Alasdair MacIntyre und das technokratische Paradigma
Charakteristisch für das Denkens Alasdair MacIntyres und im klaren Widerspruch zu jeglichen gnostizistischen Tendenzen ist seine Betonung der Materialität des Menschen.
Diese Betonung äußert sich zunächst und vor allem darin, dass Alasdair MacIntyre hervorhebt, wie sehr der Mensch an Zeit und Raum gebunden ist. Er betont mit anderen Worten, als ehemaliger Marxist, die Geschichtlichkeit als spezifischen Ausdruck der Materialität des Menschen. Der Mensch, so könnte man MacIntyre zusammenfassen, ist als ein materielles Wesen essentiell ein historisches Wesen und als solches – auch und gerade in seiner Moral und seinem moralischen Denken – getrennt von seiner Historie nicht zu begreifen.
Hieraus folgt MacIntyres entschiedene Ablehnung einer strikten Trennung von Philosophie und Philosophiegeschichte.[1]Vgl. Alasdair MacIntyre, Whose Justice? Which Rationality?, Gerald Duckworth & Co. Ltd, London 2001, S. 390ff. Vgl. hierzu auch Rocco Buttiglione, Modernity’s Alternative – How History is … Continue reading MacIntyre betont, dass philosophisches Denken nicht intelligibel ohne, aber zugleich auch nicht reduzierbar sei auf den historischen Kontext seines Entstehens. Es reflektiert diesen und bietet die Möglichkeit, ihn zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.[2]Vgl. ebd.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass ein wesentlicher Bestandteil seines Schaffens als Moralphilosoph die Auseinandersetzung mit der Moralphilosophiegeschichte ist.
Alasdair MacIntyre und das technokratische Paradigma in der Moralphilosophie
Als Ursprung der gegenwärtigen moralphilosophischen, aber auch ethischen und politischen, Situation sieht MacIntyre den Sieg des technokratischen Paradigmas; die Zurückweisung aristotelischer Teleologie, nach der Werte zu den Fakten zählen und sich objektiv aus dem telos des Menschen, seiner Finalursache, bzw. seiner Natur ergeben. Aus dem Sein folgt für den Aristoteliker ganz selbstverständlich das Sollen. Ein naturalistischen Fehlschluss existiert für ihn nicht.[3]Vgl. Alasdair MacIntyre, After Virtue, Bloomsbury Academic, London – New York – Dublin 2011, S. 62f, 96 – 99.
Aus der Sicht so unterschiedlicher neuzeitlicher Moralphilosophen wie Diderot, Hume, Kant und Kiergegaard bedeutet die Zurückweisung aristotelischer Teleologie demgegenüber einen Gewinn an menschlicher Autonomie.[4] Vgl. ebd., S. 71f. Es geht also sozusagen um eines der großen Charakteristika und Bestreben der Neuzeit, wie sie Guardini beschreibt: die Emanzipation des Individuums.
Die Konsequenz ist allerdings, dass der naturalistische Fehlschluss als real erscheint. Sein und Sollen fallen im Denken der Anhänger des technokratischen Paradigmas auseinander – und ebenso ihre wissenschaftliche Erforschung. Die Erforschung des faktischen menschlichen Verhaltens wird Gegenstand der Sozialwissenschaften, die Untersuchung des ethischen Sollens Gegenstand der von ihr geschiedenen Moralphilosophie.[5]Vgl. ebd., S. 96.
