zu beteiligen, die menschliche Tradition aufzunehmen und weiterzugeben und aus freien Stücken die feierlichen Handlungen, die er ausführte, die Nahrung, die er pflanzte, die Bilder, die er formte, und die Geräte, die er schnitzte oder bemalte, zu höherer ästhetischer Perfektion zu bringen. Jeder Bereich der Arbeit war Lebenswerk.“[10]Ebd. 277f.

Deutlich tritt hier die tugendfördernde Funktion zu Tage, die, wie Andrew Willard Jones und Alasdair MacIntyre beschreiben, das Erlernen einer Technik haben kann. Mumford weißt nun darauf hin, dass dies aber nicht für jede Technik gilt, sondern lediglich jene, die er als demokratisch bezeichnet.

Als Hauptzentrum von Erfindungen in der Eisenzeit benennt Mumford Griechenland. Seine Erklärung:

„es war eine Kultur, deren wichtigste Städte, besonders Athen, schon zu einem frühen Zeitpunkt die Institution des Königtums in Frage stellten und stürzten…Selbst auf dem Höhepunkt der hellenischen Stadtkultur blieben die demokratischen Normen des Dorfes in Kraft; und typischerweise war es eine Handvoll energischer freier Männer und nicht eine Massenarmee, die die Bergpässe bewachte oder die tüchtigen griechischen Kriegsgaleeren bemannte. Tatsache ist, daß [sic] die meisten Komponenten späterer komplexer Maschinen von den Griechen zwischen dem siebenten und dem ersten vorchristlichen Jahrhundert erfunden oder mit Hilfe von ihnen erfundener Vorrichtungen und mechanischer Elemente hergestellt wurden.“[11]Ebd., S. 280f.

Wie Mumford betont legte die noch nicht-mechanisierte Mentalität weniger Wert auf Produktionssteigerung.[12]Vgl. ebd., S. 288. Infolge floss ein Großteil der Innovation in den ästhetischen und symbolischen Bereich, weniger in den technischen im engeren Sinne.[13]Vgl. ebd., S. 289 – 291, 491. Vgl. hierzu auch Rocco Buttiglione, Modernity’s Alternative – How History is formed in the Dephts of the Peoples, übersetzt von Andrew Bernetsky mit Reuben Slife, … Continue reading

Als Beispiel hierfür und auch für die Leistungsfähigkeit dieser „nicht-mechanisierten Mentalität“ verweist Mumford auf den mittelalterlichen Kathedralbau, für den er ebenso hervorhebt, dass dieser eben nicht einem unmittelbaren Nutzen, sondern einem höheren Zweck diente.[14]Vgl. ebd., S. 488f.

Wie Mumford weiter ausführt:

„Im Handwerk gab es viele Prozesse, die ohne weiteres durch die Maschine verkürzt, vereinfacht oder vervollkommnet werden konnten, so wie zum Beispiel die Töpferei durch die Erfindung der Töpferscheibe vervollkommnet worden war…Zwei Denker haben im vorigen Jahrhundert sehr schnell begriffen, daß [sic] eine fortgeschrittene Technologie, mit kleinen Maschinen und billiger Elektrizität arbeitend, den Vorteil bietet, die intime menschliche Größenordnung und damit auch die gemeinschaftliche Zusammenarbeit in engem persönlichen Kontakt wiederherzustellen, ohne auf die Vorteile rascher Kommunikation und Beförderung zu verzichten: Peter Kropotkin und Patrick Geddes. In seinem Buch Felder, Fabriken und Werkstätten umriß [sic] Kropotkin diese potentielle neue Ökonomie.“[15]Ebd., S. 292.

