Aufstieg und Fall einer subsidiären Zivilisation

Die Gärungsprozesse der Achsenzeit brachten schließlich eine gänzlich neue Art von Zivilisation hervor: jene des Mittelalters.

Auch diese neue Zivilisation hatte in der Darstellung von Lewis Mumford primär eine religiöse und politisch-soziale Grundlage. Beider Träger war das benediktinische Mönchtum.

Richtigerweise führt Mumford dessen Ursprung auf die Bewegung der Wüstenväter zurück:

„Dieser Wandel ergab sich aus der Tatsache, daß [sic] in Westeuropa vom dritten Jahrhundert an das Interesse an den Gütern und Leistungen der »Zivilisation« fortschreitend nachgelassen hatte, ein Prozeß [sic], der von einem Massenauszug aus den städtischen Machtzentren, wie Rom, Antiochia und Alexandrien, begleitet war. Kleine Gruppen sanfter, friedlicher, bescheidener, gottesfürchtiger Männer und Frauen aus allen Klassen zogen sich vom lärmenden Tumult und der Gewalt der Welt zurück, um eine neue Lebensform zu finden, die der Rettung ihrer Seelen dienen sollte.“[1]Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1978, S. 302.

Allerdings irrt Mumford, wenn er die Betonung der Handarbeit als benediktinisches Spezifikum beschreibt und primär ökonomisch und nicht spirituell erklärt.[2]Vgl. ebd., S. 302 – 304.

Die benediktinischen Grundlagen der subsidiären Zivilisation

Die neue benediktinische Sozialform beschreibt Mumfords wie folgt:

„Als selbstverwaltete ökonomische und religiöse Gesellschaft organisiert, legte das Benediktinerkloster eine grundlegende Ordnung fest, so streng wie jene, die die früheren Megamaschinen zusammengehalten hatte; der Unterschied lag im bescheidenen Umfang, in der freiwilligen Zugehörigkeit und in der Tatsache, daß [sic]  auch die härteste Disziplin selbstauferlegt war…Der freiwillige Verzicht des Mönchs auf seinen eigenen Willen kam jenem gleich, den die frühere Megamaschine ihren menschlichen Bestandteilen aufgezwungen hatte. Autorität, Unterwerfung und Unterordnung unter höhere Anweisung waren integrale Komponenten dieser vergeistigten und moralisierten Megamaschine…im Endeffekt kam etwas heraus, das sowohl den privilegierten Klassen als auch den unterdrückten Arbeitern in den früheren städtischen Kulturen gefehlt hatte: ein ausgeglichenes Leben, eine Lebensform, die, wenngleich auf niedrigem geistigen Niveau, sich nur in der primitiven Dorfkultur erhalten hatte. Die vom Mönchstum geforderten Entsagungen und Enthaltungen galten der Stärkung der frommen Andacht; sie hatten nicht den Zweck, den herrschenden Klassen mehr Güter oder mehr Macht zu geben. Physische Arbeit beanspruchte nicht mehr den ganzen Tag; sie wechselte ab mit emotionaler Vereinigung in Gebet und Choralgesang. Hier wich der Arbeitstag des Sklaven, der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dauerte, dem Fünfstundentag – mit einer Fülle von Freizeit, die nicht in erster Linie arbeitssparenden Maschinen zu verdanken war.“[3]Ebd., S. 302f.

Das Gildenwesen und die subsidiäre Zivilisation

Eine Besonderheit des Klosterlebens, auf die Mumford in diesem Kontext hinweist,[4]Vgl. ebd., S. 304f. ist natürlich das Zölibat. Dennoch entwickelten sich im Mittelalter bald auch Sozialformen, die Elemente des Klosterlebens losgelöst von diesem Aspekt kultivierten: das Zunft- und Gildenwesen, über das Mumford schrieb:

„Was das Kloster begonnen hatte, führten die Gilden des Mittelalters fort; sie schufen nicht nur eine neue Basis für den Zusammenschluß [sic] in Gewerbe und Handel, sondern verliehen auch der Arbeit die in der Religion wurzelnden ästhetischen und moralischen Werte, die ihr ganzes Leben beherrschten. Sie waren autonome Körperschaften, die allgemeine Normen der Arbeitsleistung und der Regelung von Löhnen und Preisen festlegten.“[5]Vgl. ebd., S. 310f, aber auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger? Eine historische Spurensuche, oekom Verlag München 2023, S. 102f.

