Simone Weil und das technokratische Paradigma

Ein beträchtlicher Teil der „Einwurzelung“ von Simone Weil befasst sich mit Wissenschaft und Technik. Weil trifft dabei die Aussage, dass bei ihren Zeitgenossen allein die Wissenschaft noch Achtung genieße[1]Weil, Simone, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011, S. 219f. – relativiert diese Aussage aber zugleich dahin gehend, dass diese Achtung allein in ihrer praktischen Verwertbarkeit gründe – in ihren Anwendungen, wie sie formuliert, worunter sie die Technik versteht.[2]Ebd., S. 236.

Man könnte auch sagen: Die verbreitete Wertschätzung für die Wissenschaft gründet darin, dass sie „Magd der Technik“ ist. Letztlich ist es also die Technik, der die Wertschätzung gilt. Was Weil beschreibt könnte man so gut und gerne auch ein „technokratisches Paradigma“ nennen – und wie Papst Franziskus sieht auch Weil dieses kritisch.[3]Ebd., S. 189f: „Ganz allgemein ist es in jedem Bereich unvermeidlich, dass das Böse überall dort herrscht, wo die Technik ganz oder fast ganz souverän regiert. Die Techniker trachten immer … Continue reading

Weil kritisiert das technokratische Paradigma

Dieses technokratische Paradigma besteht nach Weil darin, dass die Technik absolut gesetzt wird, anstatt als Mittel bestimmten Zwecken unter- und auf diese hingeordnet zu werden. Man könnte auch formulieren:

Das technokratische Paradigma besteht nach Simone Weil im Ausblenden oder der Leugnung der Finalursachen; auch wenn sie selbst dies als explizite Aristoteles-Kritikerin wohl nicht so formulieren würde. In Anlehnung an das konzentrische Sphärenmodell für ökologisches Management von Pablo Martínez de Anguita könnte man auch sagen, dass es in der Ausblendung der politischen, ethischen und ontologischen Sphären besteht.[4]Taylor, Michael Dominic, The Foundations of Nature. Metaphysics of Gift for an Integral Ecological Ethic, Eugene Oregon USA 2020, S. 230 – 233.

Ursächlich für dieses Ausblenden ist für Simone Weil die (Un)Logik des modernen Weltbildes, wie es – laut Weil – in seinen Anfängen bereits bei René Descartes zu finden ist.[5]Weil, Simone, Die Verwurzelung, S. 222. Dieses Weltbild folgt im- oder explizit dem kartesianischen Leib-Seele-Dualismus.

Diesem entsprechend würden alle Naturphänomene – eben die Materie – durch „Kraft“ bestimmt, welche das einzige Prinzip im Universum sei, allein die menschlichen Beziehungen – die Sphäre „des Geistes“ – sollten aber entsprechend der Gerechtigkeit gestaltet werden.[6]Ebd.

Dieser Sicht auf die Welt entspricht eine Wissenschaft, welche die ethische Perspektive – und damit die Frage nach dem Guten – explizit ausschließe.[7]Ebd., S. 235: „Seit der Renaissance – genauer gesagt seit der zweiten Hälfte der Renaissance“ (Hier wäre zu fragen, ob Weil nicht in der Datierung irrt und nicht die Frühneuzeit mit … Continue reading

Die rechte Motivation des Wissenschaftlers

Hieraus folgert Weil, dass, was den modernen Wissenschaftler motiviere, prinzipiell nicht die Liebe zur Wahrheit sein kann. Wahrheit, so Weil, sei immer die Wahrheit von etwas. Wahrheit ist nach Weil ein relationaler Begriff. Er bezieht sich auf einen Gegenstand.

In Bezug auf diesen Gegenstand kann man entweder die Wahrheit erfassen oder sich irren. Die Liebe, so Weil weiter, gilt nun nicht der Wahrheit per se, sondern immer dem Gegenstand. Diese Liebe kann rein oder unrein sein. In den Begrifflichkeiten katholischer Moraltheologie könnte man auch sagen: keusch oder unkeusch.

