Simone Weil und die ökologische Erziehung
Von Berufswegen war Simone Weil Pädagogin. Entsprechend nimmt die Frage der Erziehung auch einen prominenten Platz in der „Verwurzelung“[1]Weil, Simone, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011. ein. Wir können also davon ausgehen, dass Simone Weil auch einiges zur Frage einer ökologischen Erziehung zu sagen hätte, wie sie Papst Franziskus in Laudato Si‘ fordert.[2]Speziell in den Nr. 209 – 215, aber auch insgesamt im 6. Kapitel, das den Titel „Ökologische Erziehung und Spiritualität“ trägt.
Papst Franziskus spricht von der Notwendigkeit innerer Beweggründe für eine ökologische Umkehr.[3]LS 216. Und Simone Weil? Sie beschreibt Erziehung mit folgenden Worten:
„Die Erziehung – ob es sich nun um Kinder oder Erwachsene, Einzelne oder ein Volk oder um uns selbst handelt – besteht darin, Beweggründe anzuregen. Eine Art Unterricht sollte hinweisen auf das, was vorteilhaft, was obligatorisch und was gut ist. Die Erziehung befasst sich mit den Beweggründen für das tatsächliche Handeln. Denn nie wird eine Handlung ausgeführt, wenn die Beweggründe fehlen, die imstande sind, die unerlässliche Energie dafür zu liefern. Wollte man menschliche Wesen – andere oder sich selbst – zum Guten hinführen, indem man nur die Richtung angibt, ohne darauf geachtet zu haben, dass die nötigen Antriebskräfte gesichtert sind, so wäre es, als wollte man nur durch einen Tritt auf das Gaspedal mit einem Auto ohne Benzin fahren.“[4]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 175f.
Papst Franziskus und Simone Weil sind sich also einig hinsichtlich der Notwendigkeit von Beweggründen für grundlegende Veränderungen.
Ökologische Erziehung durch die Anregung entsprechender Beweggründe
Simone Weil sieht die Aufgabe, Beweggründe anzuregen bei der Erziehung. Als Erziehungsmittel – im Rahmen öffentlicher Aktionen – nennt sie folgende:
- Furcht und Hoffnung, hervorgerufen durch Drohungen und Versprechungen
- die Suggestion
- die entweder offizielle oder von einer offiziellen Stelle gebilligte Äußerung eines Teils der Gedanken, die schon bevor sie ausgesprochen wurden wirklich im Herzen der Massen oder im Herzen gewisser aktiver Elemente der Nation vorhanden waren.
- Das Vorbild
- Die Modalitäten der Aktion selbst und der zu diesem Zweck geschaffenen Organisationen.[5]Ebd., S. 176.
Simone Weil gibt sich große Mühe das zweite und dritte Mittel voneinander abzugrenzen. „Die Suggestion ist…eine Einflussnahme. Sie stellt einen Zwang dar. Ein großer Teil ihrer Wirksamkeit beruht einerseits auf der Wiederholung, andererseits auf der Kraft, über welche die Gruppe, von der sie ausgeht, verfügt oder die sie zu erobern sucht.“[6]Ebd., S. 176f.
Demgegenüber ist das dritte Mittel keine Einflussnahme von außen, sondern eine – durchaus von außen kommende – Antwort auf etwas im Menschen bereits Vorhandenes. Weil macht sich über die Anwendbarkeit dieses Mittels keinerlei Illusionen. „Unter gewöhnlichen Umständen gibt es vielleicht keinen Ort, wo sie [eine diesem Mittel entsprechende Aktion] durchgeführt werden könnte.“[7]Ebd., S. 177.
Lediglich im Privatleben käme es immerhin sehr selten vor, dass Freunde oder „natürliche Führer“ entsprechend agieren könnten.
Drohungen, Versprechungen und Suggestion sind nach Weil grobe und wirksame Mittel.[8]Ebd., S. 183. Freilich: Wirksam heißt noch lange nicht legitim. Und so fordert Weil an anderer Stelle, dass der einzelne vor Suggestion, die sie an dieser Stelle auch gewalttätig nennt, geschützt werde und nennt den Staat, der sich ihrer bedient kriminell.[9]Ebd., S. 29.
