Welche Neuzeit?
Wenn Romano Guardini vom Ende der Neuzeit spricht, stellt sich zunächst die Frage, wovon Guardini meint, dass es zu Ende geht. Was meint, Guardini, wenn er „Neuzeit“ sagt bzw. schreibt? Dieser Frage soll zuerst nachgegangen werden.
Kurz gesagt meint Guardini mit „Neuzeit“ „Daseinsgefühl, -verständnis und -gestalt“, das sich ab dem 14. Jahrhundert zu entwickeln begann und ab dem 17. Jahrhundert deutlich zu Tage tritt.[1]Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit – Ein Versuch zur Orientierung, 10. Auflage, Matthias-Gründewald-Verlag Mainz, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1986. All dies zeichnet er auf verschiedenen Ebenen nach.
Charakteristisch für die Neuzeit ist die Entgrenzung von Zeit und Raum. Man denke etwa an die Entdecker des 15. und 16. Jahrhunderts sowie an den Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild und darüber hinaus. Guardini erwähnt hier auch explizit die kosmologischen Spekulationen eines Giordano Bruno. Raum und Zeit weiten sich für den Menschen der Neuzeit ins schier Unendliche. Der Mensch verliert dadurch einerseits seinen festen Platz in der Ordnung der Welt, gewinnt dafür aber zugleich eine neue Freiheit.
Dies spiegelt sich in den verschiedenen Kulturbereichen wieder. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik entwinden sich der Umklammerung durch die Religion – sowie generell einer Rückbindung an Ethik – und beginnen, ihrer jeweiligen Eigengesetzlichkeit zu folgen. Für die Wissenschaft bedeutet dies das Entstehen der modernen Naturwissenschaft, für die Wirtschaft des modernen Kapitalismus und für die Politik das Aufkommen des amoralischen, auf Machterwerb und -erhalt gerichteten rein technische Denkens eines Macchiavelli.[2]Ebd., S. 30 – 35.

Zentral für die neuzeitliche Weltsicht wird die Trias Natur – Persönlichkeit bzw. Subjekt – Kultur. In ihr ist alles zusammengefasst, was es zu wissen gilt.
Natur meint dabei die noch nicht vom Menschen umgeformte Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit. Der Mensch ist das ihr autonom (Kant!) gegenübertretende Subjekt, das sich als Persönlichkeit „aus eigener Anlage und Initiative“[3]Ebd., S. 39. entfaltet und die Natur mittels der Technik zur Kultur transformiert.
Romano Guardini und die neuzeitliche Trias
Die Welt ist nicht mehr Schöpfung und damit auf Gott als ihren Schöpfer bezogen, sondern Natur und als solche einerseits Gegenstand menschlicher Gestaltungsabsicht und andererseits zur „Mutter Natur“ vergöttlichter Gegenstand der Verehrung, so etwa bei Goethe. Als Totalität büßt der Naturbegriff zugleich den dynamisch-teleologischen Charakter ein, wie er ihn in der aristotelischen Philosophie noch besaß, in dem es möglich war, Kultur nicht im Gegensatz zur Natur, sondern vielmehr als spezifischen Ausdruck menschlicher Natur zu begreifen. Der Mensch wiederum hört auf, einerseits als Geschöpf mit der übrigen Schöpfung verbunden und zugleich kraft seiner Gottesebendlichkeit ihr übergeordnet und dabei wiederum in Bezug auf sie Gott verantwortlich zu sein. Stattdessen wird der Mensch einerseits zu einem Tier unter anderen, andererseits aufgrund seiner Autonomie selbst zu einer Art Gott, für den an die Stelle des objektiv Wahren und Guten als verbindlicher Richtschnur das Streben nach eigener Authentizität tritt.[4]Ebd., S. 36 – 46.
Persönlichkeit bzw. Subjekt beschreibt Guardini näherhin wie folgt:
„Sein Wesen lag einmal im Gefühl des Individuums, aus den mittelalterlichen Bindungen gelöst und Herr seiner selbst geworden zu sein, in der Haltung der Autonomie. Sie drückte sich philosophisch in der Theorie vom Subjekt als dem Grund allen Begreifens, politisch im Gedanken der bürgerlichen Freiheiten; lebensmäßig in der Vorstellung aus, das menschliche Individuum trage eine innere Gestalt in sich, welche fähig und verpflichtet sei, sich aus sich selbst heraus zu entfalten und ein nur ihr eigenes Dasein zu verwirklichen.“[5]Ebd., S. 52.
Kollektiv ereignet sich das in der Kultur als dem Gesamt menschlichen Schaffens. Der Mensch der Neuzeit ist Zeuge und Agent eines kolossalen Aufbruchs, der Wissenschaft, Technik, Kunst, Wirtschaft und Politik gleichermaßen erfasst. In den Worten Guardinis: „Alles das war wie ein Ausbruch unbekannter Kräfte aus bisher verschlossenen Tiefen. Der Mensch erlebte die Welt und, an der Welt, sich selbst in ganz neuer Weise…Ausdruck dieser Gesinnung ist der neuzeitliche Glaube an den Fortschritt, der mit Sicherheit aus der Logik von Menschenwesen und Menschenwerk hervorgeht.“[6]Ebd., S. 64f. Selbst die neuzeitliche Gesellschafts- und Zivilisationskritik, etwa eines Rousseau, zweifelt nicht grundsätzlich am Fortschritt, sondern will diesen lediglich in rechte Bahnen lenken und Fehlentwicklungen korrigieren.[7]Ebd., S. 66.
Der christliche Glaube gerät in dieser Gemengenlage immer mehr in die Defensive und wird immer stärker als fragwürdig wahrgenommen.[8]Ebd., S. 36 – 46.