Simone Weil und die Wirtschaftsökologie

Ein beträchtlicher Teil der „Verwurzelung“[1]Simone Weil, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011. befasst sich mit der Frage nach der rechten Wirtschaftsökologie[2]Vgl. LS 141. – wenn auch ohne diesen Begriff selbst zu verwenden. 2 Kapitel untersuchen die Entwurzelung der Arbeiter bzw. Bauern und versuchen, Lösungsansätze, für die von Weil wahrgenommene Misere zu finden. Inhaltlich ergeben sich hierbei erstaunliche Parallelen zu Vorschlägen, die fast zur gleichen Zeit im angloamerikanischen Raum unter dem Schlagwort Distributismus diskutiert wurden.

Ganz im Sinne der angloamerikanischen Distributisten erklärt Weil:

„Auf jeden Fall wäre eine solche soziale Lebensweise weder kapitalistisch noch sozialistisch. Der Proletarierstand würde abgeschafft, anstatt auf alle Menschen ausgedehnt zu werden, wozu der sogenannte Sozialismus tendiert. Richtungsweisend wäre nicht nach der heute immer mehr in Mode kommenden Formel das Interesse des Verbrauchers – dieses Interesse kann nur grob materiell sein – , sondern die Würde des arbeitenden Menschen, was ein geistiger Wert ist.“[3]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 74. Speziell zum letzten Punkt vgl. Laborem exercens (LE), insb. die Nr. 6 – 15.

Wirtschaftsökologie: Das Recht auf Privateigentum wiederherstellen

Was bedeutet das? Wiederum ganz im Einklang mit den Distributisten ist Weil mitnichten eine Befürworterin der Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln. Im Gegenteil, wie diese fordert sie dessen breitestmögliche Streuung.[4]Ebd., S. 37, 70 – 74, 78f.

Dies begründet sie mit den seelischen Bedürfnissen der Menschen:

„Jeder Mensch hat die unwiderstehliche Neigung, sich in Gedanken alles anzueignen, was er lange Zeit und beständig für seine Arbeit, zu seinem Vergnügen oder aus Notwendigkeit benutzt hat. So empfindet ein Gärtner den Garten nach einer gewissen Zeit als seinen eigenen. Wo aber das Gefühl der Aneignung nicht mit dem rechtlichen Eigentum zusammenfällt, ist der Mensch andauernd von sehr schmerzlichen Trennungen bedroht.“[5]Ebd., S. 37.

Daraus folgert sie:

„Das Privateigentum ist ein lebensnotwendiges Bedürfnis der Seele. Die Seele ist isoliert, verloren, wenn sie nicht von Gegenständen umgeben ist, die für sie wie eine Verlängerung der Glieder des Körpers sind.“[6]Ebd.

Wirtschaftsökologie

Sie veranschaulicht das Ganze am Beispiel zweier Extreme, die Landwirtschaft betreffend:

„Das Prinzip des Privateigentums wird verletzt, wenn das Land von Landarbeitern und Bauernknechten unter dem Befehl eines Verwalters bestell wird und Städtern gehört, die die Erträge einstreichen. Unter allen nämlich, die mit diesem Land zu tun haben, ist niemand, der ihm nicht auf die eine oder andere Weise fremd gegenüberstünde. Es wird vergeudet, nicht hinsichtlich des Getreides, sondern hinsichtlich der Befriedigung, die es dem Bedürfnis nach Eigentum bringen könnte. Zwischen diesem Extremfall und dem anderen Extrem, wo ein Bauer mit seiner Familie sein eigenes Land bebaut, gibt es viele Fälle, in denen das menschliche Bedürfnis nach Aneignung mehr oder weniger unbeachtet bleibt.“[7]Ebd.

Folgerichtig erklärt sie an späterer Stelle: „Was die anonymen Gesellschaften betrifft, so wäre es wohl nicht besonders schwierig, sie mit Hilfe eines Übergangssystems allmählich abzuschaffen und für verboten zu erklären.“[8]Ebd., S. 74.