Wie im Fall des Klosters so war auch hier die Religion die treibende Kraft:

Dies hatte, so Mumford, notwendigerweise Auswirkungen auf Wirtschaft und Technik:

„…Dieses neue Vertrauen in die zentrale Rolle der Persönlichkeit verschob das Gewicht von der mechanischen Organisation zu menschlicher Gemeinschaft und gegenseitiger Hilfe; und dies hatte, wie Kropotkin zeigte, seine Auswirkung auch auf die Technik. Vom zwölften Jahrhundert an kann dieser Wandel anhand der Arbeitsweise der mittelalterlichen Gilden in Westeuropa nachgewiesen werden: Ihre Arbeit war an Akte der Nächstenliebe, der Unterstützung und der Freundschaft gebunden – Hilfe für Witwen und Waisen, würdige Bestattungsfeierlichkeiten, Teilnahme an brüderlichen Festen und Zeremonien, Aufführung von Mysterienspielen und Theaterstücken. Die religiöse und ethische Neuorientierung übte eine starke Wirkung auf die Technik aus: Zuerst half sie, das Schicksal der Sklaven zu erleichtern, dann führte sie zur schrittweisen Abschaffung der Sklaverei. In der friedlichen Arbeit, wenn auch nicht im Krieg, wurde diese Machtquelle der Megamaschine ausgeschaltet und aufgegeben; und diese Reform beschleunigte die Erfindung anderer, nichtmenschlicher Antriebssysteme und Maschinen. Niemand kann bezweifeln, daß [sic]  dies ein positiver Fortschritt war.“[7]Ebd., S. 299.

Und weiter:

„Die Hauptträger dieser wirtschaftlichen Freiheit waren die Handwerksgilden: unabhängige, sich selbst verwaltende Körperschaften, typischerweise in den freien Städten etabliert, die für die Erziehung, die Disziplin und den Unterhalt ihrer Mitglieder sorgten, von der Jugend bis zum Alter, für Kranke und Gesunde, und sich der notleidenden Witwen und Waisen ihrer Mitglieder annahmen. Nicht zuletzt stellten die Gilden Qualitätsnormen auf; Quantität an sich spielte keine Rolle, außer dort, wo das Gildensystem zusammengebrochen war. Noch im achtzehnten Jahrhundert wurden die Bauleute der Zimmermannsinnung von Philadelphia für ihre Arbeit bezahlt, nachdem das Gebäude fertig war, auf der Basis einer von einem unabhängigen Vertreter durchgeführten Schätzung der aufgewendeten Arbeit und der Qualität der Ausführung. Die Qualität hielt der Quantität die Waage.“[8]Ebd., S. 486, vgl. hierzu auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger, S. 102f.

An anderer Stelle:

„Dieser soziale Hintergrund der mittelalterlichen Polytechnik wird von Historikern der Technik allzuoft übersehen, welche die Technologie ohne Bezugnahme auf die politischen oder persönlichen Formen, die an ihrer Entstehung mitgewirkt haben, betrachten.“[9]Ebd., S. 496.

Schließlich:

„Dank dieser entstehenden Wirtschaft, die Handwerkskunst mit Mechanisierung und Kraftmaschinen verband, ergab sich eine Art Gleichgewicht, das größere Möglichkeiten für ein vielseitiges menschenwürdiges Leben bot, als die frühere Technik es je vermocht hatte; in Regionen wie den Niederlanden kam es zu vielen Verbesserungen in Verkehr, Landwirtschaft und Gewerbe. Das Tempo der technischen Entwicklung beschleunigte sich im Vergleich zu den vorangegangenen drei Jahrtausenden, ohne Verlust der ästhetischen Fähigkeiten, die einst allzu ausschließlich zum Nutzen der oberen Klasse entwickelt worden waren…In vielen Bereichen wurde bis zum siebzehnten Jahrhundert ein schönes Gleichgewicht zwischen ländlichen und städtischen, organischen und mechanischen, statischen und dynamischen Komponenten hergestellt. Was dieser Lebensform an Macht fehlte, wurde in Zeit aufgewogen: Denn selbst die Alltagsprodukte waren für lange Dauer bestimmt; und die großartigen Bauwerke brauchten nicht nur Jahrhunderte zur Vollendung, sondern waren auch dafür geplant, Jahrhunderte zu überdauern. So gut gelang dies, daß viele von ihnen am Ende des Zweiten Weltkrieges, umgeben von den Trümmern zerstörter moderner Bauten, stehen geblieben waren.“[10]Ebd., S. 311f.