Was dabei die moderne Moralphilosophie in aller ihrer Disparität eint, ist das Bestreben, losgelöst von allen Bezügen zu einer menschlichen Natur eine allgemein akzeptierte und damit universell gültige Ethik zu entwickeln bzw. zu finden, also eine von der Historizität und damit der Materialität des Menschen entkoppelte, letztlich gnostizistische Moralphilosophie, die das Individuum aus Bindungen an partikulare Traditionen emanzipiert. In „After Virtue“ nennt MacIntyre dies das Projekt der Aufklärung.[6]Vgl. ebd., S. 43ff. In „Whose Justice? Which Rationality?“ spricht er bezüglich desselben Vorhabens allgemein von „Liberalismus“, wobei er den Begriff nicht in einem engen parteipolitischen Sinne verwendet, sondern eben als Synonym für Aufklärung bzw. Moderne.[7]Vgl., Alasdair MacIntyre, Whose Justice? Which Rationality?, S. 326ff.
In „Three Rival Versions of Moral Enquiry – Encylopedia, Geneology and Tradition“ beschreibt er schließlich dieses Projekt am Beispiel der 9. Ausgabe der Encyclopedia Britannica. In deren Weltsicht seien Vernunft und Moral sowohl unpersönlich als auch überzeitlich. Sie hätten daher beide keine Geschichte und sind allen vernünftigen Menschen zu allen Zeiten in gleicher Weise zugänglich. Rationale Einigungen seien daher immer möglich. Nur Aberglaube stehe dem entgegen. Die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte sei ein unaufhaltsamer Fortschritt, wobei die Vergangenheit lediglich als – letztlich vernachlässigbarer – Prolog gegenwärtiger Errungenschaften angesehen werde. Träger dieses Fortschritts sei das kartesianische Subjekt, das aus Zeit und Raum herausgelöste Individuum, das gnostische Selbst ohne Geschichte und ohne Persönlichkeit – geradezu idealtypisch hierzu der „Schleier des Nichtwissens“ von John Rawls –, das auf sich selbst gestellt und losgelöst von jeder geistigen Tradition allein durch eigenes Nachdenken diesen Fortschritt hervorbringe. Die Wissenschaften unterschieden sich nicht in ihrer Methodik, sondern allein in ihrem Gegenstand. Sie fügten sich zu einem architektonischen Gebilde zusammen. Die Enzyklopädie sei ihre Kartographie. Das Genre dieser Sicht sei die Vorlesung, in welcher der Professor als Subjekt den Studenten als Objekten die Welt erkläre, das heißt die Enzyklopädie – auszugsweise – referiere.[8]Vgl. Alasdair MacIntyre, Three Rival Versions of Moral Enquiry – Encylopedia, Geneology and Tradition being Giffords Lectures delivered in the University of Edinburgh in 1988, University of Notre … Continue reading
Faktisch, so MacIntyre, muss dieses Projekt der Moderne bzw. der Aufklärung als gescheitert gelten. Den Vertretern dieses Projekts – Kantianern, Utilitaristen, Gesellschaftsvertragstheoretiker jeglicher Couleur – ist es nicht einmal gelungen, untereinander Einigkeit zu erzielen. Ihre größten Erfolge hatten sie im Aufzeigen der Lücken der jeweils konkurrierenden Theorien innerhalb desselben Projekts. Eine allgemein akzeptable und damit universell gültige Ethik scheint nicht in Sicht.[9]Vgl. Alasdair MacIntyre, unter anderem After Virtue, S. 43 – 74.
Aus der Perspektive MacIntyres kann es freilich auch gar nicht anders sein. Eine von Raum und Zeit unabhängige Moral kann es nicht geben, da es keine von Raum und Zeit unabhängige Menschen, das heißt keine unhistorischen Menschen gibt. Menschen sind historische Wesen, sie sind leiblich, materiell, und das gilt auch für ihre Vernunft und Moral.
Die faktische Konsequenz dieses Scheiterns ist jedoch, dass Fragen der (Individual)Moral als rational nicht allgemein verbindlich entscheidbar, als letztlich auf subjektive – und irrationale – Präferenzen zurückführbar erscheinen – als Geschmacksfragen, über die man bekanntlich nicht streiten kann. Moral wird infolge – ähnlich wie Religion – zur Privatangelegenheit und verschwindet aus dem öffentlichen Raum. Der Philosoph und speziell der Moralphilosoph verliert an sozialer Relevanz und wird zum Bewohner einer universitären Nische.[10]Vgl. Alasdair MacIntyre, Three Rival Versions of Moral Enquiry – Encylopedia, Geneology and Tradition, S. 227.
