„Postliberalismus? – Eine transatlantische Debatte“, ein Sammelband erschienen im suhrkamp Verlag, stellt in seinem ersten Teil die Frage: Was ist Postliberalismus? Die Frage „Was ist Liberalismus?“ wird nicht gestellt, allerdings von der im Sammelband mit einem eigenen Beitrag vertretenen Elif Özmen in ihrem ebenfalls im suhrkamp Verlag erschienenen „Was ist Liberalismus?“ beantwortet.

Im Folgenden soll eine eigene Antwort im Einklang mit dem vorherrschenden postliberalen Verständnis gegeben werden. Liberalismus meint demnach viererlei:

1. Ein primär politischer Sammelbegriff der verschiedenen klassischen und neoklassischen ökonomischen Theorien

2. Nach Alasdair MacIntyre das moralphilosophische Projekt der Aufklärung, eine von spezifischen Kulturen und Traditionen unabhängige, universale und abstrakte Ethik zu begründen (Kantianismus, Utilitarismus…), welche das Individuum aus eben diesen Kulturen und Traditionen emanzipiert.

3. In politischer Hinsicht die Verbindung von anthropologischem Individualismus und Souveränitätsprinzip (Thomas Hobbes, John Locke,…).

4.       Das auf 1., 2. und 3. aufbauende sozio-politische System aus repräsentativer Demokratie und liberaler (d.h. „freier“ oder „sozialer“) Marktwirtschaft mit damit einhergehender Einbindung in inter- und supranationale Strukturen („liberale Weltordnung“), wie es sich nach 1945 im Westen allgemein durchgesetzt hat und nach 1990 global durchzusetzen schien, sich heute aber global auf dem Rückzug und in einer Krise befindet und das in der Praxis nach MacIntyre auf einen bürokratischen Individualismus hinausläuft, das heißt die Herauslösung der Individuen aus vorgängigen sozialen Bindungen mit konkomitanter zunehmender Machtkonzentration in Bürokratien, einer diesen vorstehenden Managerklasse sowie dahinter stehender oligarchischer finanzieller Interessen.

Liberalismus

Der Liberalismus hat so gesehen eine ökonomische, eine ethische, eine politische und eine sozial-historische Dimension, mit einem individualistischen Menschenbild als einigendem Band. Zu ergänzen wäre hier allenfalls noch die zugrundeliegende Metaphysik, welche, nach Andrew Willard Jones, eine Metaphysik des Mangels und der Gewalt ist.

Liberalismus und technokratisches Paradigma

Mit Egon Edgar Nawroth ist die erste Dimension als Anwendung des technokratischen Paradigmas auf den Bereich der Wirtschaft anzusehen, mit Alasdair MacIntyre die zweite als Anwendung desselben Paradigmas auf den Bereich der Moralphilosophie, mit Lewis Mumford die dritte als die Anwendung des technokratischen Paradigmas auf Anthropologie und politische Philosophie. Die diesem Paradigma zugrundeliegende Ablehnung der teleologischen Weltsicht des Aristoteles kann somit als zweites einigendes Band neben dem anthropologischen Individualismus angesehen werden.

Das technokratische Paradigma selbst wiederum wurde als Wissenschaftsprogramm wesentlich von René Descartes und Francis Bacon entwickelt.

Mit Lewis Mumford können dabei die sozialen Praktiken des spätmittelalterlichen (13./14. Jahrhundert) Frühkapitalismus sowie die gleichzeitige Herausbildung der Nationalstaaten durch Machtkonzentration in den jeweiligen monarchischen Zentren als mentalitätsgeschichtliche Vorbereitung des technokratischen Paradigmas gedeutet werden, mit – in Übereinstimmung mit Andrew Willard Jones – der Gier (nach Geld bzw.  Macht) als treibendem Faktor, dies in Begleitung entsprechender Entwicklungen in Theologie und Philosophie ab dem ausgehenden 13. Jahrhundert (siehe David C. Schindlers Werk).

Postliberalismus heißt dementsprechend, die teleologische Weltsicht von (platonisch-aristotelischer) Antike und christlichem Mittelalter wiederzugewinnen, den im 13./14. Jahrhundert abgerissenen theologisch-philosophischen Faden neu aufzugreifen (siehe das Werk von D. C. Schindler) sowie im Sinne einer „Politics of Virtue“ (John Milbank/Adrian Pabst) die individuelle und gemeinschaftliche Tugendübung zum Treiber sozialer Entwicklung zu machen (Andrew Willard Jones / „Virtue mainstreaming“).

Aus katholischer Perspektive bzw. der Perspektive der Communio-Theologie ist hierbei zu ergänzen, dass eine solche individuelle und gemeinschaftliche Tugendübung faktisch die Neuevangelisation voraussetzt und damit die individuelle und gemeinschaftliche Antwort auf die allgemeine Berufung zur Heiligkeit, wie sie das 2. Vatikanische Konzil herausgestellt hat.

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