Wilhelm Röpke und die Wirtschaftsökologie

So klar Wilhelm Röpke in seiner Verurteilung jeder Form des Kollektivismus war, sei er braun oder rot, so eindeutig und wortmächtig war jedoch auch seine Zustimmung zur Kritik am real existierenden Kapitalismus seiner Zeit:

„seine Instabilität; sein Mangel an sozialer Gerechtigkeit; die wachsenden Möglichkeiten monopolistischer Bereicherung; die Erpressungspolitik von Sonderinteressen; das fehlerhafte Funktionieren vieler individueller Märkte; Proletarisierung, Kommerzialisierung und Machtkonzentration, Spekulationsexzesse und Kapitalvernichtung“[1]Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 18f, rückübersetzt in das Deutsche vom Autor dieses Textes.

Ja:

„Heute haben wir realisiert, in einem großen, früheren Generationen unbekannten, Ausmaß, dass die Menschen nicht, ohne große Gefahr für sich selbst und die Gesellschaft, die konstante mentale, nervliche und moralische Anspannung aushalten können, die ihnen aufgezwungen wird von einem ökonomischen System, das beherrscht wird von Angebot und Nachfrage, Markt und Technologie; noch können sie die Unsicherheiten und Instabilität der Lebensbedingungen aushalten, die ein solches System enthält. Die Gesamtsumme der uns zur Verfügung stehenden materiellen Güter mag durch einen solchen Prozess wachsen und der oft zitierte Lebensstandard mag solche Höhen erreichen, die naive Sozialphilosophien vergiften, doch zur gleichen Zeit führt er zur rapiden Verringerung der Summe jenes nicht messbaren und nicht ausdrückbaren einfachen Glückes, das Menschen dabei empfinden, erfüllende und sinnvolle Leben zu führen.“[2]Ebd., S. 119, rückübersetzt in das Deutsche vom Autor dieses Textes.

Später schrieb er in „Jenseits von Angebot und Nachfrage“:

„… entscheidend sind die Dinge jenseits von Angebot und Nachfrage, von denen Sinn, Würde und innere Fülle des Daseins abhängen, die Zwecke und Werte, die dem Reiche des Sittlichen im weitesten Verstände angehören“[3]Wilhelm Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage; 5. Aufl., Bern und Stuttgart 1979, S.22, zitiert nach Wilhelm Röpke : ein Liberaler fordert heraus.

Oder:

Was nutzt aller materieller Wohlstand, wenn wir die Welt gleichzeitig immer hässlicher, lärmender, gemeiner und langweiliger machen und die Menschen den moralisch-geistigen Grund ihrer Existenz verlieren? Der Mensch lebt eben nicht von Radios, Autos und Kühlschränken, sondern von der ganzen unkäuflichen Welt jenseits des Marktes und der Umsatzziffern, von Würde, Schönheit, Poesie, Anmut, Ritterlichkeit, Liebe und Freundschaft, vom Unberechnenden, über den Tag und seine Zwecke Hinausweisenden, von Gemeinschaft, Lebensbuntheit, Freiheit und Selbstentfaltung. Umstände, die ihm das verwehren oder erschweren, sind damit unwiderruflich gerichtet, denn sie zerstören den Kern seines Wesens}“[4]Ebd., S. 130f, zitiert nach a. a. O.

Daneben wies Röpke auch auf die bereits in den 1940er Jahren umfangreiche Forschungsliteratur zum ökologischen Raubbau des herrschenden Wirtschaftssytems hin.[5]Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 144.

Der neoliberale Ökonom klingt in vielem nicht anders als zeitgenössische Globalisierungskritiker oder auch Papst Franziskus mit seinem berühmten Diktum, dass „diese Wirtschaft tötet“.[6]Evangelii Gaudium Nr. 53.