Im politischen Raum wird gleichzeitig – rein performativ? – dennoch an der Wahrheit der eigenen moralischen Ansprüche festgehalten, ohne diese freilich begründen zu können. Tatsächlich sind sie nichts anderes als der Ausdruck subjektiver Präferenzen, die der einzelne vor sich selbst ebensowenig zu rechtfertigen vermag wie vor dem anderen. Ethische – und in Konsequenz politische – Debatten können angesichts der Unmöglichkeit, einander zu überzeugen, daher nichts anderen sein als der Versuch, den anderen dahin gehend zu manipulieren, die eigenen subjektiven Präferenzen zu übernehmen; ein Umstand, der vielleicht nirgendwo so transparent ist wie in Online-Debatten. Protest und das Äußern moralischer Entrüstung werden im Bestreben, andere emotional zu manipulieren, zu den dominanten Stilmitteln des politischen Diskurs. Politik selbst wird vor diesem Hintergrund zu einem Bürgerkrieg mit anderen Mitteln. Dass dieser schlussendlich in physische Gewalt umschlägt ist nichts anderes als eine Frage der Zeit, sofern kein grundsätzliches Umsteuern gelingt.[11]Vgl. Alasdair MacIntyre, After Virtue, S. 85f, 283 – 295.
Alasdair MacIntyre und das technokratische Paradigma in den Sozialwissenschaften
Unter dem Eindruck des technokratischen Paradigmas, welches die Naturwissenschaften zu Leitwissenschaften erklärt, begannen derweil nach MacIntyre die Sozialwissenschaften mit der Aufklärung den Anspruch zu erheben, menschliches Verhalten anhand ebensolcher universell gültiger Gesetze erklären zu können wie Naturwissenschaftler natürliche Vorgänge anhand der Naturgesetze. Letztlich geht es hierbei um die Legitimität der Sozialwissenschaften als Wissenschaften im durch das technokratische Paradigma bestimmten Kontext. Dies wiederum verlangt die Ausblendung und ultimativ Negation der subjektiven Seite menschlichen Verhaltens inklusive der Intentionen (= Finalursachen), insofern diese aufgrund ihrer Eigenart sich objektiver Erforschung prinzipiell entzieht, und einen exklusiven Fokus auf die Wirkursachen menschlichen Verhaltens im Sinne eines mechanistischen und letztlich deterministischen Menschenbildes.[12]Vgl. ebd., After Virtue, S. 97f.
Zielt die moralphilosophische Ablehnung aristotelischer Teleologie auf die Maximierung menschlicher Autonomie, ist das Ziel sozialwissenschaftlicher Ablehnung aristotelischer Teleologie die absolute Berechenbarkeit – und damit letztlich Manipulierbarkeit – menschlichen Verhaltens.[13]Vgl. ebd., S. 96 – 99 Dies erklärt wiederum das große Renommé der Sozialwissenschaften im zuvor beschriebenen politischen und gesellschaftlichen Klima.
Alasdair MacIntyre sieht dabei einen engen Zusammenhang mit dem Entstehen moderner Bürokratien. Die Kritik der Sozialreformer des 19. Jahrhunderts – von Saintsimonisten über Comtisten und Utilitaristen bis hin zu englischen Amoralisten und Fabianern – an den bestehenden Verhältnissen liefe demnach auf den Vorwurf hinaus, der Staat sei zu „unwissenschaftlich“, richte sich also zu wenig an den Erkenntnissen der Sozialwissenschaften aus. Regierungen antworten auf diese Kritik, indem sie versuchen, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen und sich selbst als sehr wohl „wissenschaftlich“ zu präsentieren. Zu diesem Zweck bevölkern sie ihre Bürokratien mit tatsächlichen oder vermeintlichen Experten sowie insbesondere den Nachfolgern der Sozialreformen, die forthin als „Sozialingenieure“ die vermeintlichen oder tatsächlichen Erkenntnisse der Sozialwissenschaften in die Tat umsetzen.[14]Vgl. ebd. S. 100.
