Simone Weil und die Kulturökologie

Papst Franziskus erklärt in Laudato Si‘ im Abschnitt zur Kulturökologie: „Neben dem natürlichen Erbe gibt es ein historisches, künstlerisches und kulturelles Erbe, das gleichfalls bedroht ist.“[1]LS 143 Kurz darauf heißt es: „Das Verschwinden einer Kultur kann genauso schwerwiegend sein wie das Verschwinden einer Tier- oder Pflanzenart, oder sogar noch gravierender.“[2]LS 145 Was hat Simone Weil zu diesem Thema zu sagen?

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zu diesem Thema ist das Vaterland bzw. die Nation. Dieser Ansatz ist nachvollziehbar vor dem Hintergrund der Bedeutung, welche die Nation im französischen Selbstbewusstsein nach 1789 eingenommen hat, aber auch angesichts der nationalen Existenzbedrohung Frankreichs im Angesicht der deutschen Besatzung zum Zeitpunkt der Niederschrift der „Entwurzelung“[3]Simone Weil, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011..

Wie nähert sich nun Weil dem Vaterland unter diesen Voraussetzungen? Bemerkenswert vor dem Hintergrund des ökologischen Denkansatzes von Papst Franziskus, begreift sie das Vaterland als Lebensumwelt: „Wie es für manche Mikroorganismen bestimmte Kulturen gibt und für manche Pflanzen ein gewisses Erdreich unerlässlich ist, so gibt es bei jedem einen gewissen Teil der Seele und gewisse von den einen zu den anderen gehende Denk- und Handlungsweisen, die nur in der nationalen Sphäre existieren können und verschwinden, wenn diese ihre Heimat vernichtet wird.“[4]Ebd., S. 148.

Den (möglichen) Untergang des Vaterlandes beschreibt sie in nicht weniger drastische Weise als Papst Franziskus das Verschwinden einer Kultur.[5]Ebd., S. 148f: „Was Frankreich zu vernichten droht – und unter gewissen Umständen ist eine Invasion eine drohende Vernichtung – kommt der körperlichen Verstümmelung aller Franzosen, ihrer … Continue reading Weil schreibt in dem Bewusstsein, dass der – zur Zeit der Abfassung – aktuelle Zustand Frankreichs prinzipiell allen potentiellen französischen Lesern das Geschriebene hinreichend nachvollziehbar macht. Unter den heute bestehenden Umständen kann man nicht erwarten, dass sich diese Plausibilität reproduzieren liese. Europa 2023 ist nicht Europa 1943.

Die Relativierung des Vaterlandes

Umso wichtiger ist es daher darauf hinzuweisen, dass Weil alles andere als verdächtig ist, die Nation bzw. den Nationalstaat zu verabsolutieren. Ihr Bemühen ist im Gegenteil eine entschiedene Relativierung der Nation – ohne ihr deshalb ihren – relativen – Eigenwert absprechen zu wollen:

„Wenn man das Vaterland als eine Lebensumwelt definiert, vermeidet man die Widersprüche und Lügen, die den Patriotismus zerfressen. Er [sic] ist eine bestimmte Lebensumwelt; aber es gibt noch andere. Sie wurde durch eine Verwicklung von Ursachen hervorgebracht, bei denen sich Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht mischten, und sie ist daher nicht die beste aller Lebensumwelten. Sie hat sich vielleicht auf Kosten einer anderen Kombination gebildet, durch die das Leben in reicheren Formen geströmt wäre, und falls es wirklich so wäre, hätte das Bedauern seine Rechtfertigung; aber die vergangenen Ereignisse sind vollendete Tatsachen; diese Umwelt existiert, und sie muss so, wie sie ist, wie ein Schatz gehütet werden, wegen des Guten, das sie enthält.“[6]Ebd., S. 151.