Wilhelm Röpke pochte auf die Unterscheidung zwischen dem Wesentlichen einer Marktwirtschaft und historisch kontingenten Phänomenen

Röpke pocht jedoch darauf, den wesentlichen Kern der Marktwirtschaft von historisch kontingenten Phänomenen zu unterscheiden. Diesen Kern identifiziert er mit der auf dem Wettbewerbsprinzip basierenden Autonomie der Verbraucher verbunden mit dem auf dem Privateigentum basierenden Verursacherprinzip.[7]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 102 – 105. Zur auch ökologischen Bedeutung der konsequenten Verwirklichung des Verursacherprinzips siehe Roger Scruton, Green Philosophy – … Continue reading

In der Marktwirtschaft bestimmt demnach die Nachfrage der „Demokratie der Verbraucher“ das Angebot. Die einzige Alternative hierzu sieht Röpke darin, dass sich das Angebot nach quasi-diktatorischen Verwaltungsakten richtet – und damit nahezu unvermeidlich an der realen Nachfrage vorbei. Dass mit der Kaufkraft das „Stimmrecht“ in dieser „Demokratie“ sehr ungleich verteilt ist, anerkennt Röpke; jedoch ist Röpke dafür offen, diesen faktischen Zustand in erheblichem Maße zu korrigieren.[8]Vgl. ebd, S. 102f.

Die real existierenden sozialen Unterschiede sieht er nicht als notwendige Folgen des marktwirtschaftlichen Systems, sondern als Folgen der diesem vorausgehenden feudalistischen und absolutistischen Strukturen, mit denen sich die Marktwirtschaft zwar faktisch verbunden habe, was aber korrigierbar wäre, ohne den Kern der Marktwirtschaft selbst dafür infrage stellen zu müssen.[9]Vgl. ebd. S. 115 – 117. So befürwortet Röpke augenscheinlich eine progressive Einkommenssteuer und eine über eine solche Steuer finanzierte Umverteilung zugunsten materiell schlechter Gestellter.[10]Vgl. ebd. S. 189f.

Wider den Konzernkapitalismus

Kein wesentlicher Bestandteil der Marktwirtschaft, sondern historisch kontingente Phänomene und als solche problemlos aus der Struktur des historisch gewachsenen Kapitalismus entfernbar, ohne die Marktwirtschaft als solche zu gefährden, sind für ihn Monopole, Aktiengesellschaften,[11]In diesem Punkt trifft sich Röpke mit Simone Weil. Holdingfirmen, Konzerne sowie ein wettbewerbsfeindliches Patentrecht.[12]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 113f und 117f. Tatsächlich sieht es Röpke sogar als für den Erhalt der Marktwirtschaft erforderlich an, diese Phänomene teilweise zu … Continue reading So sei der vielfach kritisierte Monopolkapitalismus nur möglich geworden infolge eines Konzernkapitalismus, der wiederum Folge einer entsprechenden, durchaus korrigierbaren, Gesetzgebung war und ist.[13]Vgl. ebd., S. 231. Tatsächlich seien kleine und mittlere Unternehmen Großunternehmen prinzipiell überlegen – sofern die Gesetzgebung diese Vorteile nicht zunichte mache oder sogar ins Gegenteil verkehre.[14]Vgl. ebd., S. 248.

Die technische Entwicklung selbst müsse nicht zwangsläufig zu immer größeren Firmen führen. Es sei lediglich in der Vergangenheit so gewesen, dass die Auftraggeber der Entwickler große Firmen waren, so dass diese sich an den Problemstellungen großer Firmen orientierten. Röpke plädiert hier dafür, dass Ingenieure mehr die Probleme kleinerer und mittlerer Unternehmen in den Blick nehmen sollten und dies bereits fester Bestandteil ihrer Ausbildung werden sollte.[15]Vgl. ebd. S. 120. Hier erinnert Röpke an Simone Weil, welche die Forderung erhob, Ingenieure sollten mehr die Belange der Arbeiter berücksichtigen und die dies ebenfalls bereits in deren Ausbildung implementiert wissen wollte.[16]Vgl. Marianne Schneider: Simone Weil, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011, S. 56 – 58.

Technik im Dienst am Menschen

Darüber hinaus habe die Technik – er nennt, wie Weil,[17]Vgl. ebd., S. 54. das Beispiel der Elektrizität – bereits einen wesentlichen Beitrag zu einer weitreichenden Dezentralisieriung geleistet.[18]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 136f. Für die heutige Zeit kann man hier sicher als herausragendes Beispiel das Internet nennen.