Die tatsächliche Entwicklung ging jedoch, so Mumford weiter, in eine andere Richtung:

„Doch die vorherrschenden Kräfte des neunzehnten Jahrhunderts, einschließlich des autoritären Kommunismus von Karl Marx, verharrten auf der Seite der großen Organisationen, der zentralisierten Leitung und der Massenproduktion, ohne im Arbeiter mehr zu sehen als einen Bestandteil der Megamaschine…Bis jetzt konnte kein freies Handwerk in einem autoritären Wirtschaftssystem überleben, das auf komplexen Maschinen beruht, die kein einzelner Arbeiter kaufen oder kontrollieren könnte, und das »Sicherheit« und »Überfluß« [sic] nur im Austausch gegen Unterwerfung verspricht. Der Philosoph A. N. Whitehead hat die Bedeutung der Kulminationsperiode im Handwerkswesen des Westens besser erkannt als die meisten Historiker, und seine Worte sind wert, zitiert zu werden: »Was individuelle Freiheit betrifft, so gab es in der Stadt London im Jahre 1633 mehr Freiheit . . .als heute in irgendeiner Industriestadt der Welt. Es ist unmöglich, die Sozialgeschichte unserer Vorfahren zu verstehen, wenn wir uns nicht der ungestümen Freiheit besinnen, die damals in den Städten Englands, Flanderns, des Rheinlands und Norditaliens existierte. In unserem heutigen Industriesystem ist diese Art Freiheit verloren gegangen. Dieser Verlust bedeutet das Schwinden unendlich kostbarer Werte aus dem menschlichen Leben. Das individuelle Temperament kann nicht mehr in ernsthaften Aktivitäten Befriedigung finden. Es bleiben nur unerbittliche Arbeitsbedingungen und triviale Vergügungen [sic] in der Freizeit.«“[16]Ebd., S. 293.

Den – durch entsprechende Gesetzgebung beförderten – Übergang von der demokratischen Technik des Mittelalters zur autoritären Technik der Neuzeit und Moderne beschreibt Mumford wie folgt:

„Die gesetzliche Abschaffung der Gilden, die nun erfolgte, gab den unmenschlichen Methoden der frühen Maschinenindustrie freie Bahn. So war die neue Freiheit, die von Befürwortern des laissez faire, wie Adam Smith, proklamiert wurde, die Freiheit, das mittelalterliche System des Schutzes und der sozialen Sicherheit im Rahmen der Gilden aufzugeben und sich von den Eigentümern der kostspieligen neuen Produktionsmaschinerie ausbeuten zu lassen.“[17]Ebd., S. 486f.

In England wurde die aus dem Spätmittelalter stammenden, von den städtischen Gilden abgeschauten, staatlichen Bestimmungen, die auf eine Begrenzung des quantitativen Wachstums und einen sozialen Schutz der Zunftarbeiter zielte im Namen der Wirtschaftsfreiheit abgeschafft:

„Dies symbolisierte das Ende der Hausindustrie selbständiger Handwerker, die frei waren, zu kommen und zu gehen, wann sie wollten. Von da an bedeutete Freiheit für den Fabrikanten die Freiheit, Arbeiter auszubeuten; und auch die Freiheit, sich über Qualitätsnonnen, persönliche Verpflichtungen und menschliche Bedürfnisse hinwegzusetzen. So folgte der Möglichkeit, automatische, kraftbetriebene Maschinen herzustellen – die zu einer enormen Steigerung der Produktivität in wichtigen Industriezweigen, wie in der Textilindustrie, führte – genauso wie im Pyramidenzeitalter die Praxis, den Arbeiter zu einer Maschine herabzuwürdigen; sie untergrub die Gesundheit, deformierte den Körper, verkürzte das Leben des Arbeiters, machte den Arbeitslosen zum Almosenempfänger und Bettler und verurteilte ihn zum Hungertod. Diese Entmenschlichung des Arbeiters wurde paradoxerweise von der fortschreitenden Vermenschlichung der Maschine ergänzt – Vermenschlichung in dem Sinne, daß [sic] man dem Automaten einige mechanische Äquivalente lebensähnlicher Bewegungen und Zwecke verlieh, ein Prozeß [sic], der in unserer Zeit zu verblüffender Vollendung gelangt ist.“[18]Ebd., S. 507.