Die Legitimität und Autorität der Bürokratie liegt dabei just in ihrem Anspruch begründet, auf möglichst effiziente und damit ökonomische Weise Mittel und Zwecke zusammenzubringen, indem sie sich hierfür der Erkenntnisse der Sozialwissenschaften bedient[15]Vgl. ebd., S. 30f, 101., wobei Zwecke – also Finalursachen – im Kontext der modernen Sozialwissenschaften subjektive, sprich: irrationale, Präferenzen widerspiegeln und lediglich die passenden Mittel – also Wirkursachen – rationaler Untersuchung zugänglich sind.[16]Vgl. ebd., S. 30f. Aufgabe des die Bürokratie leitenden Managers ist es dabei nicht, Ziele zu hinterfragen – sprich nach dem telos zu fragen – sondern sie zu erreichen. Dies tut er durch die geschulte Verfügung über und Beherrschung der Mittel. Die Mittel des Managers sind aber Menschen. Der Manager ist derjeniger, der über Menschen als Mittel, als Instrumente effektiv verfügt.[17]Dem Manager als dem Verfüger über Menschenmaterial entspricht der von Erich Fromm beschriebene Marketing-Charakter (siehe Erich Fromm, Haben oder Sein), der Verkäufer und Ware in einem ist, … Continue reading Darin gründet seine Autorität. Sein entsprechendes Wissen bezieht er – zumeist eher indirekt – aus den Sozialwissenschaften. Seine ganze Autorität hängt folglich – wie jene der Bürokratie – an deren Prestige. Bürokratie und Manager erheben also den Anspruch, letztlich willkürlichen und irrationalen Zwecken die passenden Mittel möglichst effizient – also kostensparend – bereitstellen zu können; sprich: Legitimität und Autorität der Bürokratie und der Manager gründen in ihrer beanspruchten Nützlichkeit, ohne zu hinterfragen oder beantworten zu können, wozu sie eigentlich nützen (sollen); ein Anspruch, der im Letzten auf der Naturwissenschaftlichkeit der Sozialwissenschaften beruht, die MacIntyre wiederum einer radikalen Kritik unterzieht, infolge derer er zum Schluss kommt, dass die Autorität und Legitimität von Bürokratie und Management ein moderner Aberglaube, ja ein Fetisch, sei.[18]Vgl. Alasdair MacIntyre, After Virtue, S. 88 – 92, 103ff. Die Sozialwissenschaften erscheinen vor diesem Hintergrund als Ideologie im marxschen Sinne der privaten und öffentlichen Bürokratien sowie der diese leitenden Managerschicht, die mit deren Hilfe ihre in Relation zu ihrem tatsächlichen Nutzen überproportionale soziale Relevanz und politische Macht rechtfertigen.[19]Vgl. ebd., S. 124f.