Entsprechend dieser Relativierung des Vaterlandes fügt sie weitere an:

„Wenn es als Lebenswelt betrachtet wird, braucht es vor den äußeren Einflüssen nur so weit geschützt werden, wie es nötig ist, um eine Lebenswelt zu bleiben, aber nicht absolut. Der Staat hört auf, durch göttliches Recht der absolute Herrscher über die ihm anvertrauten Territorien zu sein; die Tatsache etwa, dass internationale Organismen eine vernünftige und begrenzte Macht über diese Territorien ausüben würden,[7]Man denke hier etwa an EU und UNO. deren Gegenstand wesentliche, mit internationalen Gegebenheiten zusammenhängende Probleme wären, erschiene dann nicht länger als ein Verbrechen der Majestätsbeleidigung. Es könnten sich auch Kreise bilden, in denen ein Gedankenaustausch stattfindet, der über Frankreich hinausgeht und es einbezieht oder gewisse französische Territorien mit anderen nicht französischen verbindet. Wäre es nicht zum Beispiel möglich, dass die Bretagne, Wales, Cornwall und Irland auf einem gewissen Gebiet ein Gefühl der Zugehörigkeit empfinden?“[8]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 152.

Weil pocht darauf, die regionalen und lokalen Identitäten anzuerkennen, zu ehren und zu stärken. Sie spricht von ihnen als „äußerst seltene und unendlich kostbare Schätze“, die es zu bewahren gelte und die „wie kranke Pflanzen gegossen werden“ müssen.[9]Ebd., S. 154. Gleichzeitig weist sie darauf hin: „Ebenso ist den Franzosen gerade in ihrer Isolierung zum Bewusstsein gekommen, dass Frankreich klein ist, dass man eingeschlossen in das Land erstickt und dass man mehr braucht.“[10]Ebd., S. 155. Sie meint die europäische Idee.

Und doch:

„Je mehr man sich diesen nicht-nationalen Milieus verbunden fühlt, umso mehr will man sich die nationale Freiheit bewahren, denn solche Beziehungen über die Grenzen hinweg gibt es für die unterjochten Bevölkerungen nicht. So war etwa der Kulturaustausch zwischen den Mittelmeerländern vor der römischen Eroberung dieser Länder viel intensiver und lebendiger als nachher, als alle diese Länder, in den unglückseligen Status von Provinzen versetzt, in eine trostlose Gleichförmigkeit verfielen. Es gibt keinen Austausch, wenn nicht jeder seine geistige Eigenart behält, und das ist ohne Freiheit nicht möglich.“[11]Ebd, S. 152.

Die Kulturökologie und Papst Franziskus' Kritik an einer konsumistischen Kultur

Wie ein Echo dieser Worte klingt es, wenn Papst Franziskus in Laudato Si‘ schreibt: „Die konsumistische Sicht des Menschen, die durch das Räderwerk der aktuellen globalisierten Wirtschaft angetrieben wird, neigt dazu, die Kulturen gleichförmig zu machen und die große kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen.[12]LS 144. Wie man sieht berührt an dieser Stelle die Frage nach der Bewahrung der Kulturökologie jene nach der rechten Wirtschaftsökologie.

In den Augen von Papst Franziskus ist die aktuelle globalisierte Wirtschaft mithin an die Stelle des Römischen Reiches getreten. Eindringlich warnt er: „Deshalb führt das Bestreben, alle Schwierigkeiten durch einheitliche gesetzliche Regelungen oder technische Eingriffe zu lösen, dazu, die Vielschichtigkeit der örtlichen Problematiken zu übersehen, die ein aktives Einschreiten der Bewohner notwendig machen.“[13]Ebd.

Eine besondere Aufgabe sieht Weil in diesem Zusammenhang beim Staat. Dieser hat „die Pflicht, zu allen Zeiten innerhalb oder außerhalb seines Territoriums jedes Milieu zu schützen, aus dem ein kleiner oder großer Teil der Bevölkerung Leben für die Seele schöpft. Die augenfälligste Pflicht des Staates ist, über die Sicherheit des nationalen Territoriums zu allen Zeiten wirksam zu wachen. Sicherheit bedeutet nicht die Abwesenheit von Gefahren, denn in dieser Welt ist die Gefahr immer auf der Lauer, sondern eine vernünftige Möglichkeit, sich im Notfall aus der Affäre zu ziehen. Aber das ist nur die elementarste Pflicht des Staates. Wenn er sonst nichts tut, tut er gar nichts; denn wenn er nur noch das tut, wird ihm nicht einmal das gelingen. Er hat die Pflicht, das Vaterland in einem so hohen Grad wie möglich zu einer Wirklichkeit zu machen.“[14]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 154.

