Das klassische Trivium aus Dialektik, Grammatik und Rhetorik war über Jahrhunderte ein Fundament abendländischer Bildung.

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan („the medium is the message“) untersuchte in seiner Dissertation [1]Marshall McLuhan, The Classical Trivium. The Place of Thomas Nashe in the Learning of his time, edited by W. Terrence Gordon, Ginkgo Press, Corte Madera, CA USA 2006. das Verhältnis der drei Bausteine des klassischen Trivium zueinander. Konkret befasste er sich mit dessen Entwicklung von der Antike bis in das England des 16. Jahrunderts. Seine Darstellung dieses Verhältnisses vermag aber auch Erhellendes für unsere Zeit beizutragen.

Seine Theorie war, dass dem Trivium am besten gedient wäre, würden ihre drei Bestandteile – Grammatik, Dialektik, Rhetorik – in ein harmonisches Verhältnis zueinander gebracht werden. Die Regel sei es jedoch gewesen, dass Grammatiker, Dialektiker und Rhetoriker miteinander um den Vorrang gerungen hätten. Doch zunächst einmal: Was meint McLuhan, wenn er von Grammatik, Dialektik und Rhetorik spricht? Beginnen wir mit der Dialektik.

Dialektik bei McLuhan

Die Dialektik – im Kern kann man das in den heutigen Sprachgebrauch übersetzen mit Logik – erscheint in der Darstellung MacLuhans, eines selbererklärten Grammatikers, als eine kalte, sterile Wissenschaft. Die von ihr geprägte Gesellschaft scheint ihre Vollendung zu finden in der technokratischen und bürokratischen Logik einer Expertenherrschaft, wie sie sich idealtypisch in Platons Philosophenkönigen und real existierend in den Volksrepubliken des 20. und 21. Jahrhunderts mit den Kommunistischen Parteien als „intellektueller Avantgarde“ finden lassen.

Rhetorik bei McLuhan

Den deutlichsten Kontrast hierzu findet sich im rhetorischen Ideal, das McLuhan auf Isokrates, den Zeitgenossen Platons, zurückführt und dessen bedeutendsten Vertreter er in Cicero sieht. Dieses rhetorische Ideal passt zu einer im Kern bürgerlichen Gesellschaft, in welcher der Handel floriert und Wohlstand und Frieden herrschen. Der rhetorische Idealtypus ist nicht der Experte, dessen stringente Logik blinden Gehorsam erfordert, sondern der umfassend gebildete Staatsbürger, der sich unter Zuhilfenahme der höchsten weltlichen Tugend – der politischen Klugheit – für das Gemeinwohl einsetzt und sich dabei der Rhetorik bedient, um Mehrheiten zu gewinnen und so das Staatsschiff im Sinne des Gemeinwohls zu lenken.

Seine Mitmenschen sind keine Befehlsempfänger in einer Kommandowirtschaft, sondern freie Bürger wie er, die überzeugt oder doch zumindest gewonnen werden wollen. Rhetorik ist, hier jedenfalls, kein Mittel der Manipulation, sondern Ausdruck der Freiheit und des Friedenswillens; der Freiheit in einem doppelten Sinne:

der Freiheit rationaler Wesen, die aus innerem Entschluss, handeln können. Aber auch der Freiheit, die sich daraus ergibt, dass Ethik und – als Teil von ihr – Politik sich mit konkreten Situationen befassen und daher – anders als von den Dialektikern suggeriert –gerade keine allgemein gültige Antworten, die für alle verbindlich sind, bieten können, sondern – wenn auch vor dem Hintergrund allgemein gültiger Wahrheiten – einen Raum der Freiheit eröffnen, in denen man sich als Einzelperson wie als Gemeinwesen entscheiden kann, aber auch entscheiden muss.

Rhetorik nun akzeptiert diese Freiheit der anderen und des Gemeinwesens als Ganzes, insofern sie ein Mittel ist, das auf Gewaltanwendung verzichtet und auf freie Zustimmung zielt. Rhetorik ist damit ein Mittel des Friedens im doppelten Sinne: Es setzt Frieden voraus und es dient dem Frieden als gewaltfreies Mittel der Konfliktlösung.

Grammatik bei McLuhan

Zwischen beiden – Dialektik und Rhetorik – gleichsam aufgespannt befindet sich die Grammatik. Mit der Grammatik ist die Kunst der Auslegung, der Interpretation gemeint. Ihre ureigenste Domäne ist natürlich die Literaturwissenschaft, doch mitnichten beschränkt sie sich auf diese. Auch empirische Forschungsergebnisse wollen interpretiert werden.