Röpke plädiert für Einzelfertigung durch kleine und mittlere Handwerksbetriebe gegenüber der Massenproduktion in Fabriken und begründet dies mit deren höheren Qualität und Haltbarkeit, infolge derer sie auf lange Sicht auch kostengünstiger für die Verbraucher sei – und, wie man heute ergänzen kann, auch ökologisch nachhaltiger. Dass Verbraucher sich dennoch für die billige Massenproduktion entschieden, erklärt Röpke damit dass sie es teilweise nicht besser wüssten, teilweise aber auch nicht die nötigen finanziellen Mittel hätten. Hier setzt Röpke auf Aufklärung und Verbraucherkredite[19]Vgl. ebd. S. 213 – 218. und zeigt so Wege einer marktkonformen Überwindung der von Papst Franziskus kritisierten Wegwerfkultur[20]Vgl. Laudato Si‘ Nr. 16, 22, 43 und 123. auf.

Wilhelm Röpke

Die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus erklärt er zum Teil mit externen Faktoren wie staatlichen Markteingriffen und – aus ökonomischer Perspektive – externen (weil genuin politischen) Schocks wie – damals – dem (1.) Weltkrieg. Prinzipiell sieht er in ihr aber eine notwendige Folge der Dynamik der Marktwirtschaft. Jedes andere Wirtschaftssystem mit einer vergleichbaren Dynamik – d. h. einem entsprechenden Tempo materieller Wohlstandssteigerung – wäre mindestens genauso krisenanfällig wie die Marktwirtschaft.[21]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 121 – 124.

Den Gegensatz von Produzenten und Verbrauchern einschränken

Als das Grundproblem jeder diversifizierten Ökonomie sieht Röpke aber den latenten Gegensatz zwischen der Gesamtheit der Konsumenten und dem einzelnen Produzenten. Erstere hätte ein Interesse an einem möglichst großen Angebot, letzterer an einem möglichst geringen. Das Ideal des letzteren ist demnach sein eigenes Monopol, um über dieses Angebot und damit Preis nach Belieben bestimmen zu können, was wiederum zu Lasten aller anderen – also der Allgemeinheit – geht sowie generell um eine Absicherung der Abnahme der von ihm produzierten Güter, auch unabhängig davon, ob eine hohe Abnahme seiner Güter überhaupt gesellschaftlich wünschenswert ist – Röpke nennt das Beispiel von Alkohol. Um sich diesem Ideal anzunähern bedienen sich Produzenten auch politischer Einflussnahme. Tatsächlich ist Röpke der Auffassung, dass die allermeisten Monopole Folge staatlicher Einflussnahme waren.[22]Vgl. ebd. S. 124 – 127, 230f, 249f.

Während Simone Weil die Belange der Verbraucher als „nur grob materiell“ beiseite schob um die Würde der Arbeitnehmer in den Vordergrund zu rücken,[23]Vgl. Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 74. identifiziert Röpke die Interessen der Verbraucher mit jenen der Allgemeinheit und begründet den prinzipiellen Vorrang des Konsums gegenüber der Produktion damit, dass die Produktion für den Konsum da sei und nicht etwa umgekehrt.

Erstaunlicherweise – oder vielleicht auch nicht – kommen beide auf sehr ähnliche Lösungen, wie der jeweiligen Gruppe – die realiter doch weitgehend identisch miteinander sind und lediglich funktional unterschieden werden können – geholfen werden kann.

