Gibt es eine menschliche Natur?

Auch wenn das faktische Ziel unseres persönlichen Lebens offen ist, heißt das mitnichten, dass es keine universelle menschliche Natur, kein normatives Ziel für unser Leben gibt; ein Ziel also, auf das unser Leben zulaufen soll, ein Ziel, an dem sich unsere Entscheidungen orientieren sollen.

Es gibt schlicht und ergreifend Entscheidungen, die für ausnahmeslos jeden Menschen schädlich sind und ebenso Entscheidungen, die für ausnahmslos jeden Menschen förderlich sind, das heißt förderlich bzw. schädlich im Hinblick auf ein zumindest implizit angenommenes Ziel.

Welche Entscheidungen dies konkret sind, darüber kann und muss man diskutieren. In vielen Fällen ist die Antwort aber klar. Es gibt beispielsweise keinen Menschen, für den es förderlich wäre, seine Gesundheit durch übermäßigen Alkoholkonsum zu ruinieren. Umgekehrt gibt es keinen Menschen, für den – sofern es seiner Entscheidung obliegt – völlige Untätigkeit nicht schädlich wäre.

Natürlich gibt es ebenfalls viele Entscheidungen, die nur individuell getroffen werden können. Man kann nicht pauschal sagen, dass ein Studium besser ist als eine Ausbildung zum Handwerker. Die Interessen und Fähigkeiten der Menschen sind zu unterschiedlich. Das zeigt: Die Art der Arbeit, die wir ausüben, ist nichts allgemein-menschliches. Lediglich dass wir in irgendeiner Art und Weise tätig sein sollen, ist es.

Wie menschliche Natur und menschliche Vielfalt zusammenpassen

Die Frage ist: Wie kann man dieses Nebeneinander von Entscheidungen, die allgemeingültig sind, und Entscheidungen, bei denen es auf den Einzelfall ankommt, erklären?

Hilfreich ist hier eine Unterscheidung, die Aristoteles eingeführt hat. Was allen Menschen gemeinsam ist, sie als Menschen miteinander verbindet, ist ihre Form oder – für uns heute eine missverständliche Formulierung: Ihre Formursache. Diese Form ist etwas Universelles. Die menschliche Form ist das, was einen Menschen zum Menschen macht.

Wieder: Was das konkret ist, darüber kann und muss man diskutieren. Nur eines ist klar: Etwas in der Art einer menschlichen Form muss es geben, wenn es tatstächlich, wie gezeigt, universell gültige Entscheidungen gibt, denn letztere setzen etwas in der Art von ersterem voraus.

Während die menschliche Form universell ist, also allen Menschen gemein ist und alle Menschen miteinander verbindet, ist es bei Aristoteles die Materie – oder wieder etwas missverständlich: die Materialursache – die alle Menschen unterscheidet und jeden einzelnen Menschen einzigartig macht.

menschliche Natur

Es ist unsere Materie, die uns in Zeit und Raum verortet. Aufgrund unserer Materie kann zur selben Zeit nur ein und derselbe Mensch einen bestimmten Ort im Raum einnehmen. Was uns von anderen Menschen unterscheidet, ist daher mit unserer Materie verbunden: sei es unsere Haar-, Augen-, oder Hautfarbe, Größe oder Alter, Geschlecht oder DNA, aber eben auch Dinge wie unsere Interessen und Fähigkeiten, die beispielsweise entscheidend sind für die Berufswahl, insofern diese wiederum genetisch bedingt sind oder auch durch unsere Sozialisation, die wiederum an die Verortung in einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Raum gebunden ist.

Zusammengefasst: Die Beispiele (übermäßiger Alkoholkonsum und Tätigsein, das eine naturwidrig, das andere naturgemäß) zeigen, dass es eine menschliche Natur gibt, wie auch immer diese im Detail aussehen mag. Die menschliche Form erklärt, weshalb es so ist. Dass wir aus Materie bestehen erklärt, weshalb die eine menschliche Form und Natur so vielfältige Ausdrucksweisen annimmt.