Hier wird nun die Frage nach Weils Verständnis von Patriotismus dringlich. Weil unterscheidet einen irregeleiteten von einem wahren Patriotismus. Bedauerlich ist, dass der zu allen Zeiten dominante Patriotismus eben jener irregeleitete sein dürfte, wohingegen der wahre Patriotismus vielleicht jemals nur im Geiste Weils existiert hat. Worin bestehen beide?[15]Zum Folgenden vgl. ebd., S. 156 – 165, außerdem S. 202 – 218.

Der irregeleitete Patriotismus besteht im Stolz auf das Vaterland, der sich stützt auf dessen vermeintliche Größe. Vermeintlich ist diese Größe nicht, weil sie inexistent wäre, sondern weil sie in den Augen Weils überhaupt keine Größe darstellt, selbst wenn sie vorhanden ist. Diese Größe besteht in Ruhm und Macht. Es ist jene Größe, die der Menschheit in der kurzen Lebenszeit Weils 2 Weltkriege beschert hat. Es ist eine Größe, die ohne jeden Bezug zum Guten auskommt – und gerade deshalb in den Augen Weils keine wahre Größe sein kann. Vor allem aber: Es ist ein absurder Stolz, denn die Entkoppelung der Größes des Vaterlandes vom Guten ist nur denkbar, wenn man das Vaterland – etwas Relatives – selbst absolut setzt, es zu einer Art Götzen macht. Für Weil ist es in der Tat eine an Selbstbetrug grenzende Absurdität, eine Verweigerung gegenüber der Vernunft, etwas Kontingentes wie die Nation als Absolutum zu betrachten und zu behandeln und damit jeder Kritik zu entziehen.[16]Vgl. ebd. S. 136f.

Worin besteht nun der wahre Patriotismus nach Weil? Ein Patriotismus aus Mitleid:

Ein Patriotismus aus Mitleid

„Man kann Frankreich um des Ruhmes willen lieben, der ihm ein zeitlich und räumlich weit ausgedehntes Dasein zu versichern scheint. Oder man kann es als ein Ding lieben, das, da es irdisch ist, zerstört werden kann und darum umso mehr wert ist.“[17]Ebd., S. 160.

Weil ist der Auffassung: „Dieses Gefühl ergreifender Zärtlichkeit für etwas Schönes, Kostbares, Zerbrechliches und Vergängliches hat viel mehr Wärme als das Gefühl der nationalen Größe.“[18]Ebd.

Dabei stellt sich klar: „Das Glück kann genau wie das Unglück ein Gegenstand des Mitleids sein, weil es irdisch ist, das heißt unvollkommen, zerbrechlich und vergänglich. Außerdem gibt es im Leben jedes Landes einen gewissen Grad an Unglück. Man glaube aber auch nicht, dass eine solche Liebe Gefahr läuft, alles wahrhaft Große oder Reine in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder im Streben Frankreichs zu verkennen oder außer Acht zu lassen. Ganz im Gegenteil. Das Mitleid ist umso zärtlicher, umso ergreifender, je mehr Gutes man in dem Wesen erkennt, dem es gilt, und es hilft uns, das Gute in ihm zu erkennen.“[19]Ebd., S. 161.

Als Kronzeugen für Mitleid als die angemessene Haltung gegenüber dem eigenen Vaterland benennt Weil Jesus Christus selbst.[20]Vgl. ebd., S. 159.

Erinnert sei auch daran, dass uns Papst Franziskus in „Fratelli tutti“ ausgerechnet den barmherzigen Samariter als Vorbild vor Augen stellt, der Mitleid[21]Fratelli tutti (FT) 56. hatte. Es ist die selbe Enzyklika, in der er uns zu einer politischen Liebe aufruft[22]Ebd. 176ff., eine politische Liebe, die wir nun in Anlehnung an Simone Weil und im Einklang mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter als Mitleid mit dem Gemeinwesen interpretieren können.

