Wilhelm Röpke und die Ernährungswende

In Zeiten der weithin diskutierten Ernährungswende wieder hochaktuell plädiert der neoliberale Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Röpke für die bäuerliche Landwirtschaft und gibt ihr den Vorzug nicht nur gegenüber feudaler und kollektivierter Landwirtschaft, sondern auch gegenüber der industriellen Landwirtschaft.[1]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 202, 212f. Mit mehreren Argumenten begründet er seine Auffassung, wonach die bäuerliche Landwirtschaft zukunftsfähig sei:

Wilhelm Röpke
  • Die auf diesem Weg erreichte Selbstversorgung verschafft den Familien eine größere Unabhängigkeit vom Markt und steigert so ihre Resilienz.[2]Vgl. ebd., S. 207. Hierbei ist zu beachten, dass es Röpke darum geht, dass möglichst viele Familien sich zumindest teilweise aus dem Marktgeschehen zurückziehen können und die Macht des Marktes … Continue reading
  • Die größere Nähe zu den Verbrauchern reduziert die Transportkosten (und, so muss man heute ergänzen, den Energieverbrauch und ist somit auch ökologisch verträglicher).[3]Vgl. ebd., S. 206.
  • Die für bäuerliche Landwirtschaft – wie von Röpke konzipiert – typische diversifizierte Produktion ist ökonomisch resilienter und ökologisch verträglicher als die für die industrielle Landwirtschaft typischen Monokulturen.[4]Vgl. ebd., S. 206f.
  • Die geringere Bedeutung von Lohnkosten auf Familienbauernhöfen erhöht die Wettbewerbsfähigkeit.[5]Vgl. ebd., S. 207.
  • Die Kombination des Bauernhofes mit einem Teilzeit-(Kunst)Handwerksbetrieb kann die wirtschaftliche Resilienz zusätzlich steigern.[6]Vgl. ebd.

Hier trifft sich Röpkes Sicht ganz explizit mit jener von Papst Franziskus, der in Laudato Si‘ erklärte:

„Damit es weiterhin möglich ist, Arbeitsplätze anzubieten, ist es dringend, eine Wirtschaft zu fördern, welche die Produktionsvielfalt und die Unternehmerkreativität begünstigt. Es gibt zum Beispiel eine große Mannigfaltigkeit an kleinbäuerlichen Systemen für die Erzeugung von Lebensmitteln, die weiterhin den Großteil der Weltbevölkerung ernährt, während sie einen verhältnismäßig niedrigen Anteil des Bodens und des Wassers braucht und weniger Abfälle produziert, sei es auf kleinen landwirtschaftlichen Flächen oder in Gärten, sei es durch Jagd, Sammeln von Waldprodukten oder kleingewerbliche Fischerei.“[7]Laudato Si‘ Nr. 129.

Die bäuerliche Landwirtschaft als Säule der Sozialökologie

Vor allem geht es Röpke mit seinem Plädoyer für die bäuerliche Landwirtschaft aber um den Erhalt bzw. die Wiederherstellung einer sozialen Realität, die er als wesentlich für die Sozialökologie ansieht:[8]Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 202, 209.

„Es ist ein essentielles Charakteristikum bäuerlicher Landwirtschaft, dass die Größe jedes Hofes nicht die Arbeitsfähigkeit einer Familie zusammen mit jenen, die Teil von ihr geworden sind, sowie einiger weniger zusätzlicher und oft temporärer Arbeiter übersteigt; in der Regel ist der Hof Eigentum des Bauern und verkörpert als solches Tradition sowie die Abfolge der Generationen; er ist eingebettet in die soziale Organisation von Familie und Verwandtschaft, des Dorfes und kooperativer Bauernvereinigungen sowie der beruflichen und nachbarschaftlichen Gemeinschaft, der jeder Gedanke an Wettbewerb fremd ist; und letztlich, den Zyklen der Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten folgend, ist es ein gemischter Betrieb, der Ackerbau und Tierzucht gleichermaßen in verschiedenen Kombinationen betreibt. Indem dies gesagt ist, haben wir zugleich gezeigt, dass der bäuerliche Hof der Ort von Leben und Arbeit, Produktion und Konsum ist, dass er Behausung und Arbeitsräume beherbergt, Mensch und Natur zusammenbringt, befriedigende und sinnvolle Tätigkeit erfordert sowie den unmittelbaren Genuss seiner Früchte. Er fördert auf ideale Weise die unabhängige Entwicklung der Persönlichkeit und zur gleichen Zeit die Wärme menschlicher Gemeinschaft und gleicht auf diese Weise die industriellen und städtischen Aspekte unserer Zivilisation mit Tradition und Konservatismus, ökonomischer Unabhängigkeit und Selbstversorgung, vielseitiger Aktivität und Entwicklung, Nähe zur Natur, Maß und Ruhe, eine natürliche und volle Existenz in der Nähe der Quellen des Lebens und eine demütige Integration in die Kette von Geburt und Tod.“[9]Ebd., S. 202. Rückübersetzung in das Deutsche durch den Autor dieses Textes.