Interessant ist, dass Suggestion nach Weil unabhängig vom Wahrheitsgehalt des Suggerierten vorliegt. Dies wirft ein interessantes Licht auf zwei Phänomene der vergangenen Jahre: den Klimaleugner und den Coronaleugner.
Bei Corona-Pandemie wie Klimawandel konnte bzw. kann man beobachten, wie Politiker, Medien und Wissenschaftler – also Gruppen, denen man durchaus ein hohes Maß an gesellschaftlicher „Kraft“ zusprechen kann – immer wieder – also durchaus wiederholend – bestimmte Verhaltensweisen anmahn(t)en.
Hier muss man gar nicht die gute Absicht und die wohlinformierte Expertise dieser Gruppen infrage stellen. Sie hatten und haben ein Problem in seiner ganzen Dringlichkeit erkannt und nahmen sich dessen nach ihren Kräften an. Dennoch kommt man nicht umhin festzuhalten, dass der Vorgang beide Male formal dem ähnelt(e), was Simone Weil als Suggestion beschreibt.
Wie Weil festhält, ist Suggestion – wiewohl illegitim – sehr wirksam. Dennoch wird es wohl immer einen gewissen Prozentsatz an Menschen geben, der auf den so ausgeübten Zwang mit – prinzipiell legitimen (d. h. falls die Art und Weise ihn nicht delegitimiert) Widerstand reagiert.
Wenn sich die Suggestion auf die Autorität der Wissenschaft stützt, wird es vielleicht unvermeidlich sein, dass sich der Widerstand gegen diesen Zwang auch darin äußert, dass man sich intellektuell auf die Suche nach alternativen Theorien macht.
Dies erscheint sogar legitim angesichts der Einwände, die Simone Weil selbst gegen die moderne Wissenschaft bzw. die Beweggründe moderner Wissenschaftler macht.
Das Problem: Der Beweggrund hinter dieser Suche ist eben (auch) nicht die reine Liebe zum untersuchten Gegenstand. Der leitende Beweggrund ist vielmehr der Widerstand gegen den erfahrenen Zwang. Dies lässt die intellektuelle Suche leicht auf Abwege geraten und in Verschwörungstheorien enden. In besonders schweren Fällen mag am Ende gar ein völliger Realitätsverlust stehen.

In beiden Fällen trat die Suggestion gepaart mit Versprechungen und Drohungen auf:
Der Drohung mit der Klimaapopaklypse bzw. dem Kollaps der Intensivstationen samt Bolognesischen Leichenbergen. Dem Versprechen eines grünen Jobwunders bzw. einer Rückkehr zur Normalität.
Auch hier geht es nicht um den Wahrheitsgehalt dieser Drohungen und Versprechungen, sondern darum, dass ihre Wiederholung durch „kraft“volle Gruppen (wieder: illegitime) Suggestivkraft entwickelte, welche eine Gegenreaktion auslöste.
Ein zusätzliches Problem:
Versprechungen und Drohungen operieren mit extrinsischer Motivation. Weil betont die Notwendigkeit, bei der Anregung von Beweggründen nicht nur zu fragen, welche besonders wirksam sind, sondern auch welche verschiedenen Wirkungen sie entfalten können und auf dieser Grundlage sorgsam auszuwählen.[10]Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 186f.
Das Versprechen eines „grünen Jobwunders“ operiert ausgehend von der unhinterfragten Prämisse, dass Wohlstand und Wirtschaftswachstum wichtig sind. Doch auch wenn diese Prämissen unbestreitbar sind, kann dieses Argumentationsmuster auf die Füße fallen, wenn es darum gehen sollte, Wohlstand und Wirtschaftswachstum zumindest teilweise zum Erreichen der Klimaschutzziele zu opfern. Denn wenn es darum geht, schürt die Argumentation mit dem „grünen Jobwunder“ Unverständnis und Widerstand. Versprochen wurde ja etwas anderes.
Ebenso kann die Drohung mit den möglichen Folgen eines ungehemmten Klimawandels zwar einerseits ökologisches Engagement wecken, andererseits aber auch Resignation, Fatalismus und Eskapismus schüren und speziell letzterer kann sich durchaus auch in einem umweltschädlichen gesteigerten Konsumverhalten äußern.