Keusche bzw., in Weils Diktion, reine Liebe zeichne sich dadurch aus, dass sie ein durch die Wahrheit gekennzeichnetes Verhältnis zum geliebten Gegenstand anstrebt. Man könnte auch sagen: Es geht ihr um den Gegenstand selbst und nicht um etwas anderes.

Für unreine Liebe wird der Gegenstand dagegen zum Mittel für andere Zwecke, zu einem Mittel der Befriedigung; man könnte auch sagen: der Gegenstand wird unter dem Blickwinkel des technokratischen Paradigmas betrachtet. Die Wahrheit spielt hier höchstens noch eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt.[8]Ebd., S. 234.

Der Wissenschaftler müsste also eine reine Liebe zum Gegenstand seiner Forschung hegen, dann ginge es ihm auch um die Wahrheit. Damit der Wissenschaftler den Gegenstand seiner Forschung aber lieben kann, müsste dieser ein Gut beinhalten, auf den diese Liebe antwortet.

Gerade dies wird von der modernen Wissenschaft – dem kartesianisch inspirierten modernen Weltbild folgend – aber bestritten.

Weil findet diese Sicht allerdings ohnehin widersinnig. Denn zweifellos sei der Mensch selbst Teil des Universums. Entweder müsse man also neben der „Kraft“ ein weiteres Prinzip im Universum anerkennen oder eingestehen, dass auch die menschlichen Beziehungen allein durch Kraft bestimmt würden. Im ersten Fall würde man „sich radikal gegen die gesamte moderne Wissenschaft, die von Galilei, Descartes und einigen anderen begründet“ wurde stellen, im zweiten Fall ebenso radikal „gegen den Humanismus, der in der Renaissance entsprang [und] 1789 triumphierte“.[9]Ebd., S. 222f.

Weil beschreibt eine Reihe von Versuchen, diesen Widerspruch aufzulösen, indem sie postulieren, dass die Kraft automatisch Gerechtigkeit erzeuge:

der Utilitarismus, der Wirtschaftsliberalismus mit der „unsichtbaren Hand des Marktes“, der Marxismus mit den ehernen Gesetzen der Geschichte, die unweigerlich auf die klassenlose Gesellschaft hinausliefe, sowie der Sozialdarwinismus, der in der unweigerlichen Herrschaft der „überlegenen Rassen“ über die „minderwertigen Rassen“ seine eigene perverse Version von Gerechtigkeit verwirklicht sah.[10]Ebd., S. 223f.

Für Weil haben alle diese Versuche eines gemeinsam: „Es handelt sich um lauter Lügen.“[11]Ebd., S. 224.

Die Kraft schaffe nicht automatisch Gerechtigkeit, sondern sei ein blinder Mechanismus, aus dem zufällig und gleichgültig gerechte oder ungerechte Wirkungen, doch der Wahrscheinlichkeit nach fast immer ungerechte, hervorkämen.

Weil: „Wenn die Kraft unumschränkt herrscht, ist die Gerechtigkeit absolut unwirklich.“[12]Ebd.

Doch, so Weil weiter, es stimmt einfach nicht, dass die Gerechtigkeit absolut unwirklich ist. Das Herz des Menschen fordert Gerechtigkeit – selbst wenn es eine so pervertierte Gerechtigkeit wie jene sozialdarwinistischer Nazis ist.

Da dies so ist – und für Weil ist dies unbestreitbar – und das menschliche Herz ein Teil des Universums ist, folgt daraus, dass eine Wissenschaft, welche postuliert, dass die Kraft das einzige Prinzip im Universum sei und Wissenschaft ihren Gegenstand daher ohne jegliche Beziehung zum Guten zu betrachten habe, notwendigerweise sich irren muss.

Und genau dies trifft, so Weil weiter, eben auf die moderne Wissenschaft zu.[13]Ebd., S. 225. Wohlgemerkt die moderne, denn die Wissenschaft der alten Griechen beging, so Weil weiter, diesen Fehler nicht.

Wissenschaft und Religion

Weil pocht darauf, dass die rohe Kraft nicht unumschränkt auf dieser Welt herrscht, ja, nicht unumschränkt herrschen kann. Denn ihrer Natur nach ist sie „blind und unbestimmt. Was auf dieser Welt unumschränkt regiert, ist die Bestimmtheit, die Grenze.“[14]Ebd., S. 263.