Neben Gesetzen trugen auch zwei, wie Mumford es nennt, soziale Erfindungen – denen auch ein Neoliberaler wie Wilhelm Röpke kritisch gegenüberstand –  dazu bei, „der Industrie einen Vorteil gegenüber den kleinen, mit örtlichem Material und lokalen Arbeitskräften produzierenden Werkstätten“ zu verschaffen: das Patentsystem und die Aktiengesellschaft:

„Diese Veränderungen vervollständigten die Entpersönlichung des gesamten Wirtschaftsprozesses. Nach dem siebzehnten Jahrhundert wurde eine wachsende Zahl anonymer Arbeiter zum Nutzen gleichermaßen anonymer, unsichtbarer und moralisch indifferenter Eigentümer ausgebeutet. So trugen die einzelnen Komponenten der mechanisierten Industrie dazu bei, die traditionellen Werte und menschlichen Ziele zu beseitigen, die die Wirtschaft unter Kontrolle gehalten und veranlaßt [sic] hatten, andere Ziele als Macht allein zu verfolgen. Anonymes Eigentum, Profitmotiv, Managerorganisation, militärische Disziplin waren von Anfang an die sozialen Begleiterscheinungen der allgemeinen Mechanisierung. Die Beseitigung aller Grenzen führte zur Unterminierung – heute bereits zur fast totalen Zerstörung – der alten Formen der Polytechnik[19]Mumford verwendet im zweiten Teil seines Buches diesen Begriff für die demokratische Technik und analog den Begriff der Monotechnik für die autoritäre Technik. und zu deren Ersetzung durch eine Monotechnik, die auf Maximierung der physischen Kraft beruht und die menschlichen Bedürfnisse so reduziert, erweitert oder umlenkt, wie es zur Inganghaltung einer solchen Wirtschaft erforderlich ist.“[20]Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine, S. 503.

Letztlich führt Mumford diese Entwicklung auf die „neuen Prinzipien und Anreize des kapitalistischen Finanzwesens, mit seinem Gewinnstreben, seiner Vorliebe für Zahlen und quantitatives Wachstum“[21]Ebd., S. 513. zurück. Diese lösten die Technik aus ihrer Verwurzelung in Landwirtschaft und regionaler Umwelt.

Die sozialen Folgen dieses vermeintlichen Fortschritts wurden – und werden, so Mumford – dabei ausgeblendet.[22]Ebd., S. 487: „Diese Begleiterscheinung des mechanischen Fortschritts wurde von dessen Verherrlichern durch einen Trick bagatellisiert: Während sie die ungeheure Wirtschaftlichkeit der … Continue reading

In deutlichem Kontrast hierzu hob Mumford die ältere Arbeitsweise ab:

„In der Werkstatt und im Haushalt gab es ohne Zweifel eine Menge langweiliger Aufgaben; aber sie wurden in Gesellschaft ausgeführt, in einem gemächlichen Tempo, das Plaudern und Singen erlaubte; hier war nichts von der Einsamkeit der modernen Hausfrau, die einem Arsenal von Maschinen vorsteht, nur vom stetigen Gepolter, Geklapper und Summen ihrer eisernen Gehilfen umgeben.“[23]Ebd., S. 490, vgl. hierzu auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger? Eine historische Spurensuche, oekom Verlag München 2023, S. 102ff.