Diese Forderung ist gerade auch aus katholischer Perspektive interessant: Thomas von Aquin begründet die Legitimität von Privateigentum unter anderem damit, dass wir Menschen mit dem, was unser persönliches Eigentum ist, sorgfältiger umgehen als mit dem, was wir mit anderen teilen.

Das von Simone Weil analysierte und kritisierte System wirkt aber gerade auf diesen Aspekt des Privateigentums beeinträchtigend. Die Landarbeiter und Verwalter werden das Land mit geringerer Sorgfalt behandeln, denn tatsächlich ist es ja gar nicht ihr Eigentum. Die Städter wiederum, deren Eigentum es tatsächlich ist, werden das Land ebenso mit geringerer Sorgfalt behandeln, da ihnen mit dem täglichen Umgang mit diesem auch die Vertrautheit und emotionale Bindung fehlen.

Man muss in diesem Fall also von einem Privateigentum minderer Ordnung sprechen, da das formaljuristische und das materiell-gefühlte Eigentum auseinanderfallen, sofern man in diesem Fall überhaupt von Privateigentum sprechen kann.

In gleicher Weise muss man von einem Privateigentum minderer Legitimität sprechen, da infolge zumindest ein legitimierender Grund für Privateigentum in diesem Fall nur eingeschränkt geltend gemacht werden kann.

Ob man daraus die Forderung nach kompletter Abschaffung dieser Form des Privateigentums ableiten muss, steht auf einem anderen Blatt.[9]Wobei ein neoliberaler Wirtschaftswissenschaftler wie Wilhelm Röpke durchaus offen hierfür war. Auf jeden Fall ist eine Privilegierung dieser Form des Privateigentums nicht zu rechtfertigen. Sie muss vielmehr nach Möglichkeit eingeschränkt und zurückgedrängt werden.

Im Umkehrschluss bedeutet dies natürlich, dass Selbstständigkeit und Kooperative privilegiert werden müssen; letztere unter der Bedingungen, dass sie die von Johannes Paul II. in Laborem exercens festgehaltenen Voraussetzungen erfüllen: „Man muß alles daransetzen, daß der Mensch auch in einem solchen System das Bewußtsein behalten kann, im eigenen Bereich zu arbeiten.“[10]LE Nr. 15.

Weitere Kritikpunkte am zu ihrer Zeit bestehenden Wirtschaftssystem

Darüber hinaus gehend kritisiert Weil, dass

  • viele Jugendliche und junge Erwachsene ohne Ausbildung bleiben[11]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 60 – 62.
  • ein Bildungsbegriff vorherrscht, der in keinerlei Zusammenhang mit den Lebenswirklichkeiten der arbeitenden Bevölkerung steht und der dieser nur in ausgedünnter Form vermittelt wird[12]Ebd., S. 65 – 67.
  • die technische Entwicklung allein die Interessen der Herstellung, sprich: der Unternehmen und der Verbraucher, im Blick hat, nicht aber jene der Herstellenden.[13]Oder der Umwelt, vgl. LS 141. Hierunter versteht Weil die ausschließliche Zielsetzung, mehr und billiger zu produzieren und hierzu im Zweifelsfall die Zahl der Arbeitsplätze zu reduzieren und die Arbeitslosigkeit zu erhöhen.[14]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 55f.
  • entwürdigende Arbeitsbedingungen bestehen.[15]Ebd., S. 53.

Welche Forderungen erhebt bzw. Verbesserungsvorschläge macht Weil nun?