Simone Weil und das technokratische Paradigma

Dementsprechend gilt: „Die Materie, die blinde Kraft sind [gar] nicht der Gegenstand der Wissenschaft. Das Denken kann sie nicht erreichen;[15]Denn, so muss man ergänzen, das Denken ist auf Bestimmtes gerichtet und kann das Unbestimmte nicht erfassen. Bestimmt sind immer nur die Verhältnisse, nicht die Kräfte, die durch die Verhältnisse … Continue reading sie entziehen sich ihm. Das Denken des Wissenschaftlers erreicht immer nur die Verhältnisse, die Materie und Kraft in ein unsichtbares, ungreifbares, unveränderliches Netz aus Ordnung und Harmonie ziehen.“[16]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 241f.

In diesem Zusammenhang wirft sie freilich noch eine relevante erkenntnistheoretische Frage auf: „Wie ist es möglich, dass das menschliche Denken etwas anderes zum Gegenstand hat als das Denken?“[17]Simone Weil, die Verwurzelung, S. 242.

Ihre Antwort:

„Dass nämlich der Gegenstand des menschlichen Denkens ebenfalls Denken ist. Das Ziel des Wissenschaftlers ist die Vereinigung seines Geistes mit der geheimnisvollen, auf ewig in das Universum eingeschriebenen Weisheit. Wie sollte es von daher ein Widerspruch oder gar eine Trennung zwischen dem Geist der Wissenschaft und dem der Religion geben? Die wissenschaftliche Forschung ist nur eine Form der religiösen Kontemplation.[18]Ebd.

Dies erkannt zu haben, war der Vorzug der Wissenschaft im antiken Griechenland – und so muss man, gegen Weil, ergänzen: der Wissenschaft des christlichen Mittelalters, wie sie in Klöstern und Universitäten betrieben wurde.

Gegenstand der Wissenschaft, so Weil, ist das Universum. Nun hat Weil die Abwesenheit der Gerechtigkeit und damit des Guten im Universum bereits bestritten. Und so fragt sie nun, was das Gute am Universum sei, das der Wissenschaftler wahrhaft lieben könne.

Ihre Antwort: Die Schönheit des Universums, die eben nicht in der nackten, blinden Kraft besteht, sondern in den Relationen, in seiner Ordnung und Harmonie.

Weil schließt mit der Feststellung:

„Die wahre Definition der Wissenschaft lautet, dass sie die Schönheit der Welt untersucht.“[19]Ebd., S. 241. (Hervorhebung  durch den Autor)

An anderer Stelle ergänzt sie:

„Die Ordnung der Welt ist die Schönheit der Welt. Nur die Art der Aufmerksamkeit wechselt, je nachdem, ob man versucht, die nötigen Beziehungen zu erfassen, aus denen sie zusammengesetzt ist, oder ihren Glanz zu betrachten.[20]Ebd., S. 273.

An dieser Stelle berühren sich wieder Simone Weil und Papst Franziskus, der in Laudato Si‘ zustimmend Johannes Paul II. zitiert, der erklärt:

„die Beziehung, die zwischen einer angemessenen ästhetischen Erziehung und der Erhaltung einer gesunden Umwelt besteht [darf], nicht vernachlässigt werden“. (LS 215)

Nur geht Weil einen entscheidenden Schritt weiter, wenn sie nicht allein eine ästhetische Erziehung fordert, sondern darauf pocht, dass die Anerkennung der Schönheit des Universums geradezu Grundlage und Vorbedingung jeder wahren Wissenschaft ist.[21]Hier wird freilich scheinbar eine Differenz zu Papst Franziskus sichtbar, der in Laudato Si‘ das ästhetische Empfinden explizit außerhalb des methodologischen Raumes der Wissenschaften … Continue reading

Fazit

Zusammenfassend lässt sich also zu Weils Sicht auf das technokratische Paradigma sagen:

Die Wissenschaft ist angesehen – doch nur als Magd der Technik. Dies ist so, weil die Wissenschaft spätestens seit Descartes, Galileo und Bacon ihren Gegenstand nur unter Absehung vom Guten betrachtet.