Technik

Daneben kam nach Mumford auch eine ideologische, um nicht zu sagen eine religiöse Komponente hinzu. Für die Vertreter des mechanistischen Weltbildes in der Nachfolge Galileis, Descartes, Bacons und Hobbes bedeutet(e?) die Ausweitung des Maschinenwesens eine geradezu religiöse Pflicht, die auch sonst weltanschauliche Antipoden wie Marx und Ricardo einte. Die Lösung der politischen Linken angesichts dessen bestand nicht in der Infragestellung dieses Mythos, sondern in der Verheißung, eines Tages den herrschenden Eliten die Kontrolle über die Maschinen zu entreißen und in die Hände der proletarischen Massen zu überführen. Nur eine Handvoll von Häretikern, wie Mumford sie nennt – Paul Kingsnorth spricht von „reaktionären Radikalen“[24]Vgl. Paul Kingsnorth, Against the Machine – On the Unmaking of Humanity, Penguin Random House LLC New York USA 2025, S. 273ff. –, war bereit, den mechanistischen Mythos in Gänze zu verwerfen, ohne dem allerdings etwas Eigenes entgegensetzen zu können, infolgedessen sie sich marginalisiert in einem permanenten Rückzugsgefecht vorfanden. Den Unterschied zwischen älterer Polytechnik und moderner Monotechnik verglich Mumford dabei mit dem Unterschied zwischen organisch gewachsener Kleinstadt und rational geplanter Großstadt.[25]Vgl. Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine, S. 514f.

Dabei räumt  Mumford mit dem Vorurteil eines von Armut geplagten Mittelalters auf:

„Wäre die Handwerkswirtschaft, vor der Mechanisierung, wirklich von Armut gezeichnet gewesen, so hätten ihre Arbeiter die Zeit, die sie für Kirchenfeste und Kirchenbau übrig hatten, auch darauf verwenden können, ein Vielfaches an Stoffen zu weben oder an Schuhen zu flicken. Eine Wirtschaft, die sich außer den zweiundfünfzig Sonntagen im Jahr auch noch eine lange Reihe von Feiertagen zu leisten vermag, kann gewiß [sic] nicht als arm bezeichnet werden. Das Äußerste, das man von ihr sagen kann, ist, daß [sic]  sie in ihrer Konzentration auf geistige Interessen und soziale Zufriedenheit die Mitglieder der Gemeinschaft vielleicht nicht ausreichend vor Nahrungsmangel im Winter und gelegentlichen Hungersnöten schützte. Aber diese Wirtschaft bot etwas, dessen Bedeutung wir heute beinahe vergessen haben, nämlich Muße: nicht Freiheit von Arbeit, wie unsere heutige Kultur Muße interpretiert, sondern Freiheit in der Arbeit; und somit Zeit, zu plaudern, zu grübeln und über den Sinn des Lebens nachzudenken.“[26]Ebd., S. 491f, vgl. hierzu auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger?, S. 102ff.

Ebenso hebt Mumford hervor, „daß [sic] die bewußte [sic] Aufrechterhaltung einer weit gestreuten Gruppe vielfältiger Handwerksberufe eine Garantie der menschlichen Autonomie und ein wesentlicher Faktor der ökonomischen Sicherheit gewesen wäre; und daß [sic] die Wiederherstellung dieser fast verlorengegangenen Fertigkeiten, wie William Morris sie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Angriff nahm, ein unentbehrliches Gegengewicht zur Übermechanisierung ist und bleibt.“[27]Ebd., S. 498.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die autoritäre Technik nach Mumford ist also kapitalintensiv, hochgradig spezialisiert, zielt primär auf Effizienz und Produktionssteigerung und geht einher mit Standardisierung, Mechanisierung und Zentralisierung. 

Demokratische Technik ist demgegenüber niedrigschwellig, zielt auf Langlebigkeit und (auch ästhetische) Qualität, berücksichtigt regionale Gegebenheiten, ist in der Anwendung abwechslungsreich und erschließt dem Anwender Freiräume. Sie ist, in einer Begrifflichkeit Ivan Illichs, konvivial. 

Die Ursprünge der demokratischen Technik reichen bis in das Neolithikum zurück. Bis in das 18. Jahrhundert florierte sie.[28]Vgl. ebd., S. 499 – 512. In der Folgezeit wurde sie sukzessive verdrängt, nicht primär infolge der industriellen Revolution, sondern aufgrund von Gesetzgebung, mentalitätsgeschichtlichen Veränderungen, sozialer Innovation und auch einer quasi-religiösen Komponente. Letztlich steht hinter diesen verschiedenen Faktoren das technokratische Paradigma mit seiner Fokussierung auf Macht und Kontrolle in einem zunehmend mechanistischen Weltbild. Die ökologische Krise der Gegenwart ist unmittelbar Folge dieses Aufstiegs der autoritären Technik, mittelbar der Durchsetzung des technokratischen Paradigmas.