Weniger Arbeitsteilung

Röpke zieht ernsthaft in Betracht, dass – (bereits!) in den 1940er Jahren – die Arbeitsteilung für eine wahrhaft menschliche Entwicklung schon zu weit fortgeschritten sei. Die Folge sei eine Unübersichtlichkeit und daraus folgende Anonymität, die das Schlechte im Menschen förderten und die Entscheidung für das Gute erschwerten. Röpke fordert daher – im Einklang mit seiner bereits zitierten Kritik an einem allein von Angebot und Nachfrage, Markt und Technologie dominierten ökonomischen System – eine Reduzierung der Arbeitsteilung und damit des strukturellen Gegensatzes von Produzenten und Verbrauchern durch einen stärkeren Fokus auf die Selbstversorgung. Ganz genau wie Weil[24]Vgl. ebd., S. 70 – 73. plädiert er dafür, dass möglichst jeder bzw. jede Familie ein eigenes Haus mit Garten haben sollte, aus der er sich selbst versorgen kann.[25]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 221. Dies reduziere die Abhängigkeit vom Markt.[26]Vgl. ebd. S. 132f, 180 und 211f.

Dies entspricht ganz den Vorstellungen von Papst Franziskus, der in Laudato Si‘ zustimmend die Bischöfe von Paraguay zitiert:

„Jeder Campesino hat ein natürliches Recht darauf, ein angemessenes Stück Land zu besitzen, wo er seine Wohnstätte errichten, für den Lebensunterhalt seiner Familie arbeiten und existentielle Sicherheit haben kann. Dieses Recht muss garantiert werden, damit es keine Illusion bleibt, sondern konkret angewendet wird. Das bedeutet, dass der Campesino außer dem Eigentumszertifikat sich auf Mittel technischer Schulung, Kredite, Versicherungen und Vermarktung verlassen muss.“[27]Laudato Si‘ Nr. 94.

Hier kann man ergänzen, dass diese Wirkung noch erhöht werden könnte, würden an die Seite individueller bzw. familiärer Selbstversorgung auch Formen gemeinschaftlicher Selbstversorgung, sog. Commons, treten. Papst Franziskus weist in diesem Zusammenhang auf Kooperativen hin, welche die lokale Selbstversorgung aus erneuerbaren Energien organisieren.[28]Vgl. ebd. Nr. 179. Individuelle wie gemeinschaftliche Selbstversorgung heben im Kleinen den Gegensatz zwischen Produzenten und Konsumenten auf und tragen so dazu bei, ihn im Großen zu mindern. In ökologischer Hinsicht tragen sie zudem zur Bewahrung der Schöpfung bei, indem auf diese Weise der Energieverbrauch für den Transport reduziert wird.

Relokalisierung

Darüber hinaus empfahl Röpke eine zumindest teilweise Relokalisierung der Weltwirtschaft, also eine Stärkung lokaler Produktion und lokalen Konsums. Auch in diesem Zusammenhang sei noch einmal an die von Papst Franziskus angesprochenen Energie-Commons zur lokalen Selbstversorgung erinnert. Hiervon erhoffte Röpke sich eine Abnahme der Anonymität und eine Zunahme an Verantwortlichkeit. In Zeiten des Internets ist dies womöglich noch einfacher zu bewerkstelligen als zu Lebzeiten Röpkes, Stichwort: glokale bzw. kosmo-lokale Produktion.[29]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 132f und 181. Auch dies würde natürlich den durch Güterverkehr bedingten Energieverbrauch weiter senken und so zur Bewahrung der Schöpfung beitragen.

Schließlich sah er aber die einzige wirklich verbraucherfreundliche Lösung in einem möglichst ungehinderten und freien Wettbewerb, der die Produzenten dazu zwingt, die Belange der Verbraucher ernst zu nehmen.[30]Vgl. ebd. S. 133. Zu dessen Sicherstellung war Röpke auch zu durchaus weitreichenden Maßnahmen bereit, die die Herzen so manchen Globalisierungskritikers höher schlagen lassen dürften.

Monopole galt es ihm zu zerschlagen, Kartelle und Holdings zu verbieten, Konzerne nach Möglichkeit zu entflechten, Investmentgesellschaften und GmbHs streng zu überwachen.[31]Vgl. ebd. S. 118. Zum Vorgehen bei der Zerschlagung von Monopolen vgl. ebd., S. 233f, zu Holdings S. 250f. Nur in den seltensten Fällen sah er Konzerne als ökonomisch sinnvoll an. In den meisten Fällen seien sie lediglich außer-ökonomische Ausgeburt eines Kults des Kolossalen, jener vermeintlichen Größe, welche auch Weil kritisierte.[32]Vgl. ebd, S. 222.