Sie kann ihn daher nicht lieben und daher geht es ihr nicht primär um die Wahrheit in Bezug auf ihn, sondern um andere Dinge – wie Beförderungen, (Förder)Geld(er), Prestige, die Bestätigung durch Peers oder einfach darum, das zu tun, wofür man bezahlt wird.

Vieles davon hängt mit der praktischen Verwertbarkeit von Wissenschaft zusammen – und dies ordnet Wissenschaft auf die Technik hin und ihr unter. Technik ohne Ethik ist jedoch zerstörerisch.

Der wahre Gegenstand der Wissenschaft ist die Schönheit des Universums. Der wahre Wissenschaftler will diese Schönheit untersuchen, weil er sie wahrhaft liebt. Der wahre Wissenschaftler wird sich daher auch fragen, welche Konsequenzen seine Forschung für seinen Gegenstand hat – und sich freiwillig beschränken, um ihn zu schützen.

Wahre Wissenschaft steht nicht im Widerspruch zur wahren Religion, sondern ist eine Form religiöser Kontemplation, denn sie ist Vereinigung menschlichen Denkens mit jener ewigen Weisheit, welche dem Universum seine Harmonie und Ordnung verleiht.

References

References
1Weil, Simone, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011, S. 219f.
2Ebd., S. 236.
3Ebd., S. 189f: „Ganz allgemein ist es in jedem Bereich unvermeidlich, dass das Böse überall dort herrscht, wo die Technik ganz oder fast ganz souverän regiert. Die Techniker trachten immer danach souverän zu regieren, denn sie meinen, ihr Geschäft zu verstehen; und das ist von ihrem Standpunkt aus völlig legitim. Die Verantwortung für das Übel, das, sofern sie ihr Ziel erreichen, die unvermeidliche Wirkung ist, haben ausschließlich diejenigen, die sie zu Werk gehen ließen. Wenn man sie zu Werk gehen lässt, geschieht es immer nur deshalb, dass man die klare und durchaus präzise Auffassung der besonderen Zwecke nicht im Kopf hat, denen die oder jene Technik untergeordnet sein muss.“
4Taylor, Michael Dominic, The Foundations of Nature. Metaphysics of Gift for an Integral Ecological Ethic, Eugene Oregon USA 2020, S. 230 – 233.
5Weil, Simone, Die Verwurzelung, S. 222.
6Ebd.
7Ebd., S. 235: „Seit der Renaissance – genauer gesagt seit der zweiten Hälfte der Renaissance“ (Hier wäre zu fragen, ob Weil nicht in der Datierung irrt und nicht die Frühneuzeit mit Descartes, Bacon und Galilei hier zu nennen wäre. Anm. des Verfassers) „– wird die Wissenschaft als eine Untersuchung aufgefasst, deren Gegenstand jenseits von Gut und Böse, vor allem jenseits des Guten liegt, und als ohne Beziehung weder zum Guten noch zum Bösen, insbesondere als ohne jegliche Beziehung zum Guten betrachtet. Die Wissenschaft befasst sich mit den Tatsachen als solchen“
8Ebd., S. 234.
9Ebd., S. 222f.
10Ebd., S. 223f.
11Ebd., S. 224.
12Ebd.
13Ebd., S. 225.
14Ebd., S. 263.
15Denn, so muss man ergänzen, das Denken ist auf Bestimmtes gerichtet und kann das Unbestimmte nicht erfassen. Bestimmt sind immer nur die Verhältnisse, nicht die Kräfte, die durch die Verhältnisse erst bestimmt werden.
16Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 241f.
17Simone Weil, die Verwurzelung, S. 242.
18Ebd.
19Ebd., S. 241.
20Ebd., S. 273.
21Hier wird freilich scheinbar eine Differenz zu Papst Franziskus sichtbar, der in Laudato Si‘ das ästhetische Empfinden explizit außerhalb des methodologischen Raumes der Wissenschaften verortet (vgl. LS 200), dabei aber vermutlich just jene moderne Wissenschaft im Sinn hat, der Weil genau dieses vorwirft.