Andrew Willard Jones, Quadragesimo anno und der Konservatismus

In Wiedergabe der Darstellung von Pius XI. in Quadragesimo anno beschreibt Andrew Willard Jones wie die soziale Wirklichkeit – in Europa – in der Vergangenheit geprägt gewesen sei durch etwas, was Jones Strukturen der Solidarität nennt: Familien, die Kirche, Zünfte, Dörfer und Städte. Diese Strukturen seien geordnete Hierarchien der Autorität und Fürsorge gewesen, regiert durch das Naturrecht. Zumindest der Idee nach habe jede Struktur der nächst kleineren Struktur gedient und ihrerseits Fürsorge von der nächst höheren Struktur empfangen. Das ultimative Ziel sei das Glück und letztlich das Heil des Einzelnen gewesen. Diese Ordnung – man kann sagen: jene des Mittelalters – sei, so Jones, bei weitem nicht ideal gewesen. Allerdings habe sie im christlichen Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe gewurzelt und eine soziale Autorität geschaffen, die immer eine Partizipation an der Autorität Gottes selbst gewesen sei. Autorität in dieser Ordnung sei von oben gekommen, um das Niedrigere emporzuheben.[1]Vgl. Andrew Willard Jones, The Church against the State – On Subsidiarity and Sovereignty, newpolity.com/press Steubenville, Ohio USA 2025, S. 264f.

Konservatismus

Der Liberalismus dagegen in seinem simplen Welt- und Menschenbild, das nur den dualistischen Unterschied von Individualismus und Kollektivismus, von Wettbewerb und Zwang kenne, arbeite an der Zerstörung eben dieser Ordnung im Dienst der Emanzipation des Individuums aus „kollektivistischen“ Systemen mit dem Ergebnis, dass am Ende nur der Staat und besagte Individuen übrig blieben – eben MacIntyres bürokatischer Individualismus, so scharfsinnig verurteilt von Papst Benedikt XVI. in Caritas in Veritate (vgl. Caritas in Veritate 38f). Hierbei verkenne der Liberalismus freilich die soziale Realität.[2]Vgl. ebd., S. 266f.

Wider den Liberalismus

Der Liberalismus postuliere eine formale Rechtsgleichheit, die der Vertragsfreiheit zugrunde liege und ignoriere dabei die tatsächlich vorhandene Machtungleichheit. Die Konsequenz sei Ausbeutung und Unterdrückung, legitimiert durch den liberalen Grundsatz der Vertragsfreiheit, den die stärkere Seite zur Durchsetzung ihrer Interessen nutze, während die schwächere Seite durch ihre formal freie, jedoch de facto durch die Umstände erzwungene Zustimmung denselben Vorgang scheinbar als legitim anerkenne. Das Verfolgen des jeweiligen Eigeninteresses als Grundsatz führe schließlich dazu, dass der Staat selbst als Beute erscheine, die es zum eigenen Vorteil unter die Nägel zu reißen gelte, ehe die so gewonnene Staatsmacht dann auch auf internationaler Ebene zum je eigenen Vorteil eingesetzt werde, wobei das internationale Recht dabei zu einer Waffe in der Hand der stärkeren Staaten werde, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen – das heißt wo sie nicht unmittelbar zu militärischen Mitteln greifen. Am anderen Ende der sozialen Skala reagierten die so Ausgebeuteten entsprechend und beantworteten die Gier der sie ausbeutenden Reichen mit der Gier des armen Mannes: Neid.[3]Vgl. ebd., S. 267 – 271.