Der grammatischen Weltsicht liegt die Vorstellung von der Natur als einem Buch zugrunde, das gelesen, interpretiert und letztlich verstanden werden kann, wobei verstanden mehr meint als dass man sie kontrollieren und nach Belieben manipulieren kann. Es meint, dass die Natur uns als Menschen etwas zu sagen hat, über die Realität und über uns selbst, darüber wer wir sind und wie wir leben sollen.

Grammatik in diesem Sinne verstanden hat also auch sehr viel mit dem zu tun, was man früher Weisheit nannte. Vom grammatischen Standpunkt aus betrachtet liefert Dialektik nicht selbst Erkenntnis – wie Dialektiker behaupten würden – , sondern ist ein Werkzeug, um Argumente auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Eher als selbst Erkenntnis zu liefern, hilft sie dabei, Irrtümer aufzudecken – und so der Wahrheit näher zu kommen. Damit dies aber tatsächlich gelingt bedarf es der Naturbeobachtung, der Forschung.

Das Trivium und ganzheitliche Ökologie

Im Sinne der ganzheitlichen Ökologie, welcher dieses Institut gewidmet ist, und der damit einhergehenden Kritik des technokratischen Paradigmas mag es zunächst überraschend sein, dass McLuhan einerseits die kartesische Revolution bedauert, welche die Mathematik als Leitwissenschaft etablierte und damit zu einem Sieg der Dialektik über die Grammatik beitrug, während er zugleich Francis Bacon als großen Advokaten der Grammatik feiert. Immerhin stehen beide Philosophen gleichermaßen mit ihrem wissenschaftsheoretischen Programm am Anfang des technokratischen Paradigmas.

Nachvollziehbar wird dieser scheinbare Widerspruch jedoch, wenn man auf einen Umstand achtet, der McLuhan – womöglich aufgrund seiner antiaristotelischen Stoßrichtung (immerhin gilt ihm Aristoteles als paradigmatischer Dialektiker) – entgangen zu sein scheint.

Zwar propagiert Bacon in gut grammatischer Tradition die Naturbeobachtung. Dabei reduziert er diese jedoch auf die Untersuchung der Material- und Wirkursachen. Insbesondere mit der Ausblendung der Finalursachen verbannt er damit jedoch zugleich jeglichen Sinn aus der so beobachteten Natur, was es ihm folgerichtig auch unmöglich macht, irgendeinen Sinn zu finden und somit zu einem echten Verständnis der beobachteten Natur im grammatischen Sinne zu kommen.

Wenn man also, wie McLuhan, Bacon der grammatischen Tradition zuschlagen möchte, so doch nur als Vertreter einer verkürzten, im wahrsten Sinn des Wortes sinnentleerten und dadurch verarmten Grammatik. Womöglich war Bacons Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte und -philosophie damit noch fataler für die grammatische Tradition als jener Descartes‘.

Wo stehen wir heute?

Zweifellos ist es nicht verkehrt, die Dialektik im oben beschriebenen Sinne in engem Zusammenhang mit dem technokratischen Paradigma zu sehen, wohin gegen gerade eine Wiederentdeckung der Grammatik – wiederum im oben beschriebenen Sinne – ein wichtiger Beitrag zu dessen Überwindung wäre.

Nun läge es vorderhand nahe, die linguistische Wende des 20. Jahrhunderts mit einem Wiederaufleben der klassischen Grammatik in Verbindung zu bringen, doch scheint dies weit gefehlt. Zwar bedeutet die linguistische Wende tatsächlich eine neue Hinwendung zur Sprache, doch die Voraussetzungen sind gänzlich andere als in der klassischen Grammatik.

Klassische vs. moderne Grammatik

Wo die klassische Grammatik von einer inneren Entsprechung von Natur und menschlicher Sprache ausging, so dass die Struktur von Sprache der Struktur der Natur entsprach und es somit möglich sei, mit sprachlichen Mitteln die Natur adäquat zu beschreiben, ist dieses Grundvertrauen in der Moderne verloren gegangen.

In diesem Skeptizismus strukturiert Sprache unseren Zugang zur Realität in einer Weise, die diese Realität für uns mindestens so sehr verbirgt wie sie sie erhellt. Natur ist in diesem Fall nichts prinzipiell Verständliches mit einem inhärenten Sinn, sondern für sich genommen unerreichbar. Zugänglich ist uns nur die durch die eigene Sprache strukturierte Realität. Verstanden werden kann somit lediglich unsere eigene Sprache, nicht eine von dieser Sprache unabhängige Realität, wobei verstanden hier gleichbedeutend ist mit kritisiert.

