Die sozialen Tugenden

Bisher wurden die Tugenden hinsichtlich des menschlichen Spezifikums als vernunftbegabtes Lebewesen untersucht. Doch ist der Mensch nicht reiner Geist, nicht nur Intellekt und freier Wille, und so erschöpft sich weder die Entfaltung seiner natürlichen Anlagen im Finden und Leben gemäß einer abstrakten Wahrheit sowie dem politischen Leben noch die Tugenden in den intellektuellen, charakterlichen und politischen.

Die menschliche Natur und die für dessen Erlangung erforderlichen Tugenden sind vielmehr auch durch den Umstand geprägt, dass der Mensch allgemein zu den Lebewesen zählt.

Das telos von Lebewesen im Allgemeinen wird sich also auch im menschlichen telos im Speziellen wiederfinden. Das Spezifikum von Lebewesen ist jedoch die Arterhaltung durch Reproduktion.[1]https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/cti_documents/rc_con_cfaith_doc_20090520_legge-naturale_en.html#2.4._The_precepts_of_the_natural_law Nr. 49 Reproduktion ist also auch Bestandteil des menschlichen telos. Die entsprechende Tugend besteht in der Hinordnung der Sexualität auf die Fortpflanzung und wird in der klassischen Terminologie als Keuschheit bezeichnet. 

Dabei muss betont werden, dass diese Tugend weder verlangt, dass jede sexuelle Handlung tatsächlich zur Fortpflanzung führt, noch dass in ihr immer bewusst die Fortpflanzung angestrebt wird. Es genügt vielmehr, dass die sexuellen Handlungen jeweils offen für die Fortpflanzung sind und nicht in sich Fortpflanzung ausschließen oder versucht wird, mittels äußerer, bewusster Eingriffe Fortpflanzung auszuschließen.

Ein Mangel an Keuschheit liegt vor bei einer Entkoppelung der Sexualität von der Fortpflanzung. Man spricht in diesem Fall von Unzucht. Ein Übermaß an Keuschheit liegt vor, wenn Sexualität auf den rein reproduktiven Aspekt reduziert wird, so dass weitere Funktionen der Sexualität, insbesondere die Lustfunktion, ausgeschlossen werden. In diesem Fall spricht man zurecht von Prüderie.

Die sozialen Tugenden: Keuschheit, Liebe, Treue, Freigebigkeit

Mit der Fortpflanzung auf das engste verknüpft ist die Fürsorge, ohne welche zumindest menschliche Kinder nicht lange überleben könnten. Die Fürsorge gehört somit ebenso wie die Fortpflanzung zur vollen Entfaltung der menschlichen Anlagen.

Wie alles andere verlangt auch die Fürsorge spezifische Tugenden, konkret: Liebe und Treue. Liebe beinhaltet ein Wohlwollen gegenüber demjenigen, für den man Fürsorge trägt, erschöpft sich aber nicht in diesem Wohlwollen, sondern besteht wesentlich in dem, was man auch tätige Liebe genannt hat und im christlichen Kontext mit caritas bezeichnet wird.

Liebe meint also jene Eigenschaft, jene Tugend, die uns veranlasst, uns wohlwollend jenen aktiv zuzuwenden, die unserer Fürsorge anvertraut sind.

Ein Mangel an Liebe wäre Lieblosigkeit oder auch Gleichgültigkeit. Ein Übermaß an Liebe wäre die Begierde, die einen Besitz- und Herrschaftsanspruch erhebt in Bezug auf den der Fürsorge Anvertrauten.

Treue wiederum ist jene Tugend, die uns Dauerhaftigkeit in dieser Liebe verleiht, so dass diese Fürsorge beständig und nicht nur nach Lust und Laune oder dem je eigenen Nutzen gegeben wird. Ein Mangel an Treue im beschriebenen Sinne wäre Untreue bzw. Treulosigkeit. Ein Übermaß an Treue bestünde in einer Art Idolatrie, ein Götzendienst, in dem der der Fürsorge Anvertraute absolut gesetzt und zum (nahezu) einzigen Lebensinhalt gemacht wird.[2]Zu beachten ist dass beispielsweise Säuglinge eine Fürsorge verlangen, die von außen und oberflächlich betrachtet den Eindruck vermitteln kann, dass hier Idolatrie im beschriebenen Sinne … Continue reading

Die sozialen Tugenden

Der erste, dem Fürsorge obliegt und der daher Liebe und Treue als Eigenschaften besitzen muss, ist der Vater. Die Schwangerschaft ist für jede Frau eine physische und psychische Ausnahmesituation. Sie und das Kind sind in dieser Zeit in besonderer Weise gefährdet und daher auch in besonderer Weise auf Fürsorge angewiesen.

Nach der Geburt obliegt es den Eltern gemeinsam, ihrem Kind Fürsorge zuzuwenden und es mit allem Materiellen und Immateriellen zu versorgen, das es gemäß seiner Entwicklung bedarf.

Im Sinne der Gerechtigkeit wird sich dieses Fürsorgeverhältnis im Alter umkehren, so dass die Kinder nun für ihre altgewordenen Eltern sorgen und ihnen auf diese Weise Liebe und Treue erwidern.

Eine menschliche Besonderheit besteht jedoch darin, dass wir aufgrund unserer Vernunftnatur in der Lage sind, nicht nur unseren unmittelbaren Angehörigen mit Fürsorge zu begegnen, sondern auch andere Angehörige unserer Spezies, ja selbst die Angehörigen anderer Spezien als unserer Fürsorge würdig anzuerkennen.

Eine Grundvoraussetzung für Keuschheit, Liebe und Treue ist die Tugend der Freigebigkeit, die in der Eigenschaft besteht, dem anderen bewusst und gerne mehr zu geben als das, was man ihm schuldet, also über das von der Gerechtigkeit Geforderte hinauszugehen. Freigebigkeit ist die Basis jeder Kultur des Schenkens.

Ein Mangel an Freigebigkeit besteht dann, wenn man peinlich genau darauf achtet, dem anderen ja nicht mehr zu geben als man ihm schuldet. Hier liegt Geiz gegenüber dem anderen vor. Ein Übermaß von Freigebigkeit wäre Verschwendungssucht, wenn man also mehr gibt als man sich leisten kann, so dass man schließlich selbst in eine Notlage fällt und von anderen abhängig wird.

References

References
1https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/cti_documents/rc_con_cfaith_doc_20090520_legge-naturale_en.html#2.4._The_precepts_of_the_natural_law Nr. 49
2Zu beachten ist dass beispielsweise Säuglinge eine Fürsorge verlangen, die von außen und oberflächlich betrachtet den Eindruck vermitteln kann, dass hier Idolatrie im beschriebenen Sinne vorliegt. Diese Fürsorge ist jedoch angemessen hinsichtlich der tatsächlich bestehenden Bedürftigkeit von Säuglingen, darüber hinaus zeitlich begrenzt und ihr Ende relativ eindeutig absehbar. Idolatrie dagegen kennt ihrem Wesen nach weder Grenze noch Maß.