Wider den Sozialismus

Der Sozialismus – lies: der Marxismus und seine sozialdemokratischen Epigone – teile, so Jones, die Grundannahmen des Liberalismus. Der durch den Liberalismus erzeugte Neid der Armen auf die Reichen werde bejaht und angefeuert. Die Geschichte werde begriffen als ein Kampf um das eigene Interesse, allerdings nicht von Individuen, sondern von mit einander um die Macht konkurrierender Klassen. Die Fixierung des Liberalismus auf die Gleichheit werde vom Sozialismus nicht aufgegeben, allerdings verschoben von der Frage nach formaler (Rechts)Gleichheit auf jene materieller Gleichheit. Der liberale Kampf gegen Familie und Kirche werde von sozialistischer Seite nicht abgelehnt, sondern forciert. Der Staat werde nicht als Agent der besitzenden Klassen zur Unterdrückung der besitzlosen abgelehnt, sondern solle übernommen und in den Dienst der Unterdrückung der besitzenden überführt werden. In dieser Weise entstehe der Sozialismus nur in historisch liberalen Staaten und müsse von diesen in nicht-liberale Staaten – wie Russland oder China – erst importiert werden, nehme dort dann aber auch unweigerlich jene gemeinschaftszersetzende, zentralisierende Tendenz an, welche er aus den liberalen Staaten mitgebracht habe. De facto verfolgten Sozialismus und Liberalismus jedoch denselben Pfad – das, was MacIntyre den bürokratischen Individualismus nannte: die Zentralisierung politischer und ökonomischer Macht zum privaten Vorteil. Es ist das System, das nach Jones in Russland und China bereits etabliert sei und das sich in den USA – und Europa? – herausbilde. Dieses System sei jedoch strukturell instabil, insofern die so isolierten Individuen zunehmend anfällig würden für totalitäre Ideologien von Rechts wie Links.[4]Vgl. ebd., S. 272 – 277.

Als Lösung für diese Ausgangslage nenne Pius XI. die Rückkehr zum christlichen Glauben bzw. wie Jones es ausdrückt: Bekehrung. Ein erster Schritt in diese Richtung bestehe, so Jones weiter, im Anerkennen dessen, dass unsere grundlegenden Probleme nicht ökonomischer – oder technischer (vgl. Benedikt XVI. in Caritas in Veritate Nr. 51) – sondern moralischer Natur seien.[5]Vgl. ebd., S. 277 – 278.

Wider den Konservatismus

Jones wendet sich in einer scharfen Kritik gegen die Sensibilitäten des westlichen Konservatismus wie er sich in der Zeit des Kalten Krieges herausgebildet hat und der Wirtschaftsliberalismus und Sozialkonservatismus verbindet. Diesem Neokonservatismus hält Jones vor, dass er irrtümlich davon ausgehe, die Entfesselung des Eigeninteresses lasse sich auf den ökonomischen Bereich beschränken, während der nicht-ökonomische Bereich, das heißt insbesondere Ehe und Familie, in seinem solidarisch-hierarchischen Charakter bewahrt werden könnte. Hiergegen betont Jones den dynamischen, nicht-statischen Charakter der Geschichte, in dem sich Gesellschaften entweder in positiver Weise entwickelten oder aber zerfielen. Die Entfesselung des Eigeninteresses von solidarischen Banden lasse sich vor diesem Hintergrund nicht dauerhaft auf einen Bereich beschränken, sondern kolonialisiere nach und nach alle Lebensbereiche. Der neoliberale Konservatismus sei daher der, wenn auch wiederwillige, Wegbereiter von Linksliberalismus und Sozialismus.[6]Vgl. ebd., S. 278f.

Demgegenüber stehe das Christentum für Bewegung, nämlich für die voranschreitende, das heiß progressive Überwindung von Sünde, von in sich abgeschlossenem Eigeninteresse, durch Liebe, durch Solidarität – und dies in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Die Überwindung von Linksliberalismus und Sozialismus verlange daher keine Rückkehr zum neoliberalen Konservatismus oder zum Kapitalismus, sondern eine Rückkehr zum Christentum, zu Strukturen der Solidarität, zu dezentralisierter Politik und verteiltem Eigentum, zur Subsidiarität. Der einzige Weg zu der Gleichheit und der Freiheit, nach der sowohl Liberalismus als auch Sozialismus strebten, könne nur erlangt werden durch die Anerkennung des Christkönigs.[7]Vgl. ebd., S. 279f.

References

References
↑1Vgl. Andrew Willard Jones, The Church against the State – On Subsidiarity and Sovereignty, newpolity.com/press Steubenville, Ohio USA 2025, S. 264f.
↑2Vgl. ebd., S. 266f.
↑3Vgl. ebd., S. 267 – 271.
↑4Vgl. ebd., S. 272 – 277.
↑5Vgl. ebd., S. 277 – 278.
↑6Vgl. ebd., S. 278f.
↑7Vgl. ebd., S. 279f.