Alasdair MacIntyre - ein Fazit

Die Zugehörigkeit Alasdair MacIntyres zur Tradition des Aristotelismus und speziell des Thomismus ist unstrittig. Sie ist es, der er diese ausführliche Behandlung verdankt und dies unter dem besonderen Gesichtspunkt seines möglichen Beitrags zu einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform.

Immer wieder wurde Alasdair MacIntyre aufgrund seiner positiven Betonung von Tradition und Gemeinschaft von anderen als Traditionalist, Kommunitarist oder auch Konservativer eingestuft. Er selbst hat dem stets widersprochen und vor einer naiven Idealisierung von Tradition oder Gemeinschaft gewarnt. Beide waren für ihn keine statische Realitäten, die es einfach zu bewahren gelte, sondern stets reform- und damit auch kritikbedürftig, bestenfalls auf dem Weg einer dynamischen Entwicklung hin zu mehr Gerechtigkeit und mehr Vernunft, stets aber auch der Gefahr der Erstarrung oder des Versinkens in einer Form der Barbarei ausgesetzt. Seine weitergehende Kritik am Kommunitarismus wurde bereits erwähnt. Auch mit dem Neoliberalismus vieler zeitgenössischer Konservativer seit spätestens den 1980er Jahren  konnte sich Alasdair MacIntyre nie anfreunden, wie er überhaupt wenig Bewahrenswertes an der herrschenden liberalen Ordnung unserer Tage findet.

Hinsichtlich seiner politischen Philosophie kann man MacIntyre eher als einen Revolutionär ansehen, weniger aufgrund der Neuartigkeit seines Denkens als aufgrund des Umfangs seiner Kritik an den herrschenden Verhältnissen. In religiöser Terminologie, die ihm selbst allerdings weitgehend fremd ist, könnte man ihn auch eine prophetische Stimme unserer Zeit nennen.

Entsprechend hat MacIntyre sich selbst auch mit der Bezeichnung revolutionärer Aristotelismus identifiziert und eine dem gemäße Deutung seines Werkes wohlwollend begleitet. Mit gewisser Berechtigung kann man MacIntyre allerdings auch als postliberal einordnen. So teilte er die emanzipatorische Zielsetzung der – ja in seinen eigenen Worten liberalen – Moderne, versuchte jedoch, die Ressourcen klassischer, vormoderner Philosophie nutzbar zu machen, um die Mängel und Fehler moderner Moralphilosophie zu beseitigen. Er war somit weder klassisch-vormodern – oder gar reaktionär, denn seine Zielsetzung ist genuin modern, noch modern im eigentlichen Sinne oder liberal, denn er bediente sich der Ressourcen der Vormoderne. Dieses Bestreben, mithilfe vormoderner Ansätze über die liberale Moderne hinauszugehen, anstatt sie in einem rein antiliberalen Sinne einfach abzulehnen, lässt sich durchaus als postliberal bezeichnen, wenn man sich von den medial propagierten Zerrbildern des Postliberalismus frei macht.

Alasdair MacIntyre

Inhaltlich zeigen sich bei seiner politischen Philosophie am ehesten Gemeinsamkeiten mit dem libertären Kommunalismus oder Munizipialismus Murray Bookchins, auch wenn beider theoretische Herleitung aus sehr unterschiedlichen Traditionen schöpft. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist, dass Bookchin in Zusammenhang mit seiner politischen Philosophie auch von einer Sozialökologie sprach.

Ein blinder Fleck in MacIntyres Denken sind sicherlich die Leistungsgemeinschaften, die neben und vor allem auch in den Kommunen zentrale Orte gemeinschaftlichen politischen Denkens und Handelns und damit des Erwerbs und der Anwendung praktischer Vernunft sein können und sollten, die bei ihm allerdings keinerlei Erwähnung finden.

Alasdair MacIntyre – die zentrale Botschaft

Die zentrale Botschaft Alasdair MacIntyres ist dabei zweifellos, dass wir für das Wachstum in den Tugenden, für ein gelungenes und glückliches Leben über unsere gesamte Lebensspanne hinweg und für die hierauf zielende Verwirklichung einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform die Zugehörigkeit zu einer konkreten Tradition und konkreten Gemeinschaften brauchen, Gemeinschaften des bedingungslosen Gebens und Empfangens, und dass der erste Schritt hin zu einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform daher darin bestehen muss, solche bereits bestehenden Gemeinschaften zu identifizieren und zu stärken – oder aber auch ganz neu zu bilden. Im Letzten erfordert eine solche aristotelische Bildungs- und Erziehungsreform nach Alasdair MacIntyre jedoch nicht weniger als eine sozialökologische Transformation, das heißt eine Transformation unserer ökonomischen und politischen Institutionen und Strukuren. Hierin, so kann man abschließend sagen, sieht Alasdair MacIntyre das entscheidende Mittel zur Durchführung einer aristotelischen Bildungs- und Erziehungsreform. Als Motoren einer solchen setzte MacIntyre dabei primär auf lokale, gemeinwohlorientierte Initiativen, betonte aber zugleich die Notwendigkeit der Entwicklung einer transformativen politischen Vorstellungskraft.

Zuletzt überarbeitet am 31.12.2025.