Am Karfreitag haben wir wieder gehört, wie der Erlöser die Worte zu Pilatus sprach: Mein Königreich ist nicht von dieser Welt. 

Aber heißt das etwa, das Evangelium habe keine politische und keine soziale Relevanz? Heißt es, die Erlösung, die Jesus Christus uns bringt, ist eine Privatangelegenheit, etwas Persönliches, das andere nicht anginge? Ruft Christus selbst uns nicht auch in der Bergpredigt dazu auf, zum Beten uns ins stille Kämmerlein zurückzuziehen, sodass uns niemand dabei beobachten kann als allein unser himmlischer Vater?

Natürlich tut er letzteres. Doch das Übrige folgt daraus nicht. Im Gegenteil handelt sich hierbei um eine Irrlehre, um eine Art missionstheologischen Doketismus. Was meint das?

Das Königreich Christi in der Lehre der Kirche und der missionstheologische Doketismus

Der Doketismus ist eine Irrlehre aus den ersten Jahrhunderten der Kirche, welche die Menschwerdung des ewigen Wortes vom Vater aus einer falschen, platonisch inspirierten Leibfeindlichkeit heraus leugnete und behauptete, der Herr habe das Fleisch nur dem Schein nach angenommen, sei also gar nicht wirklich Mensch geworden. Auch gegen diese Lehre bekennt die Kirche, dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist und Maria mit vollem Recht Theotokos, Gottesgebärerin, genannt wird.

Ein missionstheologischer Doketismus reduziert die Mission auf das Innenleben der Gläubigen und behauptet, die Mission sei erfolgreich gewesen, wenn sich Menschen intellektuell zum Glauben an Jesus Christus bekennen, die Sakramente empfangen, das persönliche Gebet pflegen und sich um ein gutes Auskommen mit ihren Mitmenschen bemühen. Kurzum: Wenn sich das Reich Gottes auf das Innen- und Privatleben des Gläubigen beschränkt und nicht in den politischen, sozialen und auch ökonomischen Strukturen der Welt Fleisch annimmt. Die Lehre der Kirche ist das nicht.

So erklärt das 2. Vatikanische Konzil in Lumen Gentium in Bezug auf die Laien:

„Ihre Aufgabe ist es also in besonderer Weise, alle zeitlichen Dinge, mit denen sie eng verbunden sind, so zu durchleuchten und zu ordnen, daß sie immer Christus entsprechend geschehen und sich entwickeln und zum Lob des Schöpfers und Erlösers gereichen.“
(Lumen Gentium 31)

Papst Johannes Paul II. betont in Centesimus Annus:

„Entfremdet wird der Mensch, der es ablehnt, über sich selbst hinauszugehen und die Erfahrung der Selbsthingabe und der Bildung einer an seiner letzten Bestimmung orientierten echten menschlichen Gemeinschaft zu leben. Diese letzte Zielbestimmung des Menschen aber ist Gott selber. Entfremdet wird eine Gesellschaft, die in ihren sozialen Organisationsformen, in Produktion und Konsum, die Verwirklichung dieser Hingabe und die Bildung dieser zwischenmenschlichen Solidarität erschwert.“
(Centesimus Annus 41)

Eine Stelle, die Papst Franziskus jüngst in Dilexit nos Nr. 183 zitiert hat. Weiter heißt es in Centesimus Annus:

„Der Mensch empfängt von Gott seine ihm wesenhafte Würde und mit ihr die Fähigkeit, über jede Gesellschaftsordnung in Richtung der Wahrheit und des Guten hinauszuschreiten. Er wird jedoch gleichzeitig von der gesellschaftlichen Struktur, in der er lebt, beeinflußt, von der Erziehung, die er erhalten hat, und von der Umwelt. Diese Elemente können sein Leben nach der Wahrheit erleichtern, aber auch behindern. Die Entscheidungen, auf Grund derer sich ein menschliches Milieu herausbildet, können spezifische Strukturen der Sünde erzeugen, die die volle Verwirklichung derer, die von ihnen vielfältig bedrückt werden, verhindern. Solche Strukturen abzubauen und durch authentischere Formen des Zusammenlebens zu ersetzen, ist eine Aufgabe, die Mut und Ausdauer erfordert.“
(Centesimus Annus 39)

Bei Papst Franziskus gipfelt diese Lehre schließlich in der Feststellung:

„Es ist nicht nur eine moralische Norm, die uns dazu anhält, diesen entfremdeten Gesellschaftsstrukturen zu widerstehen, sie offenzulegen und eine soziale Dynamik zu fördern, die das Gute wiederherstellt und aufbaut, sondern es ist die »Bekehrung des Herzens«, welche die Pflicht verstärkt, solche Strukturen zu heilen. Es ist unsere Antwort auf das liebende Herz Jesu Christi, das uns zu lieben lehrt.“
(Dilexit nos 183)

Das ist der Weg auf dem

„auf den von Hass und Gewalt angehäuften Trümmern die so sehr ersehnte Zivilisation der Liebe errichtet werden kann, das Reich des Herzens Christi“
(Dilexit nos 182)

Königreich

Hier klingen Papst Franziskus und der von ihm hier zitierte Johannes Paul II. fast schon wie Papst Pius XI., der in Quas primas erklärte:

„When once men recognize, both in private and in public life, that Christ is King, society will at last receive the great blessings of real liberty, well-ordered discipline, peace and harmony.“
(Quas primas 19)

Wenn also Christus erklärt, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist, so heißt dies nur, dass sein Ursprung nicht weltlicher Natur ist; es nicht durch den Einsatz von Waffengewalt herbeigeführt werden kann.

Wie Papst Pius XI. in Quas primas erklärte: „The gospels present this kingdom as one which men prepare to enter by penance, and cannot actually enter except by faith and by baptism“ (Quas primas 15).

Dennoch ist es ein Reich, dass die gesamte Welt er-reich-en, erfassen und so erlösen will. Hierzu beizutragen ist die Sendung jedes Christen und insbesondere von uns Laien.

Dies ist ein Reich der Liebe, in dem der liberale Rechte-Diskurs sowie ein durch Recht und Gesetz geregeltes Zusammenleben so fehl am Platz ist wie in jeder glücklichen Familie. Recht und Gesetz sind Ausdruck des Versagens der Liebe. Als Christen sind wir aufgerufen über Recht und Gesetz hinauszugehen. Wo Recht und Gesetz herrschen, herrscht nicht die Liebe und folglich auch nicht Christus, sondern der Fürst dieser Welt. Doch dessen Tage sind ein- für allemal gezählt. Christus ist auferstanden!

Anmerkung: Der Text wurde vor dem Tod von Papst Franziskus verfasst,

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