Dieser Beitrag wurde angestoßen durch eine Diskussion auf Instagram. In dieser Diskussion wurde auf diesen Artikel verwiesen, um zu belegen, dass Kinder eben nicht unbedingt Vater oder Mutter brauchen. Dieser Beitrag will sich nun kritisch mit besagtem Artikel auseinandersetzen. Doch vorweg:

Natürlich brauchen Kinder nicht unbedingt Vater oder Mutter in dem Sinne, dass sie ohne Vater und Mutter unweigerlich zu einem unglücklichen, gescheiterten Leben verdammt wären. Einen solchen Automatismus gibt es Gott sei Dank nicht. Die Schlussfolgerung, dass wenn es einen solchen Automatismus nicht gäbe, es egal wäre, welche Beziehung Kinder zu ihrem Vater und ihrer Mutter haben, solange es nur Menschen gibt, die „es bedingungslos lieben, es mental stärken und unterstützen“, folgt daraus aber auch nicht.

Die Autorin des Artikels begeht einen Kategorienfehler. Sie benennt zunächst ganz richtig, dass die meisten Menschen die Kombination Vater, Mutter, Kind als Ideal ansehen – und erklärt darauf, wiederum ganz richtig, dass dieses Ideal aber keineswegs der empirischen Realität entspräche.

Für sie folgt daraus, dass dieses Ideal aufzugeben sei. Aber natürlich ist das ein Fehlschluss. Ein Ideal zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es in der empirischen Realität immer nur näherungsweise vorkommt. Dass es also nicht (vollkommen) verwirklicht ist, bedeutet daher mitnichten, dass es aufzugeben wäre, sondern lediglich dass es mehr Anstrengungen bedarf, die empirische Realität diesem Ideal näherzubringen, im Bewusstsein, dass es nie vollkommen erreicht wird. Vorausgesetzt, es ist wohl begründeterweise ein Ideal.

Kinder

Das ist aber eine philosophische Frage und kann daher nicht mit den Mitteln der Natur- oder Sozialwissenschaften beantwortet werden. Die Autorin geht also auch Fehl, wenn sie zum Beleg ihrer Position auf eine Metastudie aus diesem letzteren Bereich verweist, während ihre philosophischen Vorannahmen nur in Form subjektiver Präferenzen und als solche unreflektiert in Erscheinung treten („…werde ich traurig“, „Generell bin ich der Meinung…“, „…ist teilweise nicht auszuhalten“, „…halte ich für fortschrittlich und unterstützenswert“).

Sie vertritt damit formal einen ethischen Emotivismus, auf dessen Grundlage sie schlichtweg akzeptieren müsste, dass die Mehrheit eben anders empfindet, denn warum sollten ihre Trauer, ihre Meinung, ihre Frustrationstoleranz und ihr Dafürhalten schwerer wiegen als jene der Mehrheit?

Inhaltlich läuft ihre Argumentation darauf hinaus, dass wenn Kindern aus dem Fehlen von Vater und/oder Mutter empirisch kein Schaden entsteht, jeder Kinderwunsch als gleichberechtigt anzusehen sei, auch wenn er zur Folge hätte, dass dem Kind Vater und/oder Mutter hierdurch vorenthalten wird. Das ist eine im Kern utilitaristische Denkweise, wie sie auch dieser Satz widerspiegelt:

„Denn wer würde ein Kind nicht in Liebe groß ziehen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als überhaupt eines zu haben?“

Glückliche Kinder?

Hier wird eine Win-Win-Situation skizziert: Glückliche Kinder – glückliche Eltern. Wie könnte man etwas dagegen haben? Aus utilitaristischer Sicht in der Tat nicht. Aus naturrechtlicher sehr wohl. Doch mit diesem Standpunkt setzt sich die Autorin gar nicht auseinander. Die Autorin richtet sich damit nur an Utilitaristen. Wer kein Utilitarist ist, wird ihren Meinungsbeitrag daher wenig überzeugend finden.

Noch ein Wort zur Metastudie:

In deren Einleitung heißt es unter anderem wie folgt:

„Once national laws and public policies of equal marriage rights for sexual minority couples are settled, the law can ultimately establish necessary conditions for children to be conceived, born and raised; and thus for children to thrive in an optimal environment.“

Hieraus kann geschlossen werden, dass die Autoren der Metastudie eine umfassende rechtliche Gleichstellung von „sexual minority couples“ befürworten. Dies ist wohlgemerkt nicht die Zusammenfassung oder Schlussfolgerung der Studie, sondern die Einführung. Eine entsprechende Voreingenommenheit der Studienautoren muss daher leider angenommen werden, was die Ergebnisse der Metastudie prinzipiell zunächst einmal in Zweifel zieht.

Nun zu den Ergebnissen der Studie:

  1. Kinder in Haushalten mit unverheirateten Paaren weisen eine schlechtere Gesundheit auf als Kinder in Haushalten mit einem Ehepaar.
  2. Jungen aus lesbischen Haushalten weisen häufiger geschlechtsuntypisches Verhalten auf.
  3. Kinder aus queeren Haushalten* wurden häufiger selbst queer (die Autoren bewerten das explizit positiv).
  4. 4 von 6 Studien legen nahe, dass Kinder aus queeren Haushalten schlechtere Bildungsergebnisse erzielen.
  5. Eine bei Kindern aus queeren Haushalten teilweise festgestellte bessere psychologische Anpassung lässt sich unter Umständen auf deren in Relation zu nicht-queeren Haushalten höheren sozio-ökonomischen Status zurückführen. (Und dennoch schneiden Kinder aus diesen Haushalten in 4 von 6 Studien schlechter in Sachen Bildung ab.)
  6. Die Studie vermutet eine Stigmatisierung aufgrund von Homophobie, weist jedoch zugleich darauf hin, dass psychische Probleme bei 2 homosexuellen Erwachsenen in Haushalten mit Kindern nicht häufiger auftreten als bei Eltern. Auch in Sachen sozialer Unterstützung gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Paaren mit Kindern, was man bei grassierender Homophobie aber vermuten müsste. Dieser offensichtliche Widerspruch zwischen den Studienergebnissen und der Annahme der Autoren hinsichtlich der negativen Auswirkungen von Homophobie wird nicht aufgelöst.

Alles in allem lässt die Metastudie nicht den Schluss zu, dass es unerheblich ist, ob Kinder bei Vater und Mutter aufwachsen oder nicht. Mehr noch: Die Metastudie untersucht diese Frage nicht einmal, denn verglichen werden homo- und heterosexuelle Paare. Letztere umfassen aber nicht nur die leiblichen Eltern der Kinder, sondern auch beispielsweise wiederverheiratet Geschiedene. Auch in diesen Fällen – und nicht nur bei homosexuellen Paaren – sind Kinder mit pot. negativ sich auswirkenden Verlusterfahrungen konfrontiert. Eine aussagekräftige (Meta)Studie müsste genauer differenzieren zwischen homosexuellen Paaren, heterosexuellen Paaren, die nicht identisch sind mit den leiblichen Eltern der Kinder und leiblichen Eltern.

Als Beleg für die Thesen der Autorin taugt die Metastudie also letztlich…nichts.

 

 

 

 

* Im Wesentlichen handelte es sich um Haushalte mit Paaren mit homosexueller Orientierung.

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