Weil selbst weißt auch auf einen Umstand hin, der sicher ganz im Sinne von Papst Franziskus ist: Die nationale Größe ist fast ausnahmslos in seiner Unmittelbarkeit nur eine Sache einer kleinen Elite. Nur sie kann sich wirklich mit ihr identifizieren. „Ein vom Mitleid inspirierter Patriotismus verleiht dem ärmsten Teil des Volkes eine moralisch privilegierte Stellung.“[23]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 163. Denn es kennt wie niemand sonst im Vaterland die Realität des Unglücks.

„Die Verwurzelung“ ist damit auch eine Stellungnahme zum aktuellen Diskurs rund um Nation und Patriotismus. Man könnte sagen: Für Weil hat die politische Linke bzw. Teile von ihr Recht, in ihrer Ablehnung eines konkreten, auf eigener nationaler Größe beruhenden Patriotismus. Sie irrt in ihrer prinzipiellen Ablehnung von Patriotismus. Die politische Rechte wiederum hat prinzipiell Recht mit ihrem Eintreten für Patriotismus. Doch ihr auf der Vorstellung nationaler Größe beruhender Patriotismus ist fehlgeleitet und führt daher in die Irre.

Ganz generell betont Weil aber auch, dass Vaterlandsliebe oder Patriotismus wesentlich älter sei als die Nation. „Das Gefühl bezog sich je nach den Umständen auf verschieden große Flächen Land.“[24]Ebd., S. 97. Sie zählt sie auf: „die Stadt oder der Zusammenschluss mehrerer Dörfer, die Provinz, die Region. Manche umfassten mehrere Nationen, manche mehrere Teile verschiedener Nationen.“[25]Ebd., S, 98.

Kulturökologie

Für Weil gebührt ausnahmslos jedem Gemeinwesen – zu denen sie in diesem Zusammenhang auch die Familie zählt – ein sehr hoher Grad an Achtung.[26]Ebd., S. 11. Hierfür führt Weil gleich drei Gründe an:

„Erstens ist jedes Gemeinwesen ein Unikum, und wenn es vernichtet wird, kann es nicht ersetzt werden. Ein Sack Getreide kann durch einen anderen Sack Getreide ersetzt werden. Die Nahrung, die ein Gemeinwesen den Seelen seiner Glieder spendet, hat im ganzen Weltall nicht ihresgleichen.

Zweitens dringt das Gemeinwesen kraft seiner Dauer schon in die Zukunft vor. Es enthält Nahrung nicht nur für die Seelen der Lebenden, sondern auch für die der noch nicht Geborenen, die im Laufe der kommenden Jahrhunderte zur Welt kommen werden.

Und schließlich hat das Gemeinwesen ebenfalls kraft seiner Dauer seine Wurzeln in der Vergangenheit. Es bildet das einzige Organ zur Bewahrung der von den Toten angehäuften geistigen Schätze, das einzige Organ der Übermittlung, durch das die Toten zu den Lebenden sprechen können.“[27]Ebd., S. 11f.

References

References
1LS 143
2LS 145
3Simone Weil, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011.
4Ebd., S. 148.
5Ebd., S. 148f: „Was Frankreich zu vernichten droht – und unter gewissen Umständen ist eine Invasion eine drohende Vernichtung – kommt der körperlichen Verstümmelung aller Franzosen, ihrer Kinder und Kindeskinder und ihrer sämtlichen Nachkommen gleich. Es gibt nämlich Bevölkerungen, die nie wieder genesen sind, nachdem sie erobert worden waren.“
6Ebd., S. 151.
7Man denke hier etwa an EU und UNO.
8Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 152.
9Ebd., S. 154.
10Ebd., S. 155.
11Ebd, S. 152.
12LS 144.
13Ebd.
14Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 154.
15Zum Folgenden vgl. ebd., S. 156 – 165, außerdem S. 202 – 218.
16Vgl. ebd. S. 136f.
17Ebd., S. 160.
18Ebd.
19Ebd., S. 161.
20Vgl. ebd., S. 159.
21Fratelli tutti (FT) 56.
22Ebd. 176ff.
23Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 163.
24Ebd., S. 97.
25Ebd., S, 98.
26Ebd., S. 11.
27Ebd., S. 11f.