Zivilisation

Ab dem 14. Jahrhundert gerieten jedoch die durch soziale Verpflichtungen charakterisierten Sozialformen des Klosters, der Gilde sowie der freien Stadt in die Defensive gegenüber Kräften, die in den Worten Mumfords auf Macht versessen waren.[11]Vgl. ebd., S. 312.

Niedergang der subsidiären Zivilisation

Als wegweisende – und damit zugleich verhängnisvolle – Entwicklung beschreibt Mumford den mittelalterlichen Frühkapitalismus. Mumford versteht dabei unter Kapitalismus „die Umsetzung aller Güter, Dienstleistungen und Energien in abstrakte Geldwerte, mit Konzentrierung menschlicher Energie auf Geld und Handel, um Gewinne zu erzielen, die in erster Linie den Besitzenden zufließen, welche bereit sind, ihre Gewinne in neue Unternehmungen zu investieren und von den Einkünften aus bestehenden industriellen und kommerziellen Organisationen zu leben.“[12]Vgl. ebd., S. 313.

Entsprechend erklärt Mumford in diesem Zusammenhang auch, dass der so verstandene Kapitalismus selbstverständlich kein rein modernes Phänomen sei.

Die Grundproblematik des Kapitalismus sieht Mumford dabei in dem unbegrenzten Streben nach Geld; mit anderen Worten: der Geldgier. Mumford weist dabei darauf hin, dass jegliches menschliches Bedürfnis sich in relativ engen Grenzen bewege. Da Geld jedoch eine abstrakte Größe sei, könne man auch unbegrenzt danach streben. Dass dies allerdings vernünftig sei, folge daraus aber eben gerade nicht.[13]Vgl. ebd., S. 314 – 316, vgl. hierzu ebenso D. C. Schindler, Freedom from Reality: The Diabolical Character of Modern Liberty (Catholic Ideas for a Secular World), ‎ University of Notre Dame … Continue reading      

Man beachte hierbei, dass das Aufkommen des Kapitalismus damit nach Mumford an seiner Wurzel ein ethisches Problem ist.

Eine nicht unwesentliche Mitschuld gibt Mumford dabei auch der katholischen Kirche, wobei seine diesbezüglichen Ausführungen nicht über das Anekdotenhafte sowie die Wiedergabe typisch moderner Vorurteile hinausgeht. Im Kern wirft Mumfords der Kirche dabei eine Verweltlichung vor, indem sie sich mitschuldig machte an einer Umwertung der Werte, in deren Rahmen die Todsünden sich zu Idealen wandelten. Liebe und Bescheidenheit seien unter dem Gesichtspunkt des Gelderwerbs kontraproduktiv, Stolz, Neid, Geiz, Habsucht und Wollust dagegen förderlich.[14]Vgl. ebd., S. 312 – 316. Besonders absurd wird der Antikatholizismus, wenn Mumford die kapitalistische Theorie von der Akkumulation ursächlich mit der Lehre vom kirchlichen Gnadenschatz in … Continue reading

Die im frühmittelalterlichen Kapitalismus aufkommende Buchhaltung verbindet Mumford mit einer ganzen Reihe weitreichender Konsequenzen: dem Entstehen von Bürokratie, einer Priorisierung des Quantitativen (= Messbaren) gegenüber dem Qualitativen, dem Bedeutungszuwachs der Mathematik als Voraussetzung für den Aufstieg der empirischen Wissenschaften und infolge eine Gewöhnung von immer mehr Menschen an das abstrakte Denken.[15]Vgl. ebd., S. 316f.

Die von Mumford geschilderten Zusammenhänge erscheinen wie eine mentalitätsgeschichtliche Vorbereitung des von Alasdair MacIntyre geschilderten Projekts der Aufklärung bzw. des Liberalismus, eine von konkreten Traditionen und Gemeinschaften abstrahierte, universal gültige Moralphilosophie zu begründen. Man könnte geradezu sagen: Die Praxis des Kapitalismus bereitete die Theorie des Liberalismus vor. Ebenso erscheint es angesichts der Ausführungen Mumfords nicht mehr zufällig, dass René Descartes als einer der Vordenker des technokratischen Paradigmas Mathematiker war. Bemerkenswert ist schließlich, dass die im Spätmittelalter einsetzende Priorisierung der abstrakten Einheit des Geldes im ökonomischen Bereich eine philosophiegeschichtliche Parallele in der Bewegung des Nominalismus hatte, die, wie D. C. Schindler erwähnt, in ihrer Theologie eine Priorisierung der in Relation abstrakteren potentia absoluta Gottes gegenüber dessen potentia ordinata vornahm und damit die Weichen für eine liberale Metaphysik legte, auf die später noch näher einzugehen ist.[16]Vgl. D. C. Schindler, The Politics of the Real, S. 25, 29 – 31.

