Auch wenn man hinsichtlich des Ideologie-Begriffs unterschiedlicher Meinung sein kann, teile ich die auf Corrigenda Online veröffentlichte Einschätzung Josef Jungs, dass Konservative – jedenfalls in Deutschland in den letzten Jahrzehnten – sich zu sehr auf prosaische Bereiche wie Wirtschaft und Recht fokussiert haben und einen Fehler damit begingen, den Bereich der Ideen sowie der Kultur der politischen Linken zu überlassen.
Jung skizziert den ganz großen Bogen. Er beginnt mit Ehe und Familie als den Grundbausteinen jedes zukunftsfähigen und dem Menschen gemäßen politischen Gemeinwesens und endet mit dem Christentum als jene in ihrem göttlichen Kern Zeit und Raum transzendierende Wahrheit, die den einzelnen wie auch das konkrete politische Gemeinwesen mit der gesamten Menschheit gestern, heute und morgen verbindet. Er streift ebenso das historische Erbe nicht nur Deutschlands, sondern Europas und dessen Hochkultur. Deren Wiederentdeckung und Tradierung jenseits jeglicher postkolonialer oder kritisch-theoretischer Dekonstruktionen ist sicher nicht nur wünschenswert, sondern notwendig zur Beheimatung und Verwurzelung einer zunehmend halt- und orientierungslosen Gesellschaft, die in immer radikaleren Ideologien von Links bis Rechts Zuflucht sucht, wenn sie sich nicht einem naiven Technikoptimismus ergibt.
Ergänzungen zu Josef Jung
Eine konservative Ideologie muss aber auch die Alltagskultur der Menschen in den Blick nehmen und diese in einer Weise zu gestalten suchen, die der menschlichen Natur entspricht. Ehen und Familien leben nicht in einem luftleeren Raum. Es gibt, in den Worten von Papst Benedikt XVI., eine Ökologie des Menschen. Wird diese missachtet, leiden zuallererst Ehen, Familien und damit die diese bildenden Menschen.
Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes mag ökonomisch effizient sein. Zugleich erhöht sie die ökonomische Unsicherheit und erschwert es so, sich als Familie eine gemeinsame Existenz aufzubauen oder auch nur hierzu den nötigen Mut zu finden. Die politisch forcierte Akademisierung verlängert die Schul- und Ausbildungszeit und zögert so die Phase der Familiengründung hinaus, mit negativen Auswirkungen auf die Kinderzahl. Die sozialen Sicherungssysteme untergraben die familiäre Solidarität. Die Zunahme der Arbeitsmobilität löst gewachsene räumliche Strukturen auf und erschwert es, einen Lebenspartner mit vergleichbarer Prägung und Mentalität zu finden. Zugleich werden junge Familien eines sie unterstützenden Umfelds beraubt und immer abhängiger von semi- und quasistaatlichen Strukturen wie der Betreuungsindustrie. Eine konservative Ideologie muss ein Bild von einer Gesellschaft zeichnen, die es Familien ermöglicht, aufzublühen – auch, aber nicht nur in materieller Hinsicht.
In diesen Themenkomplex gehört daher auch die Frage, wie man es breiteren Schichten tatsächlich ermöglichen kann, Eigentum zu bilden – einmal und grundlegend an Wohneigentum, dann aber auch an dem, was Marx Produktionsmittel bzw. Kapital nannte. Letztlich ist es Eigentum, durch welches wir uns an Zeit und Raum – auch einen politischen Raum – binden. Wird die Eigentumsfrage nicht von konservativer Seite aufgegriffen und beantwortet, werden Sozialisten die Lücke zu füllen suchen, wie man gerade im Rennen um das Bürgermeisteramt von New York City beobachten kann.

Damit sind wir an einem weiteren Punkt angelangt, den eine konservative Ideologie adressieren muss: Der Mensch ist nach Aristoteles ein politisches Lebewesen. Politische Beratung und Beschlussfassung gehören dieser abendländischen Denktradition nach wesentlich zu einem erfüllten Menschenleben dazu. Das verlangt jedoch mehr als ein periodisch wiederkehrender Wahlakt sowie Online-Diskussionen auf X und Co. Die in politisch rechten Kreisen seit einiger Zeit populäre Forderung nach mehr plebiszitären Elementen bietet hier jedoch nur bedingt Abhilfe. Zu groß ist auf nationaler Ebene die Gefahr parteipolitischer Instrumentalisierung unter medialer Schützenhilfe. So ganz unberechtigt ist die traditionell-konservative Skepsis gegenüber plebiszitären Elementen dann doch nicht.