  • Der technische Fortschritt muss darauf ausgerichtet werden, das Los der Angestellten und Arbeiter zu verbessern. Hierfür ein Bewusstsein zu schaffen sieht Weil als Aufgabe vor allem der Gewerkschaften an. Darüber hinaus müsste es ein Unterrichtsfach an den Technischen Hochschulen und sämtlichen technischen Lehranstalten werden. Um den Bedürfnissen der Arbeiter zu entsprechen, müsste eine Maschine drei Punkte erfüllen: a) Sie müsste sich bedienen lassen, ohne Muskeln, Nerven oder irgendein Organ zu erschöpfen. b) Sie müssten über eine größtmögliche Flexibilität hinsichtlich der Verwendung verfügen, um auf wechselnde Nachfragen reagieren zu können und so die Gefahr der Arbeitslosigkeit zu reduzieren. c) Ihre Anwendung müsste eine Facharbeiterausbildung voraussetzen. Unter diesen Umständen – „Wenn der Großteil der Arbeiter aus hochqualifizierten Fachkräften bestünde, die sehr oft Einfallsreichtum und Initiative beweisen müssten und für ihre Produktion und ihre Maschine verantwortlich wäre“ – „hätte die gegenwärtige Überwachung keinerlei Daseinsberechtigung. Manche Arbeiter könnten zu Hause arbeiten, andere in kleinen Werkstätten, die häufig wie Genossenschaften organisiert sein könnten.“[16]Ebd., S. 56 – 58.

  • Da unterschiedliche Milieus unterschiedliche Sensibilitäten hervorrufen, müsste die Bildung hierauf abgestimmt sein, damit sie von den Schülern nicht als etwas Fremdes abgelehnt würde.[17]Ebd., S. 65. So sei es für Angehörige des Arbeitermilieus vollkommen natürlich, dass alles von der Mechanik beherrscht würde, bei Angehörigen des ländlichen Raumes sei dagegen der Kreislauf (der Jahreszeiten) der natürliche Bezugspunkt.[18]Ebd. S. 82f.
  • Die Einführung einer Art dualen Ausbildung, die allerdings auch eine ausgeprägte intellektuelle Bildung der Auszubildenden beinhaltet.
  • Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung erhielte der Arbeiter (und so muss man hier sicher sinngemäß ergänzen: der Handwerkergeselle) zu seiner Hochzeit als steuerfinanzierte Schenkung vom Staat ein Haus, einen Garten – um aus diesem sich und seine Familie mit Lebensmiteln versorgen zu können – und eine Maschine (bzw. eine entsprechende Werkzeugausrüstung). Die Maschine müsste nach Eignung und Neigung des Arbeiters sowie dem volkswirtschaftlichen Bedarf ausgewählt werden. Die Schenkung wäre unveräußerlich und fiele im Todesfall an den Staat zurück, wobei dieser der Familie des Verstorbenen den bisherigen Lebensstandard sichern würde. Wäre die Witwe in der Lage, die Maschine zu bedienen, verbliebe sie in ihrem Besitz.[19]1Ebd., S. 70 – 73.
  • Nach Ablegen einer Art – kostenfreien – Meisterprüfung könnte sich der Arbeiter selbstständig machen und ein, zwei weitere Maschinen vergünstigt erwerben.[20]Ebd., S. 72.
  • Hinsichtlich der großen Industrien plädiert Weil für eine umfassende Dezentralisierung. Der Großteil der Fertigung sollte in dezentralen Werkstätten erfolgen, die Endmontage in zentralen Montagewerken, in welchen jedoch niemand dauerhaft arbeiten sollte, sondern die Arbeiter der dezentralen Werkstätten zeitweise (in Teilzeit), während sie parallel umfassend gebildet würden. Neben Allgemeinbildung würden dabei insbesondere Inhalte vermittelt, welche es den Arbeitern erlauben würde, sich mit ihrer Arbeit mehr zu identifizieren und den dahinter stehenden Sinn zu verstehen. So würde ihnen vermittelt, für wen und zu welchem Zweck die Produkte hergestellt würden.[21]Ebd., S. 70f.
  • Die Zahl der Schulstunden sollte deutlich reduziert werden, so dass die Kinder die Möglichkeit erhalten, ihren Vätern bei der Arbeit zuzusehen und von ihnen spielerisch zu lernen. Später könnten sie dann (leichter) entscheiden, ob sie dieselbe oder eine andere Ausbildung machen wollten. Zudem bekämen sie ein realistischeres Bild von der Arbeitswelt.[22]Ebd., S. 59, 73.
  • In den höheren Stufen bzw. im Vorfeld einer Ausbildung sollte es für jeden umfangreiche Austausch- und Praktikumsprogramme geben, welche es den Jugendlichen erlauben würden, vielfältige Erfahrungen zu sammeln und sich hinsichtlich der Berufsfindung weiter zu orientieren.[23]Ebd., S. 73.
  • Arbeiterhochschulen sollten allen Altersstufen unentgeltlich offenstehen.[24]Ebd.

