Wilhelm Röpke und die Frage nach einer politischen Ökologie

Wilhelm Röpke wandte sich zu seiner Zeit gleichermaßen gegen Kollektivismus wie Liberalismus, gegen Sozialismus wie laisser-faire-Kapitalismus. Liberalismus und Marxismus gleichermaßen hielt er ihren Materialismus vor und sah in beiden Ideologien eine Form des Ökonomismus,[1]Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 26f. eine Kritik, die Jahrzehnte später Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Laborem exercens wiederholen sollte.[2]Laborem exercens, besonders die Nr. 7 und 13.

Für Röpke war, bei einem – wenn auch kontinentaleuropäischen – Neoliberalen nicht überraschend, der Sozialismus aufgrund der ihm inhärenten Mikrosteuerung des Wirtschaftslebens mit einem freien, demokratischen Gemeinwesen unvereinbar. Dabei ist zu betonen, dass Röpke Sozialismus mit Planwirtschaft gleichsetzte, die er als eine bürokratische Festlegung der Angebotsseite begriff.[3] Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 87ff und 162f.

Sozialismus im ökonomischen Bereich bedeutete für ihn daher notwendig bürokratische Willkürherrschaft im politischen Bereich. Beides war in seinen Augen nicht nur ökonomisch nicht tragfähig, sondern vor allem unvereinbar mit der Würde des Menschen.

In diesem Zusammenhang äußert Wilhelm Röpke auch Gedanken zu der Frage, wie eine Demokratie ausgestaltet sein müsste, um dauerhaft Bestand zu haben. Er weist darauf hin, dass Mehrheitsentscheide von fragwürdiger Legitimität sind, wenn sie nur knapp ausfallen, umso mehr bei weitreichenden Entscheidungen, bei denen die Möglichkeit einer Revision mitunter nur rein in der Theorie besteht. Gefährlicher wird es noch, wenn es stets die selbe Mehrheit ist, die ihre Ansichten immer wieder knapp durchsetzt. Vor diesem Hintergrund formuliert Röpke drei Voraussetzungen für eine dauerhaft stabile Demokratie:

  1. eine gewisse Grundhomogenität des Denkens und Fühlens
  2. eine möglichst umfassende Dezentralisierung der Entscheidungsbefugnisse
  3. eine Beschränkung des Staates auf wenige Kernbereiche

Die Schweiz als Musterstaat von Wilhelm Röpke

Auf diese Weise, hoffte Wilhelm Röpke, sei in allen relevanten politischen Fragen ein größtmöglicher Konsens erzielbar, der wiederum der Legitimität der Demokratie diene und diese festige. Seinem so formulierten Ideal ziemlich nahe kam die Schweiz, nicht umsonst seine Zuflucht zur Zeit des nationalsozialistischen Regimes.[4]Vgl. ebd., S. 88f. In der Schweiz mit ihrem dezentralen Föderalismus sah er auch die Blaupause für die Einigung Europas.

Wilhelm Röpke

Im Umkehrschluss bedeutet dies natürlich aber auch, dass eine zunehmende Heterogenität des Denkens und Fühlens, politische Zentralisierung und eine ausgreifende Staatstätigkeit sukzessive die Legitimität und Stabilität der Demokratie gefährdet.

Die beschriebene politische Ordnung auf staatlicher Ebene muss jedoch, so Röpke weiter, einhergehen mit einer internationalen Ordnung, deren Konturen dem entsprechen, was Papst Benedikt XVI. Jahrzehnte später in Caritas in Veritate als eine subsidiär strukturierte Weltautorität[5]Vgl. Caritas in Veritate Nr. 67. beschrieb.[6] Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 242.

Ähnlich wie Simone Weil hielt also auch Wilhelm Röpke an der grundsätzlichen Bedeutung des Nationalstaates fest, bei seiner gleichzeitigen Relativierung in sub- (Kommunen, Kantone, Bundesländer) wie supranationaler (Europa, Welt) Richtung. Wie Röpke kritisch feststellte, war es gerade die erste Richtung, die in der Nachkriegsordnung zu kurz kam, während letztere überbetont wurde.

References

References
1Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 26f.
2Laborem exercens, besonders die Nr. 7 und 13.
3 Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 87ff und 162f.
4Vgl. ebd., S. 88f.
5Vgl. Caritas in Veritate Nr. 67.
6 Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 242.