Wo nötig auch Monopole

In seltenen Ausnahmen – Kommunikation, Gas, Wasser,[33]Vgl. Laudato Si‘ Nr. 27 – 31, besonders Nr. 30. Strom und Transport – sah Röpke ein Monopol allerdings tatsächlich als unvermeidlich an.[34]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 190. In diesen Fällen plädierte er jedoch für staatliche bzw. kommunale Monopole.[35]Vgl. ebd., S. 181 und 234. Auch die Verstaatlichung einzelner Unternehmen sah er als denkbar an – sofern sich diese Staatsbetriebe dann dem Marktgeschehen unterwerfen würden.[36]Vgl. ebd., S. 190.

Keineswegs lehnt Röpke Staatseingriffe in die Wirtschaft ab. Diese sollten aber nicht strukturkonservativ sein, also im Sterben befindliche Wirtschaftszweige künstlich am Leben erhalten, sondern den Wandel begleiten und fördern und hierbei die betroffenen Produzenten – Arbeitgeber wie Arbeitnehmer – unterstützen.[37]Vgl. ebd. S. 187 – 189. Der „starke Staat“ nach Röpke sollte nicht allzuständig sein, sondern unabhängig von Einflussnahmen durch Lobbygruppen.[38]Vgl. ebd, S. 181, 192. Eine Teil-Gewährleistung hierfür bietet für Röpke der Goldstandard, insofern dieser als quasi-automatisches System die Versuchung einer manipulativen Geldpolitik seitens der Regierungen minimiert.[39]Vgl. ebd., S. 192.

Keine Idealisierung des Wettbewerbs

Zu einem ungehinderten Wettbewerb gehörte für ihn dabei auch der Freihandel. Weit davon entfernt, den Wettbewerb zu idealisieren, betrachtete er ihn allerdings mehr als ein notwendiges Übel, ja anerkannte durchaus auch seine gemeinschaftszersetzende Wirkung[40]Vgl. ebd., S. 181 und 235.:

„Die Gesellschaft als Ganzes kann nicht auf dem Gesetz von Angebot und Nachfrage aufgebaut werden […]. Menschen, die auf dem Markte sich miteinander im Wettbewerb messen und dort auf ihren Vorteil ausgehen, müssen um so stärker durch die sozialen und moralischen Bande der Gemeinschaft verbunden sein, anderenfalls auch der Wettbewerb aufs schwerste entartet. So wiederhole ich: die Marktwirtschaft ist nicht alles. Sie muss in einen höheren Gesamtzusammenhang eingebettet sein.“[41]Wilhelm Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage; 5. Aufl., Bern und Stuttgart 1979, S. 146, zitiert nach Goldschmidt, Nils (2009) : Liberalismus als Kulturideal: Wilhelm Röpke und die kulturelle … Continue reading

Umso wichtiger schien es ihm daher den Wettbewerb durch Selbstversorgung nach Möglichkeit zu beschränken.[42] Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 180f. Darüber hinaus müsse der Wettbewerb eingebettet sein in eine insgesamt „natürlichere Ordnung“, die „ländlicher, weniger urbanisiert, mechanisiert, industrialisiert, proletarisiert und kommerzialisiert“ sei als die heutige ist.[43]Vgl. ebd. S. 235. Nur so sei Wettbewerb auch menschlich ertragbar. Hierfür forderte er einen Wandel unseres gesamtes Wirtschafts- und Sozialsystems – eine sozial-ökonomische Transformation – zu Gunsten einer drastischen Dezentralisierung von Städten und Industrien. Hier sprach er staatlicher Regionalplanung eine erhebliche Bedeutung zu.[44]Vgl. ebd.

