Was bedeutet Anthropozentrismus und was ist das Problem mit ihm?

In seinem Lehrschreiben „Laudato si“ benennt Papst Franziskus neben dem technokratischen Paradigma auch den Anthropozentrismus als eine der menschlichen Wurzeln der gegenwärtigen ökologischen Krise. Doch was meint er damit?

Es ist eine Haltung, in der „sich der Mensch für unabhängig von der Wirklichkeit erklärt und als absoluter Herrscher auftritt“ (LS 117). Die Natur wird dabei „weder als gültige Norm, noch als lebendige Bergung“ empfunden, sondern als „voraussetzungslos, sachlich, als Raum und Stoff für ein Werk, in das alles hineingeworfen wird, gleichgültig, was damit geschieht“ (LS 115). „Auf diese Weise wird der Wert, den die Welt in sich selbst hat, gemindert.“ (LS 115) Auch den anderen Lebewesen wird kein Eigenwert zuerkannt (LS 118).

Diese fehlgeleitete Sichtweise führt „zu einem fehlgeleiteten Lebensstil“, den Papst Franziskus als praktischen Relativismus (LS 122) bezeichnet. „Wenn der Mensch sich selbst ins Zentrum stellt, gibt er am Ende seinen durch die Umstände bedingten Vorteilen absoluten Vorrang, und alles Übrige wird relativ.“ (LS 122)

Eine solche Weltsicht hat auch unweigerlich Konsequenzen für das zwischenmenschliche Miteinander. Folgen dieses Denkens sind daher unter anderem Zwangsarbeit, sexuelle Ausbeutung von Kindern, die Vernachlässigung alter Menschen, Menschenhandel, organisierte Kriminalität, Rauschgifthandel, der Handel mit Blutdiamanten und Fellen von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind, Organhandel und auch das „Wegwerfen“ ungewollter Kinder (LS 123).

Anthropozentrismus und Biozentrismus: zwei falsche Alternativen

So falsch dieser Anthropozentrismus ist, so falsch ist ebenso das andere Extrem eines Biozentrismus, der darin besteht „dem Menschen jeglichen besonderen Wert abzusprechen“ (LS 118).

Dies würde bedeuten, ein neues Missverhältnis einzubringen, das nicht nur die Probleme nicht lösen, sondern auch andere hinzufügen würde. Man kann vom Menschen nicht einen respektvollen Einsatz gegenüber der Welt verlangen, wenn man nicht zugleich seine besonderen Fähigkeiten der Erkenntnis, des Willens, der Freiheit und der Verantwortlichkeit anerkennt und zur Geltung bringt.“ (LS 118)

Angesichts dieser beiden Extrempositionen – Anthropozentrismus und Biozentrismus – erklärt Papst Franziskus:

Es steht die Entwicklung einer neuen Synthese aus, welche die falschen Dialektiken der letzten Jahrhunderte überwindet.“ (LS 121)

Es „ist der Moment gekommen, der Wirklichkeit mit den Grenzen, die sie auferlegt und die ihrerseits die Möglichkeit zu einer gesünderen und fruchtbareren menschlichen und sozialen Entwicklung bilden, wieder Aufmerksamkeit zu schenken.“ (LS 116)

Dies ist der Hintergrund, vor dem Papst Franziskus erklärt: „Angesichts der Tatsache, dass alles eng aufeinander bezogen ist und dass die aktuellen Probleme eine Perspektive erfordern, die alle Aspekte der weltweiten Krise berücksichtigt, schlage ich vor, dass wir uns nun mit den verschiedenen Elementen einer ganzheitlichen Ökologie befassen, welche die menschliche und soziale Dimension klar mit einbezieht.“ (LS 137)