Eine besondere Rolle spielten dabei auch die akademischen Wirtschaftswissenschaften, seien diese nun neoliberal-libertärer oder keynesianischer Provenienz. Generell gingen diese von einem verkürzten Menschenbild des homo oeconomicus und der rational-choice-Theorie aus, das bzw. die praktische Vernunft im Sinne der Maximierung der Präferenzbefriedigung verstehe. Auf diese Weise legitimierten diese nicht nur den Kapitalismus und die mit diesem einhergehende politische und ökonomische Ungleichheit, von dem die betreffenden Wissenschaftler selbst über Beraterverträge und Sitze in Gremien und Ausschüssen profitierten, vor allem vermittelten sie aber auf diese Weise erst künftigen Managergenerationen auf dem Weg der universitären Bildung just jene Denk- und Handlungsweisen, die sie dann als Gegebenheiten beschrieben. Mit anderen Worten: Durch ihre Lehre schaffen sie die Realität, die sie in ihrer Forschung voraussetzen. Das System der universitären Wirtschaftswissenschaften ähnelt somit einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.[20]Vgl. Alasdair MacIntyre, „Ethics in the Conflicts of Modernity – An Essay on Desire, Practical Reasoning and Narrative“, Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom 2016″, S. … Continue reading
Dass Spieltheorie und Kosten-Nutzen-Kalkulation menschliche Beziehungen, auch in der Familie, treffend beschreiben könnten, sei daher, so MacIntyre, nicht ein Hinweis, dass der Mensch tatsächlich so sei, sondern wie sehr der Mensch in unserer Kultur gelernt habe, sich selbst so zu sehen. In einer von solchen Menschen bevölkerten Welt sei aber die Zunahme sozialer Ungleichheit kein Zufall; wer in einem solchen System selbst nichts zu bieten habe, bekomme auch nichts.[21]Vgl. ebd., S. 184 – 188.
Das technokratische Paradigma und der Liberalismus bei Alasdair MacIntyre
Wie wir gesehen haben, verwendet Alasdair MacIntyre für das Projekt der Aufklärung bzw. der Moderne, eine universal gültige und anerkannte Moral zu begründen, in „Whose Justice? Which Rationality?“ den Begriff „Liberalismus“. Die Verwendung dieses Begriffes begründet MacIntyre de facto damit, dass dessen Ziel darin besteht, das Individuum als solches aus den Bindungen an Traditionen durch die Berufung auf universell gültige Prinzipien zu emanzipieren. Diesem moralphilosophischen Projekt entspricht eine bestimmte politische und soziale Ordnung, eben die liberale, in der Traditionen – etwa solche religiöser Natur – nur geduldet werden, insofern sie ihren jeweiligen Universalanspruch aufgeben und sich als subjektive, also letztlich irrationale, Präferenzen ohne Auswirkungen auf den öffentlichen Raum neu erfinden. Die Religionsfreiheit erscheint vor diesem Hintergrund als eine Illusion, eine Täuschung, insofern Religionen nur geduldet werden, wenn sie ihren Wahrheitsanspruch aufgeben, also gerade das, was sie als Religion auszeichnet. Diese Pseudo-Religionsfreiheit der liberalen Ordnung deckt somit nur die äußere Hülle der Religion ab, ihre Riten und Frömmigkeitspraktiken, insofern diese keine Relevanz für das soziale und politische Leben beanspruchen. In dieser Ordnung gibt es nur Individuen und Gruppen mit ihren jeweiligen Präferenzen, wobei Gruppen Ansammlungen von Individuen mit gemeinsamen Präferenzen sind. Dies folgt aus der dem technokratischen Paradigma entsprechenden Negation von Finalursachen und damit von allgemein gültigen Zielen und Zwecken, die sich aus einer menschlichen Natur ergeben würden und deren Gehalt Gegenstand einer rationalen Auseinandersetzung sein könnten. Was stattdessen bleibt sind eben jene subjektiven und letztlich irrationalen Präferenzen, über die eine rationale Auseinandersetzung ausgeschlossen ist. Konflikte zwischen unterschiedlichen Präferenzen werden daher durch Aushandeln geklärt, wobei die Präferenzen nach den dahinter stehenden Machtmitteln gewichtet werden – politisch nach Wählerstimmen, im Markt nach der Kaufkraft.[22]Vgl., Alasdair MacIntyre, Whose Justice? Which Rationality?, S. 335 – 345. Vgl. zum Gegensatz zwischen individualistischem und nicht-individualistischem Gemeinwohlbegriff: Alasdair MacIntyre, … Continue reading
Dabei sei, so MacIntyre in „Ethics in the Conflicts of Modernity“ zu beachten, dass das Wahlrecht zwar formal die Zustimmung der Regierten garantiere, inhaltlich jedoch die zur Wahl stehenden Optionen durch Koalitionen von Interessengruppen bestimmt würden, die ihre Macht daraus bezögen, dass sie Wähler mobilisieren können, über Expertise in ausgewählten Bereichen verfügten, Einfluss via die Massenmedien nehmen können oder über Geld verfügen. Der Mangel an Geld und Bildung blockiere nicht nur den Zugang zu den Entscheidungsprozessen, sondern auch die Möglichkeit, diese Situation in Frage zu stellen. Die Verteilung politischer Macht hänge damit letztlich von der Verteilung ökonomischer Macht ab.[23]Vgl. Alasdair MacIntyre, „Ethics in the Conflicts of Modernity“, S. 126 – 128.