Was bleibt nun jenseits von Versprechungen, Drohungen und Suggestion?
Natürlich das eigene Vorbild sowie öffentliche Aktionen, die so gestaltet sind, dass sie nicht mit Versprechungen, Drohungen oder Suggestion operieren. Dies setzt voraus, dass die Aktionen in jeder Hinsicht gewaltfrei sind sowie auf jegliche Ausübung von Zwang verzichten und die Träger dieser Aktionen nicht zu den gesellschaftlich einflussreichen Gruppen zählen und auch nicht deren Unterstützung beanspruchen können. Kurz: Es dürfen keine Besserverdienenden, Akademiker oder sonstig Privilegierte sein. Sie müssen von den Rändern kommen, Marginalisierte sein. Wer nicht das „Privileg“ hat, zu einem solchen Personenkreis zu gehören, dem bleibt letztlich nur: Vorbild sein durch eine ökologisch verantwortete Lebensführung.
Die Herausforderung dabei: In dem Moment, in dem das eigene Vorbild eine erzieherische Zielsetzung gewinnt, droht der Eindruck des Virtue Signaling – und die Überzeugungskraft des Vorbilds schwindet.
Hier gilt es daher seine Lehre aus der Bergpredigt zu ziehen und die eigenen guten Werke tunlichst im Verborgenen zu verrichten – in der Hoffnung, dass sie jenen, die sie als Vorbild erreichen sollen, schon nicht verborgen bleiben werden.
Jenseits der oben genannten 5 Punkte nennt Weil dann aber doch noch ein weiteres Mittel zur (ökologischen) Erziehung.
Für sie wird jede Tätigkeit – und wir erinnern uns: die Erziehung zielt auf die Anregung von Beweggründen für bestimmte Tätigkeiten – beherrscht von einer bestimmten Auffassung, die man in Bezug auf sie hat.
Diese Auffassung ist nur mit bestimmten Beweggründen vereinbar, mit anderen nicht. Die Herausforderung besteht nun darin, die Auffassungen so weit zu verändern, „dass nur die reinsten Beweggründe zum Zug kommen.“[11]Ebd., S. 232f.
Papst Franziskus: Der christliche Glaube als Beweggrund ökologischen Verhaltens
In gewisser Weise ist dies der Ansatz und die Absicht, welche Papst Franziskus mit Laudato Si‘ verfolgt. Die Auffassung, die Papst Franziskus mit Laudato Si‘ ändern will, ist denkbar radikal und universell: sie betrifft unseren Umgang miteinander und mit der Erde bzw. der Welt als Ganzes. Papst Franziskus wendet sich in diesem Zusammenhang gegen eine Reihe falscher Auffassungen:
- einen christlichen Anthropozentrismus, der den Herrschaftsauftrag Gottes an den Menschen aus dem ersten Schöpfungsbericht umdeutet im Sinne einer hemmungs- und schrankenlosen Willkürherrschaft[12]Vgl. LS 67.
- einen mit dem technokratischen Paradigma verknüpften säkularen Anthropozentrismus, der das Andere (und letztlich auch den Anderen, ja selbst den eigenen Körper[13]Vgl. LS 155. ) als Objekt der uneingeschränkten Verfügungsgewalt und Gestaltungsmacht des menschlichen Subjekts unterwirft[14]Vgl. LS 106 – 117.
- einen neuheidnischen Biozentrismus, der die Sonderstellung und damit die ethische Verantwortung des Menschen leugnet[15]Vgl. LS 118.
Welche Auffassung stellt Papst Franziskus dem entgegen? Die authentisch christliche.
Gegen den christlichen Anthropozentrismus erinnert er an den Auftrag Gottes an den Menschen aus dem 2. Schöpfungsbericht, „den Garten der Welt zu „bebauen“ und zu „hüten“ (vgl. Gen 2,15)“.[16]Vgl. LS 67.