Den Erfolg des Kapitalismus als sozio-ökonomisches System führt Mumford dabei auf dessen überlegene Motivationsstrategie zurück. Wo der klassische Leviathan der Bronzezeit mit Drohung und Strafe operierte, motiviert der Kapitalismus mit Be- bzw. Entlohnung und dessen Versprechen.[17]Vgl. Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine, S. 319f.  Wir erinnern uns, dass nach Simone Weil beide damit in ethischer Hinsicht auf derselben Ebene operieren – Mumford selbst spricht von Konditionierung,[18]Vgl. ebd., S. 319. auch wenn die eine Methodik effektiver und damit aus einer rein konsequentialistischen Perspektive zu präferieren ist.

Die Konsequenzen in Mumfords Worten:

„Geld, als der Knotenpunkt aller menschlicher Beziehungen und als Hauptmotiv aller sozialen Leistungen, trat an die Stelle gegenseitiger Hilfeleistungen und Pflichten in der Familie, gegenüber Nachbarn, Mitbürgern und Freunden. Und während moralische und ästhetische Beweggründe abnahmen, wuchs die Dynamik der Geldmacht.“[19]Ebd., S. 320. Vgl. hierzu Rocco Buttigliones ethische Kapitalismuskritik in Modernity’s Alternative – How History is formed in the Dephts of the Peoples, übersetzt von Andrew Bernetsky mit … Continue reading

Man beachte, wie sehr diese Beschreibung Andrew Willard Jones‘ Beschreibung des liberalen Systems entspricht, in dem Strukturen der Freundschaft und Solidarität durch äußerliche, durch den staatlichen Souverän abgesicherte Vertragsbeziehungen ersetzt werden. Mumford zeigt auf, wie sich die Ursprünge dieses Ordnungsmodells bis in das Spätmittelalter zurückverfolgen lassen.

Damit entstand die Grundlage für eine neue Zeit – und die Wiederkehr des Leviathan.

References

References
↑1Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1978, S. 302.
↑2Vgl. ebd., S. 302 – 304.
↑3Ebd., S. 302f.
↑4Vgl. ebd., S. 304f.
↑5Vgl. ebd., S. 310f, aber auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger? Eine historische Spurensuche, oekom Verlag München 2023, S. 102f.
↑6Ebd., S. 495f.
↑7Ebd., S. 299.
↑8Ebd., S. 486, vgl. hierzu auch Peter Hersche, Katholizismus – schon immer nachhaltiger, S. 102f.
↑9Ebd., S. 496.
↑10Ebd., S. 311f.
↑11Vgl. ebd., S. 312.
↑12Vgl. ebd., S. 313.
↑13Vgl. ebd., S. 314 – 316, vgl. hierzu ebenso D. C. Schindler, Freedom from Reality: The Diabolical Character of Modern Liberty (Catholic Ideas for a Secular World), ‎ University of Notre Dame Press, Notre Dame Indiana USA 2019, S. 90ff.
↑14Vgl. ebd., S. 312 – 316. Besonders absurd wird der Antikatholizismus, wenn Mumford die kapitalistische Theorie von der Akkumulation ursächlich mit der Lehre vom kirchlichen Gnadenschatz in Verbindung bringt, vgl. S. 314.
↑15Vgl. ebd., S. 316f.
↑16Vgl. D. C. Schindler, The Politics of the Real, S. 25, 29 – 31.
↑17Vgl. Lewis Mumford, Der Mythos der Maschine, S. 319f.
↑18Vgl. ebd., S. 319.
↑19Ebd., S. 320. Vgl. hierzu Rocco Buttigliones ethische Kapitalismuskritik in Modernity’s Alternative – How History is formed in the Dephts of the Peoples, übersetzt von Andrew Bernetsky mit Reuben Slife, hg. von Reuben Slife, New Polity Press Steubenville Ohio USA 2025, S. 211: „When the market mediates all human relations, relationships based on generositiy and altruistic interactions between human beings (being displaced by this standard) are radically devalued. Those relationships, however, are where man recognizes and discovers himself as human. The capitalist system, that is, creates ever-growing alienation. Man becomes a stranger to his fellow men, ending up as a stranger to himself. He loses his subjecitvity, becomes an object in his own eyes and in the eyes of others.“