Die Verbraucher als Motor sozial-ökonomischer Transformation

Einen wichtigen Motor sozial-ökonomischer Transformation sah Röpke darüber hinaus, ganz wie Papst Franziskus,[45]Laudato Si‘ Nr. 206. in Verbraucherbewegungen.[46]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 234. Voraussetzung hierfür war für ihn – wie für Papst Franziskus[47]Vgl. Laudato Si‘ Nr. 209 – 215. – Bewusstseinbildung durch Aufklärung und Information, die bereits in der Schule beginnen sollte, für die er aber auch die Medien in der Verantwortung sah.[48]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 234 und 251. Er erkannte dabei auch die Notwendigkeit, die Macht der Werbeindustrie zu begrenzen,[49]Vgl. ebd., S. 143, 233. ähnlich wie Simone Weil, die forderte: „Die Werbung zum Beispiel muss durch Gesetze rigoros in Grenzen verwiesen werden.“[50]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 29. Beiden ging es hierbei um die Freiheit, ja „die Souveränität der Verbraucher“.

Fazit

Eine Wirtschaftsökologie nach Wilhelm Röpke ist weit davon entfernt, den Markt absolut zu setzen. In ihr ist er ein Instrument mit klar definierter Funktion, klar definiertem telos. Diese(s) besteht in der Organisation von Arbeitsteilung in Übereinstimmung mit der Freiheit und Würde der menschlichen Person – und hieran muss er sich in der Praxis auch messen lassen.

Während der Vorgang der Arbeitsteilung die soziale Dimension der menschlichen Person zum Ausdruck bringt, dient der Markt als dessen Organisationsprinzip dem Schutz ihrer individuellen Dimension vor kollektiver Vereinnahmung. Da jedoch das Wettbewerbsprinzip als eine der beiden Säulen des Marktes – neben dem Privateigentum – auch eine antisoziale Tendenz in sich trägt, muss der Markt durch Selbstversorgung begrenzt werden. Um der antisozialen Tendenz entgegenzuwirken sollten Produktion und Konsum zudem möglichst lokal erfolgen. In der bedingten Würdigung des Marktes sowie in der Forderung nach einer Stärkung der Selbstversorgung sowie lokaler Produktion trifft sich Röpke mit Papst Franziskus, der jedoch darüber hinaus auch kollektive Formen der Eigenversorgung gutheißt.

Wie Papst Franziskus sieht Wilhelm Röpke das real existierende Wirtschaftssystem äußerst kritisch und fordert weitreichende Veränderungen. In der Verantwortung für diese Veränderungen sieht Wilhelm Röpke, wiederum wie Papst Franziskus, einerseits den Staat bzw. die Politik (vgl. Laudato Si‘ Nr. 175, wie auch Papst Benedikt XVI. in Caritas in Veritate Nr. 24.) und andererseits die Verbraucher, die durch Aufklärung und Information sowie durch Regulierung der Werbeindustrie zu unterstützen sind.

Zu den nötigen Veränderungen zählt Röpke neben der Regulierung der Werbeindustrie auch eine Zurückdrängung bis hin zum Verbot von Aktiengesellschaften sowie eine umfassende Dezentralisierung der Wirtschaftslebens mit einer erheblichen Stärkung kleiner und mittelständischer Unternehmen (vgl. Laudato Si‘ Nr. 189.)) und eine Förderung familiärer Selbstversorgung – alles Punkte, in denen er mit Simone Weil übereinstimmt, wenn er auch manche ihrer etatistischeren Methoden zur Erreichung dieser Ziele kritisch hätte sehen dürfen.

Das Ziel Röpkes ist eine Wirtschaft mit menschlichem Maß. Eine Wirtschaft, die dem Menschen dient – dem ganzen Menschen, auch in seiner ethischen und spirituellen Dimension.