Mumford macht deutlich, dass die ethische Orientierung, mit der Menschen die Dinge angehen, sich nicht nur auf ihre Charaktereigenschaften und die sozialen Strukturen, die sie hervorbringen, auswirken, wie dies MacIntyre und Jones in Anschluss an Aristoteles betont haben, sondern selbst auf die Technik, die sie hervorbringen, die wiederum auf die Charaktereigenschaften, der sie bedienenden und ihnen ausgesetzten Menschen, sowie die sozialen Strukturen zurückwirkt.

Mumfords Unterscheidung von demokratischer und autoritärer Technik ist wichtig, da sie – wie Papst Franziskus in oben zitierter Stelle – deutlich macht, dass eine Ablehnung des technokratischen Paradigmas nicht eine Ablehnung von Technik als solcher beinhaltet.

Dem vorherrschenden Modell stellt Mumford das Beispiel Leonardo da Vincis als Alternative gegenüber. Er fordert einen langsameren, aber besser koordinierten Fortschritt, Offenheit für Vergangenheit und Zukunft, die Vermeidung von Spezialisierung sowie mehr Vielseitigkeit und Gleichgewicht. Das Erziehungssystem solle sich von der Denkweise Leonardo da Vincis leiten lassen.[29]Vgl. ebd., S. 516 – 521. Vgl. hierzu auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger?, S. 112f.

„Der Weg des menschlichen Fortschritts führt nicht zu kollektiver Automation, sondern zur Erweiterung der persönlichen und der gemeinschaftlichen Autonomie“[30]Vgl. ebd., S. 791.

Mumford leistete damit einen wichtigen Beitrag zur kritischen Reflektion jüngster Entwicklungen in der Automatisierungstechnik und der künstlichen Intelligenz sowie zum Zusammenhang zwischen technischer und sozialer Entwicklung. Wie er deutlich macht, sind Fragen der technischen Entwicklung nicht neutral, sondern mit eminenten politischen und ethischen Implikationen verbunden und sollten im Hinblick auf das Gemeinwohl, das heißt demokratisch, wie Mumford den Begriff versteht, getroffen werden.

References

References
↑1Laudato Si‘ Nr. 107.
↑2Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1978, S. 270f. Den Begriff „Demokratie“ verwendet er dabei in einem Sinne, der dem katholischen Konzept des Gemeinwohls entspricht. Demokratisch meint demnach „am Gemeinwohl orientiert“. Mumford weiter zur Demokratie:

„Demokratie, so wie ich den Begriff hier verwende, ist selbstverständlich am aktivsten in kleinen Gemeinschaften und Gruppen, deren Mitglieder in engem Kontakt sind, als Gleichberechtigte frei miteinander verkehren, und in denen jeder jeden persönlich kennt; sie ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil der anonymen, entpersonalisierten, im wesentlichen unsichtbaren Form der Massenverbindung, Massenkommunikation und Massenorganisation. Doch sobald Menschen in großer Zahl beteiligt sind, muß [sic] die Demokratie entweder äußerer Kontrolle und zentralisierter Leitung weichen oder sich der schwierigen Aufgabe zuwenden, die Entscheidungsgewalt an eine Vertretungskörperschaft zu delegieren. Die erste Wahl ist die leichtere; oder besser gesagt, es ist kaum eine Wahl, sondern das, was automatisch eintritt, wenn nicht genügend Anstrengungen gemacht werden, die herkömmliche spontan-demokratische Entscheidungsweise auf eine höhere Stufe vernünftiger Organisation zu heben. Die historische Erfahrung beweist, daß [sic] es viel einfacher ist, die Demokratie durch ein institutionelles Arrangement zu ersetzen, das nur jenen Autorität verleiht, die auf der obersten Stufe der sozialen Hierarchie stehen. Dieses System erzielt in seinen ersten Stadien oftmals einen hohen Grad mechanischer Wirksamkeit, jedoch um einen exorbitanten Preis an menschlichen Verlusten.