Und weiter: „Während „bebauen“ kultivieren, pflügen oder bewirtschaften bedeutet, ist mit „hüten“ schützen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen gemeint…Denn „dem Herrn gehört die Erde“ (Ps 24,1), ihm gehört letztlich „die Erde und alles, was auf ihr lebt“ (Dtn 10,14).“
Gegen den säkularen Anthropozentrismus zitiert er aus dem Katechismus der katholischen Kirche:
„Jedes Geschöpf besitzt seine eigene Güte und Vollkommenheit […] Die unterschiedlichen Geschöpfe spiegeln in ihrem gottgewollten Eigensein, jedes auf seine Art, einen Strahl der unendlichen Weisheit und Güte Gottes wider. Deswegen muss der Mensch die gute Natur eines jeden Geschöpfes achten und sich hüten, die Dinge gegen ihre Ordnung zu gebrauchen.“[17]LS 69. Das Zitat findet sich in Katechismus der Katholischen Kirche, 339.
Gegen den neuheidnischen Biozentrismus bringt er die „besonderen Fähigkeiten der Erkenntnis, des Willens, der Freiheit und der Verantwortlichkeit“ des Menschen zur Geltung.[18]Vgl. LS 118.
Im Kern ist seine Botschaft der christliche Schöpfungsglaube.
An dieser Stelle eröffnet sich jedoch ein neues Problem: Als Oberhaupt der katholischen Kirche ist Papst Franziskus – in Deutschland auf jeden Fall noch – das Oberhaupt einer kräftigen, im Sinne von einflussreichen, Gruppe, auch wenn dieser Einfluss im rapiden Schwinden begriffen sein mag.
Die stete Wiederholung seiner Botschaft nimmt daher wie von selbst den Charakter einer – es sei noch einmal gesagt – illegitimen Suggestion an, welche eine entsprechende Gegenreaktion provoziert.
Wie kann Papst Franziskus, wie kann die Kirche diesem Dilemma entgehen?
Eine Kirche der Marginalisierten
Gemeint ist hier nicht das Dilemma, dass die eigene Aktion eine ablehnende Gegenreaktion hervorruft, ein Umstand, der sich wohl nicht vermeiden lässt. Gemeint ist vielmehr das Dilemma, dass die eigene Aktion unweigerlich aufgrund des eigenen Gewichts den Charakter von Zwang annimmt.
Der Schlüssel liegt wohl in dem, was Papst Franziskus eine „arme Kirche für die Armen“ nannte und Papst Benedikt XVI. mit seinem Aufruf zur „Entweltlichung der Kirche“ meinte: eine Kirche, die auf ihre weltliche Macht und Pfründe verzichtet und paradoxerweise gerade dadurch an Wirksamkeit gewinnt. Man kann auch sagen: Eine Kirche, die nicht einfach an die Ränder geht, sondern die selber Randgruppe, marginalisiert, wird, sich zur Randgruppe macht, wie der Gottessohn in seiner Menschwerdung inmitten einer ärmlichen Randprovinz des römischen Imperiums.
Das Interessante ist, dass Simone Weil persönlich einen ganz ähnlichen Weg wählte. Mit ihrem Intellekt und ihrem Elan wäre ihr eine herausragende Stellung im Nachkriegsfrankreich sicher gewesen. Stattdessen starb sie gerade einmal 34 Jahre alt in Solidarität mit ihren Landsleuten den Hungertod in einem englischen Krankenhaus.
References[+]
| ↑1 | Weil, Simone, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber., übersetzt von Marianne Schneider, diaphanes, Zürich 2011. |
|---|---|
| ↑2 | Speziell in den Nr. 209 – 215, aber auch insgesamt im 6. Kapitel, das den Titel „Ökologische Erziehung und Spiritualität“ trägt. |
| ↑3 | LS 216. |
| ↑4 | Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 175f. |
| ↑5 | Ebd., S. 176. |
| ↑6 | Ebd., S. 176f. |
| ↑7 | Ebd., S. 177. |
| ↑8 | Ebd., S. 183. |
| ↑9 | Ebd., S. 29. |
| ↑10 | Simone Weil, Die Verwurzelung, S. 186f. |
| ↑11 | Ebd., S. 232f. |
| ↑12 | Vgl. LS 67. |
| ↑13 | Vgl. LS 155. |
| ↑14 | Vgl. LS 106 – 117. |
| ↑15 | Vgl. LS 118. |
| ↑16 | Vgl. LS 67. |
| ↑17 | LS 69. Das Zitat findet sich in Katechismus der Katholischen Kirche, 339. |
| ↑18 | Vgl. LS 118. |