References

References
1Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 18f, rückübersetzt in das Deutsche vom Autor dieses Textes.
2Ebd., S. 119, rückübersetzt in das Deutsche vom Autor dieses Textes.
3Wilhelm Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage; 5. Aufl., Bern und Stuttgart 1979, S.22, zitiert nach Wilhelm Röpke : ein Liberaler fordert heraus.
4Ebd., S. 130f, zitiert nach a. a. O.
5Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 144.
6Evangelii Gaudium Nr. 53.
7Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 102 – 105. Zur auch ökologischen Bedeutung der konsequenten Verwirklichung des Verursacherprinzips siehe Roger Scruton, Green Philosophy – how to think seriously about the planet, Atlantic Books London 2013, insb. S. 181ff.
8Vgl. ebd, S. 102f.
9Vgl. ebd. S. 115 – 117.
10Vgl. ebd. S. 189f.
11In diesem Punkt trifft sich Röpke mit Simone Weil.
12Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 113f und 117f. Tatsächlich sieht es Röpke sogar als für den Erhalt der Marktwirtschaft erforderlich an, diese Phänomene teilweise zu beseitigen und teilweise grundlegend zu reformieren: „Wir müssen vor allem vertraut werden mit der Idee, dass eine gesunde Wirtschaft durchaus vorstellbar ist ohne Holding Firmen, durch das Gesetz geschützte Monopole, wettbewerbsverhindernde Patentgesetze, ja, falls notwendig, sogar ohne Aktiengesellschaften und Konzernen als Standardformen von Industrieunternehmen. Es sollte auch nicht länger als Häresie betrachtet werden, sich ein ökonomisches System vorzustellen, in dem staatliche Subventionen, gesetzlicher Schutz, die Verwaltung von Gerechtigkeit, staatliche Autorität und Wirtschaftspolitik sehr viel anders orientiert sind als heute in so vielen Ländern – für die Kleinen und gegen die Großen, für Fairness und Wettbewerb, gegen Ausbeutung und Monopole, für eine Gerechtigkeit, die auf Gleichheit zielt und gegen Privilegien, für die mildernden Effekte einer Dezentralisierung und gegen entmutigende Zentralisierung.“ Ebd. S. 118; Speziell zum Patentrecht auch vgl. ebd., S. 231 und 250, wo Röpke alternativ ein Lizenzrecht vorschlägt, innerhalb dessen Nutzer dem Urheber temporär Nutzungsgebühren zu entrichten hätten.
13Vgl. ebd., S. 231.
14Vgl. ebd., S. 248.
15Vgl. ebd. S. 120.
16Vgl. Marianne Schneider: Simone Weil, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011, S. 56 – 58.
17Vgl. ebd., S. 54.
18Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 136f.
19Vgl. ebd. S. 213 – 218.
20Vgl. Laudato Si‘ Nr. 16, 22, 43 und 123.
21Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 121 – 124.
22Vgl. ebd. S. 124 – 127, 230f, 249f.
23Vgl. Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 74.
24Vgl. ebd., S. 70 – 73.
25Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 221.
26Vgl. ebd. S. 132f, 180 und 211f.
27Laudato Si‘ Nr. 94.
28Vgl. ebd. Nr. 179.
29Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 132f und 181.
30Vgl. ebd. S. 133.
31Vgl. ebd. S. 118. Zum Vorgehen bei der Zerschlagung von Monopolen vgl. ebd., S. 233f, zu Holdings S. 250f.
32Vgl. ebd, S. 222.
33Vgl. Laudato Si‘ Nr. 27 – 31, besonders Nr. 30.
34Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 190.
35Vgl. ebd., S. 181 und 234.
36Vgl. ebd., S. 190.
37Vgl. ebd. S. 187 – 189.
38Vgl. ebd, S. 181, 192.
39Vgl. ebd., S. 192.
40Vgl. ebd., S. 181 und 235.
41Wilhelm Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage; 5. Aufl., Bern und Stuttgart 1979, S. 146, zitiert nach Goldschmidt, Nils (2009) : Liberalismus als Kulturideal: Wilhelm Röpke und die kulturelle Ökonomik, Freiburger Diskussionspapiere zur Ordnungsökonomik, No. 09/2, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Allgemeine Wirtschaftsforschung, Abteilung für Wirtschaftspolitik, Freiburg i. Br.
42 Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 180f.
43Vgl. ebd. S. 235.
44Vgl. ebd.
45Laudato Si‘ Nr. 206.
46Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 234.
47Vgl. Laudato Si‘ Nr. 209 – 215.
48Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 234 und 251.
49Vgl. ebd., S. 143, 233.
50Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 29.