Man könnte auch sagen: Die bäuerliche Lebensweise schafft Verbundenheit, stiftet Sinn und ist schlicht und ergreifend schön. Dies kommt zuvörderst „der elementaren sozialen Zelle der Familie[10]Laudato Si‚ Nr. 142. zugute, wie Röpke weiter ausführt:

„Die bäuerliche Wirtschaft beweist, dass ein Typ von Familie möglich ist, die jedem Mitglied eine produktive Funktion gibt und so zu einer Lebensgemeinschaft wird, die alle Probleme der Erziehung und der Altersgruppen auf natürliche Weise löst; so sehr verschieden von den heute durchschnittlichen Familien, die zu einer reinen Verbraucherkooperative herabgesunken sind, bar jeder Bedeutung.“[11]Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 203.

Wilhelm Röpkes Vorschläge zur Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft

Zur Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft empfiehlt Röpke die Entwicklung geeigneter Techniken und die Ausbildung (angehender) Bauern in diesen[12]Vgl. ebd., S. 205. sowie die Steigerung der Nachfrage durch

a) die Senkung der Endverbraucherpreise mittels Kostensenkung durch Abschaffung von Zöllen, Ausbau von Produktions- und Marketingkooperativen sowie einer Reduzierung der Gewinnmargen von Zwischenhändlern (wobei er sich ausschweigt, wie dies zu erreichen sei; mutmaßlich durch einen Ausbau der Direktvermarktung wie sie das Common Cecosesola in Venezuela betreibt);

b) die Steigerung der Kaufkraft im Allgemeinen und des Anteils des für Lebensmittel verfügbaren Einkommens im Besonderen durch niedrige Arbeitslosigkeit, hohe Löhne und niedrige Preise für Nicht-Lebensmittel. Wesentlich hierfür erachtet er die Integration in den Weltmarkt durch Absenkung bzw. Abschaffung von Einfuhrzöllen.

c) die Änderung des Verbraucherverhaltens durch Bildung und Aufklärung.[13]Vgl. ebd. S. 208f.

An dieser Stelle geht Papst Franziskus freilich einen Schritt weiter, wenn er fordert:

„Die Verantwortungsträger haben das Recht und die Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen, um die Kleinproduzenten und die Produktionsvielfalt klar und nachdrücklich zu unterstützen.“[14]Laudato Si‘ Nr. 129.

Dies begründet er mit den realen Machtverhältnissen zulasten der Kleinproduzenten, die wiederum – Röpke hat es ja selbst dargelegt – wesentlich auf politische Rahmensetzungen zurückzuführen und daher durch deren entsprechende Anpassung wieder zu beseitigen sind:

„Die Größenvorteile, besonders im Agrarsektor, führen schließlich dazu, dass die kleinen Landwirte gezwungen sind, ihr Land zu verkaufen oder ihre herkömmlichen Produktionsweisen aufzugeben. Die Versuche einiger von ihnen, auf andere diversifiziertere Produktionsformen überzugehen, stellen sich am Ende als nutzlos heraus aufgrund der Schwierigkeit, mit den regionalen oder globalen Märkten in Verbindung zu kommen, oder weil die Infrastruktur für Verkauf und Transport den großen Unternehmen zur Verfügung steht.“[15]Ebd.

Etwas später fordert er:

„Es ist möglich, eine landwirtschaftliche Verbesserung der armen Regionen zu fördern durch Investitionen in ländliche Infrastrukturen, in die Organisation des lokalen oder nationalen Marktes, in Bewässerungsanlagen, in die Entwicklung nachhaltiger Agrartechniken und anderes. Man kann Formen der Zusammenarbeit oder der gemeinschaftlichen Organisation erleichtern, welche die Interessen der kleinen Erzeuger schützen und die örtlichen Ökosysteme vor der Plünderung bewahren.“[16]Ebd. Nr. 180

Abschließend festzuhalten bleibt, dass Röpke aus umwelt- wie sozialökologischen Gründen eine Wiederbelebung der (klein)bäuerlichen Landwirtschaft forderte. Hierin ist er sich einig nicht nur mit Papst Franziskus, sondern ebenso mit Simone Weil.[17]Vgl. Marianne Schneider: Simone Weil, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber, übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011, S. 75 – 93.

References

References
1Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 202, 212f.
2Vgl. ebd., S. 207. Hierbei ist zu beachten, dass es Röpke darum geht, dass möglichst viele Familien sich zumindest teilweise aus dem Marktgeschehen zurückziehen können und die Macht des Marktes auf diese Weise beschränkt wird. Keinesfalls geht es ihm um eine nationale Autarkiestrategie, die lediglich den nationalen Markt gegenüber dem globalen Markt abschottet, dabei aber die grundsätzliche Wirtschaftsstruktur unverändert lässt, vgl. S. 211f.
3Vgl. ebd., S. 206.
4Vgl. ebd., S. 206f.
5Vgl. ebd., S. 207.
6Vgl. ebd.
7Laudato Si‘ Nr. 129.
8Vgl. Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 202, 209.
9Ebd., S. 202. Rückübersetzung in das Deutsche durch den Autor dieses Textes.
10Laudato Si‚ Nr. 142.
11Wilhelm Röpke, The social crisis of our time, S. 203.
12Vgl. ebd., S. 205.
13Vgl. ebd. S. 208f.
14Laudato Si‘ Nr. 129.
15Ebd.
16Ebd. Nr. 180
17Vgl. Marianne Schneider: Simone Weil, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber, übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011, S. 75 – 93.