Wo klassische Grammatik auf ein Verständnis der Natur – bzw. der Realität in ihrer Gesamtheit – und letztlich des ihr zu Grunde liegenden Prinzips, des Logos, zielte, zielt die (post)moderne Grammatik auf die Kritik von Sprache verstanden als Kritik von gesellschaftlichen Herrschafts- und Machtstrukturen. Wo es der klassischen Grammatik um Verständnis geht und damit um eine gelingende Kommunikation, also um eine Förderung der Communio, der Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit ihrer Umwelt, negiert die moderne Grammatik de facto jegliche Gemeinschaft und sieht nur Macht- und Herrschaftsstrukturen, die es zu dekonstruieren gilt.

Wo es aber nur Macht- und Herrschaftsstrukturen gibt und sonst nichts bedeutet deren voranschreitende Dekonstruktion eine progressive Annäherung an das Nichts, wohingegen die klassische Grammatik darauf zielte, uns näher zu einer umfassenden Communio und zum Logos zu bringen.

Dies zeigt uns, dass klassischer und moderner Grammatik zwei grundlegend entgegengesetzte Ontologien zu Grunde liegen. Wo für die klassische Grammatik Logos und Communio den ontologischen Urgrund bilden, ist es für die moderne Grammatik die gähnende Leere des Nichts.

Für uns wichtig ist dabei, dass die moderne Grammatik mit ihrer ausschließlichen Bejahung der Existenz von Macht- und Herrschaftsstrukturen vor dem Hintergrund des technokratischen Paradigmas operiert und dabei dieses zwar rhetorisch (!) ablehnt, de facto aber bejaht und damit zementiert. Eine Überwindung des technokratischen Paradigmas verlangt daher die Wiederentdeckung einer Communio- und Logos-Ontologie.

Grammatik

Die Verbindung von moderner Grammatik und technokratischem Paradigma erklärt aber auch, wie die moderne Grammatik in unserer technisierten Zeit eine solche kulturelle Zugkraft entwickeln konnte. Verständlich wird die moderne Grammatik nur im Kontext einer durchtechnisierten Gesellschaft, in welcher der Naturbezug auf eine radikale Weise verloren gegangen ist.

In einer Zeit, in der nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet und die Landwirtschaft selbst dabei den Charakter einer Industrie angenommen hat, ist unsere Zivilisation in einer Weise von der Natur isoliert, dass es nur nachvollziehbar ist, wenn wir unsere Kultur und damit auch unsere Sprache als deren Grundlage als so vollkommen entkoppelt von der Natur auffassen, dass wir keinerlei Vertrauen mehr aufbringen können, mit unserer eigenen Sprache die Sprache der Natur tatsächlich zu verstehen. In diesem Sinne könnte man die moderne Grammatik regelrecht als eine Art Zivilisationskrankheit begreifen, Folge der conditio humana moderna.

Nichtsdestotrotz gründet die Skepsis als Grundmotiv moderner Grammatik tiefer als die Lebensumstände der letzten 3, 4 Generationen. Zurückgeführt werden muss sie letztlich auf René Descartes, der auf dem Zweifel – und nicht erst seinem cogito ergo sum – sein gesamtes philosophisches System aufbaute. Descartes entkoppelte auf diese Weise Geist und Materie, Seele und Körper, res cogitans und res extensa – Mensch und Natur und beschränkte die Gewissheit, die er suchte auf das Innen des menschlichen Subjekts. In diesem Sinne sind die modernen Grammatiker ganz die Jünger dieses großen neuzeitlichen Dialektikers. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, was Papst Benedikt XVI. vor dem deutschen Bundestag aussprach:

Und weil das so ist, weil wir Menschen nicht (nur) der Natur als etwas Fremdes gegenübertreten, sondern selbst Teil der Natur sind, können wir auch darauf vertrauen, dass unsere Sprache (genauer: unsere Sprachen und zwar jede auf ihre Weise), wie unvollkommen auch immer, doch eine solche Ähnlichkeit mit der Sprache der Natur aufweist, dass wir grundsätzlich in der Lage sind, die Sprache der Natur zu verstehen und uns auf den Weg zu einer voranschreitenden Communio miteinander, mit der Natur und dem hinter beidem liegenden Logos zu machen.

Es ist gesagt worden – man frage mich bitte nicht wo und von wem, auf jeden Fall nicht von mir – die moderne Philosophie beginne mit dem Zweifel, die klassische (oder antike) Philosophie beginne mit dem Staunen. Kinder staunen, der Zweifel hat in seiner Sterilität etwas von einer alten Jungfer. Im Evangelium ruft uns Jesus Christus zu, wir sollen werden wie die Kinder. Unser Staunen wiederzuentdecken wäre ein erster Anfang.

References

References
1 Marshall McLuhan, The Classical Trivium. The Place of Thomas Nashe in the Learning of his time, edited by W. Terrence Gordon, Ginkgo Press, Corte Madera, CA USA 2006.

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