Was es vielmehr bräuchte: Menschen, in den Bereichen die Möglichkeit zu substantieller Beratung und entsprechender Beschlussfassung zu geben, die sie tatsächlich und unmittelbar betreffen. Das ist einmal die kommunale Ebene – der konkrete Raum, den sie mit ihrem Leben vor allem ausfüllen. Zum anderen ist es die Arbeit – das, was einen beträchtlichen Teil ihrer (Lebens)Zeit ausfüllt. In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal an das Konzept der leistungsgemeinschaftlichen Ordnung erinnern als einer wahrhaft konservativen Alternative zu Liberalismus und Sozialismus.
Man mag einwenden, dass es sich nun am Ende doch wieder alles um die Wirtschaft und nicht um Ideen oder Kultur dreht und ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf sicherlich nicht. Andererseits: Das Wort – bzw. die Idee – muss Fleisch annehmen, damit sich etwas Grundsätzliches verändern kann. Kultur ist nicht nur Hochkultur, sondern auch Arbeitskultur – für die allermeisten allzumal.
Aber natürlich braucht es auch etwas, worum sich die völkische und identitäre Rechte bereits seit längerem bemüht: solide politische Bildung und die Vermittlung politischer Philosophie. Die abendländische Tradition hat mit Plato, Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin herausragende Denker, deren Realismus den Menschen weder idealisiert noch dämonisiert. Sie ist damit ein unerschöpflicher Schatz für eine lebensbejahende Gestaltung unseres sozialen wie politischen Zusammenlebens wie ein kraftvoller Schutz gegen totalitäre Dystopien aller Art. Sie gilt es vor allem wiederzuentdecken und weiterzugeben.
Es bringt nichts von einer menschlichen Natur zu sprechen, wie dies Josef Jung tat und auch ich hier tue, wenn die allermeisten hierunter einen mit sozialwissenschaftlichen Methoden feststellbaren Ist-Zustand verstehen und nicht – wie Aristoteles und auch Thomas von Aquin diesen Begriff verwendeten – als die Verwirklichung des jedem Menschen qua Menschsein innewohnenden Potentials. Nur so kommen wir auch von einem Diskurs weg, der in der Manier eines Karl Marx oder eines Thomas Hobbes nur die Machtfrage und miteinander konkurrierende Parteien – seien es Klassen, Geschlechter oder Ethnien – sieht und nicht die Frage stellt nach Wesen und Zweck der Dinge – etwa der Wirtschaft oder der Kultur. Die politische Linke neigt ihrem Materialismus gemäß dazu, Menschengruppen gegeneinander aufzuhetzen. Sie schadet damit dem sozialen Frieden und nährt einen latenten Bürgerkrieg. Die Frage nach Wesen und Zweck der Dinge führt die Menschen dagegen in einen echten Dialog und ermöglicht so zumindest prinzipiell eine Verständigung, eine Einigung um die gemeinsam erkannte Wahrheit. So zeigt sich: eine konservative Ideologie darf die Frage nach der Wahrheit – die mehr ist als das rein Faktische– nicht als nebensächlich behandeln, sondern muss sie in das Zentrum stellen.
Dies bringt mich zu einem letzten Punkt: der politisch unkorrekten, aber nichtsdestotrotz notwendigen Frage nach einer Elite. Die Linke gibt sich traditionell egalitär und antihierarchisch. In der Praxis hat sie jedoch zumeist nur eine Elite basierend auf Herkunft oder Besitz abgelehnt – und dies nicht zu Unrecht. Womit die Linke traditionell weniger ein Problem hatte bzw. was sie zumeist für sich selbst beansprucht zu sein ist eine Bildungselite, die intellektuelle, woke Avantgarde der Revolution. Hier wäre aus konservativer Warte allerdings anzumerken, dass intellektuelle Bildung ohne entsprechende Charakterbildung die Menschen nur umso gefährlicher für ihre Mitmenschen und auch sich selbst macht. Wahre Elite im konservativen Sinne zeichnet sich nicht durch politische, ökonomische oder kulturelle Macht aus, sondern durch eine Autorität, die gleichermaßen in intellektueller wie charakterlicher Vortrefflichkeit gründet. Was es daher aus konservativer Sicht neben der politischen Bildung auch braucht ist ein Virtue mainstreaming.
Zusammenfassend benötigt eine konservative Ideologie notwendigerweise
- eine Vorstellung politischer, ökonomischer und sozialer Strukturen, die Ehen und Familien darin unterstützen zu florieren
- die Forderung nach Formen der politischen Beratung und Beschlussfassung, die dem einzelnen eine aktive Beteiligung ermöglichen, etwa im Rahmen einer leistungsgemeinschaftlichen Ordnung
- eine Grundierung in der klassisch-antiken und mittelalterlichen politische Philosophie
- Ideen zur Verwirklichung eines Virtue mainstreamings