Letztlich gilt also das Recht des Stärkeren, wobei es das Verdienst der liberalen Ordnung ist, dass sich der Stärkere zur Durchsetzung nicht direkt der Anwendung oder Androhung von Gewalt bedienen muss, da für ihn stellvertretend die liberale Ordnung selbst in Form des Gewaltmonopols des Staates durch die Anwendung oder Androhung von Gewalt jene Verfahrensregeln im politischen und ökonomischen Bereich garantiert, die dem Stärkeren die Durchsetzung seiner Präferenzen ermöglichen. Lediglich die Relativität der jeweiligen Stärke stellt sicher, dass sich keine Seite uneingeschränkt durchsetzt und in der Regel am Ende Kompromisse stehen. Theorien versuchen in einem nicht endenden Diskurs zu klären, was dabei als gerecht zu gelten habe. Die verbindliche Letztentscheidung treffen dabei die Gerichte. Die Juristen seien der neue Klerus. Wer sich an Markt und Politik in der liberalen Ordnung beteiligt, anerkennt damit die liberalen Prämissen und reduziert die eigenen Überzeugungen auf Präferenzen – also ultimativ Geschmacksfragen. So werden sie jedenfalls unweigerlich wahrgenommen und behandelt. Ein inhaltlich definierbares Gemeinwohl, eben eine Finalursache des Gemeinwesens selbst, existiert nicht. Es ist vielmehr – ganz wie Nawroth es für den Neoliberalismus beschreibt – die Summe der Präferenzen bzw. der Fortbestand der liberalen Ordnung selbst als Garant der Möglichkeit, die je eigenen Präferenzen auszudrücken bzw. durchzusetzen. Traditionen, die eine hiervon abweichende Konzeption von Gemeinwohl haben, etwa der politische Islam, müssen liberalerseits bekämpft werden. Der Masse bleibt damit lediglich die Wahl zwischen verschiedenen Optionen. Sie wird auf diese Weise dazu erzogen, hierin die wahre Freiheit zu erblicken und ihre eigenen subjektiven und letztlich irrationalen Präferenzen als nicht weiter hinterfragbare Entscheidungskriterien anzusehen. Die wahre Macht liegt derweil bei der Elite, die entscheidet, welche Optionen es überhaupt gibt.[24]Vgl., Alasdair MacIntyre, Whose Justice? Which Rationality?, S. 335 – 345.
Folgerichtig bezeichnet MacIntyre die westlichen Gesellschaften in seinem Essay „Politics, Philosophy and the Common Good“ aus dem Jahr 1997 als Oligarchien.[25]Vgl. Alasdair MacIntyre, Politics, Philosophy and the Common Good, Studi Perugini 3 1997, S. 237.