↑3Ebd., S. 272.
↑4  Vgl. ebd., S. 273f.
↑5Ebd., S. 270.
↑6Vgl. ebd. S. 538.
↑7Vgl. ebd., S. 274, 276f.
↑8Vgl. ebd. 277.
↑9Ebd. 277f. Vgl. auch ebd., S. 539f.
↑10Ebd. 277f.
↑11Ebd., S. 280f.
↑12Vgl. ebd., S. 288.
↑13Vgl. ebd., S. 289 – 291, 491. Vgl. hierzu auch Rocco Buttiglione, Modernity’s Alternative – How History is formed in the Dephts of the Peoples, übersetzt von Andrew Bernetsky mit Reuben Slife, hg. von Reuben Slife, New Polity Press Steubenville Ohio USA 2025, S. 220.
↑14Vgl. ebd., S. 488f.
↑15Ebd., S. 292.
↑16Ebd., S. 293.
↑17Ebd., S. 486f.
↑18Ebd., S. 507.
↑19Mumford verwendet im zweiten Teil seines Buches diesen Begriff für die demokratische Technik und analog den Begriff der Monotechnik für die autoritäre Technik.
↑20Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine, S. 503.
↑21Ebd., S. 513.
↑22Ebd., S. 487: „Diese Begleiterscheinung des mechanischen Fortschritts wurde von dessen Verherrlichern durch einen Trick bagatellisiert: Während sie die ungeheure Wirtschaftlichkeit der Massenproduktion priesen, ließen sie die Tatsache unerwähnt, daß die landlosen und heimatlosen Proletarier, die durch die Unterbietung der Preise für Handwerksarbeit in die neuen Fabriken gezwungen wurden, in bezug auf Ernährung, sanitäre Einrichtungen, Wasserversorgung und Wohnverhältnisse schlechter daran waren als die landwirtschaftlichen Arbeiter ihrer Zeit: Dies beweisen englische Lebensversicherungstabellen, die zeigen, daß Landarbeiter immer noch eine erheblich höhere Lebenserwartung hatten. Das Fabrikssystem degradierte den Arbeiter zum Lohnsklaven, statt die Maschinen zur Abschaffung der Sklaverei zu nutzen. Diese deprimierenden sozialen Folgen waren gerade in den Bereichen am stärksten, wo große technische Fortschritte gemacht wurden. Die unzweifelhaften Erfolge, die Organisation und Mechanisierung von Anfang an zeitigten, wurden durch die gnadenlose Reglementierung und Ausbeutung der Arbeiter, besonders der Kinder und der Frauen, entwertet. Diese Tatsache wird immer noch von jenen bemäntelt, die glauben, daß technischer Fortschritt automatisch sozialen Fortschritt mit sich bringt, ohne sich die Mühe zu geben, die wirklichen Ergebnisse zu prüfen.“ Vgl. auch ebd., S. 509 – 511.
↑23Ebd., S. 490, vgl. hierzu auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger? Eine historische Spurensuche, oekom Verlag München 2023, S. 102ff.
↑24Vgl. Paul Kingsnorth, Against the Machine – On the Unmaking of Humanity, Penguin Random House LLC New York USA 2025, S. 273ff.
↑25Vgl. Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine, S. 514f.
↑26Ebd., S. 491f, vgl. hierzu auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger?, S. 102ff.
↑27Ebd., S. 498.
↑28Vgl. ebd., S. 499 – 512.
↑29Vgl. ebd., S. 516 – 521. Vgl. hierzu auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger?, S. 112f.
↑30Vgl. ebd., S. 791.