Und heute?

Natürlich liegen die Kritik und Überlegungen Weils 80 Jahre zurück. Wie sieht es heute aus?

Manche ihrer Forderungen, wie die duale Ausbildung, sind heute – zumindest in Deutschland – Realität oder gewinnen doch zunehmend Raum, wie die Mobilarbeit oder die Austausch- und Praktikumprogramme.

Anderes wurde verwirklicht – aber auf ganz andere Weise und mit ganz anderen Folgen als von Weil beabsichtigt: So kam es im Rahmen der Globalisierung zwar zu einer Dezentralisierung der Produktion, doch eben nicht in kleine, auf dem Land verstreute Werkstätten, sondern in Fabriken auf anderen Kontinenten, mit der Folge dass die Verbundenheit mit Unternehmen und Produkt sowie das Verantwortungsgefühl für beides weiter schwandt und die Entfremdung – oder in Weils Worten die Entwurzelung – weiter zunahm.

Wieder anderes wartet noch auf seine Verwirklichung, so eine Politik, die konsequent darauf ausgerichtet ist, das Privateigentum an den Produktionsmitteln möglichst in die Hand der mit ihnen arbeitenden Bevölkerung zu bringen, dass also Arbeit und Kapital in einer Hand liegen. Mit Weils Worten: das Prinzip des Privateigentums zu verwirklichen.

Und schließlich gibt es noch jene Bereiche, in denen die Entwicklung komplett in die entgegengesetzte Richtung geht: konkret die Zahl der Schulstunden, mit dem Trend hin zur flächendeckenden Ganztagsschule.

Wirtschaftsökologie

Dieser Überblick zeigt: Weils Forderungen sind nicht utopisch. Was es braucht für die Verwirklichung ist der (zivil)gesellschaftliche und politische Wille dazu.

Schließen will ich daher mit einem Zitat von Simone Weil:

„Eine Frau, Kinder, ein Haus mit einem Garten, der ihm einen großen Teil seiner Nahrung liefern würde, eine Arbeit bei einem Unternehmen, das ihm gefällt, auf das er stolz ist und das ihm ein Fenster zur Welt öffnet, das ist genug für das irdische Glück eines Menschen.“[25]Ebd.

References

References
1Simone Weil, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011.
2Vgl. LS 141.
3Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 74. Speziell zum letzten Punkt vgl. Laborem exercens (LE), insb. die Nr. 6 – 15.
4Ebd., S. 37, 70 – 74, 78f.
5Ebd., S. 37.
6Ebd.
7Ebd.
8Ebd., S. 74.
9Wobei ein neoliberaler Wirtschaftswissenschaftler wie Wilhelm Röpke durchaus offen hierfür war.
10LE Nr. 15.
11Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 60 – 62.
12Ebd., S. 65 – 67.
13Oder der Umwelt, vgl. LS 141.
14Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 55f.
15Ebd., S. 53.
16Ebd., S. 56 – 58.
17Ebd., S. 65.
18Ebd. S. 82f.
191Ebd., S. 70 – 73.
20Ebd., S. 72.
21Ebd., S. 70f.
22Ebd., S. 59, 73.
23Ebd., S. 73.
24Ebd.
25Ebd.