Der politische Diskurs ist damit kein Ringen um eine inhaltliche Bestimmung des Gemeinwohls – das wie gesehen schlicht in der Summe der faktisch vorhandenen Präferenzen plus dem Fortbestand der liberalen Ordnung selbst besteht – sondern, wie schon ausgeführt, ein Bürgerkrieg mit anderen Mitteln; der Versuch, mit rhetorischen Mitteln die Gegenseite nach den eigenen Vorstellungen zu manipulieren und auf diese Weise in dem zu findenden Kompromiss so viel wie möglich, für sich selbst herauszuschlagen.
In der Praxis, so MacIntyre, wird hierbei in den meisten Fällen mit einem – aus der modernen Moralphilosophie abgeleiteten – rechtebasierten Individualismus – das liberale moralphilosophische Projekt zielt ja auf die Emanzipation des Individuums – oder der – aus dem Anspruch der Sozialwissenschaften abgeleiteten – Nützlichkeit bürokratischer Organisation argumentiert. Es ist just jene falsche Dichotomie aus Indivdualismus und Kollektivismus, von der Nawroth als Resultat der Zurückweisung aristotelischer Philosophie sprach. Linke und Rechte unterscheiden sich demnach nur darin, dass erstere im ökonomischen Bereich die Vorzüge der bürokratischen Organisation anführen und im Sexualbereich einem rechtebasierten Individualismus das Wort reden, während Rechte genau andersherum argumentieren.[26]Vgl. Alasdair MacIntyre, After Virtue, S. 40.
Diese Frontlinien ziehen sich jedoch auch durch die meisten der jüngsten gesellschaftlichen Großkonflikte, wobei etwa die Befürworter der Corona-Maßnahmen mit der Nützlichkeit bürokratischer Organisation argumentierten, die Kritiker mit einem rechtebasierten Individualismus, die Befürworter von Klimaschutzmaßnahmen mit der Nützlichkeit bürokratischer Organisation (etwa der eines Verbrennerverbots oder einer Wärmepumpenpflicht), deren Kritiker mit einem rechtebasierten Individualismus (so etwa das Recht, ein Auto mit Verbrennermotor zu kaufen und die Heizungsart selbst wählen zu dürfen) sowie schließlich die Befürworter und Gegner einer weitergehenden europäischen Integration mit den Vorteilen einer (bürokratisch forcierten) Integration bzw. den Selbstbestimmungsrechten der individuellen Staaten, in der Flüchtlingskrise einerseits mit einem schier grenzenlosen Vertrauen in die bürokratische Organisation (“Wir schaffen das!”), andererseits mit der dadurch drohenden Gefährdung eigener Rechte.
Da der Konflikt zwischen rechtebasiertem Individualismus und dem utilitaristischen Argument für bürokratische Organisation sich ebenso wenig argumentativ auflösen lässt, wie die Gegensätze zwischen den verschiedenen modernen Moralphilosophien, die diesem Konflikt zu Grunde liegen, gibt es abgesehen vom zumindest zeitweise totalen Sieg einer der beiden Seiten – etwa den Maßnahmebefürwortern während der Corona-Pandemie – in der Regel nur die Lösung in Form eines von den momentanen Machtverhältnissen abhängigen Kompromisses zwischen beiden Positionen. In der Praxis wird die liberale Ordnung daher von einem bürokratischen Individualismus regiert,[27]Ebd. bei dem die Bürokratie und die sie leitende Managerschicht in den Dienst der Emanzipation des Individuums aus sämtlichen Bindungen gestellt wird und dabei und hierzu immer mehr Macht bei sich selbst konzentriert. Die zuvor erwähnte Elite, bei der die wahre Macht liegt, sind also die öffentlichen und privaten Bürokratien und die diese leitende Managerschicht, in deren Spitzen sich zugleich die ökonomische Macht konzentriert.
Am 29.12.2025 ergänzt um die Abschnitte zu „Ethics in the Conflicts of Modernity – An Essay on Desire, Practical Reasoning and Narrative“.
