Lukas Steinwandter von Corrigenda Online hat hoch Interessantes zum neuen Jahr 2024 zu sagen. Nur ein paar Gedanken zu dem sehr lesenswerten Kommentar.

1. Wahrheit statt Ideologie

Steinwandter weist darauf hin, dass es eine positive Ideologie brauche, die den Kämpfern wider die „Ökologie des Menschen“ entgegengesetzt werden kann. Allein das Versprechen von Wohlstand und sozialem Aufstieg genüge nicht.

So wahr dieser letzte Punkt ist, so sehr stößt doch die Wahl des Begriffes Ideologie negativ auf.

Der Begriff Ideologie ist zum einen eng mit dem Marxismus verbunden und meint in diesem den ideelen Überbau, welcher eine strukturell ungerechte soziale Realität legitimiert. In diesem Sinne bedeutet jede noch so positiv formulierte Ideologie den Versuch, die Menschen für dumm zu verkaufen, sie aufs Kreuz zu legen. Dies kann und darf nicht das Ziel sein und man sollte sich davor hüten, durch die Wahl gerade dieses Begriffes eine solche Absicht zu suggerieren.

Wenn man den Ideologiebegriff aus diesem marxistischen Kontext löst und nur auf die eigentliche Wortbedeutung schaut, meint Ideo-logie eine Ideenlehre. Eine Ideenlehre ergibt nur Sinn vor dem Hintergrund einer nicht-materialistischen, von Platon inspirierten, Weltanschauung, in der Ideen nicht mentale Konstruktionen, sondern vom menschlichen Geist unabhängige Realitäten sind. Gerade deshalb besaß der Ideologiebegriff für den historischen Materialisten Marx ja eine so negative Konnotation.

Die größten Platoniker unserer Tage sind jene, die felsenfest behaupten, die jeweilige Geschlechtszugehörigkeit sei vollkommen unabhängig von erkennbaren physischen (= materiellen) Geschlechtsmerkmalen. Das macht den Ideenbegriff bzw. den Platonismus natürlich nicht per se falsch. Dennoch ist daran zu erinnern, dass Papst Benedikt XVI. in seiner Antrittsenzyklika feststellte:

„Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“
(Deus in Caritas 1)

Die Realität ist im letzten weder materiell oder ideel. Diese Dichotomie ist einer der Irrtümer der Moderne. Die Realität ist im letzten personal. Und um die Realität muss es jeder Politik gehen, die dem Menschen in Wahrheit dienen will. Ja, hier ist der eigentliche Begriff gefallen, um den es gehen muss: die Wahrheit. Nicht ein Gedankengebäude oder Ideenkonstrukt, eine Ideologie oder große Erzählung (sprich: irgendein Mythos) ist zu suchen, sondern die Wahrheit, der Logos, selbst und zwar überall dort, wo sie sich finden lässt.

Was den Kämpfern wider die Ökologie des Menschen entgegenzusetzen ist, ist daher nichts anderes als diese Ökologie des Menschen selbst, die Wahrheit über den Menschen und seinen Platz in der Welt.

2. Über Linke und Konservative

Der Kommentar von Steinwandter ist ein Appell an Konservative und Rechte – und damit symptomatisch für eine Schwäche, die Corrigenda Online in meinen bescheidenen Augen aufweist.

So sehr ich Corrigenda Online in seinem Einsatz für eine Kultur des Lebens schätze, das auch zwei Artikel von mir selbst (hier und hier) veröffentlicht hat, seine Prämisse, die Leerstelle eines christlich-konservativen Online-Magazines zu füllen, geht meines Erachtens in die Irre.

Es stimmt, dass die offensichtlichsten und massivsten Angriffe auf eine Ökologie des Menschen aus der politischen Linken kommen.

Dennoch: Die christliche Wahrheit lässt sich nicht einfach problemlos in die politische Rechts-Links-Dichotomie unserer säkularen Ordnung einfügen. Der christliche Glaube ist nicht „rechts“ oder „konservativ“. Er ist im Übrigen auch nicht „links“ oder „sozialistisch“. Er transzendiert diese Dichotomie und ruft sämtliche politischen Richtungen zur Umkehr.

Wo zum Beispiel durchaus die Linke recht hat ist ihre – soweit noch vorhanden – Kritik an der Konsumgesellschaft und dies gerade auch mit Implikationen für jene Bereiche, die insbesondere christlichen Konservativen am Herzen liegen.

Steinwandter

Es ist bei weitem kein Zufall und schon gar nicht belanglos, dass wir wie selbstverständlich von Heiratsmarkt und Partnerbörsen sprechen.

Unsere alltäglichen ökonomischen Praktiken machen es für uns intuitiv verständlich, unsere Ehepartner als Investitionen anzusehen, die wir abstoßen, wenn die Rendite ausbleibt – begünstigt durch die Abschaffung des Schuldprinzips im Eherecht in den 1970er Jahren.

Eheliche Treue, die sexuelle Treue beinhaltet ohne sich in dieser zu erschöpfen, wird so zu einer Narretei im Sinne von „selber Schuld“; wenn man unglücklich ist, soll man sich doch einfach auf die Suche nach einem besseren Angebot machen.

Wo Einkäufe problemlos umgetauscht bzw. zurückgesandt werden können und der Kauf eines neuen Produkts billiger als die Reparatur eines alten ist, erziehen wir uns tagtäglich zum Treffen impulsiver, weil letztlich für uns folgenloser, Entscheidungen, die jederzeit wieder revidierbar sind. Dies bereitet uns darauf vor, alles, auch eine Ehe oder Schwangerschaft, als etwas anzusehen, was prinzipiell revidierbar sein muss.

Kurz: Die Konsumgesellschaft ist Gift für Verbindlichkeit, wie sie die Ökologie des Menschen erfordert. Es gab Zeiten, in denen sich auch (christliche) Konservative in Deutschland und Europa sich dessen bewusst waren – und dem nicht nur auf der Ebene der Individualethik etwas entgegensetzen wollten. Überwiegend findet sich dieses Bewusstsein und Bestreben heute jedoch nur noch auf der politischen Linken, wenn überhaupt.

Mit anderen Worten: Ein Großteil, wenn nicht alle, lebens- und familienzerstörenden Vorschläge und Pläne der politischen Linken gewinnen ihre Plausibilität für die allermeisten Menschen aus einem Wirtschaftsleben, dessen größte Verteidiger sich auf der politischen Rechten finden. Rechts- und Linksliberale arbeiten Hand in Hand in der Zerstörung der Ökologie des Menschen.

Die große Bedeutung der ganzheitlichen Ökologie von Papst Franziskus liegt – ganz im Einklang mit der katholischen Tradition – darin, die Einseitigkeiten von Rechts und Links zu transzendieren, beide Seiten in dem anzuerkennen, wo sie in der Wahrheit sind, und in dem zur Umkehr zu rufen, wo sie in der Lüge sind. Insofern ist sie auch ein Aufruf zum Dialog mit allen Menschen guten Willens über alle Partei- und Lagergrenzen hinweg. Es ist das was wir brauchen in einer Welt der Echokammern und Internetblasen.

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