References[+]
| ↑1 | Vgl. Alasdair MacIntyre, Whose Justice? Which Rationality?, Gerald Duckworth & Co. Ltd, London 2001, S. 390ff. Vgl. hierzu auch Rocco Buttiglione, Modernity’s Alternative – How History is formed in the Dephts of the Peoples, übersetzt von Andrew Bernetsky miz Reuben Slife, hg. von Reuben Slife, New Polity Press Steubenville Ohio USA 2025, S. 243, |
|---|---|
| ↑2 | Vgl. ebd. |
| ↑3 | Vgl. Alasdair MacIntyre, After Virtue, Bloomsbury Academic, London – New York – Dublin 2011, S. 62f, 96 – 99. |
| ↑4 | Vgl. ebd., S. 71f. |
| ↑5 | Vgl. ebd., S. 96. |
| ↑6 | Vgl. ebd., S. 43ff. |
| ↑7 | Vgl., Alasdair MacIntyre, Whose Justice? Which Rationality?, S. 326ff. |
| ↑8 | Vgl. Alasdair MacIntyre, Three Rival Versions of Moral Enquiry – Encylopedia, Geneology and Tradition being Giffords Lectures delivered in the University of Edinburgh in 1988, University of Notre Dame Press, Notre Dame Indiana, USA 2012, S. 9ff. |
| ↑9 | Vgl. Alasdair MacIntyre, unter anderem After Virtue, S. 43 – 74. |
| ↑10 | Vgl. Alasdair MacIntyre, Three Rival Versions of Moral Enquiry – Encylopedia, Geneology and Tradition, S. 227. |
| ↑11 | Vgl. Alasdair MacIntyre, After Virtue, S. 85f, 283 – 295. |
| ↑12 | Vgl. ebd., After Virtue, S. 97f. |
| ↑13 | Vgl. ebd., S. 96 – 99 |
| ↑14 | Vgl. ebd. S. 100. |
| ↑15 | Vgl. ebd., S. 30f, 101. |
| ↑16 | Vgl. ebd., S. 30f. |
| ↑17 | Dem Manager als dem Verfüger über Menschenmaterial entspricht der von Erich Fromm beschriebene Marketing-Charakter (siehe Erich Fromm, Haben oder Sein), der Verkäufer und Ware in einem ist, wobei die Ware für den Verkäufer immer nur Mittel, nie Zweck ist. Der Marketing-Charakter ist also dadurch gekennzeichnet, dass er sich selbst fortwährend als Mittel behandelt – und so wird es auch der Manager tun, der die Ware dann kauft oder doch eher least. |
| ↑18 | Vgl. Alasdair MacIntyre, After Virtue, S. 88 – 92, 103ff. |
| ↑19 | Vgl. ebd., S. 124f. |
| ↑20 | Vgl. Alasdair MacIntyre, „Ethics in the Conflicts of Modernity – An Essay on Desire, Practical Reasoning and Narrative“, Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom 2016″, S. 101 – 106. |
| ↑21 | Vgl. ebd., S. 184 – 188. |
| ↑22 | Vgl., Alasdair MacIntyre, Whose Justice? Which Rationality?, S. 335 – 345. Vgl. zum Gegensatz zwischen individualistischem und nicht-individualistischem Gemeinwohlbegriff: Alasdair MacIntyre, Politics, Philosophy and the Common Good, Studi Perugini 3 1997, S. 239 – 242. |
| ↑23 | Vgl. Alasdair MacIntyre, „Ethics in the Conflicts of Modernity“, S. 126 – 128. |
| ↑24 | Vgl., Alasdair MacIntyre, Whose Justice? Which Rationality?, S. 335 – 345. |
| ↑25 | Vgl. Alasdair MacIntyre, Politics, Philosophy and the Common Good, Studi Perugini 3 1997, S. 237. |
| ↑26 | Vgl. Alasdair MacIntyre, After Virtue, S. 40. |
| ↑27 | Ebd. |